Stärker als die US-Armee?

Thomas Pany 04.01.2005

Irak: Widerstand soll weitaus größer sein als bislang angenommen Warnungen vor Anschlägen in den Vereinigten Staaten

Die irakische Gleichung ist niemals einfach; das gilt auch für das neue Jahr. Gleichviel, ob es sich um die Zahl der zivilen Toten, der amerikanischen Verluste, der getöteten irakischen Widerständler, der Verletzten auf beiden Seiten, der Gefangenen oder nur um Demonstrierende handelt, mit den quantifizierten Einschätzungen wird (Kriegs-)Politik (vgl. Irakmethik: Die Zahlenspiele mit den zivilen Opfern) betrieben. Gestern hat der irakische Geheimdienstchef eine neue Schätzung über die Stärke des irakischen Widerstands abgegeben, die alle bisher veröffentlichten Einschätzungen der US-Militärs und Geheimdienste in den Schatten stellt.

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Schätzte man innerhalb des US-Militärs die Stärke der Insurgents im Irak Mitte Dezember offiziell noch auf eine Größe zwischen 11.000 und 20.000, so wartet der Chef des irakischen Geheimdienstes, General Mohammed Abdullah Schahwani, mit Zahlen einer ganz anderen Dimension auf:

Ich bin der Überzeugung, der Widerstand ist größer als die Zahl der amerikanischen Truppen im Irak. Ich glaube, der Widerstand ist mehr als 200.000 Mann stark.

Den Kern sollen etwa 40.000 Hard-core-Kämpfer bilden, die von einer großen Zahl von "Teilzeit-Kämpfern" (Part-time fighters) und Freiwilligen unterstützt werden, welche den Rebellen jede Unterstützung von Informationen, Logistik aller Art und Unterschlupf gewähren.

Die größte Unterstützung finden die Aufständischen nach Kenntnis des Geheimdienstgenerals erwartungsgemäß in den sunnitischen Gebieten, in den "Provinzen Bagdad, Babel, Salahuddin, Djiala, Ninive und Tamim". Ihre Stärke würden sie von den traditionellen eng verflochtenen Stammesverbindungen beziehen und durch die Verbindungen zur aufgelösten irakischen Armee, die einmal 400.000 Mann zählte.

Die Bevölkerung hat es satt nach zwei Jahren ohne Verbesserung. Sie haben das Gefühl, sie müssten etwas tun. Die Armee war mehrere Hunderttausend Mann stark. Es war zu erwarten, dass sich die alt gedienten Soldaten mit ihren Verwandten zusammentun, jeder hat Söhne und Brüder.

Wie viele andere auch sieht Schahwani vor allem Angehörige der Baath-Partei in der Schalt-und Machtzentrale des Aufstands. Seiner Einschätzung nach ist hier eine Aufteilung in drei Fraktionen zu beobachten: die gefährlichste Fraktion sei diejenige, die nach wie vor in Treue zum inhaftierten Saddam Hussein hält, etwa 20.000 Mann stark.

Von Syrien aus sollen Saddam Husseins Halbbruder Sabawi Ibrahim al-Hassan und Muhammed Yunis al Ahmed als operative Köpfe alte Armeeeinheiten in Mosul, Samarra, Bakuba, Kirkuk und Tikrit mit allem Notwendigen versorgen. Auch der rothaarige General, die ehemalige Nummer 2 unter Saddam Hussein, Issat-Ibrahim ad-Duri, der schon im Herbst 2003 von den Amerikanern als großer Koordinator der ersten Anschlagserien verdächtigt wurde (vgl. Pik-As, Kreuz-König und Irakmethik), gilt dem Geheimdienstchef als wichtiger Drahtzieher im Zentrum des baathistischen Partisanenkrieges.

Die zwei anderen Fraktionen der Baathpartei hätten mit Saddam Hussein gebrochen und würden jetzt mit den Islamisten zusammenarbeiten, mit Sarkawis Truppen, mit Ansar as-Sunna und Ansar al-Islam. Bestätigt wird diese Annahme übrigens von den Beobachtungen, von denen die freigelassenen französischen Geiseln, Chesnot und Malbrunot, berichteten. Sie hätten das Gefühl gehabt, während ihrer Gefangenschaft vollkommen im "Planet Bin Laden" eingetaucht zu sein, erzählten die Freigelassenen. Zum Kreis ihrer Entführer, der Islamischen Armee im Irak, hätten neben einzelnen hochrangigen Ex-Baath-Parteimitgliedern vor allem Dschihadis gehört, deren politische Agenda allerdings, so die Einschätzung des Figaro-Journalisten Malbrunot, nicht mehr als irakisch-national zu erkennen sei, sondern vielmehr den politischen Zielen des internationalen Dschihads untergeordnet scheine.

Ob von nationalen oder "religiösen" Interessen geleitet, zumindest in einem politischen Ziel sind sich die verschiedenen Fraktionen des Widerstands einig: die Sabotage der Wahlen (weswegen ihre Durchführung im Kampf gegen den internationalen Dschihadismus immer notwendiger scheint) und die Vertreibung der Besatzer durch den zermürbenden Partisanenkrieg. Drohungen demonstrieren das gegenwärtige Selbstbewusstsein der Aufständischen. Sie sollen deren Macht zu "Shock and Awe" andeuten: Wie gestern gemeldet wurde, warnt die Islamische Armee im Irak auf einer Website die amerikanische Bevölkerung vor Anschlägen in den Vereinigten Staaten. Man werde den Krieg vom Irak nach Amerika tragen, damit die "amerikanische Zivilbevölkerung einen Geschmack davon bekomme, was die Bevölkerung im Irak durchmache."

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19156/1.html
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