Der Folterskandal der britischen Armee

Florian Rötzer 20.01.2005

Wieder einmal sorgen Fotos für Aufmerksamkeit, für Unruhe könnte kurz vor den Wahlen auch sorgen, dass der irakische Regierungschef kaltblütig Aufständische erschossen haben soll

Kriege bringen nicht nur Gewalt mit sich, sie sind organisierte Gewalt. Die Regeln des zivilen Verhaltens werden außer Kraft gesetzt, menschliches Leben zählt nicht viel. Es geht, auch wenn die eine Seite haushoch überlegen ist, für jeden Einzelnen um das Überleben. Trotz Kriegsrecht und Genfer Konventionen finden, zumal wenn deren Geltung offiziell wie von der Bush-Regierung für manche Gegner aufgehoben wurde, in der Ausnahmesituation des Krieges stets Exzesse statt. Nach Abu Ghraib hat jetzt auch Großbritannien endgültig der Skandal um Soldaten eingeholt, die irakische Gefangene misshandelt haben. Überdies wurde nun in einem anderen Bericht bestätigt, dass der irakische Regierungschef Allawi sechs mutmaßliche Aufständische kaltblütig erschossen haben soll.

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Posieren für die Kamera

Wieder einmal wird der Skandal durch Fotos vertieft und verbreitet (Brauchen wir Bilder, um zu weinen?), die dieses Mal britische Soldaten im Mai 2003 in einer Lagerhalle in Basra gemacht haben, um die von ihnen irakischen Gefangenen zugefügten Demütigungen als Erinnerungen an die glorreiche Zeit im Irak festzuhalten. Die Veröffentlichung der Fotos in den Medien erfolgt politisch zu einem ungünstigen Zeitpunkt kurz vor den Wahlen. Zu erwarten ist, dass das Verhalten der britischen Soldaten sich ebenso negativ auf die Einstellung gegenüber den Koalitionstruppen und der von den Siegermächten eingesetzten irakischen Übergangsregierung auswirken dürfte.

Dokumentiert wird damit nicht nur die Verletzung von Menschenrechten, sondern auch die Verachtung der Sieger gegenüber den Verlierern, denen sie die Freiheit von einer brutalen Diktatur bringen sollen. Im Unterschied zu Abu Ghraib und anderen Gefangenenlagern scheint es sich hier aber nicht um die Umsetzung oder die Auswüchse von angeordneten Verhörmaßnahmen zu handeln, sondern um sadistische Akte der britischen Soldaten, die allerdings auch nicht spontan geschahen. Der Kommandant soll seinen Soldaten befohlen haben, Plünderer zu fangen und sie sich "hart" vorzunehmen. Das lässt darauf schließen, dass es sich hier - wie auch in anderen Fällen in Abu Ghraib - um keine Aufständischen gehandelt hatte, die misshandelt wurden. Bei dem Lager handelte es sich um ein Hilfslager mit Lebensmitteln, dass offenbar regelmäßig geplündert wurde. Mit Dieben und Plünderern ist man auch nach der Einnahme von Bagdad ähnlich umgegangen. Sie mussten sich nackt ausziehen und wurden dann abgeführt.

Zwar ist der Vorfall nur einer in einer Reihe von ganz unterschiedlichen Fällen, die untersucht werden, aber er hat durch die Bilder besondere Prominenz erlangt. Die Briten galten bislang in ihrem Vorgehen im Irak als weniger aggressiv, weswegen in den von ihnen kontrollierten Regionen auch weniger Widerstand aufgekommen sei. Das mag auch damit zu tun haben, dass es sich um vorwiegend von Schiiten bewohnte Regionen handelt. Die Übergriffe von britischen Soldaten waren allerdings schon länger bekannt. Schon Ende 2003 kursierten simulierte Bilder von den Misshandlungen in Basra im Internet, schließlich war deren Existenz bereits Ende Mai 2003 bekannt. Dabei handelte es sich um den Gefangenen, der an einem Gabelstapler hängend herumgefahren wurde.

Einige der 22 Fotos, die nun während des Prozesses vor einem britischen Militärgericht in Osnabrück gegen drei Angehörige des Royal Regiment of Fusiliers als Beweismittel vom Ankläger veröffentlicht wurden, kamen durch Zufall in die Öffentlichkeit. Der 18-jährige Gary Bartlam, ein weiterer Angehöriger der Einheit, hatte im Mai 2003 einen Film in einen Fotoladen in Tamworth, Staffordshire, zum Entwickeln gebracht. Die Angestellte Kelly Tilford wandte sich, als sie die Fotos sah, an die Polizei, das britische Verteidigungsministerium kündigte eine schnelle Untersuchung und Bestrafung der Täter an. Die Bilder wurden bis jetzt nicht veröffentlicht. Bartlam wurde bereits letzte Woche von einem Militärgericht verurteilt. Wie in Abu Ghraib wurden Gefangene nicht nur geschlagen, sondern mussten sie sich auch ausziehen und sexuelle Handlungen vornehmen. Das sind offenbar fest in manchen Soldatengehirnen eintrainierte Phantasien - oder auch erlernte Praktiken zur Demütigung.

General Sir Mike Jackson verurteilte strikt alle Misshandlungen, aber betonte, dass derartiges nur von sehr wenigen der insgesamt 65.000 britischen Soldaten, die im Irak eingesetzt wurden, begangen wurde. Zwei der Angeklagten bezeichnen sich als unschuldig, nur Darren Larkin räumt ein, einen Iraker geschlagen zu haben. Ansonsten hätten sie nur Befehle ausgeführt. Die Verteidigung setzt darauf nachzuweisen, dass die militärische Führung das Klima für solche Misshandlungen geschaffen habe. Ähnlich argumentierte die Verteidigung im Fall der US-Soldaten, die wegen der Misshandlungen in Abu Ghraib angeklagt wurden, allerdings bislang ohne Erfolg. Manche britische Zeitungen wie der Guardian bezeichneten den Fall als das "britische Abu Ghraib". Das aber ist wohl nicht richtig, da es sich hier nicht um den systematischen, wenn auch im einzelnen Fall sadistischen Umgang mit Gefangenen handelte, die durch Folter für Verhöre weichgeklopft werden sollten, sondern offenbar um eine Anordnung eines lokalen Kommandanten, der Plünderer abschrecken wollte.

Allawi - Saddam Lite?

Kurz nach der Ende Juni erfolgten Inthronisierung von Iyad Allawi, der eng mit der CIA und dem britischen Geheimdienst zusammen gearbeitet hatte und für Falschinformationen über die Massenvernichtungswaffen im Irak verantwortlich war (Der vertrauenswürdige Kandidat für das Amt des irakischen Ministerpräsidenten), gab es Berichte, dass der Regierungschef kaltblütig einige mutmaßliche Aufständische erschossen habe. Bekannt wurde dies durch einen Artikel von Paul McGeough, dem Irak-Korrespondenten des australischen Sidney Morning Herald (Geht die Willkürherrschaft weiter?). Allawi gilt als Hardliner, daher erschien die Geschichte durchaus glaubwürdig, dass er nach Aussagen von zwei Zeugen - die gegen sein Verhalten nichts einzuwenden hatten - im Hof der Polizeistation Al-Amariyah mit einer Pistole sechs an einer Wand aufgereihte mutmaßliche Aufständische, deren Augen verbunden und die mit Handschellen gefesselt waren, mit einem Kopfschuss getötet haben soll. Ein siebter hätte überlebt, sei aber verletzt. Allawi habe gesagt, so müsse man mit den Aufständischen verfahren. Auf den Vorfall befrgat, hat Allawi den Vorfall abgestritten.

Aufgrund des Artikels von Seymour Hersh über den angeblich von der Bush-Regierung geplanten Angriff auf den Iran (Das letzte Hurra...) ging der ebenfalls im New Yorker veröffentlichte Artikel von John Lee Anderson über seine Begegnung mit Allawi unter. Anderson, der sich zu dieser Zeit im Irak aufhielt, sagt, dass die Iraker der Geschichte über Allawi durchaus Glauben schenkten, Journalisten oder Diplomaten hätten dagegen eher vermutet, er selbst habe dieses Gerücht verbreitet, um seine Entschlossenheit zu demonstrieren.

Bei seinem Aufenthalt in Jordanien habe aber ein bekannter früherer Minister der jordanischen Regierung ihm gesagt, dass ein amerikanischer "Offizieller" ihm gegenüber die Erschießungen mit dem Kommentar bestätigt hatte: "Wir stecken in einem Schlamassel. Wir wurden einen Hurensohn los, um einen anderen zu erhalten." Ein irakischer Freund Allawis bezeichnete diesen gegenüber Anderson als Schurken: "Aber als einen Schurken dort, wo er notwendig ist. Die Amerikaner, die ihn eingesetzt haben, nennen ihn Saddam Lite." Ein anderer Freund Allawis, der in Jordanien lebt, erzählte Anderson, Allawi sei nach seiner Rückkehr schockiert gewesen, da alle Iraker Lügner, Schwindler und Mörder geworden seien und nur auf brutale Gewalt reagierten. Und genau so würde er mit ihnen umgehen, habe er gesagt. Der Sydney Morning Herald hat natürlich die Bestätigung aufgegriffen.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19270/1.html
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