Katastrophenbilder - mediale Nähe der Tsunamis
"Zeit zum Abschiednehmen bleibt nicht, Verwesungsgeruch liegt in der Luft."
Was da am 26.12.2004 über Südostasien hereinbrach, war eine Naturkatastrophe von apokalyptischen Ausmaßen. Der Versuch, drohende Umweltdesaster in computeranimierten Hollywoodbildern einzufrieren, sie quasi kathartisch einzufangen, um sich von diesen Angstvorstellungen zu befreien wie zuletzt in "The Day After Tomorrow", ist nun schockartig durch die nicht fiktionale Flutkatastrophe am 2. Weihnachtsfeiertag im Indischen Ozean aufgebrochen worden.
Die Natur stellt sich einmal mehr als letztlich unbezwingbar und bedrohlich dar. Die Ausmaße sind erschreckend gigantisch und verstören zugleich durch die Tatsache, dass dies an paradiesisch geglaubten Orten stattfand. Zuletzt gab es eine derartige Gemeinschaft des Entsetzens nach dem 11. September 2001. Allerdings kann diesmal kein menschlich verursachter Anschlag verantwortlich gemacht werden. Die Anklage in Form des Vorwurfs "Terrorakt der Natur" ist eindimensional und unbefriedigend, ist die Naturkatastrophe doch das Ergebnis der unbeeinflussbaren Naturkräfte, die auf die dünne Erdkruste wirken.
Das kollektive Bewusstsein des Publikums außerhalb der Apokalypse, medial vorgeprägt, muss daher Vergleiche mit den Bildern vergangener Unglücke und der imaginären Katastrophen aus dem Hause Hollywood anstellen. Die gleichzeitig repetitorische Sendung der Katastrophenbilder und die Augenzeugenberichte auf allen Fernsehkanälen erzeugen eine Nähe zum fernen Ereignis, die kurzfristig emotionale Betroffenheit zu schaffen vermag. Dem Unbeschreiblichen wird ein Gesicht gegeben, "Menschen, Helfer, Fakten", wundersame Rettungen neben tragischen Opferschicksalen machen für Momente sprachlos.
Liveness, die erste Phase der Tsunami-Themenkarriere hat begonnen. Noch sind wir Live dabei, Korrespondentenschaltungen und Experten im Studio informieren uns laufend im Fernsehen, zusätzliche "Brennpunkte", Spezial- und Sondersendungen durchbrechen den geplanten Sendekanon. Die Schlagzeilen des Tages in den Printmedien werden vom Unglück dominiert und im Internet gehören entsprechende News-Seiten und Weblogs zu den Meistbesuchten:
Blogs oder das Internet sorgen dafür, dass Informationen schnell zirkulieren und Koordination effektiver gemacht werden kann.
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Verwirrend ist zuweilen die Ähnlichkeit der Bilder der Flutkatastrophe mit denen des noch immer aktuellen Irakkrieges, die bei CNN und anderen Nachrichtensendern zu sehen sind. Die Bilder der Destruktionen gleichen sich und werden im Sendezusammenhang noch mehr angeglichen. Allerdings marginalisieren die Schreckensbilder aus Südostasien aufgrund ihrer Quantität alle anderen, auch die aus dem Irak. Es bleibt abzuwarten, inwieweit die Berichterstattung über das Meeresbeben vom 26. die Irak-Berichterstattung beeinflusst, insbesondere die mediale Dämonisierung der Anschläge und Kriegshandlungen.
Nicht unumstritten ist in diesem Zusammenhang die Sperrung von "pietätlosen" Songs mit "komischem Beigeschmack" bei den meisten deutschen Radiosendern, wie "Die perfekte Welle" von Juli. Die Mitglieder der Band äußerten, tief erschüttert über die Flutkatastrophe in Asien, Verständnis für die Reaktion der Medien. Was allerdings nicht von allen Bloggern geteilt wird:
Und wenn man das Lied schon verbietet, dann fordere ich hiermit auf, die Sportart Wellenreiten zu verbieten, sämtliche Mikrowellen aus den Geschäften zurückzuholen und den Friseuren zu untersagen, Dauerwellen anzufertigen. Denn das geht aus Pietätsgründen ja wohl alles wirklich nicht.
Der Hessische Rundfunk bot dafür in seinem Kultursender HR2 am Abend des 29.12. ein Wunschkonzert besonderer Art: "Sie spenden - wir senden". Fehlen durften natürlich nicht die "Kindertotenlieder" von Gustav Mahler, die angesichts der hohen Zahl an Kindern unter den Opfern eine besondere Wirkung entfaltet haben dürften.
Doch im Vergleich zum Irakkrieg letzten Jahres ist auf den Musikkanälen kein Schwarzbild zu sehen, kein SMS-Laufband mit Trauerbekundungen für die Opfer wird gesendet. Andernorts im globalen Dorf ist die Flutwelle gar schon nicht mehr die Headline des Tages. Im chinesischen Staatsfernsehen CCTV ist das Ereignis am dritten Tag hinter die Hauptmeldung über die Technologieentwicklung Chinas zurückgefallen.
Langsam richtet sich der mediale Blick hierzulande verstärkt auf die deutschen Opfer der Tragödie, von denen die Mehrzahl in Thailand zu beklagen sein werden, das von deutschen Touristen meistbesuchte Land der Region. Diese persönlichen Bezüge, zuzüglich der Urlaubserinnerungen der schon einmal da Gewesenen, dürften genügend Stoff für die nächste Tage bieten, um die mediale Nähe zum Ereignis aufrechtzuerhalten. Gestützt wird dies noch von den Privatvideos der Heimkehrer, die nun täglich zunehmend in die Sender und das Internet gelangen.
Derweil rechnet der weltgrößte Rückversicherer, die Münchener Rück, mit einem monetären Gesamtschaden in Südostasien von mehr als 10 Milliarden Euro, was sich aber nur am Versicherungsschaden orientiert. Wegen der geringen Versicherungsdichte in den betroffenen Gebieten wird die Münchener Rück davon lediglich ca. 100 Mio. Euro auszahlen. Wer konnte sich vor Ort auch schon eine Hausratversicherung leisten? Was bedeutet der nichtversicherte Tod eines Fischers, der Verlust der Familie, des Bootes und der Behausung? Neben menschlichem Leid lassen sich die zukünftigen ökonomischen Verluste kaum beziffern und fehlen in derartigen Berechnungen. So findet ebenso die Abhängigkeit einiger betroffener Regionen vom Tourismus in dieser Sichtweise keine Berücksichtigung, was deutlich macht, wie wenig Aussagekraft derartige Rechenschiebereien haben.
Dann gibt es da noch die weißen Flecken in der globalisierten Mediensphäre, wie Burma oder die zu Indien gehörenden Inselgruppen Andamanen und Nikobaren, medial noch kaum erfasste Orte der Katastrophe. Allein fünfzehn der 572 indischen Inseln und Felsformationen sollen komplett verschwunden sein, bisher war nur ein minimaler Telefonkontakt möglich. So wuchern die Spekulationen, z.B. dass ganze "Volksstämme" durch die Flutwelle ausgelöscht worden seien.
Spätestens bis der gesamte Umfang der Flutkatastrophe erkennbar und medial "abgearbeitet" ist, wird die live-orientierte Berichterstattung anhalten, einhergehend mit einer erdrückenden Menge an Bildern und Informationen in allen Medien. Ist eine erste Sättigung und Abstumpfung erreicht, setzt die Ästhetisierung der Tsunamis in den Bildmedien ein, die textorientierten Weblogs dürften sich dieser Karriere eher verschließen.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19128/1.html- Der ewige Spendenmarathon (13.2.2005 16:52)
- Maßstab? (1.1.2005 12:02)
- Spenden und ihre Verwendung (31.12.2004 22:04)
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