"Jolly Roger", der lustige Pirat

Wolf-Dieter Roth 07.01.2005

Roger Schawinskis "Radio 24": Piratenjahre eines Medienmenschen

Ende der 70er-Jahre geriet der altehrwürdige Rundfunk in Deutschland in Bewegung, was neben politischen auch technische Gründe hatte: Einen UKW-Sender, der bei den Nachbarn im Radio zu hören war, ließ sich nun statt mit aufwendigen Röhrenschaltungen bereits für wenige Mark mit Transistor-"Minispion"-Schaltungen mit weniger Bauteilen bauen, als der zugehörige UKW-Empfänger benötigte. Etwas bessere Sender, die die in jenen Zeiten häufigen diversen Demonstrationen begleiten konnten, waren auch noch finanzierbar. Nur hoch verboten war das Ganze: Die Fernmeldehoheit hatte der Staat und der gab sie nur ARD und ZDF.

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Damit war selbst der kleine UKW-Sender aus dem Physikbaukasten, mit dem der kleine Uwe seine Nachbarn mit Gedichten aus der Schule und seinen Physikkenntnissen beeindrucken wollte, ein strafbarer Piratensender. Der autonome Demobegleitsender natürlich erst recht, aber eigentlich war es egal strafbar ist strafbar und Klein-Uwe lief dabei sogar ein größeres Risiko, in flagranti erwischt zu werden als der Demofunker, der immer noch die Hardware schnell von sich weg werfen konnte, wenn ihm die "Bullen" zu nahe herankamen.

Legal illegal schegal!

Doch war selbstgemachter Rundfunk nicht überall verboten. In den Niederlanden und Belgien war er es zwar, doch man handhabte dies dort wie auch sonst dort üblich nicht ganz so streng und hob die Piratensender nur sporadisch erst dann aus, wenn sie gar zu frech wurden. Und natürlich wurden so aus Holland und Belgien auch Sender nach Deutschland ins Revier des westdeutschen Rundfunks gerichtet, über die sich dieser zwar ärgern, doch nichts gegen sie unternehmen konnte.

Man sieht es

Ebenso wurden Deutschland, die Niederlande, England, aber auch Jahre zuvor schon Dänemark und Schweden von Sendern auf Schiffen auf hoher See mit den neuesten Hits versorgt das heute noch aktive Radio Caroline wurde am bekanntesten. Und da im Zwergstaat Luxemburg Privatradio erlaubt war, kümmerte sich Radio Luxemburg schon Jahrzehnte vor dem RTL-Satellitenfernsehen aufopferungsvoll auf Kurzwelle um die Versorgung Deutschlands mit landestypischem Liedgut, sprich: Schlager, während die Station England auf etwas höherem Niveau auf Mittelwelle mit Popmusik beschallte.

Der Süden: Nur "Schwarzfunk" aus München, aber keine Schwarzfunker

Nur im Süden ging zunächst nichts: Die Sendungen der Piratenschiffe auf der Nordsee schafften es trotz Mittelwelle nicht so weit, die UKW-Piraten aus Belgien natürlich erst recht nicht und die Luxemburg-Kurzwelle war auch nicht wirklich, was dem Land noch fehlte. Erst der Journalist, Funkamateur und Diskjockey Jo Lüders änderte diesen traurigen Zustand: Als er bei einem Urlaub feststellte, dass er auf der Gossensaß-Alm in Südtirol den bayrischen Rundfunk hören konnte, dachte er sich "das muss doch auch andersrum gehen" und stellte zusammen mit Jürgen von Wedel den Sender "Radio Bavaria International" mit einer Richtantenne in Richtung München auf die Alm. In Italien war nämlich 1976 privater Rundfunk bereits freigegeben worden. Damit bereitete er den Weg für spätere Privatsender wie Radio Gong oder Antenne Bayern, die dann aber von etablierten Medienunternehmen betrieben wurden ihm blieb nichts.

Dieser nette junge Mann ein Pirat? Unvorstellbar

Doch auch andere Länder grenzen an Italien sogar direkt, während in Deutschland ja erst noch Österreich überwunden werden musste. In der Schweiz ist Italien gar nicht so weit vom Wirtschaftszentrum Zürich weg. Zwar ist der Schweizer an sich für solch subversive Aktivitäten viel zu brav, doch auch das Piratensenderschiff Radio Nordsee International war ein Schweizer Projekt. Es gab zwar vereinzelte Piratensender, die sich in den großen Städten herumtrieben auf dem Land und in den Bergen gehen die Signale dagegen verloren und die altehrwürdige SRG (Radio- und Fernsehgesellschaft für die deutsche und rätoromanische Schweiz) weigert sich trotz ersten Stereoversuchen bereits in den 60er-Jahren, später tatsächlich in Stereo auszustrahlen: Es sei wegen der Reflektionen in den Bergen zu schwierig!

Da hört Roger Schawinski, ein typischer "Macher", erst von italienischen Stationen, die im Tessin zu hören waren und dann von den Funkversuchen von Jo Lüders und Jürgen von Wedel und der italienischen Radiofreiheit. Schawinski hatte im Schweizer Fernsehen die Konsumentensendung "Kassensturz" (vergleichbar dem ARD Ratgeber) aus der Taufe gehoben und für den Migros-Konzern die Tageszeitung TAT. Beide Projekte waren den Chefs von Schawinski zu kritisch und er musste gehen. Mit 33 Jahren war er arbeitslos, dachte aber gar nicht daran, sich nun erst mal ein Jahr mit dem Geld vom Arbeitsamt zur Ruhe zu setzen. Er sagte sich im Frühjahr 1979: "Ein eigener Radiosender aus Italien das ist es!".

Da er keine ordentliche Schweizer Karte im Haus oder Auto fand, entschied er aufgrund der Rückseite des Telefonbuches, dass die Berge rechts von Zürich die Richtigen seien. Dort fand sich nur ein Berg: Der 2948 Meter hohe Pizzo Groppera. Damit war der Senderstandort festgelegt.

Nun fragte er sich bei Funkspezialisten durch. Piratensender gab es ja schon in der Schweiz und einer davon hatte ähnliche Gedanken gehabt, die Idee dann aber fallen lassen. Es war nicht ganz klar, ob das Signal bis Zürich stark genug sein würde, denn es hatte 130 Kilometer zurück zu legen und normal schaffen UKW-Sender gerade mal die Hälfte. Doch der Berg war mit einer Seilbahn und ausreichender Stromversorgung gut erschlossen und für eine Sendeanlage durchaus geeignet. Erste Tests mit einer 150 Watt-Amateurfunkanlage ergeben noch keine Klarheit. Andererseits war klar, dass der neue Sender in Rekordzeit bis zum 15. Oktober gebaut sein musste, weil danach der Schneefall einsetzte. Und weil Schawinski nicht die Geduld hatte, erst im Frühjahr weiterzumachen.

Ein zweiter Test mit einem Kilowatt und einem Mehrfach-Antennenfeld scheint erfolgversprechend: Nun ist um Zürich herum immerhin schon etwas zu hören wenn auch nicht viel. Also weitermachen. Es ist August, die Zeit wird knapp. Ein Name ist noch nicht gefunden für das Projekt, ebenso wenig ein Sender, dafür gewinnt es die ersten Feinde: Natürlich ist die für den Funkverkehr verantwortliche Schweizer PTT sauer, ebenso der dortige öffentlich-rechtliche Rundfunk, aber auch die Piratensender, die sich bereits seit 1976 stärkere Kleinkriege mit beiden liefern, sind über den Neuling nicht erfreut, zumal einer davon, der Betreiber von Radio Atlantis, ursprünglich selbst von diesem Berg aus senden wollte, jedoch nicht genügend Kapital für die Installation einer solchen Sendeanlage aufbringen konnte.

Die Piraten werden später den Sender stören und ihre eigenen Programme über das schwache Signal setzen. Die PTT zieht Störsender auch in Betracht, setzt aber außerdem alle Hebel in Bewegung, damit die Italiener den Sender verbieten. Die Schweizer Behörden bieten auf inoffiziellen Kanälen an, sich im Gegenzug für eine Intervention der italienischen Behörden bei Schawinskis Projekt der sich ja wohlweislich eine freie Frequenz gesucht hat, denn er will ja gehört werden nicht über massive Funkstörungen durch andere italienische Sender zu beschweren, die Schweizer Sender stören.

Spion gegen Spion, nein

In dieser Zeit kreiert Roger Schawinski den Namen "Radio 24", weil sein Radio als erstes Schweizer Radio 24 Stunden rund um die Uhr senden soll in jenen Tagen hatten die offiziellen Sender nachts Sendepause. Seiner sollte leider auch öfters tagsüber Sendepause bekommen...

Zwei 25-Kilowatt-UKW-Sender von Collins aus USA sollen 50 Kilowatt über insgesamt 32 Antennenfelder in den Äther jagen. Der Bau geht planmäßig voran, doch Mitte September stellt man fest, dass beim Bau des Sendergebäudes zwar der Platz für die Sender vorgesehen wurde, doch derRaum für Kühlsystem und Dummyload (Kunstantenne) vergessen wurde. Aber der Startermin im November muss eingehalten werden. Das Studio ist im Tal in Como geplant.

Der 50-kW-Sender von Radio 24 auf dem Pizzo Groppera

Trotz etlicher Widrigkeiten geht Radio 24 am 13. November 1979 auf 101,6 MHz auf Sendung. Zunächst nur mit Tonbändern, weil die Funkzuspielverbindung von Como noch nicht funktioniert, ab 28. November dann auch plangemäß live.

Der Empfang ist dagegen nicht plangemäß: Das Signal kommt zu weit nördlich an. Als Ursache stellt sich eine schlechte Kompassmessung heraus, in der die Missweisung des magnetischen Nordpols vergessen wurde: Die Antenne muss um 4° gedreht werden! Das geht natürlich nicht, lässt sich jedoch elektrisch lösen.

Dann gibt es dauernd Störungen durch Radiohörer, die auf 90,9 MHz den stärksten Sender im Raum Zürich hören und deren Empfänger daher 10,7 MHz höher auf 101,6 MHz stört. Man wechselt die Frequenz auf 103,5 MHz.

Tausende demonstrieren gegen die Schließung von Radio 24

Doch alles harmlos gegenüber dem, was folgt: Ein Schließungsbefehl der italienischen Behörden, erwirkt durch die Schweizer PTT, soll Radio 24 bereits einen Monat nach Beginn der Sendungen, am 20. Dezember, wieder zum Schweigen bringen. Später gilt der 4. Januar 1980 als Stichtag.

Nun ruft Schawinski über den Sender zu einer Petition auf. 212.000 Unterschriften sind die Folge. Bei den Politikern bewirkt diese natürlich absolut nichts, aber unter den Hörern entsteht eine bislang unbekannte Solidarität. Am 4. Januar macht niemand im Studio auf, als die italienischen Beamten anrücken, also geht die Sache vor Gericht: Das kann Monate dauern und Radio 24 scheint gerettet.

"Stell Dir vor, die Bullen stehen vor der Tür und keiner macht auf"

Die Schweizer PTT erhöht den Druck auf die Italiener und am 22. Januar 1980 rückt ein Polizeitrupp am Sender an, schweißt die abgesperrte Tür auf, schaltet den Sender aus und versiegelt ihn.

Einige Tage später brechen Freunde des Senders das Siegel und schalten ihn wieder ein. Nach zwei Tagen rückt die Polizei erneut an und zerlegt den Sender. Erst am 20. März, nach zwei Monaten, kann Schawinski die abtransportierten Komponenten wieder abholen. Nach 3 Tagen Reparaturarbeiten Hunderte von Kabeln waren ja zerschnitten worden ist Radio 24 am 23. März 1980 wieder auf Sendung. Ab 19. August sogar in Stereo was die SRG ja mit lokalen Sendern bislang nicht schaffte. Doch am 3. Oktober 1980 kam wieder ein Schließungsbefehl, über den am 18. November entschieden wurde: Wieder soll der Sender geschlossen werden!

Die Hörer belagern den Sender, doch am 25. November, als das Wetter schlecht wird und nur noch 150 Hörer am Sender ausharren, rücken 30 mit Schlagstöcken, Maschinenpistolen und natürlich Schweißbrennern ausgerüstete Polizisten an und schalten ab. Erst Mitte Januar 1981 kann man wieder einschalten. Nun kann Radio 24 ungefähr ein Jahr senden, bis am 21. Januar 1982 wieder abgeschaltet wird. Erst am 4. Mai 1982 wird dann wieder einmal entschieden, dass Radio 24 nach italienischem Recht nicht illegal ist. Die endgültige Entscheidung in Rom fällt allerdings erst 1987!

Bis auf den italienischen Gipfel zur Antenne wandern die Fans, um den Sender vor der Abschaltung zu bewahren

Eine Kuriosität war der von Polo Hofer geschriebene Radio 24-Song, den sogar der Gegenspieler, die SRG, widerwillig spielen musste, weil er es bis auf Platz 2 der Schweizer Hitparade geschafft hatte.

Die Piratensender gab es natürlich immer noch. So gab es am 19. Januar 1982 eine große Jagd auf "Radio Jamaica". Dieser Sender sendete ab 20 Uhr 1 1/2 Stunden vom Berg, doch der war so vereist, dass die PTT-Beamten nicht hinauffahren konnten, keine Lust hatte, zu Fuß im Eis herumzuklettern und lieber warteten, bis die Schwarzfunker herunterkamen. Insgesamt fünf wurden dabei festgenommen, doch wieder freigelassen, da sich kein Sender fand. Nur ein ebenfalls kontrolliertes Taxi wurde von der PTT zeitweise seines Taxifunkgerätes und eines Autotelefons beraubt. Und auch der ja eigentlich legale Sender von Schawinksi wird von einem hoch in zwei Tannen versteckten Umsetzer illegal noch etwas aufgepeppt

Wie in Südtirol waren die direkten Nachbarn von dem flotten Sender nicht so begeistert

Seit 1981 sendet nun auch das deutschsprachige Schweizer Radio DRS rund um die Uhr. Im November 1983 geht Radio 24 schließlich legal in der Schweiz aus Zürich auf Sendung, die alte Sendeanlage in Italien wird an "Radio Sunshine" verkauft. Der neue Besitzer, ein Freund Schawinskis, hat allerdings mit seiner Errungenschaft nicht viel Glück: Schon die Eröffnungssendung platzt, weil das Mischpult im durch Filmlampen überhitzten Studio streikt und mit den neuen Radios vor Ort ist nun auch niemand mehr willens, weiter den schwachen Sender aus den Bergen zu hören.

Auch das öffentlich-rechtliche Schweizer Radio reagiert mit dem Jugendprogramm DRS 3 und 1986 gibt es bei der DRS schließlich Stereo auf allen drei Ketten. Die Schweiz hat dank Radio 24 eine frühe Liberalisierung ihrer Radiolandschaft erlebt, vor Deutschland, Österreich und Frankreich. Radio 24 war dabei kein ausschließlicher Musiksender; für die Berichte von den Jugendunruhen in Zürich wurde er vom Bürgermeister sogar ausdrücklich gelobt und die SRG gescholten.

Der siegreiche Pirat zieht in voller Kostümierung mit seiner Mannschaft in Zürich ein

1985 will Schawinski, als es genug Popsender gibt, unter dem Namen "Radio Opus" einen Klassiksender starten. Dies wird 1986 abgelehnt, weil es von Schawinksi kommt, und dafür mehr Klassik auf DRS 2 gesendet. 1999 zwanzig Jahre nach dem Start von Radio 24 startet bei der DRS das Jugendradio "Virus", da DRS 3 inzwischen in die Jahre gekommen ist. Roger Schawinski startet später auch einen Fernsehsender Tele 24. In der Konjunkturkrise nach 2000 geht dieser jedoch ein und Schawinski verkauft nach nun über 20 Jahren alles, um etwas Neues außerhalb der Medien zu beginnen.

Wie wir heute wissen, blieb er allerdings dann doch den Medien treu und wurde Chef von Sat 1. Dort spricht er natürlich nicht mehr schwyzerisch sondern hochdeutsch, sitzt auch nicht mehr am Mikrofon und lässt sich von seiner in Deutschland eher unbekannten Piratenvergangenheit nichts mehr anmerken. In der Schweiz ist diese dagegen nicht vergessen worden und der Dokumentarfilmer Beat Hirt hat nun mit "Jolly Roger" die wilden Piratenjahre von damals wieder aufleben lassen. Mit "Jolly Roger" ist übrigens nicht Roger Schawinski gemeint, sondern die Piratenflagge und der Film lässt auch die Schweizer Funk-Piraten zu Wort kommen, nicht nur Rogers "Radio 24", auch wenn dieses damals heute kaum mehr vorstellbare Hörermassen bewegen konnte.

In der Schweiz lief der Film auch in den Kinos, wer ihn in Deutschland sehen will, kann direkt beim Produzenten die DVD erwerben. "Jolly Roger" ist in Originalsprache (Schweizerdeutsch), doch versteht man die Handlung bestens. Und Roger zeigt sich darin weit anarchischer und agiler als der vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen gekommene und inzwischen auch mit ergrauten Schläfen und Rauschebart wieder dahin zurück gekehrte Harald Schmidt, der bekanntlich demonstrativ zu Schawinskis Arbeitsbeginn bei Sat 1 diesem die Brocken hinwarf. Was manchen Schmidt-Fan noch Monate später zu merkwürdigen Reaktionen veranlasste:

Wirklich faszinierend, da kommt der Kerl mit verzotteltem grauen Haar und unpassendem Bart auf die Bühne wie ein vergammelter Althippie, der in Goa ein paar Pilze zu viel eingeworfen und die Kurve nicht mehr gekriegt hat und bekommt dafür neun Millionen! DAS ist wahre Grösse, DAS ist wahrer Kommerz. [] Der hätte Sie verklagt, aber Sie hätten sich für ein paar Millionen mit ihm aussergerichtlich geeinigt. DAS hat Klasse! []

Herr Pleitgen, ich bin gespannt, was Sie in 2005 in die ARD bringen. Vielleicht Roger Schawinski? Oder zumindest seinen Kopf?

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19161/1.html
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