Fragmente einer Sprache der Liebe

13.01.2005

Sehnsuchtsbilder aus China: Wong Kai-wais neues Meisterwerk "2046" schaut dem Regisseur beim Fühlen zu

Es war einmal in Hongkong: Die Wirklichkeit, das ist bei Wong Kar-wai ein Ensemble aus flüchtigen Erinnerungen und intensiven Gefühlen. Wongs neuer Film "2046" scheint auf den ersten Blick kaum noch eine Story zu erzählen, sich ganz den Einfällen seines Regisseurs hinzugeben. Doch das Schicksal des Schriftstellers und Journalisten Chow, der viele Frauen liebt, weil er die eine nicht vergessen kann, setzt Wongs letzten Film "In the Mood for Love" spiegelbildlich fort. Im Hongkong der Sechziger begegnen wir einem Geschichtenerzähler, tauchen ein in das, was er schreibt, und was ganz aus dem Leben, seinem Leben, gegriffen ist, verlieren uns wie die Hauptfiguren, finden Glück im Unglück. Die eigentlichen Hauptdarsteller sind Kamera und Schnitt. Durch sie fügen sich die Fragmente zu einer Verdichtung aller Werke des Regisseurs, zu einem öffentlichen Selbstgespräch, sehr uneitel, sehr liebevoll. Noch mehr als alles das ist "2046" klassisches Starkino: Eine Hommage auf die Schönheit, auf Körperteile, Gesten, auf Kleidungsstücke, die die Schauspieler in diesem Film tragen, Gegenstände die sie anfassen, darauf, wie sie sie anfassen. Die Wirklichkeit als Fetisch. Kino pur.

Einmal, da sieht man Carina Lau in einer Tür stehen und eine Zigarette rauchen - die Zeitlupe gibt einem alle Zeit der Welt, sie zu betrachten, dem Rauch aus ihrem Mund langsam an die Decke zu folgen... Sie spielt Lulu, eine kokette Nachklubhostess aus Singapur. Wer Wong Kar-wais "Days of Being Wild" gesehen hat, hat diese wunderbare Darstellerin seitdem nicht vergessen können. Ein andermal sieht man Faye Wong, den Star aus "Chungking Express", der in ihrer chinesischen Heimat vor allem als Sängerin und "Björk Asiens" gefeiert wird, beim Japanisch lernen. Die Kamera zeigt nur ihre zarten Füße, wie sie auf dem Boden selbstvergessen imaginäre Muster zeichnen... Noch etwas später begegnet man Zhang Ziyi, dem neuen Superstar Ostasiens. Ein junges Mädchen, das erst spielerische Verführerin ist, dann unglücklich Liebende, das reifen wird an einer Erfahrung, die sie vielleicht für ihr Leben zeichnet...

Wong Kar-wais neuer Film "2046" ist vieles auf einmal. Nicht zuletzt ist er klassisches Starkino. Voller Glamour stellt dieser Regisseur die Schönheit seiner Akteure aus, die auch die Schönheit des Kinos ist, feiert sie in kleineren und größeren, immer emotionstrunkenen Hommages, in Sehnsuchtsbildern voller Geheimnis. Zu Recht hat man Wong dabei nicht mit Hollywood-Regisseuren verglichen, sondern mit den Meistern aus Europa, mit Godard und Truffaut vor allem. Denn sein Verhältnis zu seinen Stars ist ähnlich: Für Wong sind die Schauspieler nicht allein Rohstoff, kein Mittel zum Zweck, sie sind, die Frauen vor allem, der Zweck des Kinos selbst.

"Einst hatte sie einen philippinischen Liebhaber. Aber er starb. Er war wie ein Vogel ohne Flügel." Über Lulu wird das hier gesagt. In "Days of Being Wild" spielt Carina Lau ein Mädchen, das mit einem Jungen befreundet ist, der vom Halb-Philippino Leslie Cheung dargestellt wurde. Cheung stürzte sich im Frühjahr 2003 in Hongkong aus einem Hochhaus - "wie ein Vogel ohne Flügel..." Eine diskret verhüllte, zart berührende Hommage des Regisseurs an einen seiner Lieblingsschauspieler, ein Spiel mit der Grenze zwischen Kino und Leben, mit der Erinnerung, und mit Zeichen, die der Zuschauer entschlüsseln kann, aber nicht muss. Damit ist die beschriebene Szene sehr repräsentativ für den offenen Stil des Kinos von Wong Kar-wai, dessen Spiel mit Verweisen und Bezügen.

The Time is out of Joint

2046 beginnt sehr abstrakt: aufregende Animationsbilder einer futuristischen Großstadt, "Metropolis" ohne Expressionismus, "Blade Runner" ohne Punk. Die Liebenden nehmen wieder den Zug. Der Zug heißt 2046 und führt ins Reich der Erinnerungen, auch jener an die Zukunft, an den rasenden Stillstand der Melancholie, an dem die Geschichte zuende ist, aber das Denken noch lange nicht. Once upon a timeƒ Ein Erzähler - der vielleicht selbst nur Teil einer Erzählung des eigentlichen Erzählers ist - spricht aus dem Off, und die Reise, der Sog beginnt...

2046 ist der paradoxe Fall eines Science Fiction, der sich in der Vergangenheit ereignet. Erinnerungen an die Zukunft. In Singapur 1966 leben Chow (Tony Leung) und Su Li Zhen (Gong Li), spielen ein Kartenspiel: "If you win, I come with you..." Natürlich verliert er und später erfahren wir, dass sie eine professionelle Spielerin ist. "I've never seen her since." Dann befindet man sich für den Rest des Films die meiste Zeit in Hongkong, ein, zwei, drei Jahre später. Immer wieder folgen Ausflügen in Zukunft oder Vergangenheit, in Erinnerung und Phantasie - also eigentlich in einem eigenen, transitorischen Zeitraum, in dem Vergangenheit, Zukunft und Gegenwart zu einer vierten Dimension komprimiert werden, die Zeit aus ihren Fugen fällt.

2046, das einmal angekündigt war als Science Fiction, der in drei verschiedenen Städten spielt, und als Fortsetzung von Wongs Welterfolg "In the Mood For Love", ist beides zugleich und doch auch nichts davon: Die atemberaubende Geschichte einer unmöglichen Liebe, auf fragmentarische Weise erzählt, in losen, assoziativen, aber nuancierten Bildern, die sich gemeinsam mit der genauen, von Grün- und Gelbtönen dominierten Farbdramaturgie, Dialog- und Gedankenfetzen, und mit Musik - unter anderem von Fassbinder Komponist Peer Raben - zu einem dichten und genau rhythmisierten atmosphärischen Teppich fügen, wie er im gegenwärtigen Kino ohne Beispiel ist. Der Film streift die Terrains des Unbewußten wie des Unverständlichen, Nicht-Kommunizierbaren.

Once upon a time in Hongkong...

Im Zentrum steht Chow, Journalist und Autor von populären Stories, ein dandyhafter, distanzierter Beobachter seiner Welt und seiner selbst. "Men like me have nothing, but free time." - zugleich ist er ein Flaneur der Liebe, ein Detektiv der eigenen Empfindungen. Darin, wie durch die Tatsache, dass er das alter ego seines Regisseurs ist, erinnert er an die Männerfiguren Truffauts, jenen idealtypischen "Mann, der die Frauen liebte" aus dessen Filmen. Gespielt wird Chow in all seiner charme-ummantelten, kühlen Tristesse von Tony Leung. Dessen Chow ist ein naher Verwandter jener Figur, die Leung in "In the Mood For Love" spielte, aber kälter, hoffnungsloser - sein Spiegelbild: "In the Mood for no more Love"... Er hat eine unglückliche Liebe - womöglich die des letzten Films - hinter sich. Nun schläft Chow zwar mit vielen Frauen, doch Gefühle lässt er nicht zu, auch dann nicht, als ihm noch einmal die wahre Liebe begegnet. Sie hat die Gestalt von Bai Ling (Zhang Ziyi), die Wand an Wand neben ihm im alten "Oriental Hotel" wohnt, im Nachbarzimmer, das die Nummer 2046 trägt. Ihr Liebesspiel aus Blicken, Gesten, Worten bezaubert, fesselt - ein leichter und doch strenger Reigen, das älteste Ritual der Welt: Hingabe und Zurückweisung, Wiederholung, Replik und Umkehrung. Am Ende steht die Erkenntnis: "Love is really a question of timing."

Um diesen Kern hat Wong mehrere andere Episoden gelegt, die den Hauptstrang unterbrechen, umgeben, fortführen. Die Ebenen vermischen sich. Man weiß nicht genau, ob es sich bei alldem nur um das handelt, was der Autor schreibt, seine Phantasien und Tagträume, oder um seine eigenen Erlebnisse und Erinnerungen oder um Parallelwelten. Denn 2046 ist zugleich auch das Jahr, in dem eine dieser Stories spielt, der einzige Science-Fiction, der hier tatsächlich vorkommt: Ein Mensch verliebt sich dort in einen weiblichen Cyborg. Und dieser leidet an genau jener Krankheit, die auch Chow zum Verhängnis wird: Ihre Reaktionen sind verzögert. Dann ist da Jing Wen, die Tochter von Chows Wirt, eine verwandte Seele, die er platonisch liebt und der er sich - wie schon kurz ihrer Schwester - freundlich annimmt, die zeitweise zu seinem Ghostwriter wird. Sie liebt einen Japaner, zuerst unglücklich, weil ihr Vater gegen diese Liebe ist, dann doch hoffnungsvoll, weil Chow ihr den entscheidenden Rat gibt - und sich dadurch selbst seiner Gefährtin beraubt, die alles verstand, und ihm doch nicht helfen konnte. Denn vor allem bezeichnet der Titel einen Zustand des melancholischen Stillstands, einen Ort, aus dem, wie es heißt, noch keiner herausgekommen sei. "You can never leave 2046. You can only hope, it is leaving you some day. Nobody has ever come back, except me."

Im Strom des Bewusstseins

Die "extreme Einsamkeit" jedes heutigen Liebenden, von der Roland Barthes spricht, ist das gemeinsame Motiv all jener Story-Partikel, die sich zu einem einzigen Sog zusammenfügen; Wongs Film ist wie ein Bewusstseinsstrom, eine komplexe Passage durch Zeiten und Ideen, Phantasien und Realität - die Geschichte Hongkongs scheint immer wieder in kurzen Dokuszenen auf, und der Titel verweist unter anderem auch auf das Jahr, in dem der 50-Jahre Sonderstatus von Hongkong endet. Auch diese Bilder sind Fetische der Erinnerung, nicht anders als die prächtigen Kleider, die die Frauen tragen, und die alles enthüllen, was sie verbergen. Ein Roman der Erinnerung und Emotionen, der das klassische Geschichtenerzählen multipliziert. Wir lernen, dass auch Maschinen vergessen können. Wir tauchen ein in eine Vorhölle der Erinnerung, ein Gemisch aus Opernmusik; Nacht; Neonlicht, Körpern und Bewegungen; Farben und Musik, treffen Chinesinnen, die Japanisch lernen, einen Voyeur, Identitätskrisen, die Leere des Cyberspace. Das Immergleiche, die Wiederholung...

Gäbe es einen im westlichen Kino der Gegenwart, an den dieser Film erinnert, es wäre David Lynch. Es ist exakt die Stimmung aus dessen so epochalem, wie labyrinthischem "Mullholland Drive", ohne Lynchs Paranoia, in die auch Wong eintaucht. In mancher Hinsicht ähnelt der Film, ähneln alle Filme Wongs, aber dieser am meisten, dem Projekt, das Roland Barthes in seinem Buch "Fragmente einer Sprache der Liebe" unternommen hat: Diskursmuster, Stereotypen und Strukturen des Verhaltens und Empfindens aufzuspüren und in all ihre Flüchtigkeit und Intensität vorzuführen - und zwar aus der Perspektive der einen "entscheidenden Hauptperson" (Barthes), des Ich. Darum perlen auch alle noch so nahe liegenden Gender-Argumente - die "Grausamkeit" des Mannes gegenüber den Frauen, ihre "Ausbeutung" - an "2046" ab, ohne Spuren zu hinterlassen. Spuren hinterlässt bei Wong allerdings sehr wohl die Psychologie, und deswegen ist sein Film impressionistischer, subjektiver in der Gestaltung vieler Situationen, so archetypisch diese für sich genommen sehr wohl sind.

"I have nothing to lose. Nothing but time." - der Zustand, in dem Chow gefangen ist, ist das ewige deja vue. Er hat alles gesehen, alles empfunden, alles verloren. Er sucht seine verlorene Zeit, aber auch wenn er sie findet, ist es, wie in allem Neuen, nur schale Wiederholung. Die Wirklichkeit ist Täuschung für ihn, ein einziges Trompe-l'oeil der Emotionen. Wie alle Figuren, auch die Frauen, die er trifft, ist Chow ein Exilant, nicht nur der Gefühle. Die Vergangenheit all dieser Figuren umgibt auf merkwürdige Weise ein Geheimnis. Klar ist, dass sie nicht von hier kommen, von Chow weiß man, wie von Wong Kar-wai selbst, dass er eigentlich aus Shanghai stammt. Aber auch Bai Ling hat auf Erden keinen rechten Ort. Am Ende des Films wird sie weiter nach Singapur reisen, in den Ort, aus dem Chow gekommen ist, und wir ahnen, dass sie dort auch ihr Glück nicht finden wird, weil sie es längst für immer verloren hat. Wer im Exil lebt, der kann seine Heimat nur in den Gefühlen finden, das erzählt Wong immer wieder, und im verlorenen Paradies der Erinnerungen, so dürftig, zerfranst und trügerisch sie auch sein mögen. "Alle Erinnerungen sind Imaginationen" zitiert Wong Marcel Proust.

Tanz mit dem Zuschauer

Die Struktur ist ohne Frage ungleich komplizierter, gewissermaßen eine Rückkehr zu der Erzählweise von CHUNGKING EXPRESS. Ließ sich Wong damals hineinfallen in das Chaos der Metropole, ist es nun ein innerer Raum, ein Labyrinth aus Erinnerungen und Wunschträumen. Auch wer sich davon vielleicht überfordert fühlt, alles für eine akademische Kopfgeburt hält, oder es einfach nicht mag, wird sich dem unmittelbaren sinnlichen Eindruck, der Dynamik und der kompositorischen Meisterschaft des Films nur schwer entziehen können.

Die Kamera und der Schnitt sind die Hauptdarsteller. Schon in "Chunking Express" und "Fallen Angels" war das so, den beiden Filmen des Regisseurs, die am ehesten vom Hongkong der Gegenwart handeln, das Flirren der Metropole und die fragmentiert-melancholische, flüchtige Wirklichkeitswahrnehmung der Gegenwart einfangen. Wurde dort noch schnell geschnitten, mit Rißschwenks und endlosen Fahrten der Handkamera gearbeitet, scheinen die letzten Filme Wongs ruhiger geworden. Sanft streicht die Kamera durch die engen Räume, fast ständig in Bewegung fängt sie wie beiläufig knappe Beobachtungen ein, Blicke, bewegt sich im Rhythmus der Musik. Ein Tanz mit dem Zuschauer in einem freien Ideen-Raum, in dem es zur seltenen Berührung von Wirklichkeit und Phantasie, von innerer und äußerer Welt kommen kann. Zum Teil wird ganz niedrig gefilmt, unter Kopfhöhe der Personen, von denen manchmal nur Gesichtshälften zu sehen sind, mal nur Beine, Hände, andere Körperteile - klassisches Starkino eben, Glamour pur.

Wenig Berührenderes war zuletzt im Kino zu sehen, als der letzte der vielen Abschiede zwischen Tony Leung und Zhang Ziyi. Das reine Unglück. Und die ewige Frage: "Why cant it be like it was before?" Vor allem aber ist dies die Verdichtung aller Werke Wong Kar-wais und seiner impressionistischen Kinokunst, ein meisterhaft gemachter Film, der sich ganz auf sein Medium verläßt: Bilder, die immer einen Mehrwert haben, eine Aussage, die sich nicht allein in Worte fassen läßt, sondern in Gefühle. In Wongs Filmen schauen wir einem Regisseur beim Fühlen zu und beim Erinnern, beim Nachdenken über das Kino selbst.

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