Hassblogs

Florian Rötzer 11.01.2005

Wie eine US-Kirche verhöhnt ein Blogger die Opfer der Flutkatastrophe - Google, Besitzer von Blogger.com, verweist nach Kritik auf Meinungsfreiheit

Blogs sind ein Werkzeug oder ein Mittel, um mit einem Redaktionssystem schnell und einfach Informationen ins Web zu stellen. Das mag schneller und einfacher als zuvor gehen, ist aber nichts grundsätzlich anderes als das, was auch zuvor schon etwa über eigene Webseiten gemacht werden konnte. Bloggen kann jeder alles, was ihm einfällt. Und anlässlich der Tsunami-Katastrophe gibt es nun auch einen - sicherlich nicht den ersten - Hass-Blog, der vor allem zynisch zu provozieren sucht.

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Die von dem Homosexuellenhasser Fred Phelps 1967 gegründete Westboro Baptist Church aus Kansas könnte für den Blog I Love Tsunamis der Ideengeber gewesen sein. Die seltsame Kirche hat sich dem Hass verschrieben, wartet auf den Weltuntergang und begrüßt Katastrophen wie die Anschläge vom 11.9. oder eben die Flutkatatstrophe in Südostasien als gerechte Strafe. Die Webseite dieser seltsamen Kirche trägt denn auch schon den bezeichnenden Namen God hates Fags. Daneben gibt es noch God hates America und neuerdings God hates Sweden.

Die Mitglieder dieser christlichen Sekte scheinen besessen von Sex, vor allem von gleichgeschlechtlichem zu sein. Das ist zwar allgemein bei vielen Konservativen so, was auch der Aufruhr wegen der Homosexuellen-Ehe gezeigt hatte. Doch diese "Kirche" treibt es auf die Spitze. Sie bedankte sich am 1. Januar 2005 bei Gott für den Tsunami und für die 3.000 "sodomitischen" Toten durch die Anschläge vom 11.9. Gott habe nämlich die muslimischen Flugzeuge geschickt, um die WTC-Türme zu zerstören und die lüsternen New Yorker in die Hölle zu schicken. Elizabeth Birch von der Human Rights Commission nennt Fred Phelps ein "walking hate crime".

It is entirely appropriate that these heathen, God-hating Sodomites should be swallowed up in the Asian jungles, being buried by bulldozers, receiving that burial which is appropriate for them, to wit "He shall be buried with burial of an ass" (Jeremiah 22

19). In response to this great judgment of God, Bloody Bush is going to fly the American fag flag at half staff? Is this a joke?!? What the little tyrant SHOULD be doing is telling these people to stop living their lives for the devil and hell! REPENT OR PERISH!!! This is but a small adumbration of the devastation to come. Let us pray that God will send a massive tsunami to totally devastate the North American continent with 1000 foot waves moving at 500 mph! "And there were voices, and thunders, and lightnings; and there was a great earthquake, such as was not since men were upon the earth, so mighty an earthquake, and so great" Revelation 16

"Praise God for striking with such magnificant force"

Gott ist für den amerikanischen Hassprediger auch niemand, der nur vergibt oder liebt. Gott zerstört, was ihm nicht gefällt. Und er hasst, schließlich soll das ein "biblischer Wert" sein. Deswegen scheint es eben auch Phelps Gott gefällig zu sein, wenn seine Anhänger ihm nachfolgen. Es wäre daher nicht verwunderlich, wenn der seit dem 3. Januar existierende Blog "I Love the Tsunamis" von einem Anhänger stammen sollte oder der Autor sich davon anregen ließ.

Der natürlich anonym bleibende "Tsunami Sympathisant" treibt den Hass zynisch auf die Spitze (oder ist es nur eine Art Experiment oder das pubertäre Spiel eines Gelangweilten?). Er bezeichnet sich als jemanden, dessen Interesse darin liegt, "Asiaten zu vernichten". Er (oder sie) macht sich aber auch lustig über das Mitleid mit allen Opfern und vor allem über die Trauer der Angehörigen ("I am sick and tired of hearing all this sympathy and support crap for these worthless individuals who think they or their loved ones matter.") Und er betet dafür, dass weitere, noch schrecklichere Tsunamis kommen mögen. Seine Beiträge postet er unter "The Tsunami Rules".

Angeblich sucht er nicht nach Aufmerksamkeit, wie ihm manche vorwarfen, zeigt sich aber ganz dankbar dafür, dass seine Hassseiten Anklang und mindestens einen Nachahmer gefunden haben. Aber obgleich der Tsunami Sympathisant seinem Hass oder seiner Lust am Untergang (der anderen) ungeschminkt Ausdruck verleiht, scheinen ihm manche Kommentare der Leser doch nicht zu gefallen, weswegen sie von ihm gelöscht wurden. Und was machen diejenigen, die mehr wollen, als ihn nur zu beschimpfen?

Andere Blogger finden diesen Blog moralisch verwerflich. Gehostet wird er von Blogger.com. 2002 hatte Google die Firma aufgekauft und sich so schon zu Beginn des Blog-Booms einverleibt. In den Benutzungsbedingungen heißt es, worauf ein Blogger hinweist:

Member agrees not to transmit through the Service any unlawful, harassing, libelous, abusive, threatening, or harmful material of any kind or nature.

Ruth Radar, die den Blog Ruthie in the Sky betreibt, wendet sich aufgrund der Nutzungsbedingungen an Google und fordert, den Blog zu sperren, um die Opfer und ihre Angehörigen nicht zu verhöhnen, zum Besten von Google und um nicht weitere Hassblogs in der Blogosphere entstehen zu lassen, wenn Google nicht reagiert, so die Begründung. Zudem will sich mit ihrem Blog nicht unter derselben Decke stechen und dieselbe Werbung ("I Power Blogger") unterstützen.

Auf einer Ende Januar vom Berkman Center for Internet and Society organisierten Konferenz mit dem Titel Blogging, Journalism & Credibility wird es um eine Ethik des Bloggens gehen, zu der auch gehört, wie man sich zu Fällen wie den Hassbloggern verhält. Auch in anderen Blogs wird über den Fall diskutiert, der allerdings in der Blogosphere das alte Thema von Foren und Newsgroups stellt, wo die Grenzen der Meinungsfreiheit verlaufen sollen. Als Antwort auf eine E-Mail von Ruth Randar kam von Google eine Art standardisierte Bekenntnis zur Meinungsfreiheit, was heißt, dass man erst einmal nichts damit zu tun haben möchte:

Blogger is a provider of content creation tools, not a mediator of that content. We allow our users to create blogs, but we don't make any claims about the content of these pages. In cases where a contact email address is listed on the page, we recommend working directly with the author to have this information removed or changed.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19208/1.html
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