Kokain macht lernunfähig

Die vorübergehend die Leistung steigernde Droge macht nicht nur süchtig, sondern programmiert das Gehirn um

Den Schnee, auf dem wir alle talwärts fahren, kennt heute jedes Kind. Aber die Mechanismen der Abhängigkeit von Kokain sind immer noch nicht wirklich verstanden. Nicht erst seit Falcos Lied über den Kommissar bemühen sich Wissenschaftler intensiv darum zu verstehen, was Koks bei chronischem Konsum genau bewirkt. Im Wissenschaftsmagazin Science behauptet jetzt ein US-Forscher, dass Kokain-User nichts dazulernen können, weil die Droge genau das in ihrem Hirn verhindert.

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Kokain gilt immer noch als Nobeldroge und war in den 80er Jahren vor allem bei allen angesagt, die sich für besonders reich oder schön hielten. Die letzten prominenten Kokainkonsumenten, die wegen ihres Konsums vor Gericht standen und Schlagzeilen produzierten, waren der Polit-Talker Michel Friedmann und der Künstler Jörg Immendorff, der an der unheilbaren Nervenkrankheit ALS leidet. Immendorff wurde vom Landgericht Düsseldorf zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt, das Disziplinarverfahren gegen ihn wurde aber inzwischen eingestellt, er darf weiterhin als Professor an der Kunstakademie in Düsseldorf unterrichten (vgl. Schnee im Harem des Professors). Und sogar in der Volksmusikszene soll gekokst werden (vgl. »Mutti, der Karl mit dem Koks ist da!«).

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Das weiße kristallartiges Pulver wird mithilfe verschiedener chemischer Prozesse aus den Blättern des Kokastrauches (Erythroxylon Coca) gewonnen. Der Begriff Koka stammt aus der Sprache der indigenen Aymara und bedeutet Baum. In Südamerika wurde Kokain schon vor Jahrtausenden als Medizin und in religiösen Riten verwendet. Wie bei anderen Rauschdrogen setzte die Problematik der Abhängigkeit und der Verelendung der Konsumenten nach der Loslösung aus dem Rahmen der kultischer Handlungen ein (vgl. Der Amazonentrunk).

Wirkung und Folgen

Das illegale Betäubungsmittel wirkt berauschend und aufputschend, aber auch örtlich betäubend. Koks stimuliert das zentrale Nervensystem und macht viele Menschen besonders leistungsfähig, selbstbewusst und angstfrei. Viele Künstler verwendeten den Schnee, um sich damit zu stimulieren. Der Schriftsteller Gottfried Benn schrieb Gedichte über Kokain, Robert Louis Stevenson den Roman "Dr. Jekyll and Mr. Hyde" vollgekokst in nur sechs Tagen.

Kokain bewirkt vorübergehend eine Leistungssteigerung und eine verstärkte körperliche Belastbarkeit. Wird es chronisch konsumiert, verändert es die Psyche und führt zu nachhaltigen Störungen des Nervensystems. Kokain macht schnell abhängig, vor allem psychisch. Weltweit gibt es mehr als zwei Millionen Süchtige, die diesem Stoff verfallen sind.

PET-Bilder

In den Augen der meisten Menschen sind Drogenabhängige krank und verhalten sich deswegen irrational. Vor ihrer Sucht waren sie wie alle anderen und die Betäubungsmittel führen dazu, dass sie außer Kontrolle geraten.

A. David Redish von der University of Minnesota untermauert jetzt mit einer Computersimulation die These, dass Kokain nicht nur irrational macht, sondern zudem Lernfähigkeit systematisch verhindert. Es geht dem Forscher darum, durch sein Abhängigkeitsmodell künftig Vorhersagen über menschliches Verhalten und Neurophysiologie machen zu können.

Schon länger ist bekannt, dass Abhängigkeit etwas mit der Aktivierung des Belohnungszentrums im menschlichen Gehirn zu tun hat (Rache ist süß). Diese Lustzentrale besteht einem Schaltkreis von mehreren Nervenzellen. Eine wichtige Rolle bei der Aktivierung spielt der Neurotransmitter Dopamin. Dieser Botenstoff erregt oder hemmt Nervenzellen, er sorgt also dafür, dass Informationen weitergegeben werden - oder nicht. Dopamin dient also normalerweise als Signal, um nach einem Belohnungs-Fehler-System menschliches Lernen zu ermöglichen. Kokain wirkt direkt auf den Dopamin-Haushalt, dadurch sorgt es dafür, dass das Belohnungszentrum in eine Art Daueraktivität versetzt wird.

Es gibt zwei herkömmliche Theorien zum Suchtverhalten. Die Theorie der positiven Verstärkung besagt, dass der Drogenkonsum durch die positiven Effekte der Droge aufrechterhalten wird, z. B. Euphorie oder angenehme Gefühlszustände. Die Theorie der negativen Verstärkung geht dagegen davon aus, dass der Drogenkonsum andauert, um durch den Konsum den unangenehmen Entzugserscheinungen zu entgehen.

David Redish geht noch weiter, denn seine Berechnungen aufgrund der aktuellen Forschungsergebnisse zeigen, dass die neurophysiologischen Veränderungen, die Kokain auslöst, sprich die Dauerausschüttung von Dopamin, die Lernfähigkeit unterbindet. Das Gehirn ist sozusagen falsch programmiert und gleichzeitig blockiert das Koks jede Möglichkeit, diesen Irrtum zu erkennen:

Verschiedene Theorien über Abhängigkeit gibt es seit langem, aber sie wurden bisher nicht mit dem Lernen und dem Gedächtnis verknüpft. Durch die Verbindung der Suchtforschung mit der Forschung zu Lernfähigkeit und Gedächtnis, sind wir fähig Lern- und Gedächtnismodelle zu verwenden, um eine ganze Bandbreite von Suchtverhaltensmustern und -signalen vorauszusagen und zu überprüfen.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19044/1.html
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