VW Polo, nichts für Selbstmord-Bomber

25.01.2005

Kann man über Terror lachen?

22 Sekunden können für großen Wirbel sorgen. Im Netz kursiert zur Zeit ein genau so langer Spot, der aussieht wie ein Werbeclip für den neuen VW-Polo. Sein drastischer Inhalt führte zu einem empörten Aufschrei. Der Volkswagen-Konzern hat jede Beteiligung dementiert.

Ein arabischer Terrorist steigt in seinen VW Polo. Schwarzes krauses Haar, ein Dreitagebart, Sonnenbrille, Tarnparka und das obligatorische "Palästinenser-Tuch" machen klar, dass hier die personifizierte "Achse des Bösen" am Steuer sitzt. Der Mann startet den schwarzen Wagen, um den Bauch liegt gut sichtbar der Sprengstoffgürtel. Der Terrorist fährt durch eine sonnige Stadt, die Szenen der Fahrt sind mit Bildern lebendigen Treibens zwischengeschnitten. Lächelnde Menschen sitzen in Cafés, darunter Mütter mit ihren Kindern.

Der Polo rollt in einen Boulevard. Sein Fahrer stoppt vor einem Straßencafé und zündet den Bombengürtel. Die Explosion zerreißt ihn, der Polo aber steht makellos da. Am Ende das VW-Logo und der Slogan: "Polo. Small but tough."

Es braucht keine Phantasie, den Spot als palästinensischen Selbstmordanschlag in einer israelischen Großstadt wie Tel Aviv zu deuten. Seitdem der Clip am 17. Januar im Netz auftauchte, gibt es zahlreiche und heftige Reaktionen in den internationalen Weblogs.

Das geht zu weit. Wie sollen sich die fühlen, die geliebte Menschen durch Selbstmordattentäter verloren haben? Vielleicht zeigen sie in der nächsten Werbung, wie viele Häufchen Asche von vergasten Juden in einen ihrer Wagen passen. Oder noch besser, sie können zeigen, dass der Wagen seine Insassen vor einem Tsunami schützt, während um ihn herum die Menschen ertrinken!.

Diese Werbung ist widerlich. In unserer von Terroristen, Kriegen und Gewalt verdorbenen Welt, warum versucht da ein Firma Zuschauer damit zu konfrontieren, um ihre Produkte zu verkaufen? Schlechter Geschmack.

Ähnlich empfindet das Laura Kam Issacharoff, Co-Direktorin der Anti-Diffamierungsliga in Israel:

Es gibt nichts, was das Unangemessene und Geschmacklose dieser Werbung aufwiegen könnte. Es ist entsetzlich. Auch wenn sie keinen impliziten israelischen Kontext hat, zeigt sie ein negatives Stereotyp von Arabern, und ich würde es verstehen, wenn sich die arabische Gemeinschaft wütend dagegen wehrt. Der Terrorismus ist nichts zum Lachen, in keinem Kontext.

Andere jedoch sehen den Film mit mehr Humor: "Brillant. Du kannst nicht jeden die ganze Zeit zufrieden stellen, aber manchmal kannst du es schaffen, dass sich Leute vor Lachen bepissen", schreibt "Split sides". Volkswagen sah sich jedoch stark in der Kritik und lancierte ein Statement im prominenten Werberorgan AdAge.Com, demzufolge der Automobilkonzern nichts mit diesem "Material" zu tun habe und legale Schritte gegen die Macher des Clips erwägen würde.

Der Polo-Clip wäre nicht der erste Versuch, mit Selbstmord Autos zu verkaufen. Schon 2003 musste Honda einen Werbespot in Australien zurückziehen. Damals stürzte sich lediglich ein alter Honda die Klippen hinunter, weil sein Besitzer den neuen Honda-Accord bewunderte. Trotzdem gab es zahlreiche Beschwerden - beispielsweise sollte der Film Jugendliche zum Selbstmord anregen – so dass der japanische Autobauer seine TV-Werbung einstellte.

Handfester geht es da im Netz bei den Virals zu – Werbeclips, die die Öffentlichkeit des Internet nutzen, um den enormen Kosten für TV-Zeit auszuweichen. Oft sind sie Testballons größerer "analoger" Kampagnen. Ford soll 2004 durch einen Viral sein SportKa angepriesen haben, bei dem das automatische Sonnendach des KA einer Katze den Kopf abtrennte, wie die New York Post berichtete.

Auch beim Attentatsfilm tauchte zunächst die Vermutung auf, der Produzent des Autos sei auch für den Clip verantwortlich. So sollte er Gerüchten zufolge seinen Weg ins Netz nur versehentlich aus dem Giftschrank einer VW-Werbeschmiede gefunden haben und eigentlich ein rein interner Test gewesen sein. Indizien dafür sahen die Gerüchteschmiede in der professionellen Machart des Spots. Wie der britische Guardian berichtete, wurde der Spot auf 35mm-Film gedreht, mit einem Budget von mehr als 80.000 Euro. Ein bisschen viel für einen Hobbyspot.

Während der Islamische Jihad und auch die Hamas bisher zu dem Film keine Stellung nahmen, hat VW seine Beteiligung umgehend dementiert. Volkswagen "verneint ausdrücklich in irgendeiner Art, in die Entwicklung des Viral verwickelt zu sein", erklärte ein Sprecher gegenüber dem Guardian. "Solch ein Risiko gehen wir mit unserer Werbung nicht ein. Wir betrachten uns als ehrbar."

Mittlerweile hat der Konzern für die Schließung einiger Download-Seiten des Spots gesorgt und juristische Schritte gegen die Macher des Filmes angekündigt.

Die haben sich jetzt zumindest teilweise geoutet. Die britischen Betreiber der Seite leeanddan.com, Spezialisten in der Produktion von Virals, erklärten, den Spot geschrieben zu haben.

Wir haben die Werbung für Volkswagen gemacht. Wir hatten nie wirklich vor, sie veröffentlichen. Die Werbung kommentiert, was im Augenblick passiert. Die Leute sehen das jeden Tag in den Nachrichten. Der Wagen ist der Held, der unschuldige Menschen vor jemandem mit sehr bösen Absichten schützt.

Sowohl "Lee", als auch "Dan" weigerten sich bislang zu erklären, wer den Film finanziert hat.

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