Mit der Größe wachsen die Probleme

14.01.2005

Wie das freie Online-Lexikon Wikipedia weiter wachsen und trotzdem glaubwürdig, offen und verlässlich bleiben will

Wikipedia boomt. Das Wachstum des freien Online-Lexikons ist nicht zu stoppen. Das Open-Source-Projekt wurde Anfang 2001 vom US-Amerikaner Jimmy Wales ins Leben gerufen und hat sich erstaunlich schnell vom belächelten Nischenprojekt zu einer ernst zu nehmenden Alternative zu etablierten Lexika gemausert. Die freie Online-Enzyklopädie gibt es in mehr als hundert Sprachen. Weltweit lassen sich derzeit rund 1,1 Millionen Einträge abfragen. Die englische Ausgabe zählt mehr als 446.000 Einträge, die deutsche Ausgabe kommt auf rund 186.000 Artikel. Und Wikipedia wächst beständig weiter – pro Monat um sieben Prozent. Doch mit dem Wachstum wachsen auch die Schwierigkeiten eines Projekts, das einzig von der Mitarbeit seiner Nutzer lebt und weder Redaktionsschluss noch abschließende Qualitätskontrollen kennt.

Egal ob online oder offline – wer ein Lexikon bemüht, erwartet Fakten und Verlässlichkeit. Wo es wie in vielen geisteswissenschaftlichen Themenbereichen keine abschließenden Fakten gibt, müssen die relevanten wissenschaftlichen Ansätze und ihre Ergebnisse in Wortwahl und Aussage möglichst neutral und vollständig dargestellt werden. Abweichende Meinungen und Ansätze sollten zu Wort kommen und als solche gekennzeichnet werden. Weiterführende Literatur- und sonstige Quellenangaben sollten so vollständig wie möglich gelistet und verlinkt werden. Ein Redaktionsschluss sollte vermerkt werden, damit der Nutzer die zeitliche Gültigkeit eines Lexikonartikels einschätzen kann. Lexikonartikel zu Außenseiterthemen, die nur eine Minderheit der Leser interessieren, sollten ebenso exakt und gut recherchiert sein wie Mainstream-Themen. Um Transparenz zu gewährleisten sollte schließlich auch der Name des Autoren veröffentlicht werden. Soweit die Anforderungen an einen "guten" Lexikonartikel – bei Wikipedia ist alles etwas anders.

Kollaboration, Offenheit und Selbstkontrolle

Wikipedia ist ein Open-Source-Projekt. Die einzelnen Artikel werden nicht von professionellen Redakteuren geschrieben oder abgesegnet. Das Lexikon wird vielmehr von seinen Nutzern mit Artikeln bestückt. Jeder User gilt als potenzieller Autor. Demgemäß kann jeder neue Stichworte hinzufügen, eigene Artikel schreiben und schon existierende Artikel nach seinem Gusto ändern. Einen festen Redaktionsschluss kennt Wikipedia nicht. Jeder Artikel trägt das Etikett "vorläufig". Die Kontrolle über den Inhalt der einzelnen Lexikonartikel liegt ebenfalls prinzipiell in den Händen der Nutzer. Inhaltliche Fehler sollen auf diesem Wege beseitigt werden. Die Selbstkontrolle durch die Nutzer führe am Ende zum sachlich richtigen Artikel, so das Credo der Macher von Wikipedia.

In der Tat scheint das Wikipedia-Prinzip bisher im Großen und Ganzen zu funktionieren. Es gibt weltweit offenbar genügend Nutzer mit Sachverstand und Energie, die bereit sind, unentgeltlich für das Laien-Lexikon zu schreiben und bereits "fertige" Artikel auf Richtigkeit zu kontrollieren. Konflikte gibt es trotzdem, Anfeindungen auch (Einbahnstraße ins Weltwissen?). Doch hat es Wikipedia bisher geschafft, sich einen Ruf als glaubwürdige Alternative zu etablierten Lexika aufzubauen. Das könnte künftig anders werden. Denn mit dem raschen Wachstum gedeihen auch die Probleme, mit denen sich die Macher eines Open-Source-Projektes naturgemäß auseinander setzen müssen.

Eine der Fragen, die Kritiker aufwerfen, lautet: Wie glaubwürdig und verlässlich wird Wikipedia künftig sein? Schon die schiere Menge an Lexikonartikel macht es unmöglich, jeden Artikel exakt zu überprüfen. Inhaltliche Fehler gibt es immer, gestehen auch die Macher von Wikipedia ein. Doch sorge das Prinzip der Selbstkontrolle konsequent dafür, dass Fehler ausgebügelt werden. Dass Wikipedia bisher im Großen und Ganzen trotz rasanten Wachstums an Glaubwürdigkeit gewonnen habe, sage noch nichts über die künftige Entwicklung aus, halten Kritiker dagegen. Ein Projekt könne bisher unbeschadet gewachsen sein, aber schon der nächste Wachstumsschub könne es dann trotzdem sprengen, warnt laut wired news der US-amerikanische Fachautor Clay Shirky.

Funktioniert die Selbstkontrolle auch bei Nischenthemen?

Wikipedia versteht sich als Universallexikon und wächst thematisch völlig unkontrolliert in die Breite. Jedes Stichwort, jeder noch so spezielle Artikel findet seinen Platz, auch wenn er nur für eine kleine Minderheit überhaupt von Interesse ist. Wer aber kontrolliert bei diesen speziellen Minderheitenthemen die sachliche Richtigkeit eines Artikels? Das Prinzip der Selbstkontrolle funktioniert bei gängigen Mainstream-Themen insbesondere aus dem Bereich der Technik relativ problemlos. Diese Artikel werden häufig aufgerufen und überarbeitet. Fehler werden erstaunlich rasch korrigiert. Die Menge macht's – und gerade dieses Prinzip wird bei Nischenthemen außer Kraft gesetzt. Kontrolle findet mangels Nutzerzahlen nur sporadisch statt. Etablierte Lexikonverlage lassen solche Themen von anerkannten Spezialisten bearbeiten. Wikipedia verzichtet aus Prinzip darauf zu überprüfen, ob ein Artikelschreiber auch tatsächlich die nötige fachliche Qualifikation besitzt. Wie verlässlich sind dann die entsprechenden Artikel?

Absolute Wahrheit gibt es nicht – weder in den etablierten Lexika noch in der Wikipedia-Welt. Wer verlässliche Informationen sucht, muss stets aus verschiedenen Quellen schöpfen. Wer Wikipedia als eine Quelle unter vielen nutzt, dürfte auch bei speziellen Nischenthemen kaum Probleme haben. Die bekommt nur der, der sich auf Wikipedia als einzige Quelle verlässt. Sind die Probleme von Wikipedia also "nur" die Probleme allzu bequemer Nutzer, die zu faul sind, andere Quellen anzuzapfen? Darauf mit einem vorschnellen "Ja" zu antworten, hieße die grundsätzlichen Wikipedia-Probleme zu ignorieren, meinen Kritiker des Projekts. Sie haben Glaubwürdigkeits- und Verlässlichkeitslücken nicht nur bei Nischenthemen geortet, sondern stellen wie Robert McHenry, früherer Herausgeber der renommierten Encyclopaedia Britannica, das kollaborative Konzept der Artikelerstellung grundsätzlich in Frage. Wikipedia-Artikel näherten sich der Wahrheit asymptotisch. Aber die Wikipedia-Macher würden McHenry zufolge den Beweis schuldig bleiben, dass diese Form des kollaborativen Schreibens gegenüber der herkömmlichen Art der Artikelerstellung durch einen einzigen fachlich versierten Autoren tatsächlich von Vorteil ist.

Eines der Probleme, mit denen Wikipedia zu kämpfen habe, sei die mangelnde Unterstützung, die anerkannte Experten, die für das Online-Lexikon schreiben, von den Wikipedia-Machern erführen. Jeder Troll könne Artikel angreifen und nach Lust und Laune ändern. Niemand greife ein, um den Artikelschreiber, der immerhin seine Zeit und Arbeitskraft unentgeltlich für Wikipedia geopfert habe, zu unterstützen. Man lasse ihn im Regen stehen, bis er frustriert womöglich aufgibt. Die mangelnde Unterstützung sei Leonard Sanger, einem früheren Wikipedia-Entwickler, zufolge eines der Haupthindernisse auf dem Weg in Richtung auf einen großen Stamm fachlich-versierter und motivierter Autoren. Fehle ein solcher Stamm, leidet die Qualität gerade auch bei Nischenthemen.

Schrauben die Wikipedia-Macher ihre Ansprüche bereits herunter?

Wikipedia-Gründer Jimmy Wales will solche Argumente nicht gelten lassen. Wikipedia sei zwar nicht perfekt und habe gelegentlich mit Nonsensartikeln und Vandalismus beim Editieren von Artikeln zu kämpfen. Man sei aber bemüht, diese und andere Probleme zu lösen. Außerdem habe Wikipedia eine sehr aktive Gemeinschaft von Mitarbeitern. Die Qualität steige und Wikipedia-Artikel würden immer häufiger auch von Akademikern, Bibliothekaren und Forschern zitiert. Mit dieser Klientel sei die Wikipedia-Zielgruppe allerdings alles andere als richtig umschrieben. Es sei sehr unwahrscheinlich, dass beispielsweise ein Stephen Hawking Wikipedia-Artikel lese, um mehr über Physik zu erfahren. Adressat von Wikipedia sei nicht der spezialisierte Wissenschaftler, sondern der durchschnittliche Lexikonnutzer.

"Wir streben einen Standard an, der für den allgemeinen Leser passt", fasst Wales das nutzerorientierte Wikipedia-Konzept reichlich nebulös zusammen und umschifft damit sämtliche Kritikerklippen. Die Frage nach der Verlässlichkeit des Online-Lexikons bleibt ebenso unbeantwortet wie die Frage, woher das stetig wachsende Projekt kompetente Mitarbeiter beziehen will. Was bisher fehle, so fasst der US-amerikanische Autor Clay Shirky seine Kritik zusammen, sei ein Steuerungssystem, das die Mitarbeit an Wikipedia explizit belohne.

Kommt Wikipedia 1.0?

Wie verlässlich sind Informationen in Lexikonartikeln, die sich stündlich ändern können? Wie zuverlässig sind Artikel gerade zu Nischen- und Exotenthemen, deren Urheber der Nutzer nicht kennt? Wie zuverlässig ist eine Quelle, die ständig im Fluss ist? Ist es nicht Vergeudung von Energie und Zeit, wenn jeder Artikel von jedem Wikipedia-Nutzer jederzeit geändert werden kann, wenn also alles zur Disposition steht? Sollte es nicht auch für Wikipedia-Artikel einen Redaktionsschluss geben?

"Wikipedia 1.0“ heißt die Antwort, die Mastermind Jimmy Wales bei solchen Fragen aus der Tasche zieht. Man überlege derzeit, das gesamte Wikipedia-Lexikon "einzufrieren", eine Art Schnappschuss des Lexikons mit allen seinen Inhalten anzufertigen und damit eine Art unveränderbares Basislexikon zu generieren. Ein genaues Datum für die Wikipedia-Momentaufnahme will Wales nicht nennen. Er deutete jedoch an, dass in diesem Jahr damit noch keinesfalls zu rechnen sei.

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