Warum Sony es verpasste, ein iPod-ähnliches Produkt anzubieten

22.01.2005

Elektronik-Riese Sony gelobt Besserung - und lässt alles beim Alten

Besser spät als nie, wird sich Sony-Vorstandsmitglied Ken Kutaragi gedacht haben, als er vor dem Japanischen Club der Auslandskorrespondenten in Tokio sagte, Sony habe jahrelang eine falsche Geschäftspolitik betrieben.

"Weil wir im Musikgeschäft engagiert sind, war Sony sehr unwillig, ein iPod-ähnliches Produkt anzubieten, aber wir haben unsere Lektion gelernt," sagte Kutaragi, Chef von Sony Computer Entertainment, der Sony-Tochter, die die Play-Station-Reihe entwickelt und zu einem der nur noch wenigen Goldesel der Japaner gemacht hat.

Nur einige Stunden später gab Sony eine Gewinnwarnung heraus, die allerdings nicht vor Gewinnen warnt, wie auch die vom Neuen Markt gebrannten Deutschen inzwischen wissen, sondern davor, dass der Gewinn dramatisch sinken wird. Und zwar um satte 31 Prozent, von geplanten 1,19 Milliarden Euro (160 Milliarden Yen) auf 821 Millionen Euro (110 Milliarden Yen) für das Geschäftsjahr, das am 31. März enden wird. Die Gründe: ein schlechtes Weihnachtsgeschäft, in dem nicht nur weniger DVD-Player, Fernsehgeräte und Videokameras verkauft wurden, als Sony gehofft hatte, sondern auch noch zu stark gesunkenen Preisen. Japanischen Weihnachts-Shoppern, die Flachbild-Fernseher kauften, bekamen von den Händlern DVD-Spieler gratis dazu, berichtet die Financial Times.

Interessant allerdings, dass Sony diesen Preisverfall nicht als Ausrede nutzt, sondern unter dem Druck der schwindenden Gewinne zum ersten Mal eingesteht, grundlegende Fehler in der Geschäftspolitik gemacht zu haben. Kutaragi, der wegen seiner Erfolge mit der Play Station bisweilen bereits als Nachfolger des Sony-Vorstandsvorsitzenden Nobuyuki Idei gehandelt wird, bestätigt damit allerdings nur, was bereits seit langem allen Fans von Unterhaltungselektronik offensichtlich ist.

Denn die Firma, die sich mit Erfindungen wie dem Walkman, dem Beta-Videosystem oder der Trinitron-Bildröhre einen legendären Ruf und weltweite Erfolge geschaffen hatte, war in letzter Zeit vor allem durch Produkte aufgefallen, die sich dadurch auszeichneten, dass sie die Wünsche der Kunden schlicht ignorierten. Der Grund: der Kampf der verschiedenen Abteilungen Sonys um die Vorherrschaft in der Firma, wie ihn Wired bereits im Februar 2002 in aller Ausführlichkeit analysiert. Denn Sony ist der einzige unter den Elektronikgiganten, der auch in nennenswertem Umfang "Inhalte" produziert: Musik, Filme, Computerspiele - mit Sony Music, Sony Pictures und Sony Computer Entertainment.

Diese Inhalteanbieter fürchten nichts so sehr wie das Rip, Mix and Burn der p2p-Generation, die fröhlich Musik und Filme über Tauschbörsen vertreibt, so lange an ihren Computerspiel-Konsolen rumlötet, bis sie damit auch den Mikrowellenherd steuern kann und überhaupt jeden Respekt vor dem so genannten "geistigen Eigentum" vermissen lässt.

Sonys Antwort: MD-Player, die man zwar über die USB-Schnittstelle rasend schnell bespielen kann, aus denen aber über denselben Anschluss nichts wieder rauskommt (könnte ja zum unerlaubten Kopieren von Musik genutzt werden), das Attrac-Format für Musik, das komplett missachtet, dass der Rest der Welt MP3 verwendet, und ein Musik-Downloadportal, das so nutzerfreundlich war, dass es die Washington Post eine "Peinlichkeit" nannte.

Bei all dem gab sich das Management allerdings derart selbstsicher, dass es ein Kooperationsangebot Apples ablehnte und sich zu einem ähnlichen Vorschlag Microsofts bisher nicht geäußert hat.

Die Frage bleibt, ob Kutaragis herbe Kritik Folgen haben wird. Einen Tag, bevor er dem Korrespondentenclub Rede und Antwort stand, hatte er angekündigt, das Universal Media Disc (UMD)-Format für Sonys neuesten Hit, die Play Station Portable, für andere Anbieter zu öffnen. Aber nur für Musik und Filme, die dann von den großen Studios zugeliefert werden. Selber aufnehmen können die Kunden auf den Scheiben nichts. Und auch das Spiele-Format für die Konsole, so Kutaragi, wird Sony nicht preisgeben. "Es geht gerade erst los," sagte er in Tokio den Reportern mit Blick auf die Fehler der Vergangenheit, "wir werden erwachsen." Da kann man allerdings geteilter Meinung sein.

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