"Weniger als ein Tausendstel der Rüstungsausgaben"
Interview mit dem Präsidenten von Conscience International, James E. Jennings, über die Hilfszusagen der US-Regierung für die Opfer der Flutkatastrophe
Drei Tage hatte es gedauert, bis der US-Präsident auf die Flutkatastrophe in Asien reagierte. Während seines Urlaubs erklärte George W. Bush auf seiner Ranch im US-Bundesstaat Texas, Soforthilfe in Höhe von 15 Millionen US-Dollar für die Opfer des Tsunamis freizugeben. Darauf hätte er lieber verzichten sollen. Was der Ankündigung folgte, war ein Sturm der Entrüstung. Der Koordinator der Vereinten Nationen (UN), Jan Egeland, nutzte die knauserige US-Hilfe für eine Generalkritik an den Industrienationen. Diese ließen sich gemeinhin zwar zur Nothilfe motivieren, wenn es aber um langfristige Entwicklungszusammenarbeit gehe, so Egeland, stünden die Taten den Worten nach.
Worte waren vor allem auf dem Millenniumsgipfel der UN gefallen. Damals, im Jahr 2000, hatten sich die wohlhabenderen UN-Mitgliedsstaaten in einer pathetischen Erklärung dazu verpflichtet, die Entwicklungshilfe auf 0,7 Prozent des jeweiligen Bruttosozialproduktes anzuheben. War Egelands Kritik also "sehr töricht und schlecht informiert", wie Bush der Kritik aus dem UN-Hauptsitz in New York entgegnete - bevor er die Hilfe doch noch auf 350 Millionen US-Dollar anhob? Telepolis sprach mit James E. Jennings, den Präsidenten der US-Hilfsorganisation Conscience International.
Herr Jennings, es gab im Verlauf der Hilfsmaßnahmen für die Flutopfer in Asien harsche Kritik an den ersten Reaktionen der US-Regierung. Präsident Bush hat die Klagen mit deutlichen Worten zurückgewiesen. Wer hat recht?
James Jennings: Die Kritiker. Obgleich es sich bei den USA um die wohlhabendste Nation der Welt handelt, stellen viele andere Staaten mehr als ein Prozent ihres Bruttosozialproduktes für Entwicklungshilfe zur Verfügung. Nicht so die USA, denn hier liegt die Quote bei gerade einmal 0,14 Prozent. Also ist es durchaus berechtigt, die reichste Nation, vergleicht man Wohlstand und tatsächliche Hilfszahlungen, als knickerig zu bezeichnen, wie es der ehemalige Präsident James Carter unlängst auch getan hat. Die 350 Millionen US-Dollar, die Bush schließlich zur Verfügung gestellt hat, sind jedoch peinlich, stellt man sie dem aktuellen Rüstungsbudget von 401,7 Milliarden gegenüber. Die US-Hilfe für die Katastrophe in Asien macht also weniger als ein Tausendstel der Ausgaben für das Militär aus.
Der scheidende Außenminister hat diese Hilfe trotzdem als einen wichtigen Beitrag bezeichnet, das Ansehen der USA in der Krisenregion zu verbessern. Was halten Sie von solchen Stellungnahmen?
James Jennings: Leider scheint es bei den Reaktionen der US-Regierung tatsächlich mehr um die Öffentlichkeitswirkung als um die Opfer zu gehen. Als Außenminister Powell diese Stellungnahme abgab, hat er wohl mehr preisgegeben als ihm lieb war. Niemand in der muslimischen Welt wird auf dieses Manöver hereinfallen, denn während auf der einen Seite Hilfe angeboten wird, wurde für die Bombardierung von Muslimen in Irak bereits das Dreihundertfache ausgegeben.
Könnte man also sagen, dass die US-Hilfe auf Regierungsebene als Teil des sogenannten Krieges gegen den Terrorismus betrachtet wird?
James Jennings: In gewisser Weise schon. Politische Analysten aus Militär und dem konservativem Lager haben übereinstimmend ihre Hoffnungen geäußert, dass aus dem derzeitigen humanitären Engagement eine langfristige Verbesserung der Truppenpräsent in Südostasien erwachsen könnte.
Wie spiegelt sich diese Haltung in der Bevölkerung der USA wider? Herrscht Einverständnis mit der Regierung?
James Jennings: Anteilnahme und Hilfsbereitschaft der Menschen sind viel höher. Die Spendensumme ist immens und manche Leute geben für ihre Verhältnisse sehr viel Geld. Wenn man die 200 Millionen US-Dollar Spenden aber mit den 200 Milliarden US-Dollar vergleicht, die bei uns jährlich für Alkohol, Tierfutter und Kosmetik ausgegeben werden, sieht aber auch dieser Betrag wieder recht dünn aus.
Trotzdem wird Kritik an der Haltung der US-Regierung ja auch im Land geäußert.
James Jennings: Natürlich gibt es viele Stimmen, die Bushs Politik kritisch sehen. Fast 60 Millionen Menschen haben noch vor wenigen Wochen bei den Präsidentschaftswahlen gegen Bush gestimmt. Trotzdem überwiegt derzeit die Unterstützung für die Hilfsmaßnahmen der Regierung, weil vielen Menschen das enorme Missverhältnis zu der militärischen Außenpolitik nicht klar ist. Erst wenn dieser Umstand den Menschen bewusst wird, werden sie beginnen, ihre Kritik vorbringen.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19172/1.html- Ergänzung (18.1.2005 12:17)
- Hans Filbinger in Wikipedia (18.1.2005 12:11)
- Freiheit des Kapitals oder Freiheit des Produzierens? (18.1.2005 11:45)
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