"Real fake Intel Chips"

Wolf-Dieter Roth 25.01.2005

Es muss nicht immer Rolex sein

Fälschungen gibt es nicht nur bei Bildern oder Uhren, sondern auch bei elektronischen Bauelementen. Die Folgen sind jedoch weit schlimmer: von stundenlanger Fehlersuche über die Zerstörung damit ausgerüsteter Geräte bis zum Schaden für Menschen und Maschinen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

"Real fake Rolex watches" bekommt man in Hongkong an jeder Straßenecke und mit derselben Penetranz auch täglich dutzendweise in der E-Mail. Ärgerlich, wenn man einen Provider hat, der Spam nur anhand der ebenfalls gefälschten und daher ständig wechselnden Absenderadresse aussortieren kann, aber immerhin weiß man hier von vornherein, dass es sich um Imitate handelt, die noch nicht einmal das dafür verlangte Geld wert sind.

Gefährlicher sind Fälschungen bei Maschinenteilen, bei Automobil- oder gar Flugzeugkomponenten. Hier stellt sich meist erst dann heraus, dass es sich nicht um Originalteile handelt, wenn die Komponente versagt und dabei teure Folgekosten verursacht, wenn eine Maschine versagt und dabei weitere Dinge beschädigt oder gar Menschenleben gefährdet.

Doch auch die kleinsten und modernsten Bauteile sind inzwischen Opfer von Fälschern: Ob Kondensatoren, Leistungstransistoren, CPU oder Speicherchip, kein Elektronik-Bauteil ist vor Fälschern sicher, sofern es mehr als einen Cent kostet. Bekannt ist der Ärger mit frisierten Intel- oder AMD-Prozessoren Ist der teure Pentium-Chip in Wirklichkeit gar nur ein leeres Gehäuse, so ist dies zwar ärgerlich und kann eine langwierige Fehlersuche auslösen; weit gefährlicher sind jedoch scheinbar funktionierende Bauteile unzureichender Qualität, wie eben übertaktete und jenseits der Spezifikationen betriebene Prozessoren, aber auch andere Bauteile, die nicht halten, was sie versprechen.

Drei Leistungstransistoren mit verschiedenem Innenleben (Bild

Hier finden sich beispielsweise Transistoren, die für Funkgeräte hochfrequenztauglich sein sollen, doch in Wirklichkeit gerade einmal Audiofrequenzen schaffen. Das Funkgerät funktioniert prompt nicht, obwohl sich der Transistor beim Nachmessen mit Gleichstrom normal zu verhalten scheint. Noch "beliebter" sind Leistungstransistoren, in deren großen Gehäuse nur ein viel zu kleiner, billigerer Chip eines Kleinsignaltransistors montiert ist. Dieser schafft es so zwar durch die Funktionskontrolle; wird er aber später wie vorgesehen belastet, schmilzt er durch und verursacht einen Kurzschluss. Die Folgen: verrückt spielende Maschinen, explodierende Verstärker, Verletzungen, Brände. Ähnliche Folgen haben gefälschte Kondensatoren mit unzureichender Kapazität oder Spannungsfestigkeit.

Die Gefahr, solche mangelhaften Bauteile angedreht zu bekommen, besteht zunächst einmal, wenn Ersatzteile für Reparaturen eingebaut werden oder beim Selbstbau von Elektronikgeräten, da ganze Großserien versagender Elektronik üblicherweise schnell auffallen. Doch manchmal sind die gefälschten Bauteile zunächst monatelang funktionsfähig und melden sich erst später zu Wort. So fielen im Jahr 2002 Zehntausende Computer-Motherboards höherer Qualität von Abit, IBM, Asus, Gigabyte und anderen Markenherstellern aus, weil Elektrolytkondensatoren nach einigen Wochen bis Monaten leckten und ihren ätzenden Inhalt über das Board verteilten. Auch der legendäre "Yammi" verstarb reihenweise an solchen Kondensatoren im Netzteil.

Ursache war, dass ein Wissenschaftler im Dienst eines taiwanesischen Herstellers die Rezeptur eines japanischen Herstellers gestohlen hatte und der Taiwanese so die speziellen, besonders stark belastbaren Elkos nachbauen konnte. Doch war die geklaute Formel unvollständig und führte unter Belastung zur Wasserstofferzeugung in den Kondensatoren mit deren folgender Explosion.

Explosive Fälscherware

Quellen der mangelhaften Elektronik sind nicht anders als bei den falschen Rolex-Uhren China, Taiwan und Hongkong. Firmen, die ihre Elektronik zwecks Kostenersparnis in diesen Ländern fertigen lassen, laufen dabei größere Gefahr, dass solche Bauteile in ihren Geräten landen, doch ausschließen lässt sich dies auch durch eine Fertigung in Europa nicht, sobald man die Bauteile nicht direkt beim Hersteller bezieht was nur Großkunden können sondern über einen Distributor, einen Chipbroker oder gar bei Ebay. Nur manchmal entdeckt der richtige Hersteller die Fälscher, weil sein Umsatz plötzlich massiv einbricht.

"Die Mehrzahl gefälschter Produkte kommt aus China, so Andrea Klein, CEO des unabhängigen Distributors Rand Technology. Joseph Frederico, Präsident des Testlabors "New Jersey Microelectronics Inc." berichtet: Die meisten Produkte, die wir aus Fernost testen, halten nicht die Herstellerspecs ein. Vor drei Wochen öffnete ich ein Bauteil, das ein Cypress-Halbleiterbaustein sein sollte und fand darin einen Motorola-Chip", so Frederico.

Und das ist schon mehr, als manch anderer findet Stephanie Martin von Sparton Electronics aus Jackson, Michigan, USA war heilfroh, ein abgekündigtes Bauteil ein Linear Technology-Chip LT1040DSW in 100 Stück für je 8,96 $ aufgetrieben zu haben, obwohl der Chip einst nur ein Drittel soviel gekostet hatte. Doch dann musste sie feststellen, dass die 100 vermeintlichen Chips nur Leergehäuse ohne Innenleben darstellten.

Dabei schaden sich diese Länder oft genug auch selbst. So fielen chinesische Consumer-Elektronik-Geräte reihenweise durch vermeintlich taiwanesische defekte Chips aus, deren Hersteller der chinesische Produzent prompt verklagte, doch stellten sich diese Chips bei genauerer Untersuchung als chinesische Fälschungen heraus.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19190/1.html
Kommentare lesen (41 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS