Die halbe Story

Thomas Pany 12.01.2005

Irak: Berichterstattung als PR-Service

Eigentlich ist er ein Routinier der Schönfärberei, doch diesmal ließ der irakische Interims-Ministerpräsident etwas Wirklichkeit in seine luftigen Reden vom befreiten Land einfließen. Zum ersten Mal gab der Mann mit dem notorischen Hang zur fiktionalen Verschönerung der Realität zu, dass die Gewalt im Irak die Wahlen in einigen Teilen des Landes verhindere.

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Das ungewohnte Eingeständnis wurde im Nachsatz allerdings etwas geschmälert: "Sicherlich gibt es einige Gegenden, die nicht an der Wahl teilnehmen werden. Wir glauben aber nicht, dass es ein weit verbreitetes Phänomen sein wird", beteuerte Allawi gestern vor der Presse.

Wie verbreitet das "Phänomen" tatsächlich ist, darüber wird von offizieller Seite nur das verlautbart, was nicht beunruhigt, ohne Rücksicht auf Ungereimtheiten. Nach der letzten öffentlichen Einschätzung von US-Präsident Bush sind 14 der 18 irakischen Provinzen "relativ ruhig". Man mache im Irak "große Fortschritte", sagte Bush letzten Freitag. Zum Pessimismus bestehe kein Anlaß. Anlaß für die Beruhigungspille von höchster Stelle waren Aussagen des ehemaligen Sicherheitsberaters seines Vaters, Brent Scowcroft, der einen Bürgerkrieg im Irak befürchtet.

Schon ein paar Wochen zuvor korrigierte Bush falsche Darstellungen der irakischen Wirklichkeit mit harten Fakten: 15 der 18 irakischen Provinzen seien relativ stabil, gab er zu bedenken und fügte dem Ganzen das letzte der übrig gebliebenen Argumente für den Einmarsch im Irak hinzu: "Das Leben ist jetzt besser, als es unter Saddam Hussein war". Die Antwort auf die letzte Behauptung kann nur die irakische Bevölkerung geben; die erste Behauptung reizt allerdings zur polemischen Frage nach der "verlorenen" Provinz, welche im Zeitraum zwischen 21. Dezember und 7.Januar dem "Phänomen" anheim fallen konnte, obwohl man doch "große Fortschritte" mache.

Der Verdacht liegt nahe, dass weiterhin "Irakmethik" betrieben wird, das Spiel mit Zahlen, die der Selbstdarstellung der Amerikaner und einiger Mitglieder der derzeitigen irakischen Regierung, die beispielsweise kontinuierlich überhöhte Zahlen von den Rückkehrern nach Falludscha nach außen geben, gut zupass kommen. Berichterstattung aus dem Irak wird sowohl von der amerikanischen Regierung wie von Teilen der irakischen vorwiegend als Public Relations-Angelegenheit verstanden; die halbe, gut verkäufliche Wahrheit ist gefragt, eine Öffentlichkeit vorausgesetzt, die nur beruhigt werden will.

Die politischen Mitarbeiter des irakischen Ministerpräsidenten gehen mit dieser arroganten, herrschaftlichen Konzeption von Öffentlichkeit und Berichterstattung anscheinend sehr weit. Wie die Financial Times berichtete, lud Allawis Wahlkampfmannschaft arabische Journalisten nach einer Pressekonferenz nach "oben", um ihnen 100 Dollar in einem Umschlag zu überreichen.

Auch der Status von "eingebetten Journalisten" ist, wie man weiß, prekär. Auch deren Berichterstattung unterliegt bestimmten Wünschen und gewissen Loyalitäten. Selbst wenn Marine Corps-Kommandanten in öffentlichen Reden gerne das Bild beschwören, wonach man innerhalb der Marines keine Angst davor habe, dass von den "Embeds" veröffentlicht werde, "was wir tun". Die Wirklichkeit, man hat es schon geahnt, sieht natürlich anders aus.

Erzählen "exzellente amerikanische Reporter" nur die Hälfte der Story?, fragt sich Greg Mitchell vom pressekritischen Organ Editor & Publisher. Nachdem ein eingebetteter britischer Journalist einen Marine-Offizier mit den Worten zitiert hatte: "Wenn uns irgendjemand zu Nahe kommt, machen wir ihn fertig ("we fucking waste them"). Es ist eine Schande, weil es bedeutet, dass wir eine Menge unschuldiger Menschen getötet haben...Es kommt zum Punkt, dass du's gar nicht erwarten kannst, bis du Typen mit Gewehren siehst, so fängst du an auf jeden zu schießen", wundert sich der Autor darüber, ob amerikanische Soldaten nur ausländischen Reportern gegenüber zu solchen Aussagen bereit sind, oder ob die amerikanischen Journalisten einfach einen Teil der Geschichte auslassen.

Mitchell fand im Laufe seiner Recherchen heraus, dass sich einige der eingebetteten amerikanischen Journalisten den Truppen gegenüber zu einer gewissen Loyalität verpflichtet fühlen, die Nähe zu den Soldaten führe zu einer Art Selbstzensur. Da einige der Reporter sogar als Nachrichtenübermittler zwischen den Soldaten und den Familien zuhause fungierten, würde dieses Band zwischen den Berichterstattern und den Truppen leicht dazu verführen, die Berichte, die ohnehin militärischen Beschränkungen ausgestzt sind, auf eine Art zu schreiben, die kein schlechtes Licht auf die Soldaten werfe. Klar ersichtlich sei diese Einstellung beispielsweise bei Blogs, die manche der Eingebetteten betreiben würden. Dort werde ganz offensichtlich, dass die Soldaten negative Geschichten und blutige Stories aus dem Irak sehr übelnehmen.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19221/1.html
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