Jeff Pulver und "Always On"

Der eigentliche Schritt in die Kommunikationswelt: Internettelefonie und Wi-Max

Seit Mitte der 90er Jahre habe er gerufen: "Der VOIP-Wolf kommt", aber keiner hätte so richtig hingehört. Im Jahr 2005 aber sei der VOIP-Wolf nun da und die "Voice-Welt" beginne sich zu revolutionieren. Der das in seiner Key Note Speech bei der PTC 2005 in Honolulu sagte, heißt Jeff Pulver und hat seinen Namen zum Markenzeichen für "Voice over Internet Protocol", d.h. für Internettelefonie, gemacht. Pulver lebt VoIP und erzählt gerne und voller Stolz, dass sein elfjähriger Sohn auf die Frage nach den Namen seiner Eltern antworten würde: "Meine Mutter heisst Linda Pulver, mein Vater Pulver Dot Com".

In der Tat ist Pulver.com eine der Top-Websites in der Branche und Jeff Pulver gehört zu jenen US-amerikanischen Stehaufmännchen, die das Platzen der Dotcom-Blase überlebt haben. Ähnlich wie Straton Sclavos von VeriSign, Jeff Bezos von Amazon, Meg Whitman von eBay oder Larry Page von Google ist Pulver ein Unternehmer, der sich auch in Krisenzeiten nicht von seinem grundlegenden Ideen abbringen läßt.

Das Telefongespräch als Email

Als Pulver Anfang der 90er Jahre auf erste Versuche stieß, das Internet zur Übertragung von Sprache zu nutzen, war für ihn klar, dass über kurz oder lang die etablierte Telekommunikationswelt eine andere werden würde. Der simple Punkt, so Pulver, ist der, dass man sich von der Sichtweise des 19. Jahrhunderts, als Graham Bell Sprache durch ein Kabel schickte, lösen müsse. "Digital Voice" sei primär ein Summe von Datenpaketen, die über das Internet von einer IP-Nummer zu einer anderen IP-Nummer gebracht werden. Prinzipiell gebe es keinen Unterschied zwischen dem Versenden von geschriebenen Texten via e-Mail und gesprochenen Sätzen. Warum die lange Kette von einem Telefon über dutzende Vermittlungsstellen (und Mautstationen) hinauf- und hinuntergehen, wenn man das auch über das TCP/IP-Protokoll zwischen zwei Computern (oder einem Computer und einem Internet-fähigen Telefon) erledigen kann? 1995 gründete er sein Free World Dialup.

Jahrelang haben die großen Telekommunikationskonzerne die VoIP-Versuche als brotlose Spielereien einiger Internet-Freaks belächelt. Eines ihrer Hauptargumente war die mangelnde "Quality of Service", die der an die Qualität eines ordentlichen Telefongesprächs gewöhnte Kunde nicht akzeptieren würde. Aber mit verbesserter Technologie und einer wachsendet Zahl von individuellen Breitbandanschlüssen ändert sich die Lage und in jüngster Zeit haben auch die Telcos begriffen, dass an VoIP keiner mehr vorbeikommt.

Aus der Perspektive der Nutzer ist bei einigermaßen ordentlicher Sprachqualität der entscheidende Vorteil der, dass die Kosten insbesondere für Ferngespräche drastisch reduziert werden können. Die Telefonrechnung basiert noch immer auf der Zahl der gesprochenen Minuten und der Länge der zu überbrückenden Distanz. In der Internetwelt aber spielen Raum und Zeit keine Rolle mehr. Die Internettelefonie ist damit, wie es die "International Herald Tribune" jüngst formulierte, eine Art Meteorit, der mit rasender Geschwindigkeit auf die etablierte Telekomwelt zurast. Im Grunde kann heute jeder zum Anbieter von Sprachdiensten werden. Es ist ja nicht zufällig, dass Janus Friis und Niklas Zennstrom mit Skype, dem mit 21 Millionen Nutzern größten europäischen VoIP-Anbieter, dort weitergemacht haben, wo sie mit der Tauschbörse Kazaa aufgehört haben.

Jeff Pulver verfolgt jedoch seit der Gründung 1999 von Vonage ein etwas anderes Geschäftsmodell. Er geht davon aus, dass der Kunde zukünftig nicht weniger Geld ausgeben wird für Telekommunikation, er will aber für sein Geld einen anderen Mehrwert. Der Kunde sei in der Welt des grenzenlosen Cyberspace nicht mehr bereit, für Entfernung zu bezahlen. Bezahlt werden solle nach Volumen und vor allem für neue Mehrwertdienste. Pulver geht davon aus, dass Kunden bereit sind, eine Flatrate von 30 bis 40 US-Dollar monatlich zu zahlen, wenn sie dann dafür endlos telefonieren, webben und emailen können. Und dann können sie sich auch noch Zusatzdienste einkaufen wie z.B. Caller-Identifikation, wo sich der Anrufton der Schwiegermutter unterscheidet vom Anrufton des Vorgesetzten oder der Geliebten. Sobald sich Voice wie Email handhaben läßt, werden all jene Email-Dienste wie die Sortierung und Archivierung von ein- und ausgehender Post, Listserv-Diskussionen, automatische Antwortmechanismen etc selbstredend auch für Voice möglich.

Für Pulver ist das der eigentliche Schritt ins Kommunikationszeitalter. Der Mensch sei ja im Alltag auch mehr von Sprache als von Text umgeben. Es sei also nur natürlich, die virtuelle Welt dem nachzubauen und auch dem "Netizen" Sprache als die Primärkommunikation zu ermöglichen: "anywhere, anytime". Mit programmierten Voice Managament-Systemen bliebe dabei der Einzelne Herr seiner Kommunikation und könne individuell entscheiden, mit wem er wann und wie lange rede. Anrufbeantworter, die auf bestimmte Nummern abgestellt sind, können dazu ebenso gehören wie Overwrite-Dienste, bei denen für Notfälle entsprechende Sperrungen - die man dann einbaut, wenn man nicht gestört werden will - außer Kraft gesetzt werden können.

Aufgelöst würde auch die Bindung einer Telefonnummer an eine geografische Location. Schon jetzt könnte man ohne Probleme eine Nummer mit einem Telefon-Code von Manhattan in Afrika oder Australien nutzen. Das zukünftige System ähnele mehr dem "Domain Name System" des Internet als den mit Landes- und Stadt-Code versehenen Nummernsystem der traditionellen Telefonie.

Wi-Max: Always On

Für Pulver, der bei Vontage mittlerweile 400.000 Kunden hat, die 25.00 $ pro Monat bezahlen, scheint die Zeit zu arbeiten. Die sich verändernden Zugangsmöglichkeiten zu den Kommunikationskanälen werden immer VoIP-freundlicher. Das wurde insbesondere bei dem zweiten großen Technik-Thema auf der PTC 2005 - Wi-Max - sichtbar.

Galt Wi-Fi, der drahtlose Zugang zum Internet innerhalb eines Hot-Spots mit einer Reichweite von bis zu 50 Metern, als eine Art Durchbruch, so sind die Ingenieure der IEEE jetzt drauf und dran, diese Revolution noch einmal zu revolutionieren. Wi-Max hebelt das Jahrhundert-Problem der "letzten Meile" aus und ermöglicht drahtlosen Zugang zum Internet in einem Areal von bis zu 50 km. Die IEEE hat in den letzten Monaten mit ziemlich hoher Geschwindigkeit die Standardisierung vorangetrieben, berichtete Roger Marks, Chair der IEEE 802.16 Standards Working Group. Mehr als 300 Ingenieure würden in seiner WG mitarbeiten und sich alle zwei Monate treffen. Man läge im Zeitplan. Bis etwa 2010 könne man einen Breitbandzugang für mobile Endgeräte bis zu einer Fahrgeschwindigkeit von 120 km/h ermöglichen, kündigte Timothy Logue von TJLNOVA Consulting an. Die Investitionen würden in den nächsten sechs Jahren von 300 Millionen $ (2003) auf 5 Milliarden $ (2009) steigen und Hunderten von Millionen Nutzern eine "Always On Communication" ermöglichen.

Besondere Nutznießer dieser Entwicklung wären jene, die bislang noch nicht allzu viel in ein flächendeckendes Kabelsystem investiert hätten. Hauptzielgebiete der hier bereits aktiven Unternehmen wie "Bearing Point Inc." oder "Alvarion Corp." sind denn auch bevölkerungsreiche Länder und flächenmäßig große Länder wie Indien, Malaysia oder Brasilien.

Wi-Max mit seiner "always on"-Option passt wie die Faust aufs Auge zu Pulvers Vision eines "anywhere, anytime". Nach Pulver ist man dann also ständig, auch ohne an einem Kabel zu hängen, im Internet. Man bewegt sich praktisch in zwei Kommunikationsräumen zur gleichen Zeit: im realen und im virtuellen Raum. Über "Places und Spaces" hat Manual Castells in seiner "Internet-Galaxy" noch philosophiert. Nun pocht die Philosophie an die Türe der Wirklichkeit.

Wenn man wissen wolle, welche Dienste zukünftig auch wirtschaftlich funktionieren, solle man sich genau anschauen, wie die Kinder heutzutage kommunizieren, sagt Pulver mit Verweis auf seine eigenen Zwillinge im Teenager-Alter. Die heutige Generation wachse in einer digitalen Welt auf und entwickle eine den neuen Möglichkeiten adäquate spezifische Kommunikationskultur. Auch darüber ist schon vor Jahren geschrieben worden. Dave Tapscotts "Growing Up Digital" ist 1998 erschienen.

Ein neues Katz-und-Maus Spiel?

Während die etablierten Telekomriesen Milliarden in den Erwerb von Lizenzen für UMTS gesteckt haben, um ein aus dem 19. Jahrhundert stammendes Geschäftsmodell mit der Technik des 21. Jahrhundert weiter betreiben zu können, haben die Seiteneinsteiger einfach die Spielregeln geändert. Und dabei fängt sich nicht nur der Nischenmarkt an zu füllen, selbst branchenfremde Riesen wie Wal-Mart, Microsoft oder jüngst Google haben angefangen, darüber nachzudenken, wie sie in dieses neue Geschäft einsteigen können.

In Japan nutzen bereits 10 Prozent der Haushalte VoIP und der Branchenführer NTT hat dabei substantiell an Einkommen verloren. Nun will NTT 30 Millionen Kunden bis zum Jahr 2010 mit Internet-Hochgeschwindigkeits-Anschlüssen versorgen, um an dem neuen Geschäft teilzuhaben. British Telecom gab unlängst bekannt, dass es 30 Milliarden in VoIP investieren will

Die etablierten Telekomriesen haben also den Fehdehandschuh aufgenommen und feuern zurück. Es würde nicht überraschen, wenn wir in dieser Branche ein ähnliches Katz-und-Maus-Spiel erleben, wie wir es in den letzten Jahren in der Musikbranche erlebt haben, wo P2P-Börsen den "Big Labels" das Fürchten gelehrt haben. Und es wäre auch hier keine Überraschung, wenn die "Traditionalisten" nicht auch hier den Rechtsweg gehen würden, um sich ihre Märkte zu sichern.

VoIP findet derzeit in einer juristischen Grauzone statt. Der vor einigen Tagen zurückgetretene FCC Chairman Michael Powell hatte mit einigen Entscheidungen dafür gesorgt, dass "pulver.com" und "Vontage" in den USA zunächst nicht unter die Telekomregeln fallen (Telekommunikation als Sicherheitspolitk). Ob und inwieweit in einem neuen Telekommunikationsgesetz dieses bestätigt wir und ob sich dies auch global so durchsetzen lassen wird, ist schwer vorauszusehen. Nicht zuletzt wird das auch davon mit abhängen, wen Präsident Bush als neuen FCC Chairman nominiert. Vorsichtshalber hat sich der weltgrößte Telekommunikationskonzern AT&T bei der Administration erst einmal in Position gebracht. Bei den 40 Millionen $ teuren Inaugurationsfestlichkeiten für den Beginn von Bushs zweiter Amtszeit in Washington hat man tief in die Tasche gegriffen. Auf der Liste der privaten Sponsoren belegte AT&T Platz 3.

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