Säuger frisst Dinosaurier
Zwei neue Fossilienfunde räumen mit dem Vorurteil auf, dass die ersten Säugetiere klein und relativ uninteressant waren.
Die ältesten Säugetiere lebten zurzeit der Dinosaurier in Jura und Kreide. Sie waren maus- bis rattengroß. Ihre Funde sind ausgesprochen selten, doch für das Verständnis der modernen Säugetiere sind sie von großer Bedeutung, weil sich unter ihnen die Vorfahren der Plazentatiere und damit auch die des Menschen befinden. Im aktuellen Nature berichtet ein chinesisches Forscherteam von neuen Fossil-Funden, die das bisherige Bild der frühen Säugetiere ziemlich umkrempeln.
Im Schatten der Dinos
Mehr als zwei Drittel der Evolution der Säugetiere spielte sich in der Zeit vor 180 Millionen bis 65,5 Millionen Jahren ab. Trotzdem gelten die Säugetiere des Mesozoikums (245 bis 65 Millionen Jahre) allgemein als kleinwüchsige, wenig interessante Tiere, die sich von Insekten ernährten, wahrscheinlich nachaktiv waren und ihre Existenz so lange im Schatten der Dinosaurier fristeten, bis diese endlich ausstarben. Das größte bekannte Säugetier dieser Zeit, ist Repenomanus robustus, ein Tricodont, der in der fossilreichen Ausgrabungsstätte Lujiatun in der Yixian-Formation im Westen der chinesischen Provinz Liaoning geborgen wurde nicht komplett allerdings, es existiert nur der Schädel.
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Repenomanus robustus frisst einen jungen Psittacosaurus. R. giganticus verfolgt junge Psittacosaurier, die von ihrer Mutter bewacht werden. (Bild |
Ein Forscherteam um Wang Yuanqing vom Institut für Wirbeltierpaläontologie und Paläonthropologie der Chinesischen Akademie der Wissenschaften berichtet jetzt von einem Fossil, das deutlich erhalten ist und zudem ein erstaunliches Detail aufweist: An der linken Seite des Skeletts, unter den Rippen wurden die Reste eines jungen Dinosauriers (Psittacosaurus) gefunden, der auf eine Größe von 14 cm geschätzt wird. Und noch etwas Weiteres ist den Forschern aufgefallen: Die Teile im Magen von R. robustus waren ziemlich groß. Er gab sich also offenbar keine sonderliche Mühe, seine Beute gut durchzukauen, er schlang sie einfach herunter. Das Kauen hat sich bei den Säugetieren erst später entwickelt.
Groß wie ein Hund: Repenomanus giganticus
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Und noch mit einem zweiten Fund können die chinesischen Paläontologen aufwarten: dem recht gut erhaltenen Schädel eines Säugers, der doppelt so groß ist wie Repenomanus robustus. Wegen seiner Größe wurde er Repenomanus giganticus getauft. Er ist länger als einen Meter, nach dem Zustand seiner Zähne zu schließen, handelt es sich um ein ausgewachsenes Tier. Sein Körpergewicht wird auf 12 bis 14 Kilo geschätzt.
Beide Funde sind mindestens 128 Millionen Jahre alt, sie gehören zu einer frühen Entwicklungslinie der Säuger, von der es keine Abkömmlinge mehr gibt. Sie erinnern jedoch an Tiere wie den Tasmanischen Teufel (Sarcophilus) oder den Honigdachs (Mellivora). Wie Anne Weil vom Department für Biologische Anthropologie und Anatomie der Duke University in Durham/North Carolina in einem begleitenden News-and-Views-Artikel schreibt, werfen diese Funde jede Menge Fragen auf. Denn wenn sich schon R. robustus an jungen Dinos gütlich tat, jagte R. gigantus dann vielleicht sogar erwachsene Tiere? Doch es ist Vorsicht geboten: Auch wenn nun einen Repenomanus gefunden wurde, der offenbar junge Dinos fraß, steht noch nicht fest, ob er sich Dinos bzw. Fleisch regelmäßig einverleibte.
Körpergröße gesichert
Mit den Funden auf dem chinesischen Dino-Friedhof in Lujiatun bestätigt sich eine schon seit geraume Zeit gehegte Vermutung: Dass es nämlich schon im Mesozoium größere Säuger gab. Darauf weisen die Funde von Kollikodon (frühe Kreidezeit in Australien), Schowalteria und Bubodens (Nordamerika) hin.
Wie groß diese Tiere tatsächlich waren, ist fraglich von Kollikodon existiert nur ein Teil des Unterkiefers mit drei Zähnen, von Bubodens ein einziger Zahn und von Schowalteria Teile des Schädels. Giganticus jedoch ist fast komplett erhalten, seine Körpergröße damit über jeden Zweifel erhaben.
Wachsen, um dem Feind zu entkommen?
Wie Weil schreibt, sind die Hypothesen über die Evolution der Körpergröße der Säugetiere sehr dinozentriert. Die am häufigsten geäußerte Theorie lautet, dass die Säuger aus zwei Gründen gezwungen waren, klein zu bleiben: Wegen des enormen Jagddrucks durch die Dinosaurier und weil die meisten ökologischen Nischen schon von den großen Reptilien besetzt waren.
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| Fossil des Repenomamus giganticus im Vergleich mit Tupaia glis. (Bild |
Sind die Säuger aus Lujiatun so groß, weil die Dinos dort klein waren? Diese Frage lässt sich noch nicht beantworten. In der Yixian-Formation wird immer noch aktiv gegraben, die Beschreibung der Tierwelt ist noch lange nicht vollständig. Trotzdem stellt sich nach Weil die Frage, ob nicht vielleicht auch die Säugetiere die Evolution der Dinosaurier beeinflusst haben und es sich nicht nur umgekehrt verhielt. Denn offenbar unterlagen kleine Dino-Arten dem Jagddruck bestimmter Säuger. Sie weist darauf hin, dass in der Forschung schon öfter die Frage gestellt wurde, warum die Vögel im Lauf der Evolution immer kleiner wurden, die Dinos dagegen immer größer. Vielleicht, so mutmaßt sie, könnte es auch so gewesen sein, dass die kleinen Dinos immer größer werden oder den Erdboden verlassen mussten, um den gefräßigen Säugern aus dem Weg zu gehen.
Wang Yuanqing und sein Team bleiben da bodenständiger. Für sie sind die gefundenen Fossilien der erste direkte Beleg dafür, dass einige Tricodonten Fleischfresser waren und sich auch von kleinen Wirbeltieren ernährten. Sie gehen daher davon aus, dass die Säugetiere des Mesozoikums mehr Nischen bewohnten als angenommen und einige der größeren Arten, mit den Dinosauriern um Nahrung und Territorium rivalisierten.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19230/1.html- "relativ uninteressant"? (16.1.2005 22:31)
- Lesegewohnheiten (14.1.2005 14:44)
- ja (14.1.2005 13:48)
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