Wiedergeboren in der Hölle

Krystian Woznicki 09.01.2005

Die Bilder der Flutkatastrophe zeigen nicht nur Opfer, sondern auch Touristen, die ihren Urlaub im Krisengebiet fortsetzen

Seit dem ersten Tag der "Sintflut" (Die Zeit) stehen immer wieder deutsche Urlauber im Mittelpunkt der Berichterstattung. Vermisste, Verstorbene. Und solche, die überlebt haben. Die Gruppe der Überlebenden wird als gespaltenes Lager dargestellt: Auf der einen Seite die Helfer und die Trauernden. Auf der anderen Seite Urlauber, die auf ihren Spaß nicht verzichten wollen. Sie werden als schamlose Grenzgänger beschrieben. Als "Perverse", die davor nicht zurückschrecken, ihren Urlaub in der "Hölle" zu verbringen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Manche glaubten schon tot zu sein. Manche dachten, sie würden es nicht mehr schaffen. Nicht wenige, die die "Sintflut" doch noch überlebt und keine gravierenden Schäden zu beklagen haben, setzen ihren Urlaub nun fort. Sie sind dem Tod knapp entkommen und wollen ihr zweites Leben "in jeder Faser des Körpers" spüren, wie ein Tourist der "Bild" offenbart. Der Schauplatz dieses zweiten Lebens ist die Hölle. Alles deutet darauf hin.

Die Bilder der Trümmerlandschaften scheinen für sich zu sprechen. Wo gestern Strandsiedlungen standen, sieht es jetzt aus "wie nach einem Bombenangriff" (Helmut Kohl). Zwischen Sri Lanka und Thailand liegen fast alle Strände in Schutt und Asche. Die Verwüstungen übertreffen den schlimmsten Albtraum. Überall Zeichen des Todes. Leichen, die angeblich noch in den Palmen liegen oder im Meer schwimmen. Hier und dort Massengräber. Wer Bilder aus Kriegsfilmen heranzieht, dürfte unheimliche Ähnlichkeiten zwischen den Schlachtfeldern des Krieges und den Krisengebieten der Flutkatastrophe feststellen.

Während die Zahl der Opfer steigt, kursieren noch ganze andere Schreckensmeldungen. "Gefahr des Nachbebens". "Cholera liegt in der Luft". "Flutwaisen an Kinderhändler verkauft". Mittendrin: Touristen. Sicher, es gibt unverwüstete Landstriche und Strände. Deutsche Medien favorisieren jedoch, Urlauber im "Land des Grauens" zu zeigen. Ihre Anwesenheit wird als Kuriosum gehandelt. Als Ding der Unmöglichkeit. Erstaunt nimmt eine deutsche Tageszeitung etwa zur Kenntnis: "Die Trümmer in Thailand sind offenbar die perfekte Urlaubskulisse." Tatsächlich kommen nicht wenige ins Schwärmen. "So ruhig war es noch nie." Der Traum vom leeren Strand mag nun für manch einen in Erfüllung gehen.

Urlauber als Projektionsfläche für das Publikum Zuhause

Dieses vermeintlich unbekümmerte Treiben hat sich in den ersten sieben Tagen nach der Katastrophe schnell herumgesprochen. Ist sogar zum Gegenstand öffentlichen Interesses geworden. Dass ein Paar aus dem Ruhrgebiet im thailändischen Rettungszentrum verzweifelt nach einem Strand Ausschau hält, bleibt selbst auf der Seite 3 der "Süddeutschen Zeitung" nicht unerwähnt. Diese Urlaubssüchtigen sorgen für soviel Verwirrung, dass sogar Kirchendiener, Bischöfe und Priester konsultiert werden. "Bild" fragt: "Ist es unmoralisch, am Todesstrand zu baden?" Die Diskussion um die Moral des Tourismus ist voll entbrannt.

Ungebrochen appellieren deutsche Medien an das Gewissen der Urlauber. Als würden sie sich direkt an sie wenden. Als wären sie hier: "Schämt Ihr euch nicht, hier Urlaub zu machen?" (Berliner Kurier). Doch wer liest schon heute und unter den gegebenen Umständen deutsche Boulevard- oder Tagespresse am Strand von Thailand oder Sri Lanka? So richten sich die bohrenden Fragen weniger an die Urlauber, als an das Publikum daheim. Und sie wollen auch nicht wirklich beantwortet werden. Die Urlauber fungieren als Sündenböcke. Sind Projektionsflächen einer Diskussion, in der es nicht darum geht zu verstehen - etwa wie es sein kann, dass man den Urlaub im Krisengebiet fortsetzen kann -, sondern darum, Schuld von sich zu weisen. Und Mittäterschaft zu vertuschen.

"1000 deutsche Urlauber tot? ...aber das Bier schmeckt schon wieder!" textet die Bild vorwurfsvoll. Die Situation in Asien kann man wohl nicht mehr schwärzer malen als sie ist. Wohl aber die überlebenden Touristen, die jetzt "ungerührt", "gewissenlos" und "schamlos" Biertrinken am Strand. Die "genervt" sind, wenn Helfer am Strand durchs Blickfeld laufen. Die "Urlaub machen im Land des Grauens!". Die "jetzt wieder im Meer baden gehen, während immer noch Leichen darin herumschwimmen." Die "Sonnenbaden am Leichenstrand!". Eine Bischöfin aus Hannover befindet kopfschüttelnd, dass die Touristen eine "Schamgrenze" überschreiten. Michael Naumann sieht sie als "altbekanntes" Übel, das große Unglücke immer begleitet - auf einer Stufe mit Plünderern. Auch der Berliner Kurier ist mit einem harten Urteil zur Stelle. Die Touristen seien schlichtweg "pervers".

Die vermeintlichen "perversen" Überlebenden werden immer wieder im Kontext des "Sex-Tourismus" beschrieben. So begab sich ein freier Mitarbeiter der "Süddeutschen Zeitung" am Silvesterabend in den "Tiger"-Barkomplex: "Mehrere hundert Tote gab es am Strand von Patong, aber das ist von hier 500 Meter und bald ein Jahr entfernt." Nachdem dies gesagt ist, beschreibt der Frontbericht Urlauber, die sich in eine feucht-fröhliche Traumwelt flüchten.

Aber was heißt schon flüchten. Die Hölle, das ist nicht nur ein Land, indem es Zerstörung gibt wie im Krieg, Massengräber, Kinderhandel und Seuchen. In der Hölle herrscht auch das Regime des Lasters. Sex für Geld. Sex mit Minderjährigen. Sex bis zum Umfallen. Und schrieb Bataille nicht, beim Sex sei man dem Tod am Nächsten? Auch das Fernsehen berichtet vom Sex-Tourismus im post-apokalyptischen Chaos. Zeigt Urlauber, die offenbar nichts anderes kennen, außer das Ziel, ihren Drang nach sexueller Befriedigung zu erfüllen. Thai-Mädchen und Thai-Jungs erscheinen als willige Erfüllungsgehilfen. Der Kommentar aus dem Off bezeichnet das Treiben als "zynischen Urlaubsspaß in der Hölle".

Unvereinbarkeit von Paradies und Hölle

Die Wiedergeburt des Touristen in der Hölle, das ist die Wiedererfindung des Touristen als "schwarzer Mann". Angelehnt an die Schattenfiguren und Buhmänner aus der Mythenwelt des Abendlandes. Nicht zu verwechseln mit den Subjekten, die die Forschung auf dem Gebiet des "Dark Tourism" ausgemacht hat. Denn die Wissenschaft versucht Tendenzen im Tourismus zu verstehen, in denen sich die Faszination mit dem Tod entlädt. Im gegenwärtigen Mediendiskurs wird hingegen stigmatisiert. Der "dunkle Tourist" wird als Antipode des politisch korrekten, des moralisch-aufrichtigen Touristen beschworen. Diese zwei Modelle gelten als unvereinbar. "Bild" unterstreicht diese Tatsache mit Klartext: "Der eine trauert, der andere freut sich." Einen, der beides tut, gibt es nicht.

Die Vorstellung von der Unvereinbarkeit von Paradies und Hölle wird mit dieser Debatte aufrecht erhalten. Eine Vorstellung, so alt wie die Menschheit, die in der Not nochmals neu geboren wird. Die Rettung des Paradieses steht auf dem Spiel. Unterschwellig auch Ehrenrettung. Katalysator ist das Image einer Region. Das zeigt sich auch an den wenigen Lichtblicken des Mediendiskurses. Ja, es gibt auch Stimmen, die den Touristen im post-apokalyptischen Chaos nicht verurteilen. Kein grundsätzliches Problem befindet etwa Weihbischof Engelbert Siebler, "wenn diese Urlauber gesund sind und die Bergungen nicht beinträchtigen". Sie würden mit ihrer Anwesenheit helfen - in Ländern, die auf den Tourismus angewiesen sind.

Das Foto zum Interview mit dem Geistlichen trägt den Untertitel "Ferien wie gehabt". Zu sehen sind Touristen am Strand von Phuket. Mit dem Rücken zur Kamera blicken sie auf das stille, blaue Meer. Zwei intakte Boote ruhen in der Sonne. Entstanden ist diese Aufnahme am 4. Januar. Diesen Jahres. Knapp 10 Tage "After the Tsunami" (CNN). Von den Folgen der Flutkatastrophe ist allerdings nichts zu sehen. Sie sind ausgeblendet worden.

Ausgeblendet wie sonst die Schattenseiten, die seit jeher zum Paradies gehören. Denn die Hölle ist dort nicht erst mit dem Tsunami eingezogen. Ein Indiz dafür wäre der Sex-Tourismus. Er hat die Entwicklung der Strände zwischen Sri Lanka und Thailand von Anfang an begleitet. Nicht als Gegenpol des "hellen" Massentourismus. Sondern als dessen integraler Bestandteil.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19196/1.html
Kommentare lesen (125 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS