Individualitätszumutungen

15.01.2005

(Über)Leben in der vernetzten Weltgesellschaft

Die Beantwortung der Frage: "In welcher Gesellschaft leben wir?", ist alles andere als leicht und einfach. Das zeigt bereits ein kleiner Streifzug durch diverse Beschreibungsversuche, die Soziologen in den letzten Jahrzehnten diesseits und jenseits des Atlantiks unternommen haben, um die Lebensverhältnisse, Arbeitsstrukturen und Kommunikationsbeziehungen der modernen Gesellschaft auf den Begriff zu bringen.

Ach Bartleby! Ach Menschheit!

Immaterialität und Weltgesellschaft

Schon Ende der 1960er Jahre, als Studenten in Berkeley, Paris und Berlin das Humanum auf die Straße tragen und Philosophen (J. Derrida) wie Historiker (M. Foucault) ungerührt von dem Lärm, der vom Straßenkampf und Barrikadenbau in ihre Pariser Büros dringen, das baldige "Ende des Menschen" verkünden, prägen Alain Touraine und Daniel Bell unabhängig voneinander den Begriff der "nachindustriellen Gesellschaft". Im Prinzip meint dieser Terminus nur, was dreißig Jahre später in viel blumigeren Worten die Magna Carta for the Knowledge Age formulieren wird: dass nämlich die "Kräfte des Geistes" über die "rohe Macht der Dinge" siegen werden.

Nahezu zeitgleich schlägt Niklas Luhmann vor, die weltweite Vernetzung und wachsende Verdichtung von Marken, Medien und Kapital, gemeinhin als "Globalisierung" im Umlauf, im Begriff der "Weltgesellschaft" zusammenzufassen. Danach habe die spezifisch westliche Form der funktionalen Differenzierung, die Ausdifferenzierung der Gesellschaft in autonome Teilsysteme wie Wirtschaft, Politik und Kunst, längst Weltmaßstab erreicht. Im Prinzip gäbe es auf dem Globus keine abgeschotteten Räume, Märkte und Horizonte mehr. Wirtschaft und Politik, Rechtssprechung und Wissensproduktion seien in globale Kontexte eingebettet. Fortan könne keine Region, Firma oder Nation mehr ignorieren, dass es anderswo auf der Welt politische, wirtschaftliche oder sonstige Kommunikationen gäbe. Die Grenzen zwischen sozialen Organisationen verliefen nicht mehr ethnisch, national oder staatlich, sondern entlang sozialer Anschlusskommunikationen, die Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Recht nach Maßgabe leistungsspezifischer Codes (Macht, Geld, Wahrheit ...) verarbeiteten.

Blieb das, was sich früher am Horn von Afrika, in Bhutan oder auf Lombok ereignete, eine Epidemie, Naturkatastrophe oder Hungersnot etwa, für den Rest der Welt folgenlos, weil die Grenzen der davon betroffenen Gemeinschaft mit den Grenzen ihres Siedlungsgebietes zusammenfielen, verhalte sich dies inzwischen diametral anders. Schuld daran sei die weltweite Vernetzung durch Funk, TV und Internet, die dafür sorge, dass sofort und in Echtzeit darüber berichtet wird. So kann der Ausbruch eines Grippevirus in einer südchinesischen Straßenküche, der Fund von Massenvernichtungswaffen im Iran oder ein verheerendes Selbstmordbombing in einer europäischen Metropole binnen Sekundenfrist ein mittleres politisches, wirtschaftliches oder mediales Erdbeben auslösen, das Aktien und Kurse in den Keller sausen lässt und Nationale Sicherheitsräte und/oder das Militär in Alarmzustände versetzt.

Haben sich die USA nach Ende des Kalten Krieges auch binnen einer Dekade zur "alleinigen Supermacht" gemausert, die versucht, ein Out of Control der Weltgesellschaft, im Greater Middle East, im "Eurasischen Balkan", im Nordosten Asiens oder anderswo, durch politische Erpressung und Einschüchterung, Ad-hoc-Koalitionen und militärische Präemptiv Strikes zu verhindern - für Systemsoziologen ist unstrittig, dass diese Weltgesellschaft ein organisierendes Zentrum besitzt, von der aus sie gelenkt, gesteuert oder beobachtet werden könnte. Laut Luhmann muss die globale Gesellschaft ohne Zentralagentur oder Steuerungszentrale auskommen. Allein die "Gleichzeitigkeit aller Operationen und Ereignisse" verhindert, dass weder die Politik oder die Wirtschaft, noch die Wissenschaft oder die Religion die Weltgesellschaft steuern können, eine Ansicht, die sowohl von linken Globalisierungskritikern wie Michael Hardt und Antonio Negri in "Empire" als auch vom ehemaligen Clinton Berater Joseph S. Nye in "Das Paradox der amerikanischen Macht" geteilt wird.

Sicherlich sind Organisationen und Personen in der Lage, Einfluss auf andere Organisationen und Personen zu nehmen. Wie man am Beispiel des Irak leicht erkennen kann, lassen sich die Folgen dieser Einflussnahmen aber nicht mehr kausal kontrollieren. Weder durch Krieg noch durch gewaltsame Eroberungen. Auch die forschesten Unilateralisten und Autokraten müssen erfahren, dass Peace-Keeping, Nation-building und Demokratisierung nicht im Hauruck- oder Haudrauf-Verfahren zu erreichen sind. Am asymmetrischen Krieg im Zweistromland, aber auch an Otto Schilys jüngst gescheiterten Versuch, das gesamte BKA von Wiesbaden und Bonn nach Berlin zu verlegen, wird deutlich, dass allenfalls von "Möglichkeitsfeldern" gesprochen werden kann, von Formen der Anleitung und Führung also, die bestimmte Verhaltensweisen eher wahrscheinlich und andere vielleicht unwahrscheinlich machen.

Weitere Gesellschaftstypologien

Mittlerweile ist eine Unzahl weiterer Bindestrich-Typologien hinzugekommen, die sich mitunter ergänzen, aber auch häufig widersprechen oder gar Gegenentwürfe zueinander bilden. Je nach Forschungsparadigma, Perspektive oder Geschmack des jeweiligen Beobachters greifen sie einen bestimmten Teilaspekt der modernen Gesellschaft heraus, den sie zum Ganzen oder zur Sache selbst aufspreizen.

Da ist zum einen das an Kants universale Gelehrtenrepublik unmittelbar anschließende Apriori einer "universellen Kommunikationsgesellschaft" (Jürgen Habermas), in der sich abermals Wille und Vorstellung eines sich selbst transparenten Ichs äußert, zwischenstaatliche Konflikte, Dissonanzen und sozial-kulturelle Anerkennungskämpfe friedlich-schiedlich im gegenseitigen Einvernehmen zu lösen. Mit der Defense Planning Guidance von Paul Wolfowitz von 1992, dem Beginn des weltweiten Kriegs gegen den Terrorismus und der Nationalen Sicherheitsstrategie von 2002, die Präsident Bush im Irak-Krieg zum ersten Mal gegen die Stimmen und den Willen des UN-Sicherheitsrates praktiziert hat, ist die Verwirklichung dieses weltgesellschaftlichen Traums eines weltpolitischen Systems, das aus gleichrangigen und gleichwertigen Staaten und Nationen besteht, jedoch in weite Ferne gerückt.

Da ist zum anderen das Modell der "Disziplinar- und Kontrollgesellschaft" (Michel Foucault) die Macht, Herrschaft und Gefolgschaft nicht mehr auf äußere oder sichtbare Repressionen gründet, sondern sie längst in raffinierten Medientechnologien verortet, in Smart Cards, Biometrie oder RFID-Chips zum Beispiel, die Gewohnheiten, Neigungen und Vorlieben der Bürger ausspähen, Kundenkarteien, Versicherungsdaten oder Nutzerprofile anlegen und den Zugang zu prekären Orten oder Lokalitäten regeln, oder auch in Sozialpraktiken, die auf informelle Verfahren des Lernens und der Einsicht, der Zustimmung und des Einverständnisses setzen.

Nach Tschernobyl und der Entdeckung des Nachhaltigkeitsprinzips einerseits, der Einführung des Privatfernsehens und der Pluralisierung der Mediensysteme andererseits haben weitere Kollektivsingulare wie "Erlebnisgesellschaft" (Gerhard Schulze), "Spaß-" und "Erregungsgesellschaft" (Peter Sloderdijk) oder "Risikogesellschaft" (Ulrich Beck) den ohnehin reichlich gefüllten Pool an gesellschaftstheoretischer Typenbildung nochmals erweitert. Hier mischen sich sehr häufig diverse Einzelbeobachtungen: getürkte Botschaften mit seriösen Daten etwa (siehe Irak-Feldzug), Spindoctoring mit Blairscher Ökologie, humanitäre Intervention mit Krisenreaktionskräften.

Anders als die weiter oben genannten Typologien fallen deren Halbwerts- oder Verfallszeiten deutlich geringer aus, was aber nicht verhindert hat, dass ihre Erfinder Lehrstühle erobert haben und zu Shootingstars der hiesigen Feuilletons geworden sind. In loser Folge geben sie seitdem Auskunft über den aktuellen Stand des "Kosmopolitismus", die "Antiquiertheit der Geisteswissenschaften" oder die "Regeln des Menschenparks".

Im steten Wandel

Spätestens mit dem Siegeszug und der verstärkten Nutzung von Digitalrechnern, Programmen und Netzwerktechnologien in Betrieben, Büros und Haushalten macht das Schlagwort von der "postmodernen Wissens- oder Informationsgesellschaft" die Runde. Sie verdankt ihre Entstehung vor allem einer historisch bislang einmaligen Verschlankung, Automatisierung und Optimierung von Produktionsvorgängen und Wertschöpfungsketten, von Vertriebskanälen und Verwaltungsabläufen. Dadurch verändern sich nicht nur traditionelle Geschäftsmodelle, Arbeitsverhältnisse und Kommunikationsbeziehungen zwischen Firmen, Verbänden und Personen von Grund auf, sie verlangen auch von Mitarbeitern, Geschäftspartnern und Kunden ein Höchstmaß an Flexibilität, Mobilität und Nonstop-Engagement für den Betrieb, die Firma oder die Behörde ab, das sie zu lebenslangem Um- und Neulernen zwingt, zur Schnelllebigkeit privater Beziehungen ebenso wie zur Kurzfristigkeit in der sozialen Lebensplanung oder rationalen Abschätzung von Lebensrisiken.

Hinzu kommt, dass die Erzeugung von, der Handel mit und der proprietäre Besitz von Daten, Patenten und Programmen, aber auch die Jagd nach Talenten, Fähigkeiten und Kompetenzen ("Humankapital"), die in der Lage sind, solches Wissen zu erzeugen, zu verteilen und zu kommunizieren, zu den wichtigsten Trägern des sozialen Fortschritts im 21. Jahrhundert werden, weil Hard Power (ökonomische Potenz, politische Macht) und Soft Power (kulturelle Bedeutung) eines Staates, einer Firma oder eines Vereins künftig fundamental von der Gewinnung, Speicherung und Verarbeitung von Information und Wissen abhängen.

Seit dem Mauerfall, dem Sturz des Kommunismus und der raschen Erweiterung von EU und Nato nach Osten, wird diese "Nonstop-Gesellschaft" flankiert von "Transformationsprozessen", die den schwierigen Umstellungsprozess von staatssozialistischer Bürokratie auf riskante Unternehmensentscheidungen in den Blick nimmt, den beispielsweise die GUS-Staaten gegenwärtig durchmachen. Dass im weltweiten Ringen um Investitionen, Köpfe und Kapital, den die die wohlhabenden Staaten des Westens jetzt mit den aufholenden Staaten des Ostens teilen, Sozialsysteme geschliffen, Ansprüche des Einzelnen an den Staat gesenkt und Vorsorge und Eigenleistung für Arbeitslosigkeit, Gesundheit und Alter größer werden, ist Ausdruck und Teil dieser "Transformationsgesellschaft".

Mit der Öffnung von Märkten, Räumen und Horizonten hat nämlich ein Austauschprozess zwischen den Systemen eingesetzt, der nach Art kommunizierender Röhren verläuft und an dessen möglichen Ende vermutlich eine regionale Angleichung zwischen Ost und West, Arm und Reich, Staatsbürokratismus und freiem Unternehmertum stehen könnte.

Deutschland, an der Nahtstelle dieses Austausches geopolitisch und geographisch positioniert, trifft dieses weltweite Ringen um niedrige Steuersätze, billige Arbeitskräfte und höhere Produktivraten besonders hart. Einst im Schatten von Pershing-Raketen und Posthistoire zu allgemeinem Wohlstand und sozialer Rundumversorgung gekommen, muss das Land jetzt die politischen Folgen einer wirtschaftlich verfehlten, desaströs vollzogenen und auf ganzer Linie gescheiterten Wiedervereinigung verkraften, während parallel dazu die rheinische Variante des Kapitalismus unter der Feuerkraft und Cash-Flows des räuberischen Turbokapitalismus zu stöhnen und zu ächzen beginnen.

Die Agenda 2010, den die rotgrüne Regierung auf den Weg gebracht hat, läutet den Anfang einer sozialen Abwärtsspirale nur ein. Sie wird vor allem die Mittelschichten dieses Landes treffen, Facharbeiter, mittlere Beamte und Angestellte. Von Sozialrentnern und Alten, Obdachlosen und der exponentiell steigenden Zahl von Jugendlichen ganz zu schweigen, die Trash-TV geschädigt oder wegen zerrütteter Familienverhältnisse bildungsunfähig und unbeschulbar sind. Obzwar diese Spirale erst ihre erste Umdrehung hinter sich hat, ist das Wehgeschrei, das von Lobbyisten, Standesvertretern oder den Massenmedien angestimmt oder an den Quatschabenden bei Frau Christiansen oder Maybrit Illner allwöchentlich inszeniert wird, jetzt schon riesengroß. Durch die EU-Osterweiterung, den Zustrom billiger Arbeitskräfte und die Verlagerung ganzer Arbeits- und Produktionsmodule in Steuerparadiese oder Billiglohnländer, wird sie aber erst richtig Fahrt aufnehmen.

Austreibung des Menschen

Mittlerweile scheinen sich Soziologen und andere Beobachter auf "Mischformen" verständigt zu haben. Sprechen die einen von "postindustrieller Wissensgesellschaft", bevorzugen die anderen lieber die Rede von der "globalen Netzwerkgesellschaft" oder "vernetzten Weltgesellschaft". Trotz unterschiedlicher Zurechnung und Verortung der sozialen Evolution, auf Wissen/Macht-Komplexe (M. Foucault), auf autonom operierende Leistungssysteme (N. Luhmann) oder mediale Aufschreibesysteme (F. Kittler), haben alle diese Modelle doch zwei Merkmale gemeinsam:

1) Alle diese Termini und Beschreibungsversuche haben ihren Ursprung in der Kybernetik (siehe Schautafel 2). Sowohl für Machtanalytiker als auch für Systemsoziologen oder Medienwissenschaftler bildet sie den epistemologischen Ort, von dem aus die schöne neue Welt beobachtet und analysiert werden kann (Kommunikation - Medien - Macht).

Kybernetik, die Kunst der Steuerung und Lenkung komplexer Ereignisse und Prozesse, bezieht sich dabei auf ein systemisches Wissen, das auf der Logik von Selbstorganisation, Vernetzung und Rückkopplung beruht und in aller Regel zu ganz spezifischen Subjektivierungsformen führt. Noch während des zweiten Weltkrieges hatte Norbert Wiener sowie Claude Elwood Shannon auf den Zusammenhang von Information, Kommunikation und Kontrolle hingewiesen. Vor allem Norbert Wiener machte deutlich, dass die Arbeits-, Verhaltens und Bewegungsweisen von organischen und anorganischen Maschinen völlig parallel verlaufen (Anthropologie und Kybernetik, oder) und mithilfe von Differentialgleichungen und Kalkülen, von statistischen Häufigkeitstabellen und anderen algorithmischen Verfahren berechnet und vorausgesagt werden können (Kommunikation ohne Menschen).

Mit dem Aufstieg der Kybernetik zur neuen Leitwissenschaft geht seither eine Verschiebung des Taylorismus und Fordismus, die einen zentralistischen Top-Down Umgang mit Bürgern, Kunden, Mitarbeitern und Untertanen pflegen, zu Prozessen symbolischer Kontrolle und Bottom-up Verfahren einher. Statt der exakten Messung von Zeiteinheiten, der minutiösen Zerlegung von Arbeitsschritten und Bewegungsabläufen im Produktionsprozess rücken komplexe, nicht-lineare Prozesse in den Mittelpunkt, um der Kontingenz, Offenheit und Vernetzung von Maschinen, Medien und Menschen Rechnung tragen und sie zu schlagkräftigen Verbänden und variablen Systemen zu formen.

Lernen bzw. die Lernfähigkeit von Individuen und Organisationen, von Personen und Regierungen, Unternehmen und Verwaltungen avancieren dabei zum zentralen Modus und Inhalt gesteuerter Entwicklung, wobei Lernen nur eine andere oder weitere Form der Rückkopplung darstellt, die aber, um zur Information logisch höheren Typs zu werden und eine Optimierung der Leistung zu erreichen, den verstärkten Einsatz so genannter "intellektueller Technologie" (Soft Skills) wie Zielorientierung, Projektarbeit, Teamwork verlangt.

Es ist gewiss kein Zufall, dass Selbststeuerung, die im Begriff der Steuerung, Regelung oder Lenkung mitschwingt, mit der pädagogischen Formel der "Selbsttätigkeit" kompatibel ist. Und es ist auch kein Zufall, dass Klosterschwestern-Pädagogik (Montessori) und Freiarbeit, die Autonomisierung von Schulen und Universitäten auch gegen den jahrelang erklärten Willen der Kultusbehörden in überbürokratisierte Klassenzimmer und Seminarräume Einzug gehalten haben und Kultusministerkonferenzen sich von Monitoring und Bildungsstandards, von Vergleichstest und Evaluation, von Frühförderung und Kundenorientierung die Lösung aller Bildungs- und Erziehungsprobleme erwarten, die PISA und TIMSS aufgezeigt haben (Der PISA-Schock).

Die Selbstentwicklung oder "innere Führung" der Subjekte, inzwischen gern und liebevoll mit Empowerment umschrieben, stellt längst einen zentralen Topos der Erziehungs- und Bildungstheorie dar. Sie spielt in lernenden Unternehmen eine ebenso tragende und wichtige Rolle wie in staatlichen Bildungseinrichtungen und Sozialfürsorgestationen. Im Prinzip der "Selbstermächtigung" verdichtet sich die systemische Logik der Selbstorganisation auf wunderbare Weise und führt zu einer besonderen Art regulierter Freiheit oder kontrollierter Autonomie.

Nicht umsonst ist seit den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts eine Expansion pädagogischer Praktiken in die unterschiedlichsten Bereiche der Gesellschaft zu beobachten, die mit dem Stichwort der "Psychologisierung" und/oder "Pädagogisierung" des Alltags und des Lebens wirkungsvoll umschrieben wird (Bildung als Selbstbetrug) und insgeheim eine Ausweitung des Schul- oder Arbeitstages (Ganztagsschulen, Betreuung, Schulurlaub, Frühförderung, Samstagsunterricht) auf den Nachmittag, auf die Wochenenden und Feiertage zum Ziel hat (Schufte und verzichte - für das deutsche Vaterland), eine Tendenz, die seinerzeit schon Karl Marx hellsichtig im Übergang von der "formellen" zur "reellen Subsumtion" beschrieben hat.

In "postheroischen Unternehmenskulturen" (Dirk Baecker) mit ihren schlanken Unternehmen, flachen Hierarchien und kurzen Wegen zum Projektleiter sind diese (Erziehungs)Ziele, für die Pädagogen noch die geeigneten Unterrichtsformen suchen, bereits realisiert. Längst sind Begriffe wie "lebendige Subjektivität" und der kompetente Mitarbeiter der Dotcom-Kultur in die Old Economy eingewandert und "Zielvereinbarungen" an die Stelle starrer Arbeitszeiten und Arbeitsverträge getreten. Sie haben sich den "neuen Geist des Kapitalismus" zueigen gemacht, der den mobilen und flexiblen Charakter fordert, auf Kreativität und Eigeninitiative der Akteure setzt und sich aus den Parolen "Teamarbeit", "Kompetenz" und "Innovation" zusammensetzt.

In diesen projektbasierten Organisationen genießen vor allem jene Personen hohe Wertigkeit, die in der Lage sind, sich ständig mit großer Flexibilität und unter hohem persönlichem Engagement auf neue Projekte einzulassen. Gefragt sind neben Netzwerkkompetenzen, sicherem Umgang mit Informationsquellen und kommunikativen Fähigkeiten, auch ein hohes Maß an Autonomie sowie die Bereitschaft, andere an einem Projekt beteiligte Mitarbeiter zu motivieren. Weitgehend wurzellos, mobil und vielfältig einsetzbar, muss dieser Mitarbeiter in der Lage sein, ständig neue Beziehungen zu knüpfen und zu etablieren.

Alle diese Typologien zeigen, dass der Mensch, als Autor, Urheber und Held, der Geschichte macht und die Welt mit seinen Taten nach seinem Ebenbilde formt, abgedankt hat. Nicht nur aus der Gesellschaft, aus Wirtschaft, Politik und Kunst ist er vertrieben, auch für die Dynamik und Entwicklung von Medien, Technologien und ihren Programmen spielt er keine Rolle mehr. Für deren Selbstlauf und Selbsterhalt, für ihr Funktionieren und die soziale Evolution ist der Mensch als Macher unerheblich geworden. Höchstens als soziale Adresse, als Kunde, Wähler oder User, als Risikofaktor, zu Motivierender, Normalisierender oder zu Kontrollierender, oder auch als Ausschlachtungsobjekt und Träger wertvoller Organe kommt er noch in Betracht. Während Gesellschaft sich durch Kommunikationen reproduziert, Unternehmen, Staaten und Parteien sich an Umfragen, Marktanalysen und Programmcodes orientieren, läuft im Medienverbund längst das absolute Wissen als Endlosschleife.

Die Aufregung, die darüber in Teilen der Gesellschaft entstanden ist, beruht jedoch auf einem groben Missverständnis. Weder Systemsoziologen noch Hardwarewissenschaftler wollen den Menschen abgeschafft wissen. Ihnen geht es eher um eine strikte Trennung von Beobachtungsebenen, von Technik, Kommunikation und Wahrnehmung oder von Maschine, Programm und Körper, mithin darum, dem Menschen einen angenehmeren Ort in der modernen Gesellschaft zu sichern.

Wie jedoch dieser Platz, der den Menschen von Erwartungen, Forderungen und Zumutungen entlastet und freispricht, die ihm Aufklärung und Humanismus einst zugewiesen haben, zu bewerten ist, ist allerdings heftig umstritten. Bezeichnet Luhmann den Freiraum, den die funktional differenzierte Gesellschaft dem Menschen lässt, als "Individualitätszumutung" (Niklas Luhmann) deutet der Neoliberalismus diese Lücke im System in "Eigenvorsorge" und "Selbstverantwortung" um, während Michel Foucault in "Selbstführung", "Selbstregierung" und "Selbstmanagement" Chancen für das Individuum erkennt, sich mithilfe bestimmter Selbsttechniken mehr um sich als um die Welt kümmern zu können.

Die gut verpasste Emanzipation

Allein die Vielzahl und Werthaltigkeit der verwendeten Begriffe beweist, dass Kritik und Selbstkritik zum integralen Bestandteil gesellschaftlicher Modernisierung geworden ist. Sie, die Abweichung von der Norm propagieren, werden dadurch selbst zur Norm. So auch die Beobachtungen von Ulrich Bröckling im instruktiven "Glossar der Gegenwart" (edition suhrkamp), das er zusammen mit Susanne Krasmann und Thomas Lemke herausgegeben hat.

Konzepte wie Aktivierung und Empowerment, Partizipation und Flexibilität, deren Wurzeln auf die Kämpfe sozialer Emanzipationsbewegungen zurückweisen, haben sich in institutionelle Anforderungen und normative Erwartungen verwandelt. Subversion und Dissidenz sind inzwischen zur Produktivkraft geworden. Es scheint, als müssten die Menschen nicht mehr diszipliniert werden, sondern würden sich durch die ihnen auferlegten institutionellen Arrangements hindurch selbst realisieren; als müssten sie nicht angeleitet werden, sondern würden sich selbst mobilisieren. Zugleich verweisen Konzepte wie Lebenslanges Lernen, Prävention oder die allgegenwärtigen Evaluationen darauf, dass Beobachtung, Überwachung und Kontrolle allgegenwärtig und Selbstoptimierung unabschließbar geworden sind.

Welche Individualitätszumutungen diese intellektuellen Technologien den Einzelnen abverlangen, welchen Ambivalenzen und paradoxen Anforderungen sie ihn aussetzen, welche Zwänge und Sanktionen sie ihm auferlegen, aber auch welche "Freiheitsspielräume" sie ihm schließlich eröffnen, haben in den letzten Jahren diverse soziologische Studien und Analysen zu ergründen versucht (einen begrifflichen Einblick über diesen "neuen Diskurs" des "Selbstmanagements" bietet das Schaubild oben). Sie reichen vom Freelancer, Lonesome Eagle und Ich-AG, der sein Leben als Marke, Unternehmen oder Manager seiner selbst begreift, und sich wie einst in sozialen Initiativen selbst ausbeutet, selbst verschwendet (G. Bataille) oder für die Sache just in time selbst aufopfert, über den Loser, der heimatverbunden, verwurzelt und unbeweglich zu Hause auf staatliche Garantien und Fürsorgeleistungen wartet, bis hin zum intelligenten Verweigerer, der nach außen Interesse, Motivation und Aktivität heuchelt, sich aber längst in die innere Emigration verabschiedet hat. Dieser zuletzt genannte Typus, erinnert nicht zufällig an Nietzsches "letzten Menschen", jenen Menschen also, der sich lieber an der Zunahme des Nichts an Willen als an dem Willen zum Nichts orientiert.

Lieber will der Mensch noch das Nichts wollen, als nicht wollen.

Ich würde lieber nicht

Den Prototyp dieses unscheinbaren Totalverweigerers, Müßiggangsters und Zeitgauners, der sich mehr an Paul Lafargues "Recht auf Faulheit" als am gewerkschaftlich geforderten "Recht auf Arbeit" orientiert, hat vor über hundert Jahren Herman Melville im Schreiber "Bartleby" vorgestellt. In der Geschichte, die in der New Yorker Geschäftswelt um die Mitte des 19. Jahrhunderts spielt, wird ein seltsamer, etwas rätselhafter Mann in einer Kanzlei als Kopist eingestellt.

Während Bartleby, so der Name dieses Mannes, zunächst durch große Zurückhaltung und Schweigsamkeit auffällt, geht er mehr und mehr dazu über, die Ausführung bestimmter Tätigkeiten mit dem Satz: "I would not prefer to" (Ich würde vorziehen, es lieber nicht zu tun) abzulehnen. Diese Formel verwendet der Kanzlei-Angestellte immer dann, wenn ihm fremde oder unliebsame Aufgaben übertragen werden. Nach einiger Zeit sagt er nur noch diesen Satz. Er weigert sich zwar nicht, bestimmte Tätigkeiten auszuführen, er sagt aber auch nicht ja und treibt damit seinen philanthropen Chef, Prototyp jener sozialintegrativen Teamleiters, der nichts mehr als die Macht der mediatisierten Öffentlichkeit fürchtet, schließlich zur Verzweiflung. "Nichts", schreibt Herman Melville, "ärgert einen Menschen so sehr wie passiver Widerstand."

Mit dieser Kunstfigur des "Durchschnittsmenschen", der in täglicher Routine und im Alltagstrott erstarrt, weil er keine Aussicht auf Veränderung spürt, haben wir eine listige Gegenfigur zu den "Arbeitstieren" der New Economy, die rund um die Uhr (wie Tatort-Kommissare) ermitteln oder ständig standby-Bereitschaft signalisieren und mit ihrer aktiven Teilnahme, Kreativität und positive Einstellung alle anderen Mitarbeiter mitreißen. Während Kathrin Röggla jenem 24-7-Typen in dem Buch: "wir schlafen nicht" vor nicht allzu langer Zeit zu einigem literarischen Ruhm verholfen hat, irritiert und verstört dieser in seiner gespielten Interessiertheit alle auf Mobilität und Flexibilität geeichte Mitarbeiter und Aufsteiger im Büro. Desinteressiert wie er ist, bringt er sich weder ein noch engagiert er sich, sondern tut gerade so viel, um nicht entlassen zu werden.

Mag der Kanzleischreiber auch eher dem verbeamteten Angestellten als dem selbst disziplinierten, an Zielvereinbarung orientierten Mitarbeiter gleichen, so scheint diese Figur für das Überleben in der modernen Gesellschaft, brandaktuell zu sein. Vor allem dann, wenn man darunter das Bewahren bestimmter individueller Eigenheiten versteht. So wie Bartleby Einstellung und Lebensstil zur kritischen Waffe umformt, unterlaufen Mikro-Sklaven, Angestellte und Beamten mit nichtrationalem Handeln oder simplem Nichtstun die Tendenz zu Präsenzzeiten, Mehrarbeit und Lohndumping.

Nimmt man Umfragen der Wirtschaft ernst, so sind diese Männer und Frauen ohne Eigenschaften im steten Zunehmen begriffen. Wie die sprichwörtliche Made im Speck machen sie in Unternehmen oder Behörden Dienst nach Vorschrift. Sie vermeiden es, durch unbedachte Äußerungen, Stellungnahmen oder Kommentare unangenehm aufzufallen. Entweder halten sie den Kopf unten und geben keine Widerworte, oder sie stimmen mit der Mehrheit und verrichten ihre Arbeit dem äußeren Anschein nach zufriedenstellend. Statt ständig die Zielvorgaben und Planzeiten des Projektleiters zu unterbieten, denken sie während der Bürozeiten nur an Femme Fatales, an Workout-Partys oder Sex in the City. Eifer entwickeln sie in der Regel nur, wenn der Chef im Großraumbüro auftaucht oder sie den Atem der verantwortlichen Führungskraft im Genick spüren. Ansonsten träumen sie wie einst der Siebenschläfer Pietzke in Janoschs Buch "Traumstunde" immer nur vom Schlafen oder vom Fliegen.

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