Offshore Companies: Auf nach China!

22.12.2004

Das in China investierte Auslandskapital aus den British Virgin Islands übertrifft bereits die japanischen oder US-amerikanischen Investitionen im Reich der Mitte - oft kommt das Geld allerdings auf Umwegen aus China selbst

Seit den 50er Jahren des 20. Jahrhunderts gewinnen etliche offshore financial centres bezüglich ihres Beitrags zum international zirkulierenden Kapital zunehmend an Bedeutung. Sie beeinflussen in hohem Maße die Kapitaloperationen vieler Länder und sogar die Entwicklung der weltweiten Kapitalbewegung. Dass das Interesse bestimmter chinesischer Kreise an solchen offshore financial centres immer größer wird, ist eine Tatsache, die als Folge der Öffnungspolitik seit einigen Jahren zum Tragen kommt. Ohne Zweifel hat China wegen seiner "Bevorzugungspolitik" zugunsten des Auslandskapitals von dem längst enorme Dimensionen annehmenden internationalen Kapitalmarkt profitiert. Wohl auch deswegen hat China im Jahr 2002 als wichtigster Rezipient von Direktinvestitionen zum ersten Mal die USA übertrumpft.

Strand auf dem Offshore-Paradies British Virgin Islands

Bis zum Jahr 1999 lagen in der chinesischen Statistik die ausländischen Investitionen aus den British Virgin Islands (BVI) nach Hongkong, den USA, Japan, Taiwan und Singapur auf dem sechsten Platz. Das vertraglich vereinbarte Gesamt-Investitionsvolumen belief sich auf 20,4 Milliarden US-Dollar. Die in dem betreffenden Jahr tatsächlich transferierte Summe erreichte immerhin schon 9,395 Milliarden US-Dollar. Danach kletterten die britischen Virgin Islands in der Rangliste der ausländischen Investoren ganz schnell nach oben. 2001 nahmen sie schon den zweiten Platz ein - direkt nach Hongkong.

Bis dato stammten die Investitionen auf dem riesigen chinesischen Festland hauptsächlich noch von den asiatischen Inseln oder Halbinseln (Hong Kong, Taiwan, Singapore, Indonesien, Malaysia mit wichtigen auslandschinesischen Geldgebern). Die entfernten, als offshore financial centres fungierenden Inseln aber schlossen schnell auf. 2003 hielten die British Virgin Islands, die Cayman Islands und Samoa in der Liste der wichtigsten Herkunftsländer des in China investierten Auslandskapitals schon jeweils den Platz 2, 8 und 9. Deutschland liegt auf Platz 10 als die stärkste europäische Nation auf dem chinesischen Markt.

Die "faszinierenden" offshore companies

Gleichzeitig ziehen die offshore markets in manchen Ländern und Regionen auch immer mehr Chinesen in ihren Bann, insbesondere jenes centre auf den exotischen British Virgin Islands, aber auch auf den Islands of the Bahamas und den Bermuda Islands. Denn man kann dort, ist man flüssig genug, ohne große Schwierigkeit eine offshore company gründen: eine "vor der Küste (off shore) lokalisierte", also vom "(Fest-) Land", seinen Regelungen, Kontrollen und Steuern aufs angenehmste "entfernte" Firma.

Für manche Geldgeber ist das eine attraktive und äußerst bequeme Angelegenheit. Zur Firmengründung braucht der Investor nicht einmal persönlich dorthin zu fliegen (Vermittlungsfirmen und Vertretungen gibt es überall). Im Übrigens muss man sich nur etwas bemühen, um auf der Weltkarte einige dieser unscheinbaren, aber für manche Geschäftszwecke äußerst geeigneten Inseln zu finden. Ohne große Mühe kann dann eine karibische Firma weltweit Geschäfte machen. Weg mit der chinesischen Bürokratie, denken da manche. Weg mit den Einschränkungen auch des international immer noch einigen Regeln unterworfenen Handels. Ja, auch weg von der Karibik, seiner Landmasse, seinen Menschen, seiner Soziokultur. Die ausländischen Geschäftsleute müssen sich sogar davon lösen, denn nur eine Firma, die vom Gastrecht gewährenden Land in vieler Hinsicht getrennt und somit ein wirkliches Offshore-Unternehmen ist, hat mit dem Finanzamt dieses Landes dann letztlich nicht viel zu tun. Ob nun einer mit seiner Firma einen florierenden Waffenhandel betreibt oder gar Rauschgift schmuggelt, interessiert in der Karibik offenbar nicht. Aber das ließe sich wohl auch nicht wirklich feststellen.

Die Anziehungskraft dieser Inseln ist auch in anderer Hinsicht offensichtlich: Man muss nur eine Jahresgebühr für die "Verwaltung" zahlen, sonst sind keine Steuern fällig. Zudem erkennen fast alle großen Banken der Welt eine offshore company an. Noch ein Vorteil: Man kann dort in der Tat eine Ich-AG registrieren lassen, die Daten der Firma und ihr Geschäftsgewinn sind top secret, wenn der Besitzer der Firma das will. Die Registrierung einer offshore company auf den British Virgin Islands ist übrigens weltweit am einfachsten, die Kontrolle dann auch dementsprechend wohl am geringsten. Man arbeite daher, so heißt es, "sehr effektiv". Kein Wunder, dass auf den "BVI" die Zahl der registrierten (zum Teil einfach nur "Briefkasten"-)Firmen inzwischen zwanzigmal höher als die Einwohnerzahl ist.

Angesichts der Attraktivität der offshore financial centres stellt sich die Frage: Wie viele chinesische Firmen haben inzwischen auf in diesen offshore markets ihre Tochterfirmen bzw. Niederlassungen ins Leben gerufen? Die genaue Zahl kennt eigentlich niemand - nicht zuletzt wegen des von den offshore centres garantierten Geschäftsgeheimnisses.

Im Sommer 2004 hat aber das chinesische Wirtschaftsministerium einen Bericht vorgelegt, dem zufolge allein auf den "BVI" mindestens 10.000 chinesische offshore companies registriert sind. Unter den Besitzern dieser Firmen mangelt es nicht an allseits bekannten großen Unternehmen aus China. Für die als Standort der Firmen fungierenden British Virgin Islands ist das ohne Zweifel ein äußerst ertragreiches Geschäft. Das chinesische Ministerium glaubt sogar, richtig kalkuliert zu haben, wenn es ausrechnet, dass mehr als die Hälfe der Staatseinnahmen eines bestimmten Landes in der Karibik (man hat dieses Land nicht beim Namen genannt) von den dort registrierten chinesischen offshore companies stammt: diese trügen zum Pro-Kopf-Einkommen in einer Größenordnung von 4.000 bis 5.000 US-Dollar pro Jahr bei..

Nur eine Frage des Stand- oder Ausgangspunktes

Normalerweise kehren die aus China stammenden offshore companies dem neuen Standort in Übersee direkt nach der (500 bis 1000 US-Dollar kostenden) Registrierung den Rücken und wenden sich dem Geschäft "Zuhause" zu - jedoch nun als "ausländische" Investoren und selbstverständlich mit einem englischen Firmennamen. Ist dies nun ein Kapitalabfluss oder doch eher ein Rückfluss?

Der Statistik des Wirtschaftsministeriums zufolge hat China hinsichtlich der Kapitalabwanderung im weltweiten Vergleich nach Venezuela, Mexiko und Argentinien bereits den vierten Platz eingenommen. Immerhin werden offshore markets von den Insidern oft nicht nur als "Paradiese für Steuerflüchtlinge" erachtet, sondern auch als "Umsteigebahnhöfe" bei der Kapitalflucht.

Ein wichtiger Grund für die chinesischen "Kapitalflucht" ist die Umwandlung der eingesetzten Mittel. Denn die an Offshore-Gründungen interessierten Chinesen wissen:

Um so viel Auslandskapital wie möglich nach China zu holen, werden den ausländischen Unternehmen neben Steuervergünstigungen noch einige andere Vorzugsbedingungen eingeräumt. Im Volksmund spricht man inzwischen längst von chao guomin daiyu oder "Begünstigung für Superbürger".

Da nicht wenige solcher "Superbürger" offenbar mit allen Wassern gewaschen sind und jeden möglichen Vorteil nutzen, auch den der Umdeklarierung inländischen Kapitals in ausländisches durch Gründung einer Offshore-firma, tobt inzwischen auf dem innerchinesischen Markt ein heftiger, aber auch ungleicher Konkurrenzkampf. Unterlegen sind in vielen Fällen die vor den besagten Kniffen zurückscheuenden einheimischen Unternehmen. Dennoch gilt: Not macht erfinderisch. So hat ein bekannter Bierproduzent, die "Yanjing Gruppe", bereits auf den "BVI" eine offshore company gegründet, die dann mit der Muttergesellschaft in Peking ein Joint-Venture-Unternehmen ins Leben gerufen hat und damit zugleich die besagte "Begünstigung für Superbürger" genießen kann. Ein raffinierter Schachzug!

Richtige statt nur scheinbare Kapitalflucht ist nicht selten zu beobachten bei jenen Privatunternehmen, die immer noch kein Vertrauen zu der so genannten "sozialistischen Marktwirtschaft" haben. Natürlich finden sich auch Privatunternehmen, die erst über die Gründung von offshore companies ihren Traum eines Börsengangs in Hongkong realisiert haben. Denn auf etlichen Inseln brauchen auch die Stars im Lügen und Prahlen keine Steuern zu zahlen: Es verursacht keine zusätzlichen Kosten, wenn man verkündet, man sei "Spitze" und mache Jahr für Jahr Riesengewinne. Seit 2001 haben nicht wenige an der Börse notierte chinesische Firmen wegen des Verdachts der Bilanzfälschung die Aufmerksamkeit der Medien und der Behörden auf sich gezogen. Es handelte sich dabei fast ohne Ausnahme um offshore companies.

Jeder hat was davon

Inzwischen sind nicht wenige Chinesen manchmal recht stolz auf bekannte Marken Made in China. Juristisch gesehen sind dies aber oft keine "chinesischen" Produkte, weil es sich bei den Produzenten eben um Unternehmen handelt, die auf den British Virgin Islands, den Islands of the Bahamas oder den Bermuda Islands registriert sind. Oder es sind Produkte, an deren Erzeugung ein formal "chinesisches" Unternehmen bloß beteiligt ist, und zwar neben der "ausländischen" (in einem offshore centre registrierten) Tochterfirma.

Einen Vorteil solcher Arrangements haben manche Akteure auf jeden Fall bereits längst erkannt: Man ist nun nicht mehr oder nicht im selben Maße wie bisher durch eine Exportquote "gefesselt", also an ein Export-Kontingent gebunden, das nicht jeder erhalten kann. Will man ein Produkt etwa in die USA exportieren, wählt man nicht selten die Route über die offshore company zum Zielort.

Dass ein genuin ausländisches Unternehmen manchmal auch über seine offshore company Geschäfte in China abwickelt, ist außer auf die bereits bekannten Vorteile u.a. wohl auch auf die Überlegung zurückzuführen, dass das offenbar noch als nicht ganz so "sicher" erachtete China-Geschäft im Fall aller Fälle nicht die Bilanz der Mutterfirma beeinträchtigen soll. Für viele Taiwanesen ist jedoch die offshore company eine einmalige Chance, über einen Umweg in China zu investieren, weil die taiwanesische Politik entweder solche Geschäfte mit China unterbindet oder streng kontrolliert.

Nicht zu vergessen ist gewiss die Chance, die sich für zahlreiche Kader in China mit den Offshore-Unternehmen eröffnet. Einer neuen Statistik zufolge sind bis September 2004 mehr als 4.000 korrumpierte Kader und Manager mit 50 Milliarden US-Dollar ins Ausland gegangen. Bei den großen Fischen ist in vielen Fällen der Geldtransfer vermutlich über offshore companies abgewickelt worden. Es geht dabei schließlich um "Kapitalexport" von illegal angeeigneten Geldern - gleichgültig, ob es sich dabei um das "eigene", aus Korruptionsdelikten stammende Vermögen oder direkt um die veruntreute Kasse eines Staatsunternehmens handelt.

Während des in China längst in Gang gesetzten Privatisierungsprozesses werden übrigens manche chinesische Staatsbetriebe von offshore companies aufgekauft, nicht selten anscheinend mit dem Geld der selben, zum Verkauf anstehenden Unternehmen, das auf Grund undurchsichtiger Finanztransaktionen mit einem Mal der kaufenden offshore company für die Finanzierung des Erwerbs zur Verfügung steht. Und der einstige Direktor des Staatsbetriebs ist dann plötzlich in seiner Eigenschaft als Schlüsselfigur der Offshore-Firma auch alleiniger oder zumindest Großaktionär des nun "erfolgreich" privatisierten Unternehmens. Aber das bleibt natürlich nach Möglichkeit (dank der paradiesischen Regelungen von Zentren wie "BVI" , von denen die Firmen profitieren, top secret!

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