Eine trügerische Ruhe
Lauert eine stille, aber tödliche Gefahr unter dem Boden Europas?
Wenn sich eine derart große Katastrophe wie in Südostasien ereignet, ist es nur natürlich, wenn man die Möglichkeiten abwägt, ob ein solchen Unglück auch in der eigenen Region geschehen könnte. Oft übertönen jedoch die Weltuntergangspropheten die gemäßigteren Stimmen aus der Wissenschaft, was manchmal auch zum Nachteil der Zuhörenden gereichen kann. Gleichwohl müssen diese zwei Fragen beantwortet werden: Kann eine solche Katastrophe auch in Europa geschehen und ist die EU für solch einen Fall vorbereitet?
Die Antwort auf die erste Frage ist ganz klar: Ja. Interessant ist weniger, ob sich eine solche Katastrophe in Europa ereignen kann, sondern vielmehr, wie hoch die Wahrscheinlichkeit dafür ist. Wenn man sich eine seismische Karte Europas ansieht und den südlichen Bereich, der von Griechenland über den Balkan bis zu Italien reicht, ausschließt, ist Europa nur gering von Erdbeben gefährdet - zumindest jetzt. Manche Wissenschaftler glauben allerdings, dass diese relative Ruhe trügerisch ist.
Erdbebengebiete können wie Vulkane als aktiv oder ruhig beschrieben werden. Einige Regionen in Europa, in denen sich in der Vergangenheit heftige Erdbeben ereignet haben, sollten also nach Ansicht von Wissenschaftlern als potenziell aktiv betrachtet werden. Das betrifft beispielsweise die Provence und das Rhone-Tal, den Rhein und die Po-Ebene, die katalanische Küste und Südspanien. Selbst wenn das Risiko gegenwärtig als gering oder unbekannt eingestuft wird, ist die potenzielle Gefährdung Westeuropas jedoch aufgrund der großen Bevölkerungs- und Infrastrukturdichte hoch, wenn man dabei die seltene Anwendung von vorbereitenden Maßnahmen berücksichtigt, die sich dem Umstand verdankt, dass in letzter Zeit keine Erdbeben präsent sind.
Das bedeutet, um die zweite Frage zu beantworten, dass Europa wie Asien gegenwärtig nicht wirklich für eine Katastrophe vorbereitet ist, wie sie durch ein großes Erdbeben verursacht wird. Wenn die Tsunami-Katastrophe eines gelehrt hat, dann dies, dass aus der Unwahrscheinlichkeit eines Ereignisses nicht folgt, dass es nicht geschehen kann. Notfallpläne sollten vorhanden sein.
Ironischerweise handelt es sich um die selbe Unvorbereitetheit, die bei den Angriffen auf die WTC-Türme in den USA am 11.9. so viele Todesopfer zur Folge hatte. Auch wenn man entgegnen kann, dass die Behörden nicht immer extreme Ereignisse wie Flugzeuge, die in Gebäude fliegen, einplanen können, bleiben grundlegende Fakten davon unberührt, unabhängig davon, wie das WTC eingestürzt ist. Einige Minuten, nachdem der südliche Turm des WTC einstürzte, berichteten Hubschrauberpiloten von Hinweisen, dass auch der nördliche Turm am Einstürzen sei. Eine Warnung wurde über den Polizeifunk verbreitet und die meisten Beamtem konnten flüchten. Weil jedoch der Polizeifunk nicht mit dem Netz der Feuerwehr verbunden war, hörten die meisten Feuerwehrleute die Warnung nicht und kamen nicht aus dem Turm heraus, der 21 Minuten später zusammenstürzte. So kam wie bei der Flutkatastrophe im Indischen Ozean eine Tragödie durch unverbundene technische und organisatorische Mängel zustande.
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Unser wissenschaftliches Wissen über Naturkatastrophen wie Erdbeben wächst hingegen exponentiell an. Die europäische Erdbebenforschung ist an vielen Fronten aktiv: bei der Verbesserung von Erdbebenszenarios, der Analyse von vergangenen Erdbeben, der Untersuchung von ruhigen Regionen, der Einrichtung von Mess- und Beobachtungsinfrastrukturen, der Verbesserung von Mitteln und Methodologien und der internationalen/interkontinentalen Kooperation. Viele ausführliche geomorphologische und geologische Untersuchungen stellen ein ziemlich gut dokumentiertes Wissen über relativ inaktive Verwerfungen zur Verfügung.
Die Dichte des Pflanzenbewuchses und die großen und permanenten Landschaftsveränderungen als Folge menschlicher Aktivitäten behindern zwar die Beobachtungen langsamer, mit dem Verhalten von Verwerfungen verbundener Deformationen. Es gab aber bereits Versuche, diesem irreführenden Sicherheitsgefühl in Europa mit neuen Informationen zu begegnen. Mit den modernsten seismologischen Ansätzen werden neue Karten für Erdbebenrisiken in bestimmten Regionen gemacht oder wurden bereits geschaffen.
Auch wenn wir noch weit davon entfernt sind, genau vorher sagen zu können, wann ein solches Ereignis in Europa geschehen wird, können warnende Zeichen in vielen Fällen festgestellt werden. Das seismologische Schicksal der beiden Mittelmeerseiten ist unzertrennbar mit der Interaktion der eurasiatischen und afrikanischen Platten verbunden. Auf der Grundlage dieser großen tektonischen Grenze hat Europa in Kooperation mit seinen Partnern auf der anderen Mittelmeerseite von der Türkei bis Marokko ein leistungsfähiges Warnsystem entwickelt. Das Euro-Mediterranean Seismic Centre (CSEM-EMSC) unter der Leitung der Europäischen Seismologischen Kommission fasst die Informationen und Daten, die es von Messstationen erhält, zusammen und gibt, besonders für den Europäischen Rat und andere europäische Institutionen, die notwendigen Warnungen aus.
Diese Messinfrastruktur mit über 2.000 Seismographen sowie Beschleunigungsmesser und andere Sensoren, die mit 100 spezialisierten Beobachtungszentren verbunden sind, wurde besonders intensiv im vergangenen Jahrzehnt eingerichtet und macht das europäisch-mediterrane Netzwerk mittlerweile mit den Kontrollsystemen in Kalifornien oder Japan vergleichbar. Allerdings ist es in vieler Hinsicht zum Opfer des eigenen Erfolgs geworden. Während des letzten Jahrzehnts wurde die schnelle Zunahme bei der Verwendung von Informations- und Kommunikationstechnologien über das Internet zu einer kontinuierlichen Herausforderung. Es besteht die Notwendigkeit, die Standards, Protokolle und Austauschverfahren zu vereinheitlichen und eine vollständige Software-Kompatibilität sicher zu stellen.
Viele Wissenschaftler erkennen, dass noch mehr getan werden muss, um das Frühwarnsystem in Europa zu vereinheitlichen. Die Zivilbehörden müssen hingegen ihre Aufmerksamkeit stärker darauf richten, geeignete Notfallpläne zusammen mit Evakuierungswegen zu entwerfen. Das ist keine einfache Aufgabe. Im Hinblick auf Evakuierungswege beispielsweise stellt in Europa bereits die Urlaubszeit im Sommer ein Problem dar, wenn die Urlauber den ersten Tag oder die beiden ersten Tage in Staus stecken. Was man letztendlich aus der Tsunami-Tragödie lernen kann, ist, dass Selbstzufriedenheit keine Entschuldigung dafür sein kann, nicht auf die eine oder andere Weise vorbereitet zu sein.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19195/1.html- Bitte Bitte, lass das deine letzte VÖLLIG WIRRE Aussage gewesen sein (11.1.2005 4:43)
- Appropos Trug und Sein (11.1.2005 0:36)
- Versuchen Sie es einfach mit Argumenten... ;) (11.1.2005 0:27)
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