Sightseeing in Paradise?

Jake Taggar 11.01.2005

Eindrücke eines freiwilligen Helfers beim Einsatz auf der thailändischen Inselgruppe Phi Phi

Das Team, dem ich seit 28.12. angehöre, besteht aus einer kleinen Gruppe von Backpackern, die sich den Hilfskräften angeschlossen haben. Außer mir als Deutschem ist je ein Engländer, Amerikaner, Grieche, Südafrikaner und Australier mit dabei. Der gesamte Zug besteht aus etwa 150 Soldaten der thailändischen Armee und freiwilligen lokalen Hilfskräften. Wir sind alle kurzerhand in Uniformen der Streitkräfte gesteckt worden und helfen bei den Rettungseinsätzen auf Koh Phi Phi.

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Das Lagezentrum in Krabi ist rund um die Uhr besetzt. Von hier aus werden die Hilfsmittel und Rettungseinsätze für die Inselgruppe Phi Phi und die gesamte Provinz Krabi koordiniert. Telefongesellschafen haben kostenlos Leitungen geschaltet, Mobilfunkbetreiber verteilen Pre-Paid Karten und stellen mobile Anlagen auf, um die hohe Netzlast abzudecken.

Im Erdgeschoss sind etwa fünfundzwanzig Internetterminals aufgestellt, an denen Betroffene nach Angehörigen suchen und die Vermisstenlisten bearbeitet werden. Die Anlaufstellen sind in Englisch und Thailändisch beschriftet. An diesem zentralen Anlaufpunkt können sich freiwillige und professionelle Helfer melden. Auch eine möglichst effektive Verteilung von Hilfsgütern kann hier organisiert werden. Der Krisenstab aus Polizei, Militär und den lokalen Behörden ist über Satellit mit allen Brennpunkten im Land verbunden. Alle dreißig Minuten findet eine Videokonferenz statt, um eine reibungslose Koordination zu gewährleisten. In einer Schule auf der gegenüberliegenden Straßenseite ist eine Großküche eingerichtet, um die Hilfskräfte mit Nahrungsmitteln zu versorgen.

Die Anteilnahme der Menschen ist gewaltig. Nahezu pausenlos rollen Fahrzeuge mit Spenden der lokalen Bevölkerung heran. Auf Motorrollern, Pickups und PKWs bringen die Menschen alles, was sie entbehren können. Der Parkplatz vor dem Gebäude wurde kurzerhand überdacht und in eine Lagerhalle verwandelt, um die Hilfsgüter unterzubringen. Die Kirmes, die eigentlich zum Amüsement der Bevölkerung am Neujahrestag stattfindet, wurde in eine gewaltige Spendenaktion zugunsten der Opfer umgestaltet. Alle Beteiligten spenden große Teile ihrer Einkünfte für die Flutopfer.

Vom Lagezentrum brechen die Hilfskräfte mit Helikoptern der Royal Thai Police und Schnellbooten der Marine zu der der Küste vorgelagerten Phi Phi-Inselgruppe auf. Koreanische Search & Rescue-Spezialisten haben sich im Krisenstab kundig gemacht und werden umgehend mit den im Pendeldienst fliegenden Hubschraubern eingeflogen. Einen Tag später kommt auch das Team der Japaner. Unverzüglich beginnen die Crews mit der Arbeit. Die Suche nach Vermissten hat jetzt oberste Priorität. Es besteht keine Hoffnung mehr, noch Überlebende zu finden. Normalerweise bieten Hohlräume in den eingestürzten Gebäuden Schutz. Koh Phi Phi ist jedoch von zwei Wellen überschwemmt worden. Menschen, die die erste Welle in eingestürzten Gebäuden überstanden hatten, sind durch die Wassermassen der zweiten, größeren Welle aus dem Norden zu Tode gekommen.

Das Krankenhaus existiert nicht mehr, die zahlreichen ein- und zweigeschossigen Gebäude auf dem dichtbebauten Abschnitt zwischen dem Ao Ton Sai- und dem Ao Youn Kasem-Beach sind ein Trümmerfeld. Koh Phi-Phi Don ist zu 80 % zerstört.

Auf dem unteren Strandabschnitt steht nur noch das in Stahlbetonbauweise erstellte Cabana-Hotel. Im Erdgeschoss gibt es keine Einrichtungsgegenstände mehr. Die Fenster sind hoch bis in die dritte Etage gesplittert. Die Wucht der Wellen wird an einer Stahlbetonsäule deutlich. Der Beton ist wie weggesprengt, nur das Stahlgerippe ist noch vorhanden.

Elektrische Energie gibt es nicht mehr, die Versorgung mit Trinkwasser ist zusammengebrochen. Die Welle hat große Teile des Dorfs in die beiden Regenwasserrückhaltebecken gespült, das zurücklaufende Meerwasser hat die Deiche dann einfach weggerissen.

Nun ziehen Moskitoschwärme über die Insel. Nachdem die Bewohner, Personal und Touristen behandelt und evakuiert wurden, hat man die Insel zum Sperrgebiet erklärt. Der Schwerpunkt der Arbeiten richtete sich dann auf die Bergung der Toten. Sie werden auf Schnellbooten der Küstenwache auf das Festland zu Identifizierung gebracht.

Auch sechs Tage nach der Flutwelle hatten sich die umgehend eingeflogenen europäischen Spezialisten medienwirksam noch auf die nur wenige Kilometer entfernte Insel Phuket konzentriert. Dort verbrachten unter anderem die Fachleute des deutschen BKA ihren Aufenthalt im Hotel. Erst als nach einigen Tagen die Bergungsarbeiten abgeschlossen waren, gaben sich die europäischen Expertenteams auf einmal die Klinke in die Hand. Zuerst erschien das Schweizer DVI (Desaster Victim Identification) Team. Die Genetik-Experten hatten sich offensichtlich weder bei beim Lagestab in Phuket oder in Krabi informiert.

Auch die sogenannte Rezeption am Pier von Phi Phi hatten sie nicht passiert. Hier werden Desinfektionsmittel und Schutzmasken ausgegeben sowie Merkblätter verteilt, und man kann in Erfahrung bringen, an welchem Ort sich das inzwischen eingerichtete lokale Lagezentrum befindet. Aber diese simplen Tatsachen entgingen den Schweizern, da ihr eigens gechartertes Schnellboot direkt am Strand der Insel anlegte. Ein Verhalten, das die immer größere Zahl von Journalisten ebenfalls an den Tag legt. Dass man von Journalisten nicht unbedingt die Einhaltung von Seuchenschutzstandards erwarten kann, leuchtet vielleicht noch ein, aber ein Expertenteam sollte sich einen solchen Fauxpas eigentlich nicht erlauben. Nach einer mehrstündigen Fotosafari konnte man zudem Bemerkungen der Art vernehmen: "Hoffentlich lernen die Thais was draus." Dann fuhren die Experten wieder mit dem Schnellboot davon. Ein Einsatz, der höchstens dann sinnvoll ist, wenn man die Speicherkarte seiner Digitalkamera füllen will.

Eine Tatsache haben zum Erstaunen der lokalen Hilfskräfte die meisten europäischen Experten gemeinsam: Sie erscheinen allesamt im gecharterten Schnellboot, um schnell vor Ort zu sein. So ein Boot legt die Strecke Krabi-Phi Phi in etwa 60 Minuten zurück. Die Schnellboote der Hafenbehörde sowie der Marine benötigen 45 Minuten und sind zudem in der Lage, etwa 150 Menschen und Hilfsgüter zu befördern. An den folgenden Tagen wiederholte sich das Schauspiel mit wechselnden Nationalitäten.

Hervorzuheben sind beispielsweise die beiden schwedischen Damen, die mit blauen Leibchen mit der schwedischen Aufschrift "Krisenhilfe" durch die Trümmer stolpern. Sicherlich ist auch dieser Einsatz hervorragend koordiniert. Ein paar Fragen werfen sich jedoch auf, wie zum Beispiel: Wieso eine schwedische Aufschrift? Wieso Opferbetreuung in einem Sperrgebiet, das bereits geräumt ist? Und wieso trägt Fachpersonal offene Strandsandalen in einem Gebiet, das von Glassplittern und Nägeln übersät ist? Sie gaben sich aber alle Mühe, ihren Einsatz nicht als nutzlos erscheinen zu lassen, und fragten jeden der wenigen Fremden unter den Hilfskräften, ob sie denn Opfer wären. Das lag vermutlich auch daran, dass wir Uniformen trugen, die in Thailändisch beschriftet sind.Die Schweden schickten zwei Tage später erneut Rettungskräfte in brandneuen Uniformen nach Koh Phi Phi. Die frische Bekleidung macht Sinn. Denn direkt im Schlepptau befindet sich ein Kamerateam des schwedischen Fernsehens sowie zwei Fotojournalisten der schwedischen Tagespresse. Die Truppe marschierte mitten in die Trümmer, die Retter gaben Statements und Interviews in die Kameras. Aber, das muss man ihnen lassen, sie waren wenigstens kostenbewusst. Als sie wieder abfuhren, hatten auch die Journalisten in dem Schnellboot Platz genommen, das sicherlich aus schwedischen Staatsmitteln gechartert worden ist.

Die nördlichen EU-Staaten zeigten allesamt Präsenz. Auch Dänemark war mit von der Partie, vertreten durch Polizisten. Die in Zivil gekleideten Herren wurden erst etwas brüsk angegangen. Die Ursache lag darin, dass sie mit Ausweisen in EC-Karten-Größe und professionellen Kameras für Journalisten gehalten werden.

Nachdem die Rettungsarbeiten auf Phi Phi abgeschlossen waren, ließ sich auch das Internationale Rote Kreuz sehen - wie nicht anders zu erwarten im Schnellboot. Selbst so einfache Dinge wie Sonnencreme hatten die beiden Herren in ihrer Eile offenbar vergessen. Nach etwa zwei Stunden waren sie so rot wie die Aufnäher, die sie zu ihren Sandalen tragen.

Normalerweise verlangen die Firmen für die Passage nach Phi Phi etwa 2500 Baht. Später ist jedoch von den Bootsbetreibern mit einem Grinsen in Erfahrung zu bringen, dass die Expertenteams allesamt den fünf- bis zehnfachen Satz bezahlt hatten. Kritiker mögen jetzt vielleicht mit Angebot und Nachfrage argumentieren. Allerdings ist der gesamte Tourismus in der Region zusammen gebrochen und die Nachfrage nach Booten praktisch auf Null gesunken.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19207/1.html
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