Effizienz - die größte "Energiequelle"

Craig Morris 22.12.2004

Von Einsparkraftwerken und Negawatt: Es lohnt sich, Energie zu sparen - Teil I

In Berechnungen, in denen ein Mix aus Erneuerbaren Energien eine große Rolle spielt, übernimmt die Effizienz oft den größten Teil. Vielfach sind die Techniken schon heute vorhanden. Deren Einführung scheitert oft an der Schnittstelle Mensch: Entweder wissen zu wenige Menschen, dass sie Energie sparen können, ohne auf Komfort zu verzichten, oder man hat halt andere Prioritäten - Komfort geht vor Sparen. Hinzu kommt, dass Preise oft mit Kosten verwechselt werden.

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Ein Szenario für eine 43,6-prozentige Versorgung durch Erneuerbare Energien in Deutschland bis 2050 (2000

Von heute auf morgen kann man große Effizienzsprünge machen. So wird geschätzt, dass die Franzosen anderthalb Kernkraftwerke abschalten könnten, wenn man dort auf Energiesparlampen umsteigen würde. Für Deutschland wurde schon geschätzt, dass ganze fünf Kernkraftwerke oder neun große Kohlekraftwerke vom Netz genommen werden könnten, wenn alle Haushalte auf Energiesparlampen umsteigen würden. Solche Sparlampen kosten bei der Anschaffung mehr, aber über die gesamte Laufzeit zahlen sie sich mehrfach aus.

Auch bei anderen Haushaltsgeräten lohnen sich Investitionen in Energie-Sparsamkeit. Das Faltblatt Sparsame Hausgeräte 2004 vom Bund der Energieverbraucher weist darauf hin, dass ein Kühlschrank der Energieklasse A++ einige Hundert Euro mehr kosten kann, aber gut 400 Euro an Stromkosten über 8 Jahre sparen kann - eine lohnende Investition. Die International Energy Agency schätzte im Jahre 2003, dass rund 1/3 des Energiekonsums in OECD-Ländern bis 2010 durch einen Umstieg auf heute schon verfügbare Geräte eingespart werden könnte.

Bei solchen Geräten muss man nicht auf Komfort verzichten. Bei anderen Techniken hingegen lassen sich große Einsparungen nur mit einem Verlust an Komfort realisieren. Otto- und Dieselmotoren sind technisch ausgereift; dort lassen sich große Ersparnisse nur über leichtere, schwächere Autos realisieren. Wenn beispielweise alle Amerikaner auf effizientere Autos europäischen Durchschnitts umsteigen würden, könnten die USA auf Ölimporte gänzlich verzichten. Aber dann wäre der typische Familienwagen in den USA ein Mittelklassewagen statt eines riesigen Geländewagen (Was würde Jesus fahren?).

Selbst in Europa erlaubt die Technik größere Effizienzsprünge, doch auch hier geht Komfort vor: Gegenwärtig verkaufen sich der 3-Liter-Audi A2 und der 3-Liter-Lupo von VW so schwach, dass sie wohl 2005 vom Markt genommen werden. Hinzu kommt, dass die Spritpreise diese teuren Autos in vielen Fällen erst nach weit mehr als 100.000 Kilometern bezahlt machen. Kein Wunder, dass der Prototyp des 1-Liter-Autos, das sich ohne weiteres technisch machen ließe, auf unbestimmte Zeit eingemottet. Der Zweisitzer mit weniger als 10 PS bietet relativ wenig für Bleifußfahrer, und er würde bei den heutigen Spritpreisen sowieso zum Ladenhüter.

Teilweise muss man also gar keine neue Technik haben, sondern umdenken und "umhandeln". Heute denkt man noch an Spielereien, wenn es um Neuentwicklungen geht, statt an Sparpotential. So wird bei den meisten Projekten über vernetzte Haushalte eher an Komfort (der Kühlschrank bestellt die Milch automatisch nach oder man heizt vom Auto aus auf dem Heimweg seinen Backofen vor) als an Energieeffizienz gedacht. Dabei empfehlen Energieagenturen, bei unsensiblen Backwaren auf das Vorheizen gänzlich zu verzichten und auch sonst die Nachwärme (auch von Herdplatten) zu verwenden. Das Umweltbundesamt schätzt in seiner Broschüre Das Energie-Sparschwein, dass mindestens 3,5 Milliarden Euro an Energie jährlich durch den unnötigen Leerlauf von Elektrogeräten in den Privathaushalten und Büros verbraten werden - rund 42 Euro pro Bundesbürger.

Der potentielle Teufelskreis der Effizienz

Dass mehr Effizienz keinesfalls eine technische Herausforderung sein muss, weiß man spätestens seit Faktor 4. Oft handelt es sich um eine wirtschaftliche, aber auch um eine intellektuelle Herausforderung.

Die wirtschaftliche Herausforderung hat zwei Aspekte: Einerseits verdienen Energieversorgungsunternehmen (EVU) daran, dass sie Strom verkaufen. Wie kann man sie zu Freunden von Energiesparmaßnahmen machen? Andererseits können solche Maßnahmen auch zu niedrigeren Preisen führen, denn weniger Nachfrage senkt Preise in manchen Fällen. Das ist insofern schlecht, als diese Maßnahmen sich selbst unterminieren würden, denn Energiesparmaßnahmen lohnen sich umso mehr, wenn die Energiepreise hoch sind.

Fangen wir mal mit den EVU an: Während die privaten Haushalte sparen, wenn sie weniger Strom verbrauchen, streicht das EVU dabei möglicherweise Verluste ein, denn die Fixkosten bleiben gleich (deshalb sind die Wasserpreise in manchen Städten Ostdeutschlands seit der Wende gestiegen: Kubikmeterware). In dem Buch "Das Einsparkraftwerk" zeigen Dieter Seifried und Peter Hennicke, wie man mit Energiesparmaßnahmen im Stadtwerk Hannover rund 40 MW einsparen könnte. Dabei würde das EVU vor lauter Energiesparen nur noch rote Zahlen schreiben. Deshalb rufen die beiden Autoren dazu auf, die Verluste der Energieunternehmen durch Preiserhöhungen zu decken.

Damit schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe: Einerseits ziehen die EVU mit, denn sie haben nichts zu verlieren, weil diese Sparpolitik für sie kostenneutral ist. Andererseits sichern Preiserhöhungen die Rentabilität der Investitionen, die sich nunmehr nicht selbst unterminieren. Wohlgemerkt: Die Verbraucher würden in diesem Fall immer noch Geld sparen. Obwohl die Preise für eine Kilowattstunde Strom steigen würden, würden die Haushalte soviel weniger Strom verbrauchen, dass ihre Kosten am Ende niedriger wären.

Wie entkommt man dem Teufelskreis der Effizienz?

Anders muss man den unangenehmen negativen Rückkopplungseffekt bei Einsparmaßnahmen lösen: Sie führen dazu, dass weniger Energie verbraucht wird, und weniger Nachfrage könnte die Energiepreise senken - und dann lohnt sich die Investition weniger oder gar nicht mehr.

Für ökologisch Gesinnte klingt es z.B. verlockend, dass die USA ihren Verbrauch, wie oben beschrieben, halbieren könnten, doch das Resultat könnte Rückwirkungen auf Europa haben, denn die infolge der fehlenden Nachfrage in den USA abrupt sinkenden Ölpreise auf den Weltmärkten würden Effizienzmaßnahmen hierzulande weniger lohnenswert machen. Zwar würde eine Halbierung des heutigen Barrelpreises auf 20-25 USD den Liter Benzin nur rund 15 Cent billiger machen, weil rund 3/4 des Spritpreises Steuern sind, aber offenbar sind die Preise heute noch nicht hoch genug für ein effizienteres Wirtschaften.

In Fällen, wo weniger Konsum zu sinkenden Preisen führt, die die Investitionen in sparsame Techniken unterminieren, sollte man die Preise leicht und schrittweise erhöhen: leicht, damit der Preisschock keine Turbulenzen auslöst; und schrittweise, damit man bei einem Neukauf sicher sein kann, dass die Investition sich nicht selbst mit den Jahren untergräbt.

Tatsächlich wird diese Politik seit Jahren schon in der Bundesrepublik verfolgt: die Ökosteuer. Höhere Energiepreise sollen den Energiekonsum dämpfen und Investitionen in Einsparmaßnahmen sicherer machen. In der Tat beweist die Ökosteuer, dass steigende Preise mehr Effizienz zeitigen. Seit der Einführung der Ökosteuer ist der Spritkonsum von 2000-2003 erstmals in vier aufeinanderfolgenden Jahren gesunken. Gleichzeitig stieg die Zahl der Fahrgäste in öffentlichen Verkehrsmittel erstmals in fünf aufeinanderfolgenden Jahren von 1999-2003.

Man kann natürlich darauf warten, bis die Preise auf natürliche Weise durch Ressourcenknappheit teurer werden und die Effizienz lohnend macht. Im Falle des Erdöls beispielsweise würde das jedoch bedeuten, dass der Abfluss von Finanzmitten aus Deutschland ins Ausland (hier: zunehmend in die Region um den Persischen Golf) wachsen würde, während bei einer "künstlichen" Verteuerung etwa durch die Ökosteuer die Mittel innerhalb Deutschlands zirkulieren.

Schon seit der ersten Ölkrise ist der Energiekonsum pro Einheit vom Bruttoinlandsprodukt entkoppelt, d.h. es wird immer mehr mit immer weniger Energie produziert. Die obigen Zahlen zeigen, dass sich die Energieintensität in den USA in den letzten Jahren fast halbiert hat

Doch selbst wenn man umgedacht hat, setzt das "Umhandeln" nicht selten voraus, dass man liquid ist: Größere Investitionen wie Plus-Energie- und Passivhäuser (Das 1,1-Liter-Haus) machen sich genauso wie Sparlampen und A++-Kühlschränke erst nach Jahren bezahlt. Können sich nur Reiche Energiesparmaßnahmen leisten? Wenn ja, wäre das Problem nicht nur auf Privatpersonen beschränkt, sondern auch auf den wichtigen Sektor der öffentlichen Hand, die seit Jahren schon alles, was nicht lebensnotwendig ist, aus dem Budget streicht.

Zum Glück haben in den letzten Jahrzehnten grünes Gedankengut und der Kapitalismus eine Annäherung gefunden. Man kann Preissignale am Markt dazu nutzen, das Verhalten der Menschen zu "steuern" ("Eine wirksame Medizin, die unterm Strich nichts kostet") Mehr noch: Man kann durch Energiesparen sogar Geld verdienen. Dazu mehr im zweiten Teil.

Craig Morris übersetzt in den Bereichen Energien, Finanzen, und Technik.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19055/1.html
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