Im Reich der Zeichnungen

Webcomics - Nebenbeschäftigung von Gestaltern mit Kreativitätsüberschuss oder echte Kunstform?

In den USA haben regelmäßig aktualisierte Webcomics bereits eine Geschichte und ein anspruchsvolles Publikum. In deutscher Sprache gibt es sie seltener - aber es gibt sie.

Man braucht kein ausgesprochener Comic-Liebhaber zu sein, um ein Portal wie OnlineComics zu schätzen. So vielfältig sind die Stile, so erstaunlich die Szenarien, dass gelegentliche Streifzüge immer wieder fröhlich verplemperte Stunden garantieren. Und wenn man dann erst einmal Comics wie die "Diesel Sweeties" entdeckt hat, entwickelt sich leicht eine Dauerbeziehung.

Wie ist das mit deutschsprachigen Webcomics? Nun, ein wenig komplizierter. Natürlich könnte man jetzt Reihen wie Tom Touché und die bei Spiegel Online erscheinendem Strips von Jamiri (Jan-Michael Richter) als Webcomics begreifen, aber man würde doch immer wissen, dass das irgendwie nicht stimmt.

Zum klassischen Webcomic scheint wie zum klassischen Weblog der Selbstauftrag und die Kommerzferne zu gehören - dass Tom Touché und das Jamiri-Spiegel-Comic außerdem stinklangweilig sind, steht dann wieder auf einem anderen Blatt. Und dann wird's in Deutschland schnell eng.

Zwar gibt es Dinge wie "Herrensahne" (sehr schöner Name übrigens), auf den ersten Blick ein Portal wie OnlineComics auch. Und dort finden sich auch wunderbare Links, wie zum Beispiel die zu "Terrorjesus", zur verspielten Klonek-Welt oder zum Tagesgeschäft.

Aber so hübsch das alles ist, so deutlich der kreative Standard über manchen englischsprachigen Webcomicprodukten liegt, die oft eher von Hobbyzeichnern gepflegt werden - es fehlt etwas. Möglicherweise leiden diese Projekte hier und da an Perfektionismus, ganz sicher aber schadet ihnen, dass sie Showcases für die eigentliche Brotarbeit sind - es fällt einfach auf, dass viele Grafiker und Grafikerinnen im "Herrensahne"-Umfeld die im Netz veröffentlichten Arbeiten eher als Talentproben, als Referenzen für die wirklich wichtige Sache, für die ernsthafte Arbeit im Dienst an ernsthaften Kunden begreifen. Oder eben als Reklame für die Printprodukte, in denen sie ernsthaft vermarktet werden. Drastisch ausgedrückt sind diese Sachen Werbegeschenke - also Artikel an der Grenze zur Nutzlosigkeit, mit denen man zwar schreiben, sich waschen, sich abtrocknen kann (jedenfalls für eine Weile), bei denen man sich aber trotzdem betrogen fühlt, weil "CDU" oder "Beiersdorf" draufsteht, und zwar so groß, dass das unübersehbar ihr wirklicher Zweck ist. Natürlich werden diese "Designer-Webcomics" nicht regelmäßig aufgefrischt, und passend zu ihrem Zweck sind sie meistens in aufwendigen Flashstrukturen verschachtelt, analog zu Bewerbungsmappen für die Kunsthochschule, die immer komplett zu würdigende Projekte enthalten. "Kuck mal hier" ist nicht mit diesen Comics.

Man kann sich jetzt natürlich mit Sachen wie dem Supatopcheckerbunny trösten, zwar auch eher ein zweitverwertetes Printprodukt, aber immerhin aus der Titanic. Nur - der Trost ist so karg, er wird ja höchstens einmal im Monat geliefert. Die Alternative heißt Zwarwald.

Was der Kölner Zeichner und Illustrator Leo Leowald unter diesem Titel täglich neu ins Netz stellt, hat seit dem Mai letzten Jahres eine stetig wachsende Fangemeinde gewonnen, was mittlerweile wenigstens von der alternativen Presse (so weit man die taz noch irgendwie alternativ finden kann) wahrgenommen wird - natürlich gleich ein Thema für den Zeichner:

Um es klar zu sagen: trotz des zunächst krakelig wirkenden Zeichenstils ist es absolut kein Dilettantismus, der den Reiz des Strips im Vergleich zu seinen durchgestylten Konkurrenten ausmacht. Die zarte Koketterie, mit der sich Leowald über sein angebliches zeichnerisches Unvermögen lustig macht, wird bei ihm fast immer von einem makellosen Storyaufbau konterkariert, einem sehr fein getunten Humor und Einfällen, die manchmal schon nach der großen Kunst greifen.

Was er uns frei Haus und bis jetzt ohne Nebengedanken und Rip-Off anbietet, auch ohne relevante Verbindung zu seinem Brotjob als Illustrator, ist eine Kunst in der Tradition der Peanuts oder von Calvin und Hobbes, die leicht ist und bleibt und deswegen dort tänzeln kann, wo andere aufgrund ihres Übergewichts einbrechen. Nichts Schenkelklopfendes, nichts zum Schmunzeln, keine Brüller und keine Karikatur, kein politischer Angriff und keine Analyse, sondern nur der tägliche, selbst auferlegte Zwang, meistens vier Kästchen mit Inventar und Belegschaft zu füllen, streng der Erkenntnis folgend, dass das reicht.

Es ist mehr als ausreichend. Leowald verschwendet sich, verschwendet Ideen, mit denen andere geizig haushalten würden, bis sie zum Abwinken ausgewalzt oder vertrocknet wären; er kann es sich leisten, weil ihm pro Tag mehr einfällt, als anderen in einem Monat, und dass er uns an dieser Verschwendung so großzügig wie regelmäßig teilhaben lässt, macht sein Projekt so sympathisch. Und obwohl ich nicht zweifle, dass er dieses Lob auch wieder mit seinem milden Spott bedenken wird,

gehe ich hier einmal so weit, seinen "Zwarwald" nicht nur als den besten Webcomic aus Deutschland zu bezeichnen, sondern eigentlich als den einzigen. Verlangen kann man nicht, dass andere seine Produktions- und Distributionsweise nachahmen, wünschen kann man es sich schon. Es würde einfach den üblichen Internet-Arbeitstag ein wenig verbessern. Leowalds Alleinstellung könnte das nicht bedrohen, denn davor, dass er qualitativ eingeholt wird, braucht er sich kaum zu fürchten.

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