Der Irak wird zur Brutstätte der Barbarei
Abschlachtung auf offener Straße unter den Augen von Passanten und für die Kamera
Der Irak ist nach dem Regimewechsel nicht nur zu einer Brutstätte des Terrorismus geworden, wie ein Bericht des National Intelligence Council unlängst konstatierte (US-Präsident Bush: Der Krieg hat sich absolut gelohnt, die Welt ist sicherer), sondern zudem zu einem Ort der Grausamkeit, an dem auch die Herstellung von Bildern des Schreckens einen neuen Höhepunkt erreicht. Das neueste Video der Gruppe um al-Sarkawi demonstriert auf beängstigende Weise den Grad der erreichten Barbarei.
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Der Irak steht nicht alleine. Die Aufständischen und Terroristen im Irak haben ihre Strategien aus einem anderen "asymmetrischen" Krieg bezogen und weiter entwickelt. Vorbild sind die tschetschenischen Rebellen und Gotteskrieger, die schon lange begonnen hatten, ihre Anschläge in Videos zu dokumentieren, die gleichzeitig als Belege ihrer Aktivitäten und als Propaganda für ihre Stärke dienen sollen. An Grausamkeit von beiden Seiten ist der Jahre lange Konflikt in Tschetschenien sicherlich nicht mit dem im Irak zu vergleichen, der allerdings droht, hier schnell aufzuholen.
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Gegenüber dem brutalen Vorgehen des russischen Militärs haben die Aufständischen ebenso furchtbare Anschläge entwickelt, die in den ersten großen Massengeiselnahmen gemündet sind, deren letzte die Besetzung der Schule in Beslan war ("Ein totaler, grausamer Krieg"). Tschetschenien ist mittlerweile in ein Land im permanenten Ausnahmezustand verwandelt worden, das von Terror, Korruption, Kriminalität und Inhumanität auf allen Seiten beherrscht wird (Der Krieg in Tschetschenien geht weiter, die Bevölkerung wird müde). Das Land wird nicht wie in einer Diktatur beherrscht, es ist ein Land im Krieg ohne staatliche Ordnung. Die große Gefahr ist, dass nach Tschetschenien auch Afghanistan und noch viel stärker der Irak zu solchen "schwarzen Löchern" der Zivilisation werden, in denen Menschenleben keinen Wert mehr haben, die Würde des Menschen ausradiert ist und Gerechtigkeit der Macht des Stärkeren, Brutaleren oder Entschlosseneren gewichen ist.
Solange sich offenbar wie in Tschetschenien, in Palästina und jetzt im Irak, wo dies im täglichen Takt geschieht, Menschen finden lassen, die - aus welchen Gründen auch immer - ihr Leben für ein Ziel einsetzen, von dem sie selbst dann nichts mehr haben, ist etwas an der Situation so verhärtet, dass für den einzelnen der Selbstmord, der möglichst viele Menschen mit in den Tod zieht, als Ausweg erscheint oder ihm dies so suggeriert werden kann. Auch der Zwang und die Manipulation durch einen ebenso fundamentalistischen wie militanten Glauben dürften nicht alleine dafür verantwortlich sein, dass Menschen in Scharen den Tod höher als das Leben schätzen. Zumindest muss der Glaube seinen "Hass" an etwas festmachen, das ihn bestätigt.
Man kann Grausamkeiten nicht gegeneinander aufrechnen. Doch die Bilder von den Misshandlungen in Abu Ghraib haben sicherlich, neben den Gerüchten und Informationen über die Ergreifung von Irakern und die Behandlung von Gefangenen, mit dazu beigetragen, dass die Inhumanität zugenommen hat. Nicht nur die Misshandlung der Gefangenen, sondern die sadistische Inszenierung für die Kamera und damit die kaltblütige Inszenierung von Bildern der Macht und der Demütigung hat Abscheu hervorgerufen. Ob das Wüten des Mobs in Falludscha im März letzten Jahres, als eine frenetische Menge getötete Amerikaner durch die Straßen schleifte (Triumph der Grausamkeit), mit dem Wissen über die Vorgänge in irakischen Gefängnissen zusammen hängt, ist nicht bekannt, aber durchaus möglich. Der darauf folgende Racheschlag des US-Militärs gegen Falludscha (Iraq now) und die Bilder von Abu Ghraib haben dann zumindest mit den Boden für die vermehrten Geiselnahmen und die ersten Morde durch Enthauptung geschaffen (Der seltsame Fall Nicholas Berg). Falludscha wurde erst recht zu einer islamistischen Hochburg, in der dann auch viele der Köpfungen vor laufender Kamera vollzogen wurden - noch aber auch dort nicht auf offener Straße.
Entscheidend zum Aufschaukeln der Anschläge und der Morde für die Produktion von Bildern, die als mediale Waffen Angst verbreiten und die Entschlossenheit sowie Macht der Täter demonstrieren sollen, hat sicherlich auch dazu beigetragen, dass die Konflikte sich zwischen den verschiedenen ethnisch-religiösen Gruppen sich verschärft haben und zahlreiche Gruppen von Aufständischen/Terroristen entstanden sind, die nun - im Hinblick auf Einfluss, Rekrutierung, Geld, lokale Macht - miteinander wie jetzt die Gruppe um Sarkawi und die "Armee von Ansar Al-Sunna" konkurrieren, die erklären, sie hätten gerade 15 irakische Soldaten getötet (Evolution des Terrors). Nicht zuletzt geht es dabei um die Schaffung von Aufmerksamkeit, also darum, die Mittel zu entwickeln, um von den Medien wahrgenommen zu werden. Die Aufschaukelung der Anschläge lässt sich zum großen Teil als Folge davon verstehen.
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Das letzte Video, das von der Gruppe um den mysteriösen al-Sarkawi stammen soll, um den sich immer mehr Mythen ranken und der sich nach Osama bin Laden als das neue Phantom erweist, lässt noch Schlimmeres befürchten. Mitten am Tag enthaupteten maskierte Männer in einer unbekannten Stadt auf dem Bürgersteig einer Straße unter den Blicken von Passanten zwei Iraker. Zuvor hatten diese auf dem Video bekannt (oder wurden zu dieser Aussage gezwungen), für das US-Militär als Lastwagenfahrer Lebensmittel transportiert zu haben. Kurz vor der anstehenden Wahl wird hier noch einmal allen, die mit den Besatzungstruppen und der irakischen Übergangsregierung zusammen arbeiten, Angst eingejagt - und zugleich gezeigt, dass weder Regierung noch die Koalitionstruppen die Lage kontrollieren können.
Das Video ist auf andere Weise als die Bilder von Abu Ghraib ein Dokument abscheulicher Inhumanität. Erschreckt an den Misshandlungen in Abu Ghraib vor allem auch die sexuell getönte Lust der amerikanischen Soldaten, andere Menschen zu quälen und zu demütigen, so sind die Täter auf dem Video kaltblütige Schlächter, die so wirken, als würden sie nur möglichst schnell ihre Arbeit für das Propaganda- und Abschreckungsvideo machen. Wie Vieh werden die Opfer auf die Straße gezerrt, die Köpfe schleifen auf der Straße. Dann werden die Opfer abgeschlachtet, nicht anders, als man es mit Vieh machen würde. Und es dauert lange, bis der Kopf des einen Opfers vollends abgetrennt ist und zum Beweis auf seinen Körper gelegt wird. Ganz offensichtlich geht es nicht um das Quälen der Opfer, grausam ist die absolute Gleichgültigkeit gegenüber den Mitmenschen.
Noch schlimmer fast ist, dass das Schlachten auf offener Straße stattfindet. Autos fahren vorüber, Passanten schauen zu. Verständlich ist, dass sie nicht eingreifen, weil sie damit ihr Leben sicher aufs Spiel setzen, trotzdem ist es ein Schauspiel, das Zeugnis von der im Irak bereits herrschenden Barbarei ablegt. Dass dieses Land schnell, selbst wenn ein Großteil der Bevölkerung an den Wahlen teilnehmen sollte, zu einer Demokratie und zu einem Rechtsstaat oder gar zu einem nachahmenswerten Vorbild für die gesamte Region werden soll, ist kaum mehr zu hoffen. Viel wahrscheinlicher hingegen ist, dass das Theater der Grausamkeit anhält und sich vielleicht noch in andere Regionen verbreitet.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19293/1.html- schöner Kommunist (28.1.2005 10:59)
- der Typ ist pervers (26.1.2005 23:15)
- nicht? (26.1.2005 21:31)
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