Ein Grad Celsius von der Klimakatastrophe entfernt?

25.01.2005

Eine "International Taskforce" will mit einer dramatischen Warnung die Regierungen unter Druck setzen, schnell Maßnahmen gegen die Klimaerwärmung zu ergreifen

Will man dem Bericht von mehreren Umweltorganisationen glauben, die eine "Task Force" begründet haben, so würde die Klimaerwärmung schnell einen dramatischen Verlauf nehmen. In zehn Jahren, so die Prognose, gäbe es kein Zurück mehr und wären Dürreperioden, Waldsterben, Ansteigen der Meere, Wasserknappheit und Missernten unausweichlich.

Zur International Climate Change Taskforce haben sich im März 2004 das britische Institute for Public Policy Research (ippr), das US-amerikanische Centre for American Progress und das Australia Institute zusammengeschlossen. Als Vorsitzende fungieren der Labour-Abgeordnete Stephen Byers und die republikanische (!) Sentaorin Olympia Snowe. Mitglied in der Taskforce sind noch 14 weitere Politiker und Wissenschaftler, darunter Ernst-Ulrich von Weizsäcker. Sie gehen davon aus, dass es international einen wissenschaftliche Konsens darüber gibt, dass die Klimaerwärmung zunimmt und dass die Hauptursache die von Menschen gemachte Abgabe von Treibhausgasen ist.

Der Bericht Meeting the climate challenge wurde rechtzeitig zum Weltwirtschaftsforum in Davos veröffentlicht, den der britische Premierminister Tony Blair mit einer Rede eröffnen wird. Die Taskforce hofft, Blair unter Druck zu setzen, der erklärt hat, sich 2005 als Vorsitzender der G8 und gleichzeitig der EU für eine Stärkung der Klimapolitik einzusetzen. Blair wird aufgeordert, eine G8-Plus-Klimagruppe, zu der auch andere wichtige Staaten wie Indien oder China gehören sollen, zu etablieren, um die Klimaerwärmung zu bekämpfen. In Form von Partnerschaften sollten energiesparende Maßnahmen verbreitet, die Landwirtschaft bei der Umstellung des Anbaus auf biologische Energie gefördert oder die Herstellung von Fahrzeugen, die wenig Treibstoff benötigen, unterstützt werden.

Die G8-Staaten sollen beschließen, bis spätestens 2025 ein Viertel ihrer Energie aus Erneuerbaren Energien zu gewinnen, während gleichzeitig eine Kappung für den Ausstoß von Treibhausgasen in Kraft treten müsste. Zudem müssten arme Länder finanziell bei der Umstellung unterstützt und in die Entwicklung von klimafreundlichen Techniken investiert werden. Und aufbauend auf der United Nations Framework Convention on Climate Change (UNFCCC) und dem Kyoto-Protokoll sollte ab 2012 ein neues weltweites Abkommen den Klimaschutz verbindlich durchsetzen. Das sind viele Forderungen, deren Umsetzung wenig realistisch erscheint. Die Taskforce greift daher wohl zu einer drastischen Warnung und verlangt kreatives (Um)Denken.

Erstmals wagt es ein Bericht, eine Zeitangabe dafür zu machen, ab wann die Klimaerwärmung unweigerlich katastrophale Folgen verursachen wird. Die oben erwähnten Folgen könnten noch überboten werden, so wird gewarnt, wenn beispielsweise der Golfstrom unterbrochen wird. Seit 1750 hat die göobale Durchschnittstemperatur mit der Industriellen Revolution durch die Abgabe von Treibhausgasen, vor allem durch die von Kohlendioxid, um 0,8 Grad Celsius zugenommen. Und es sei nur noch ein Grad notwendig, bevor der Wendepunkt erreicht wird.

Das trete unweigerlich ein, wenn die Kohlendioxid-Konzentration auf 400 ppm (parts per million/Teile pro Millionen Teile) angestiegen sein wird. Gegenwärtig liegt sie bei 379 ppm (1750: 280 ppm) und nimmt jährlich um 2 ppm zu. Daher würde, sind die Annahmen richtig, der Schwellenwert in 10 Jahren, vielleicht auch ein wenig früher oder ein wenig später, erreicht werden. Die Annahme ist, dass mit einer Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre ein Rückkopplungseffekt eintritt, weil die Kohlenstoffspeicher wie Wälder, Meere oder Böden dann Kohlendioxid abgeben, anstatt zu speichern. Das würde die Erwärmung erheblich beschleunigen (Abrupte Zunahme der Kohlendioxid-Konzentration in der Atmosphäre).

Die Taskforce hat vor allem mit der Beschwörung, dass die Zeit schnell ausläuft und eine Katastrophe bevor steht, wenn nicht dringend etwas getan wird, die erwünschte Medienecho erreicht. Die Frage ist allerdings, ob es wirklich klug ist, mit solchen Warnungen politischen Druck auszuüben. Da die Aussagen zur drohenden Klimakatastrophe in dem Bericht kaum begründet werden, dürften die Skeptiker gerade in solchen Berichten Unterstützung finden.

Die Konservativen in den USA, die für den Klimaschutz nichts übrig haben, sehen in diesem Vorstoß nur ein weiteres Komplott und einen gigantischen Versuch, eine Theorie durch Zensur, Unterdrückung, Fälschung und Manipulation durchzusetzen. Ironisch wird angemerkt, dass der Bericht just zu der Zeit eines Kälteeinbruchs in Nordamerika veröffentlicht wurde. Verglichen werden Bemühungen um Klimaschutz mit totalitären Regimen wie dem Faschismus oder Kommunismus. Das geheime Ziel dieser Verschwörung sei ein Angriff auf den Reichtum der USA:

Der Reichtum der USA ist und war immer das Ziel. Die neue Strategie, die Beute zu erlangen, setzt auf Taktiken der Umweltpanik.

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