Aufmerksamkeit

Die sieben Zeichen des Terrorismus

Florian Rötzer 26.01.2005

Die gelegentlich grotesken Züge der Terrorhysterie in den USA

Der Terrorismus wird zur neuen Bedrohung. In den USA wurde und wird die Angst vor neuen Anschlägen seit dem 11.9. wohl nicht nur aus mehr oder weniger berechtigter Sorge auch künstlich hochgehalten. Keiner will für ein nochmaliges Malheur verantwortlich sein, aber die Angst vor dem ominösen Feind scheint auch gebraucht zu werden. Ohne dass es konkrete Hinweise gibt, ist seit der Einführung des Warnsystems ganz USA ununterbrochen auf erhöhtes Risiko ("elevated") gesetzt, das letzte Dorf irgendwo in der Pampa muss also damit rechnen, zum Ziel des internationalen Terrorismus zu werden. Ausschläge auf der Warnskala gab es nur nach oben ("We are a nation at danger"). Allmählich verdichtet sich, nachdem Milliarden um Milliarden in den Schutz vor dem Terrorismus investiert werden und mit noch viel mehr Milliarden der Irak in eine Brutstätte des Terrorismus verwandelt wurde, der Eindruck, dass mit der wachsenden Sicherheit - und nach dem vorsorglichen Ausschalten des gefährlichen Gegners Saddam Hussein - gleichzeitig die Hysterie wächst.

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Für diejenigen, die auch beim Surfen nicht überrascht werden oder die Gefährdungslage nicht vergessen wollen, hat Mozilla.org nun für die Firefox-Nutzer die Möglichkeit geschaffen, sich den augenblicklichen Stand der offiziellen Gefährdungsstufe (Icon unten rechts im Browser) anzeigen zu lassen. Mit einem Klick ist man dann auch gleich beim Heimatschutzministerium.

Noch nie war die Amtseinführung eines amerikanischen Präsidenten so abgesichert worden, während der wieder gewählte George W. Bush in einer Art Hochsicherheitszone von der amerikanischen Freiheit sprach, die der ganzen Welt gebracht werden soll. Natürlich gab es trotz eigentlich nicht vorliegender Warnungen aus den vielen Geheimdiensten und Sicherheitsbehörden dennoch mögliche Drohungen.

So sollen 13 Chinesen, zwei Iraker und ein Hispanic mit terroristischen Absichten von Mexiko aus in die USA eingedrungen sein. Angeblich hätten sie geplant, nach Boston zu fliegen, um dort womöglich einen Anschlag mit einer "schmutzigen" Bombe auszuführen ("Boston Threat"). Hinweise kamen von einem "unbekannten" Informanten, waren aber "nicht bestätigt", Medien, FBI und Politiker gerieten in Aufruhr, das FBI meldete, man arbeite "aggressiv". Es wurde aber auch betont, dass man Tausende solcher Spuren untersuche und dass diese Information nur irgendwie an die Medien gelangt sei, daher die Aufregung über eine "unzuverlässige Information".

Aus dem Video "Die sieben Zeichen des Terrorismus"

Der Gouverneur von Massachusetts fuhr gleich wieder aus Washington zurück und nahm nicht an der Inaugurationsfeier teil. Sicherheitsmaßnahmen wurden ergriffen, die Namen und einige Bilder von Verdächtigen vom FBI mit der Bitte um Hinweise veröffentlicht. Am 25. erst wurde schließlich vom FBI Entwarnung gegeben, die Terrordrohung sei nicht glaubwürdig. Bei den Gesuchten handelte es sich offenbar um Menschen, die vermutlich illegal über die Grenze in die USA gelangten und Streitigkeiten mit den Menschenschmugglern hatten, die sich dann so rächen wollten. Herausgestrichen wird trotzdem, dass das "FBI, das Heimatschutzministerium und alle Geheimdienste und Sicherheitsbehörden" jede Warnung verfolgen, auch wenn die Informationsquellen zweifelhafter Natur sind: "Nur indem wir so vorgehen, können wir hoffen, Terroranschläge zu verhindern, bevor sie ausgeführt werden."

Es gibt ein permanentes Bedrohungsrauschen im Hintergrund (AlertsUSA, National Terror Altert oder TerrorsWarning). Dies wird verstärkt dadurch, dass die Behörden die Bevölkerung dazu aufrufen, Verdächtiges und Verdächtige zu melden ("Augen und Ohren von Amerikas Trucker-Armee", aber sicherlich auch, weil Behörden wie Geheimdienste oder das Heimatschutzministerium ihre Existenz legitimieren müssen und die größte Angst davor haben, etwas zu übersehen. Und wenn dann noch mit geradezu biblischer Symbolik von den "sieben Zeichen des Terrorismus" gewarnt wird wie vor den sieben Todsünden oder den sieben Plagen, dann muss man sich eigentlich nicht über das Rauschen wundern. Geschäftemacher hängen sich natürlich an die Panik an. Zu einem im Februar angebotenen Kurs heißt es beispielsweise:

Everyday American citizens - people like YOU - have the power to prevent the next terror attack. It doesn't require a great deal of time or money. It does require a sense of civic responsibility and patriotism. The keys are

TRAINING - AWARENESS - PREVENTION

Die "sieben Zeichen" wurden schon letztes Jahr in Umlauf gebracht, beispielsweise als man die Schulen nach der Geiselnahme von Beslan warnte, dass vielleicht Ähnliches auch in den USA passieren könnten (Terrorwarnung an US-Schulen). Ähnliche Zeichen wurden schon zuvor vom FBI und Heimatministerium aufgeführt: FBI und Heimatschutzministerium geben Anweisungen für das Melden von Verdächtigem. Aufgepasst werden muss auf Menschen, die sich etwas genau anschauen, Fotos machen, Fernrohre benutzen, etwas aufzeichnen oder Notizen machen. Auch wer nach Informationen fragt, auch wenn dies übers Telefon, Fax oder Email geschieht, ist potenziell ebenso verdächtig wie eine Person, die Sicherheitsvorkehrungen testet oder Materialien wie Sprengstoff, Uniformen, Waffen, Ausweise, Fluganweisungen kauft oder entwendet.

Ganz gefährlich kann es werden, wenn Menschen sich in Position begeben oder etwas abstellen, um einen Anschlag auszuführen. Terroristen könnten aber auch vor dem Anschlag selbst den Plan durchspielen, um ihn zu testen. Und verdächtig ist natürlich auch jeder, der nicht "hierher gehört" - "an den Arbeitsplatz, im Geschäft, im Viertel oder anderswo".

Um noch größere Aufmerksamkeit auf die "sieben Zeichen" zu schaffen, hat die Michigan State Police ein Video gemacht, dass sie nun verteilt. Dort darf der Polizeichef eindringlich zu den Menschen sprechen und die "sieben Zeichen" werden in kurzen Szenen anschaulich vor Augen geführt. Natürlich gibt es da auch immer gleich den aufmerksamen Bürger, der die Zeichen erkennt und die Polizei ruft, die dann selbstverständlich auch gleich zur Stelle ist und das Schlimmste verhindert. Gezeigt wird beispielsweise der Verdächtige, der auf einer Parkbank sitzt und mit dem Fernrohr andächtig eine Brücke inspiziert. Herrlich ist auch die Szene, in der eine "suspicious person out of place", kurz und griffig "don't belong" genannt, von dem wachsamen und patriotischen Senior erkannt wird, der gerade in einer stillen Straße den Bürgersteig kehrt. Dieser "don't belong" sitzt in einem parkenden Wagen und hat sich eine schwarze Kapuze übergestülpt. Schnell nimmt der Senior sein Handy heraus ... und wieder einmal ist ein Terroranschlag präventiv verhindert.

Das Video wurde zunächst an Polizisten und Schüler geschickt. Da es überall gut angekommen sei, hofft die Behörde nun darauf, vom Heimatschutzministerium Gelder zu erhalten, um noch mehr Kopien unters Volk zu streuen. Sergeant Kevin Mark weist auf die internationale Gültigkeit dieser sieben Zeichen hin:

Der Geheimdienst der Luftwaffe hat diese Zeichen beobachtet, die zu Terroranschlägen wie den Anschlag in Saudi-Arabien geführt haben, der sich gegen das Luftwaffenpersonal in den Khobar Towers richtete.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19316/1.html
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