Der frühe Vogel fängt nicht immer den Wurm

Bei jungen Leuten ist früh morgens eher der Wurm drin

Jugendliche schlafen morgens gerne länger und sie zu wecken, damit sie die erste Schulstunde nicht verpassen, ist für viele Eltern eine alltägliche Herausforderung. Eine neue Studie bestätigt nun, dass es völlig normal ist, während der Pubertät keinen Sinn dafür zu haben, dass Morgenstund’ Gold im Mund haben soll. Es gibt nicht nur individuell unterschiedlich tickende innere Uhren, das Alter spielt auch eine gewichtige Rolle.

Schon länger ist bekannt, dass die Chronobiologie, der eigene Zeitrhythmus des menschlichen Körpers, wichtig für die persönliche Einteilung von Wach- und Schlafphasen ist. Im Grunde dauert der innere, der so genannte zirkadiane Tag des Organismus etwas länger als 24 Stunden. Der biologische Mechanismus wird aber von Außen durch Licht beeinflusst.

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"Unter natürlichen Bedingungen wird diese Periodik täglich mit der Erdrotation synchronisiert. Je nach genetischer Konstellation und innerer Tageslänge betten sich Menschen aber unterschiedlich in den äußeren 24-Stunden-Tag ein, was wir als Chronotyp bezeichnen", erklärt Till Roenneberg vom Institut für Chronobiologie der Universität München.

Jetzt hat ein europäisches Forscherteam rund um Till Roenneberg die Veränderung der Chronotypen im Altersverlauf untersucht. Unter dem Titel "A marker for the end of adolescence" veröffentlichten die Wissenschaftler ihre Ergebnisse in der aktuellen Ausgabe des Fachjournals Current Biology.

Lerchen und Eulen

Schon länger ist bekannt, dass es individuell verschiedene Chronotypen gibt (vgl. Fragebogen Chronotyp). Geborene Frühaufsteher, die sich gerne in der Morgendämmerung aus den Betten erheben und beim ersten Tageslicht besonders aktiv und gut drauf sind, werden als Lerchen bezeichnet. Eulen sind dagegen die Langschläfer-Typen, die nachts erst spät schlafen gehen und nachdem der Wecker früh klingelt, als Morgenmuffel ihre Partner und Kollegen quälen.

Die Stunden der optimalen Leistungsfähigkeit definieren sich diesem Zeittyp-Grundmuster folgend, das durch die Gene bestimmt wird. Die meisten Menschen bewegen sich mehr oder weniger in der Mitte zwischen diesen beiden Extremen, pure Lerchen oder Eulen sind seltene Exemplare.

Lang schlafen passt zur Pubertät

Die Forschergruppe um Roenneberg befragte insgesamt 25.000 Personen und dabei zeigte sich, dass sich der Chronotyp systematisch mit dem Alter verändert. Kinder stehen gerne früh auf, während der Pubertät verschiebt sich der optimale Zeitpunkt des Schlafengehens tiefer in die Nacht und die des Aufstehens immer weiter in den Tag hinein. Im Alter von ungefähr 20 Jahren findet der Höhepunkt des Daseins als Eule statt, von da an erfolgt wieder eine überwiegende Entwicklung in Richtung Lerche. Die Chronobiologen glauben mit ihren Ergebnissen auch dem bisher leicht mysteriösen Begriff der Adoleszenz auf der Spur zu sein. Till Roenneberg hält fest:

Erstaunlich ist, dass sich ein scharfer Kipppunkt der Kinetik bei Frauen im Alter von 19,5 Jahren, bei Männern im Alter von 20,9 Jahren ergibt. Der Entwicklungsabschnitt Pubertät ist sehr genau in seinem Anfang und Ende als biologischer Prozess definiert. Im Gegensatz dazu wird in der Literatur zwar immer der Entwicklungsabschnitt Adoleszenz herangezogen, dessen Anfang mit dem Beginn der Pubertät zusammenfällt, dessen Ende aber nie klar definiert wurde. (...) Diese Beobachtung [die aktuellen Studienresulate] sollte eine Diskussion darüber anstoßen, ob sich eventuell auch die Adoleszenz, entsprechend der Pubertät, mithilfe biologischer Grundlagen definieren lässt – und damit eine echte, auch körperlich definierbare Entwicklungsstufe darstellt.

Bis zum Alter von ungefähr 50 Jahren schlafen Männer tendenziell morgens gerne länger als Frauen, dann gleicht sich dieser Unterschied aus. Die Forscher vermuten, dass hormonelle Ursachen für diese Verschiebungen verantwortlich sind.

Schichtarbeit

Heute arbeitet ein Fünftel der Erwerbstätigen in Schichten. Die Erfahrungen zeigen, dass es Menschen, die eher Eulen sind, leichter fällt, sich an Schichtarbeit anzupassen. Ausgeprägte Lerchen leiden wesentlich stärker unter den wechselnden Arbeitsrhythmen. Der dadurch entstehende Stress kann bei langjähriger Schichtarbeit zu einer dauerhaften Beeinträchtigung der Gesundheit führen. Insgesamt – und das passt zu den aktuellen Untersuchungsergebnissen – fällt jüngeren Mitarbeitern eine Schichtumstellung generell wesentlich einfacher.

Schulanfang morgens

Für ältere Schüler, speziell Gymnasiasten in den letzten Schuljahren, sollte eine Umstellung der Schulanfangszeiten überdacht werden. Diese Forderung wurde bereits mehrfach von Chronobiologen artikuliert und erhält nun neue argumentative Unterfütterung. Jugendliche sind schlicht leistungsfähiger, wenn sie morgens etwas länger schlummern dürfen, sie bekommen nur so ausreichend Schlaf und können komplexe Lerninhalte besser aufnehmen. Roenneberg fände besonders in den Wintermonaten einen späteren Schulbeginn für sinnvoll:

Unser Schlaf wird unter der Woche von zwei verschiedenen Uhren begrenzt. Der Schlafbeginn wird hauptsächlich von der inneren Uhr, das Ende des Schlafes dagegen vom Wecker bestimmt. Je später der Chronotyp, desto weniger Schlaf bekommen die Menschen. Im Winter macht ein früher Schulbeginn besonders wenig Sinn. Nur Licht kann in den Morgenstunden späte innere Uhren nach vorne stellen. Jugendliche vollziehen das Aufwachen und den Schulweg im Winter aber in Dunkelheit.

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