Außenpolitische Einflüsterer

24.01.2005

Von wem Condoleeza Rice und George W. Bush ihre neue Freiheitsrhetorik haben

Befragt nach den außenpolitischen Zielen der nächsten vier Jahre, nannte Condi Rice bei ihrer Anhörung vor dem US-Senat die weitere Ausweitung und Verbreitung von Demokratie und Freiheit in der Welt ("Wir werden Freiheit und Demokratie auf der ganzen Welt verbreiten"). Schon im Vorfeld seiner zweiten Inauguration hatte sich auch George W. Bush in ausführlichen Interviews mit der Washington Post sowie den Fernsehsendern ABC und NBC darauf bezogen und die Feierlichkeiten zum Inauguration Day unter das Motto: "Freedom is beautiful" gestellt.

The drug of freedom is universally potent.

Am Tag der Vereidigung (Das Ende der Tyrannei und die amerikanische Freiheit) setzte der Präsident seine Ankündigung dann auf dem Capitol Hill sofort in die Tat um:

Es gibt nur eine Kraft der Geschichte, die die Herrschaft von Hass und Missgunst durchbrechen und die Ansprüche der Tyrannen entlarven und die Hoffnungen der Anständigen und Toleranten belohnen kann, und das ist die Kraft der Freiheit.

Amerika und er werden nicht ruhen, bis die ganze Welt in den Genuss dieser Freiheit käme. "Eines Tages", so orakelte er dunkel weiter, werde "das ungezügelte Feuer der Freiheit auch die dunkelsten Ecken unserer Erde erreichen."

Pedantisch Veranlagte haben ausgerechnet, dass in der knapp zwanzigminütigen Rede genau 42 Mal das Wort Freiheit vorkam, 27 Mal das Wort "freedom" und 15 Mal das Wort "liberty". Bemerkenswerterweise hat bislang niemand genauer nachgefragt, warum sowohl der wiedergewählte Präsident als auch die neue Außenministerin sich in derlei Freiheitsrhetorik üben. Woher beziehen sie diese Semantik? Wer sind die Stichwortgeber? Wie kommen sie dazu, ausgerechnet die Freiheit (und nicht etwa Macht, Wachstum, Armut, Fortschritt, Souveränität usw.) zum Schlüsselbegriff der kommenden Jahre, ja sogar des 21. Jahrhunderts zu erklären?

Dass da bislang noch niemand tiefer gegraben hat, verwundert umso mehr, als sowohl Conoleezza Rice als auch George W. Bush die Bezugsquellen ihrer Freiheitspolitik mehrmals öffentlich dargelegt haben. Wer genau zugehört und Quellenforschung betrieben hat, den konnte der ständige Bezug darauf, aber auch die geschichtsphilosophische Einbettung, kaum überraschen (Der gutwillige Brandstifter).

Historische Kontinuitäten

Da ist zum einen der Historiker John Lewis Gaddis (siehe dazu auch Politik der Umarmung) und sein im Sommer publiziertes Buch "Surprise, Security, and the American Experience", das Bush, eigenen Angaben zufolge, mit großem Gewinn gelesen hat. Darin versucht Gaddis zu belegen, dass die Politik, die Bush nach den Angriffen des elften September eingeschlagen hat, weder eine radikale Zäsur noch einen tiefen Bruch mit oder in der vorherigen US-Politik darstellt.

In einem geschichtlichen Abriss zeigt er, dass sowohl der Unilateralismus der USA als auch die Hegemonialpolitik und das Prinzip der Preemption immer schon allgemeines Prinzip der amerikanischen Politik gewesen sind. Ihre Ursprünge datiert Gaddis auf die Gründertage der Republik. Als die Briten 1814 das Weiße Haus und das Capitol in Flammen setzten, und damit zum ersten Mal in der Geschichte die Homeland Security der noch jungen Nation verletzten, kränkte das nicht nur den Nationalstolz der Neubürger, sondern forderte sie auch zu überraschenden Gegenattacken heraus. Die darauf folgende Strategie, mit präemptiven Maßnahmen die Kontrolle über den nordamerikanischen Kontinent zu gewinnen, stammt von John Quincy Adams. Gleichzeitig wurde mit der Manifest Destiny die Gewinnung des Lebensraums im Westen zum Grundpfeiler des amerikanischen Selbstverständnisses, und mit ihr die "Ausbreitung der Freiheit" zur amerikanischen Ideologie.

Bis zum japanischen Angriff auf Pearl Harbour galt diese Strategie allein für den eigenen Kontinent. Erst danach weitete Franklin D. Roosevelt die Monroe-Doktrin auf den gesamten Erdball aus. Mit dem Beginn des Kalten Krieges setzte er diese Grand Strategy der Nachvorneverteidigung mit großem Erfolg zum Besiegen autoritärer bzw. totalitärer Regime ein. Sie bestimmte jahrzehntelang Amerikas Haltung zur Welt.

Als mit den Attacken auf die Freiheitssymbole des Landes im September 2001 klar wurde, dass Abschreckung und Containment den neuen Bedrohungen und geopolitischen Herausforderungen nicht mehr gerecht werden, hauchte Präsident Bush der Grand Strategy frisches Leben ein. Mit der NSS 2002 (Amerikanischer Internationalismus), in der der Faden des Unilateralismus, der Gedanke der Präemption und des Hegemoniestrebens des frühen 19. Jahrhunderts wieder aufgenommen wird, gab er ihr Form und Gestalt. Fortan gilt die Souveränität eines Landes nichts mehr, wenn es den Terrorismus fördert oder unterstützt, ihn duldet oder Terroristen Unterschlupf bietet und Minderheiten knechtet oder drangsaliert.

Neuer Stichwortgeber

Das ist vor allem aber auch Natan Sharansky mit seinem im November zusammen Ron Dermer publizierten Buch "The Case of Democracy". Noch bevor das Buch in Druck ging, erhielt Bush vom Verlag über Tom Bernstein die Fahnen des Buches. Bereits neun Tage nach seiner Wiederwahl bat Bush Sharansky zu einem über einstündigen Gespräch ins Oval Office, an dem neben dem Chief of Staff auch der neue Nationale Sicherheitsberater Stephen J. Hadley und der Elliot Abrams, der Spezialist für den Mittleren Osten, teilnahmen (An Israeli Hawk Accepts the President's Invitation.

Nach der Diskussion zeigte sich Bush tief beeindruckt von der Person und dem Denken Sharanskys, aber auch bestätigt und gestärkt in seiner kompromisslos harten Haltung. Noch bei seinem gemeinsamen Auftritt mit Tony Blair vor der Presse, als er die Freiheit Amerikas als Geschenk Gottes für die ganze Welt pries, bezog er sich insgeheim auf Sharansky und seine Vorstellung von Freiheit und Demokratie. Ein paar Tage später kam es auch zum gesonderten Gespräch mit Condi Rice und Dick Cheney.

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Aber wer ist dieser Mann, den die gesamte Führungsriege der USA nicht nur hofiert, sondern der sie auch so nachhaltig beeindruckt hat, dass sie fortan Thesen von ihm in direkte Regierungsarbeit übersetzen? Was findet Bush an Sharanskys Haltung und Vorstellungen so attraktiv, dass er noch Wochen vor seiner Inthronisierung einem Washingtoner Redakteur anvertraut hat:

Wenn Sie eine Ahnung davon bekommen wollen, wie ich über Außenpolitik denke, dann lesen Sie Natan Sharanskys Buch "The case for democracy". Dieser Kerl ist eine heroische Gestalt.

Soldat der Freiheit

Natan Sharansky, geb. 1948, ist gebürtiger Ukrainer, ausgebildeter Mathematiker und begeisterter Schachspieler. Wegen regimekritischer Äußerungen wurde er 1977 zu dreizehnjähriger Zwangsarbeit in Sibirien verurteilt. Neun Jahre davon verbrachte er in einem sowjetischen Gulag. Erst Ronald Reagan gelang es 1986, ihn in zähen Verhandlungen mit Moskau im Gefangenaustausch vorzeitig freizubekommen.

Natan Sharansky. Bild

Nachdem er in "Fear No Evil" seine Memoiren niedergeschrieben hatte - in einem kurzen Beitrag für die Washington Post schildert er seine dort gemachten Eindrücke und Erfahrungen (Die Wahrheit ist das erste Opfer) - , emigrierte er nach Israel. Dort war Sharansky Minister in verschiedenen Regierungen und in unterschiedlichsten Positionen, darunter Handelsminister und stellvertretender Premierminister, aber auch Innenminister unter Ehud Barak. Aktuell ist er Vorsitzender einer russischen Emigrantenpartei und Minister für Auswärtige Angelegenheiten in der Regierung Sharon, wo er sich um die Belange der jüdischen Diaspora kümmert.

Sharansky gilt auch in Israel als Hardliner und kompromissloser Gegner eines israelisch-palästinensischen Friedens. Ariel Scharons Politik erscheint ihm zu soft und nachgiebig. Die Vereinbarung von Oslo bezeichnet er als Illusion und die dort fixierten territorialen Zugeständnisse an das palästinensische Lager als groben politischen Fehler. Als Lobbyist in Washington unterwegs nahm er maßgeblich Einfluss auf die Zurücknahme der Road Map im Frühling 2002. Zusammen mit israelischen Siedlern protestierte er im Sommer letzten Jahres vehement gegen Scharons Pläne einer einseitigen Räumung des Gaza-Streifens. Laut Sharansky ermutigt dieser Rückzug nur die Terroristen und führt statt zu weniger zu noch mehr Terror.

Anders als andere Falken in Israel tritt er aber auch für Verhandlungen mit den Palästinensern ein und ist bereit, Land an sie abzutreten, wenn sie der Gewalt abschwören und sich in eine freie Gesellschaft verwandeln. Skeptiker merken an, dass Sharansky wohl erst dann einen eigenständigen Palästinenserstaat akzeptieren werde, wenn dieser sich zuvor in einen neutralen Staat à la Schweiz oder Schweden verwandelt hätte.

Marktplatztest

Guckt man sich die außenpolitische Agenda genauer an, die Bush auf dem Capitol Hill verkündet hat, dann erscheint sie dem Beobachter wie eine Cover-Version des russischen Dissidenten. Wie Bush ist auch Sharansky ist ein Mann tiefer Überzeugungen und Prinzipien, der sagt, was er denkt und Doppelmoral wie Doppelbödigkeit im Denken strikt ablehnt. Und wie Bush besitzt auch er eine zweigeteilte Sicht auf die Welt, die wenig Platz für Zwischentöne bietet und die Welt forsch in Gut oder Böse, Zivilisation oder Barbarei, Freiheit oder Tyrannei einteilt.

Um dem Bösen in der Welt die Stirn zu bieten und der Freiheit zum Triumph zu verhelfen, braucht es sowohl eine klare "moralische Haltung" als auch den politischen Willen, das Gute vom Bösen zu unterscheiden. Wo einst die Koordinaten links und rechts das politische Handeln leiteten, regiert heute der Code von wahr und falsch. Übercodiert wird diese Leitdifferenz nur vom Begriff der Freiheit. Sharansky ist tief davon überzeugt, dass die Kraft der Freiheit die Welt verändert, die Welt sich auf die Freiheit zubewegt ("Peace Will Only Come after Freedom and Democracy").

Die entscheidende Frage, die die freie Welt beantworten muss, ist nicht, ob sie die Macht besitzt, die Welt zu verändern, sondern vielmehr, ob sie bereit ist, den politischen Willen dazu aufzubringen. Damit wendet er sich vor allem gegen jene Skeptiker, die glauben, dass Freiheit nicht für alle Völker oder Nationen geeignet ist, sie vielleicht sogar mehr Gefahren für sie bringt als Nutzen und folglich die freie Welt nichts zu ihrer weiteren Verbreitung tun könne.

Weltanschaulich unterfüttert wird Sharanskys politischer Optimismus von einem Gegensatz, der freie Gesellschaften strikt von solchen trennt, in denen Angst und Schrecken regieren. Sperrten Furchtgesellschaften Dissidenten einfach ein oder weg, garantierten freie Gesellschaften das Recht auf Abweichung und freie Rede ausdrücklich. Um das zu prüfen, schlägt er den so genannten "Marktplatztest" vor. Dieser geht so: Kann jemand auf den Marktplatz gehen und dort ohne Angst vor körperlicher Bestrafung, Festnahme oder Gefängnis seine Ansichten frei äußern, dann handelt es sich um eine freie Gesellschaft. Ist dem nicht so, dann handelt es sich um eine Furchtgesellschaft. Bei ihrer Anhörung bezog sich Condi Rice explizit auf diesen Test. Sie kündigte an, solange nicht ruhen zu wollen, "bis jeder Mensch, der in einer Furchtgesellschaft lebt, schließlich seine Freiheit erlangt hat."

Abstrakte Freiheit

Um als Unterscheidungskriterium herhalten zu können, ist das natürlich viel zu allgemein und diffus, aber auch blauäugig und politisch naiv. Dem Test zufolge kämen selbstverständlich auch freie Gesellschaften in den Geruch, Furchtgesellschaften zu sein. Jede Gesellschaft, auch die Weltgesellschaft, hat ihre eigenen, je spezifischen und kulturell definierten Grenzen. Sie bestimmen, was öffentlich gesagt werden darf, kann oder nicht. Wer in Deutschland Hitler für einen überragenden Staatsmann hielte, für die Reinhaltung von Rassen plädierte oder Juden eine Mitschuld an ihrer Ermordung zuschöbe, würde sozialen Selbstmord begehen. Nach Sharanskys Definition wären folglich auch Nazis, Rassisten und Judenhasser Dissidenten und hätten ein Recht, ihre Parolen öffentlich zu äußern oder zu verbreiten. Ein solche Freiheit oder Dissidenz kann aber niemand ernsthaft wollen oder mit guten Gründen zulassen.

Nicht einmal in den USA, wo im First Amendment zwar großzügig Redefreiheit garantiert ist. Diese wird eingeschränkt und teilweise strafrechtlich verfolgt, wenn sie sich auf sexuelle Inhalte bezieht oder ein direkter oder unmittelbarer Schaden eines schützenswerten Rechtsgutes zu erwarten ist (Ja zu Pornos). Weil das so ist, überall auf der Welt der freien Rede normative Grenzen gesetzt werden, kann es bestenfalls um ein mehr oder weniger Erlaubt gehen. Eine solche elastische, der kulturellen oder historischen Zeit geschuldete und zudem von Werten und persönlichen Vorlieben des Beobachters abhängige Definition taugt vielleicht für den weltpolitischen Kampf zwischen Gut und Böse, Gott und Teufel, aber nicht dazu, verschiedene Gesellschaftstypen trennscharf voneinander zu unterscheiden.

Aktive Sicherheitspolitik

Bei Lichte besehen ist diese Unterscheidung auch nur vorgeschoben. Tatsächlich geht es Sharansky um (wie Hegel sagen würde) kulturelle "Prestigekämpfe". Es verwundert daher nicht, dass auch er den War on Terror mit dem weltgeschichtlichen Kampf der freien Welt gegen Nazismus und Kommunismus vergleicht. Gut ist demnach, wer gegen das Böse in der Welt zu Felde zieht; böse ist, wer diesen Krieg beschwichtigt (Axis of Appeasement), Terrorregime für stabilisierende Faktoren betrachtet und mit ihnen Kompromisse schließt.

Sharansky ist sich sicher, dass alle Völker dieser Welt frei sein wollen und nach Freiheit streben. Folglich auch Araber und Muslime. Weswegen er auch die gängige Meinung, wonach islamische Staaten unfähig zu Freiheit und Demokratie sind, für dummes Zeug hält. So wie Japaner, Italiener und Deutsche einst bewiesen hätten, dass sie sehr wohl zur Demokratie fähig sind, wären auch Moslems und Palästinenser in der Lage, eine freie Gesellschaft aufzubauen. Niemand will freiwillig in einer Furchtgesellschaft leben. Gäbe man ihnen die Gelegenheit frei zu wählen, dann würden sie für die Freiheit und gegen die Tyrannei stimmen. Das Gleiche sagte kürzlich auch Dick Cheney über den Iran. Könnten die Iraner sich frei äußern, würden sie die Mullahs auf der Stelle zum Teufel jagen und sich US-Symbole ans Revers heften.

Ob die Welt dadurch jedoch sicherer würde, darf mit Fug und Recht bezweifelt werden. Eine Zeitlang hat es wirklich so ausgesehen, als ob die Freiheit auf dem Vormarsch sei, so Bush wörtlich auf dem republikanischen Konvent Anfang September letzten Jahres in New York. Die jüngsten Ereignisse in der Ukraine mögen den einen oder anderen in dieser Zuversicht auch weiter bestärken. Aber dass Demokratien keine Kriege mehr führen, zumindest nicht gegen andere demokratische Staaten, dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Demokratien sind nicht per se friedfertig. Sie führen genauso häufig Kriege wie nichtdemokratische Staaten. Das hat die jüngere Geschichte nicht zuletzt bewiesen. Auch untereinander. Sowohl Pakistan und Indien, als auch England und Argentinien haben sich mit Waffengewalt befehdet.

Andererseits brauchen auch freie Gesellschaften äußere Feinde, um ihre Reihen nach innen fest zu schließen. Dass die Verbreitung von Angst und Schrecken ausschließlich Mittel und Politik von Diktaturen ist, um ihre Bevölkerung bei der Stange zu halten, ist falsch. Auch Israel braucht den arabischen Feind. Ohne ihn könnten weder die Siedlungspolitik noch der Bauzaun oder die widerrechtliche Besetzung des Westjordanlandes legitimiert werden. Und ohne das zyklische Schüren terroristischer Ängste im Inland könnte die US-Regierung wohl kaum die gigantischen Ausgaben des Irak-Feldzuges oder die Maßnahmen zur Homeland Security rechtfertigen. Auch in dieser Hinsicht gibt es folglich wenig Grund, Sharanskys Optimismus zu teilen.

Sticks and Carots

Wie man Härte, Standfestigkeit und Ausdauer in der Politik erfolgreich kombinieren könnte, zeigt Sharansky zufolge die klare Haltung Ronald Reagans gegenüber der Sowjetunion. Die US-Regierung wird mit ihrer Politik der Freiheit im Größeren Mittleren Ostern erfolgreich sein wenn sie dessen Politik gegenüber der Sowjetunion kopiert. Als Ronald Reagan das damals schon verrottete und schwache Regime als "Reich des Bösen" bezeichnete, sei das Land zusammengebrochen. Für Sharansky ist ausgemacht, dass die islamischen oder anderen Terrorregime genauso implodieren würden, wenn die freie Welt sie mit derselben kompromisslosen Politik konfrontierte, keine Geschäfte mehr mit ihnen machte und zu Unterdrückung und Knechtschaft, Demütigung und Erniedrigung nicht länger schwiege:

Vor 30 Jahren stellte sich der demokratische Senator Henry Jackson mutig den auf Appeasement gerichteten Kräften in beiden US-Parteien entgegen, indem er den sowjetischen Staat moralisch herausforderte. Mit derselben Wahrheit half Ronald Reagan, ein Republikaner, zehn Jahre später Hunderte Millionen Menschen vom Kommunismus zu befreien und schlug den Funken für eine Flamme der Demokratie, die noch immer Diktaturen verschlingt und bedroht.

Warum sollte das, fragt Sharansky, was damals politisch gelang, als man Handelsbeziehungen mit der Einhaltung der Menschenrechte verknüpfte und russische Dissidenten unterstützte, nicht auch im Größeren Mittleren Osten Erfolg haben? Sharansky fordert deshalb zu einer engen Partnerschaft zwischen politischen Hardlinern und Menschenrechtsaktivisten auf:

Die Verfechter des Sicherheitsdenkens müssten verstehen, dass Sicherheit und Demokratie unentwirrbar miteinander verknüpft sind, während Menschenrechtsaktivisten einsehen müssten, dass der Kampf um die Menschenrechte nicht vom Kampf um die weltweite Verbreitung der Demokratie getrennt werden kann.

Sollte es Bush gelingen, beide Gruppen für den gemeinsamen Kampf gegen das Böse zu gewinnen, dürfte der Erfolg, da ist er sich völlig sicher, nicht ausbleiben.

Die Sowjetunion und der Kommunismus sind Geschichte. Über eine Million von Juden ist in ihre alte Heimat zurückgekehrt. Und viele hundert Millionen Menschen sind jetzt frei. All das müsste eigentlich jeden Skeptiker von der wunderbaren Kraft der Freiheit zur Veränderung der Welt überzeugen.

Geistesverwandtschaften

Unbeugsamkeit als moralische Haltung und/oder Tugend mag im Gulag das Überleben Sharanskys erleichtert und ermöglicht haben. Selbiges scheint er jedenfalls auch im Gesicht entdeckt und den Äußerungen des US-Präsidenten entnommen zu haben. Zu Bush sagte der Israeli nach eigenem Bekunden jedenfalls:

Sie schauen nicht wie ein Politiker, sondern vielmehr wie ein wirklicher Dissident aus. Politiker starren immer auf Meinungsumfragen, Sie jedoch glauben an Demokratie und Freiheit. Sogar dann noch, wenn ihre europäischen Kollegen Ihnen sagen, dass Demokratie in diesen Ländern unmöglich ist. Sie sind tatsächlich ein Dissident.

Ob Standfestigkeit und Kompromisslosigkeit die Sowjetunion in den Ruin getrieben haben, scheint fraglich. Und ob Härte und Dissidenz fürs politische Tagesgeschäft taugen, auch. Zumal es dort hauptsächlich um den Ausgleich unterschiedlichster politischer Interessen geht. Genau betrachtet operiert Sharansky nämlich mit derselben Doppelmoral und Doppelbödigkeit, die er Tyrannen, Unterdrückern oder Terroristen vorwirft.

Den so genannten 3D-Test, wonach Kritik an politischen Zuständen a) keine Dämonisierung des Gegners betreiben, b) keine doppelten Standards enthalten und c) keine Delegitimierung zur Folge haben dürften, besteht weder er noch der US-Präsident. Man kann nicht völkerrechtswidrige Handlungen auf diktatorische Verhaltensweisen der anderen Seite zurückführen bzw. sie damit entschuldigen. Menschen in Lager zu sperren, sie zu foltern oder gar präemptiv zu entsorgen, bleibt auch dann ein Verbrechen wider das Völkerrecht, wenn sie von einer freien Gesellschaft angeordnet oder ausgeführt werden.

Doppelbödig bleibt das Ganze auch, wenn berechtigte Kritik an der israelischen bzw. US-amerikanischen Regierung sofort mit dem Vorwurf des "Antisemitismus" und/oder "Antiamerikanismus" gekontert und damit zum Schweigen gebracht werden. Auch Sharansky dürfte bekannt sein, dass die Regierung Bush mit autoritären Regimen paktiert und sie mit Waffen, Geld und Logistik unterstützt. Saudi-Arabien und Ägypten, mit Sicherheit keine Staaten, in denen die Freiheit im Sinne Sharanskys oder Bushs realisiert ist, gehören zu den engsten Verbündeten der USA im Kampf gegen den Terror. Und auch mit China und Russland, Pakistan und Usbekistan unterhält die Weltmacht enge Beziehungen.

Schließlich spielt Kompromisslosigkeit auch den Hardlinern der jeweilig anderen Seite in die Hände. Zu denken geben sollte Sharansky und Bush, dass ausgerechnet der islamistische Feind Bushs Wiederwahl am lautesten bejubelt haben. Freiheit lässt sich nicht einfach von hier nach dort verpflanzen. Erst recht nicht mit Terror und Gewalt. Das Recht in Sicherheit zu leben, gilt für Israel und für Amerika, aber eben auch für alle anderen Völker. Sicherheit ist unteilbar. Nach der Lektüre von "Der Grund für Demokratie" hat man aber den Eindruck, dass Sharansky diesen Grundsatz nicht unbedingt teilt.

Wolkenkuckucksheim

Es gibt folglich etliche gute Gründe, warum Bush Ross und Reiter gemieden und sowohl die Achse des Bösen als auch den Terrorismus nicht beim Namen genannt haben. Auch die Handlungen im Irak blieben bei der Inaugurationsrede ausgespart, was den Kolumnisten der New York Times am Tag nach der Amtseinführung zu der süffisanten Äußerung verleitete, dass Bush den Krieg bei den Feierlichkeiten am liebsten weggetanzt hätte (Dancing The War Away).

Das Desaster, das er mit seiner demokratischen Mission im Irak angerichtet hat, ist auch kaum dazu angetan, es zum Gegenstand einer feierlichen Inaugurationsrede zu machen. Vor allem dann, wenn es stimmt, dass Mossad und das Pentagon (Die kommenden Kriege) verdeckt auf iranischem Gebiet operieren, dabei mögliche Angriffsziele ausspähen und es zwischen Israel und Amerika einen gemeinsamen Plan zum Angriff auf den Iran gibt (Gemeinsamer Plan zum Angriff auf Iran). Um davon abzulenken oder nicht von investigativen Journalisten bei der Operation gestört zu werden, ist es sicher besser, sich in wolkige und luftige Höhen zu begeben, dort, wo die Götter wohnen und den Günstlingen huldigen.

Aber vielleicht haben die Kritiker auch Unrecht, und es verhält sich bald ganz anders. Nach Sharansky kommt es weniger darauf an, was ist, als vielmehr darauf, unbeirrt von Einwänden, weltweiter Skepsis oder schlechter Umfragen seinen Weg zu gehen. Prinzipientreue, Wahrhaftigkeit und Ausdauer werden letztendlich belohnt. Bei hinreichendem Glauben, Mut und Stärke würde sich also das Wahre, Gute und Schöne überall durchsetzen. Im Gulag genauso wie in Washington, Bagdad oder Castrop-Rauxel.

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