Schöne Männer, schöne Dinge...
Flat pack: Steven Soderberghs "Ocean's Twelve" ist ein filmisches Antidepressivum
Man kann nicht viel falsch machen, wenn man für seinen Film George Clooney, Brad Pitt und Matt Damon als Hauptdarsteller gewinnt. Wenn Catherine Zeta-Jones und Julia Roberts Nebenrollen spielen. Zu schweigen von Andy Garcia, Vincent Cassel, Elliott Gould und Carl Reiner, die auch noch mitmachen. Wenn es allerdings dabei bleibt, und nicht noch irgendetwas anderes dazukommt, dann macht man auch nicht alles richtig.
"Ocean's Twelve", der neue Film von Steven Soderbergh, knüpft an "Ocean's Eleven" an, mit dem der Regisseur, nach wie vor einer der wenigen Autorenfilmer in den USA, das Geld verdiente, das er brauchte, um die Filme zu machen, die ihn wirklich interessieren. Nicht, dass ihm "Ocean's Eleven" völlig egal war - im Gegenteil ist Soderbergh kein Feind des Genrekinos - aber hinter aller schicken Oberfläche des Films nahm doch irgendwann im Kino das Gefühl überhand, dass hier mehr Gelegenheiten verschenkt, als genutzt wurden. Soderbergh hatte offenbar gerade ganz andere Dinge im Kopf, als einen "Heist"-Film, was er kurz darauf mit den sehr unterschiedlichen, aber gleichermaßen brillanten "Solaris" und "Full Frontal" bewies.
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Jackpot & Mallorca
Im Unterschied zu diesen, wo Form und Inhalt zusammenfielen, und etwas Drittes, Innovatives ergaben, war "Ocean's Eleven" nur Form. Klar, "Der Film selbst ist der Coup...", da hat die Süddeutsche Zeitung nicht unrecht. Aber um ein bisschen mehr ging es dann dabei doch: Ganz beiläufig, lässig eben, sollte die Geldmaschine auch eine Ästhetik der Coolness formulierren, knapp hinter dem Höhepunkt der New Economy im Jahr 2001 kurz überprüfen, wie dauerhaft tauglich die Posen der jugendlichen Spaßgesellschaft sein können, ob als Technik alltäglicher Selbstbehauptung oder sogar als postmetaphysischer Sinnersatz.
Der Erfolg des Films - allein in Deutschland sahen ihn Anfang 2002 viereinhalb Millionen Zuschauer - bestätigte das utopische Potential, das schlichter Hedonismus eben hat. Gut aussehen und genug Geld haben ist genau dass, was sich das Publikum für sich selber wünscht - in profaner Form als Lotto-Jackpot und Mallorca natürlich; ein Casino ausrauben würden dafür dann doch nur die wenigsten - und darum erträgt der Durchschnittsbürger gern zwei Stunden lang im Kino ein Dutzend Figuren, die ihm im "wahren Leben" oder in den Feuilletons der Tageszeitungen sofort als blasierte Schnösel aufstoßen und den Tag verderben würden. Oder er merkt gar nicht, wie ihm Soderbergh in George Clooney und Brad Pitt nicht eine Steigerung, sondern das Gegenteil seiner selbst vor Augen hält.
Ästhetik des Coolen
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Zur erwähnten Ästhetik des Coolen gehört für Soderbergh auch der Bruch mit der Vorstellung bruchloser, also jugendlicher Schönheit. In dem Sinn kann man beide "Ocean's"-Filme auch als Gegenentwurf zum Spielbergschen, eher dem Peter-Pan-Muster ewiger Jugend verpflichteten Modell verstehen. Nicht zufällig bildete Frank Sinatra die gemeinsame Referenzfläche beider Regisseure. Sein Lied "Come fly with me" feiert in Spielbergs "Catch me if you can" ähnlich wie bei Soderbergh die unendliche Leichtigkeit eines Daseins als relaxter permanenter Super-Constellation: Ein gutaussehender junger Mann hält unter blauem Himmel immer neue schöne Frauen im Arm, trägt Massanzüge und wohnt in den Prinzen-Suiten der Luxushotels.
"Catch me if you can" ist auch cool - im Gegensatz zu vielen Spielberg-Filmen. Aber es ist der bessere Film als Soderberghs, weil die Coolness für die von Leonardo DiCarpio gespielte Hauptfigur des Betrügers Frank W. Abagnale eben etwas ist, was diese sich erst erkämpfen und aneignen muss, keine Selbstverständlichkeit. Spielberg zeigte eine Leichtigkeit, die weniger leicht ist, als sie scheint - und zerstörte das Ganze um ein Haar mit einem moralisierenden Schluß, wo Abagnale dann enttarnt und in den Dienst des FBI gestellt wird. Aber sie war doch immer auch als Coolness glaubwürdiger, weil sie nicht so rotzig selbstbeweihräuchernd, nicht so behauptet daherkam wie bei Soderbergh. Denn, auch das gehört zur Ästhetik der Coolness: das Spielerische hat erst Wert, wenn es dem Ernst abgetrotzt ist, wenn es gute Gründe dafür gäbe, Angst zu haben, angespannt zu sein, sich alles andere, als spielerisch zu betragen. Coolness provoziert erst, wo sie nicht selbstverständlich zum guten Ton gehört.
...wenn schöne Männer böse Dinge tun
Leonardo di Carpio und Tom Hanks könnte man sich unter der Regie des pessimistischen Realisten Soderbergh genauso wenig vorstellen, wie George Clooney in einem Film des Optimisten und Pathetikers Spielberg. Zwei grundverschiedene Temperamente. Wo Spielberg nicht alt werden kann und jeden Stoff wieder mit der Unschuld eines Kindes inszeniert - wenn auch in Filmen wie "Minority Report" und "Catch me if you can" deutlich gereift -, sagt Soderbergh dem Jugendwahn im Kino den Kampf an. Ein verständliches Projekt, nachvollziehbar für einen Regisseur, der die 40 schon überschritten hat. Und richtig: Auch wenn der immer ernsthafte Bubi Matt Damon einen Leonardo DiCarpio in einem Wettbewerb der Milchgesichter mit links besiegen würde, gibt es eben einen essentiellen Unterschied zwischen hübschen Männern und gut aussehenden. Das Anliegen, mit der Coolness der Älteren die weichere Haut der Jüngeren und nebenbei noch alle Computertricks zu schlagen, ist jedenfalls zunächst einmal sehr sympathisch.
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Das war schon das Prinzip des "Rat Pack" um Frank Sinatra, Dean Martin und Sammy Davies Jr., das 1960 die Urfassung von "Ocean's Eleven" inspirierte (auf deutsch: "Frankie und seine Spießgesellen"), die sich Soderbergh dann vor drei Jahren für ein Remake vornahm: Kino, das soll eben nicht nur sein, "wenn schöne Frauen schöne Dinge tun" (Truffaut), es dürfen auch mal schöne Männer böse Dinge tun, erst recht, wenn sie über 40 sind - und um so besser, wenn man nebenbei noch ein bisschen erklären kann, was männliche Coolness heute ausmacht.
Lächeln, Charme, Augenzwinkern - die Form und das Drumherum
In "Ocean's Twelve" erprobt Soderbergh jetzt die Tragfähigkeit dieses Konzepts für eine Fortsetzung. Das alles sieht erst einmal gut aus: Kein zweiter kann wie George Clooney ein Lächeln anstelle einer Handlung setzen, Charme anstelle von Härte, augenzwinkernde Unfähigkeit anstelle von Ambitionen. Nicht anders Brad Pitt, dem man die Erfahrung als Achilles in Petersens "Troia" - in jeder Hinsicht das Gegenteil eines Soderbergh-Films - nicht anmerkt. Inzwischen hat er gelernt, dass es völlig genügt, seinem Gesicht zu vertrauen, damit die Zuschauer(innen)herzen ihm zufliegen, und wenn er muss, kann er trotzdem auch jederzeit genau das nötige Stück mehr tun. Schließlich Andy Garcia, einer der größten Unterschätzten im US-Filmbusiness, der wohl einfach zu gut aussieht, um die Rollen zu bekommen, die er verdient hätte. Überraschen können nur Catherine Zeta-Jones und Vincent Cassell. Allein ihnen merkt man an, dass sie sich offenbar bewusst waren, gerade einen Film zu drehen - keine Anstrengung, aber Konzentration.
Soderbergh hat sich schon immer viel mehr für Form und Drumherum seiner Filme interessiert, als für deren Geschichten. Wenn man echte Spannung sucht, ist man auch diesmal gewiß im falschen Film. Denn wie im Vorläufer dominieren in "Ocean's Twelve" eindeutig die Schauwerte. Als Ort des Geschehens verstärkt "old europe", der alte Kontinent als Spielwiese für ältere US-Gangster noch den nostalgischen Grundton des Films. Amsterdam, Rom, Comer See heißen die Schauplätze.
Die Handlung kreist um zweierlei: als McGuffin dient einmal mehr Andy Garcia, der im Verläuferfilm beraubte, der nun sein Geld, 160 Millionen Dollar plus Zinsen zurückhaben möchte, und dafür Danny Ocean und seinen Spießgesellen 14 Tage Zeit gibt. Anderenfalls werde er sie umbringen. Warum diese Drohung überhaupt plausibel ist, warum sie nicht mit Flucht, besserem Schutz oder Gegendrohung beantwortet wird, erklärt der Film genauso wenig, wie die Tatsache, dass alle so glücklich darüber sind, wieder arbeiten zu müssen. Das hätten sie ja genaugenommen auch früher haben können.
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Aber egal. Auch später erscheint immer dann, wenn die Handlung mal wieder zögerlich in Europas Gassen zu versickern droht, ein "Deus ex machina" - durchaus ein alteuropäisches Konzept. Mal ist es die Mutter von Matt Damon, mal ein allwissender Superreicher, der dem Gang des Geschehens wieder eine neue Wendung und damit Schubkraft verleiht. Eine Art Hilf-MacGuffin ist dann noch der Wettkampf zu dem der französische Einbrecherstar Toulour (Vincent Cassel). Zwar schlägt sich der Film hier auf die falsche Seite, weil er den Gegensatz zwischen Snobismus und Coolness als Gegensatz zwischen europäischer Anstrengung und amerikanischer Entspanntheit allzu schlicht und mit den falschen Vorzeichen inszeniert. Die Publikumserziehung, die Soderbergh praktiziert, geht hier in die falsche, antieuropäische Richtung.
Schweigen in Zeiten der Krise
Das alles funktioniert für sich, aber zusammengenommen ist es zuviel der Zumutung. Insgesamt ist "Ocean's Twelve" nur zum Teil wirklich so jazzig-elegant, wie der Film gern wäre. Die Musik ist schön, aber arg kommentierend, die Kamera manchmal einfach fahrig und schlecht, blöde hingeschlurt eben. Das scheint auch Soderbergh im nachhinein nicht gefallen zu haben - oder ist es wirklich nur Zufall, dass Kameramann Peter Andrews im deutschen Presseheft erst ganz am Ende kurz erwähnt, sonst aber konsequent totgeschwiegen wird? So ist die Form des Films keineswegs so abwechslungsreich, wie sie sein könnte, und selbst die Makellosigkeit eines Werbespots wird nicht erreicht. Vielmehr artet die relaxte Grundhaltung oft in selbstgefällige Schaumschlägerei aus, weil offenbar auch die Macher die Sache nicht ernst genug nahmen.
Die Stärke des Films ist sein Verzicht auf eine Story. Es geht um nichts anderes, als perfektes Timing, gute Klamotten, bessere Sprüche und das Schweigen im richtigen Moment. Dass "Ocean's Twelve" ganz konsequent auf dieser Oberfläche beharrt, auf der schönen Sinnlosigkeit und der Zweckfreiheit des Schönen, das macht dieses nett anzusehende Nichts in unseren Zeiten, in denen angesichts von Depression und Krise allerorten "Sinn" und "Ernst" eingefordert wird, fast schon zu etwas Subversivem. Man könnte sich das alles besser gemacht und weniger redundant vorstellen. Aber ein Antidepressivum ist "Ocean's Twelve" auf alle Fälle.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19039/1.html- love (20.12.2004 12:47)
- ich empfehle http://www.cineman.ch/ (18.12.2004 19:18)
- Das Beste an Ocean's 12... (17.12.2004 22:43)
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