Endlich: Scharf und sicher im Internet

07.02.2005

Data Becker nimmt den Sexsurfer an der Hand – so der noch eine frei hat

Auf Erotikseiten herumsurfen? Also wirklich, sowas macht doch Keiner! Doch ab und zu wird Keiner in flagranti erwischt und es stellt sich heraus, dass er eigentlich Müller heißt. Das kann dann den Job oder die Beziehung ruinieren. Für nur 9 Euro 95 soll es nun Abhilfe geben.

Computer im Bett? Nee, das ist doch nix, diese eckige Blechkiste, da holt man sich doch nur blaue Flecken. Doch da so manchem der elektronische Freund recht nahe steht, wird er natürlich auch für erotische Streifzüge verwendet. Er quatscht ja nachher nicht herum. Denkt man.

Vor gut 10 Jahren gab es in einem Computerverlag deshalb ein neues Geheimprojekt, mit dem der Verlag offiziell nichts zu tun haben wollte. Der Geschäftsführer gab stattdessen den Namen seiner früheren eigenen Bastlerbude her, die er in all den Jahren nie aufgelöst hatte. Nur die Adresse des so neu entstandenen Verlags war verdächtig – und die beiliegende CD-ROM. Dem Presswerk hatte nämlich niemand gesagt, dass man diesmal inkognito bleiben wolle und es druckte seelenruhig den Namen der Zeitschrift auf die CD, deren Chefredakteur zum Projektleiter des anrüchigen Projekts erkoren worden war.

Um Mitarbeiter musste dieser nicht lange betteln; der Andrang urplötzlich trotz täglicher Nachtschichten nicht ausgelasteter Redakteure war enorm. Und war schon nach wenigen Monaten – denn eigentlich wollte keiner der Beteiligten das Projekt so übereilt abschließen – eine neue Zeitschrift namens "PC-Erotik" im Postraum zum Versand bereit.

Endlich eine Zeitschrift, die jeden interessiert

Auf einmal ging es rund in den Verlagsfluren: Redakteure, Spieletester, Anzeigenverkäufer und Sekretärinnen liefen in den Postraum, nahmen sich drei "PC-Erotik", legten zur Tarnung die daneben liegende neueste Ausgabe der verlagseigenen Funkfachzeitschrift darauf und liefen – sich unauffällig nach links und rechts umguckend – eilig wieder zurück an ihren Arbeitsplatz.

Also ging ich nun auch in den Postraum, denn das sah doch nach einem interessanten Geschenk für erotisch bislang noch zu kurz gekommene Freunde aus. Nahm mir drei "PC-Erotik", legte keine Funkfachzeitschrift drauf, denn diese schrieb ich ja selbst und kannte sie in- und auswendig, verließ den Postraum, ohne mich umzuschauen – und lief dem Geschäftsführer in die Arme, der nur trocken meinte "Ja hat Ihnen denn keiner gesagt, dass Sie da noch eine Funkfachzeitschrift drauf legen müssen?".

Da nun ernsthafte Bedenken auftauchten, dass die ganze Erstauflage des Elaborats im Haus versickerte, statt an zahlende Käufer verschickt zu werden, wanderte der Karton von der Poststelle unter den Schreibtisch des Projektleiters. Und ich machte den nächsten Fehler und begann sofort am Arbeitsplatz das Werk meiner Kollegen zu begutachteten.

Erotische Satire – oder satirische Erotik?

Eine der besten Satirezeitschriften nach Titanic und Mad heißt "Coupé": Wer diese in die Hände bekommt, wird sofort an die "Neue Spezial" erinnert: Lachkrämpfe sind unausweichlich. Womit ich mir einstmals leider meine erotischen Chancen bei einer Blondine verpatzte, die mich mit "Coupé" auf die gemeinsame Nacht einstimmen wollte, aber mein Gelächter beim Durchblättern des Machwerks dann sehr persönlich nahm.

Und ebenso wurde mein mir gegenüber sitzender Vorgesetzter nach nur wenigen Minuten sehr ungehalten und meinte "wenn du jetzt nicht auf der Stelle aufhörst zu lachen, muss ich dir die Hefte abnehmen! Lies das gefälligst zuhause". Oweia, ich hatte ja keine Ahnung, dass er zum Redaktionsteam gehört hatte. Unser Verhältnis war von diesem Tag an verkühlt.

Die Zeitschrift enthielt die absoluten Wahnsinnstipps. So bot unter der Überschrift "Erwischt werden? Das muss nicht sein!" ein zweiseitiger Artikel praktische PC-Lebenshilfe: Es war zu sehen, wie unter einem Word-Dokument der Pinup-Desktop hervorlugte. Die professionelle Abhilfe von "PC-Erotik"? Richtig, das Word-Fenster maximieren! Und für solche Tipps hatte der Käufer fast 10 Mark abzulatzen.

"Erwischt werden? Das muss nicht sein!"

Das letzte der drei Hefte schenkte ich dem Mann einer Freundin. Er beschwerte sich später, dass das auf der CD befindliche Programm von Beate Uhse seinen PC zum Absturz gebracht hatte. Und wunderte sich, dass man für die Erstellung eines solchen Hefts auch noch bezahlt wird – wenn auch schlecht.

Der Düsseldorfer Verlag Data Becker hat sich nun dieser Tage des drängenden Themas "Wie surfe ich unerkannt auf Sexseiten" angenommen. "Sex für Dummies" fiel als Titel leider aus, denn das Buch gibt es schon – von einem anderen Verlag und ohne Computerbezug. Deshalb heißt es nun "Scharf und sicher im Internet". Und ist – wie bei Data Becker zugegeben generell üblich – so reißerisch aufgemacht ("Peinliche Sexspuren endgültig vernichten", "Anonymes Vorspiel: Unerkannt in den heißesten Foren anmelden", "Rattenscharf, der kleine Firefox", "Geheim und geil: scharfe Bildersuche mit Google"…), dass es im Laden wohl nur selten und dann mit hochroter Birne zur Kasse getragen werden dürfte. Online hat der Verlag dagegen ein paar Gänge heruntergeschaltet. Trotzdem kam in mir sofort schwerer "PC-Erotik"- und "Peter Huth"-Verdacht auf.

Sie haben dieses Buch bestimmt gekauft, um sich im Internet endlich sicher bewegen zu können. Um anonym zu sein oder um sich einfach zu informieren, wie Sie Ihre Privatsphäre schützen können. Vielleicht aber auch nur wegen des interessanten Bildes auf dem Buchumschlag.

Auf 170 locker bedruckten Seiten bietet das Buch nicht etwa – wie der Titel vermuten ließe – Informationen darüber, wie man eine Sexwebsite macht, dafür durchaus einige Informationen, wie man solche besucht. Wenn auch nicht immer die besten. Das allerdings ist Ansichtssache. So stellt sich bei dem Satz "Für eine gute Beziehung in der Partnerschaft ist es wichtig, […] dass "andere" nicht durch Zufall auf die "peinlichen" Sachen stoßen" einerseits die Frage, was eine Beziehung in der Partnerschaft ist – etwa das Gegenstück einer Partnerschaft in der Beziehung? Andererseits könnte man hieraus schließen, es sei für die Partnerschaft besser, wenn die "anderen" (wieviele eigentlich?) statt nur zufällig doch besser beabsichtigt auf die "peinlichen Sachen" stoßen, sprich: Man den Partner an dem Online-Spaß teilhaben lässt und die schönen Bildchen nicht alle egoistisch für sich behält. Nachvollziehbar, doch nicht, was der Autor uns sagen will.

Dialer werden unter dem Stichwort "Die schmutzigen Tricks der Sex-Mafia" durchaus vernünftig, wenn auch als "Stöhn-Telefonnummern" erklärt. Jene kommen aber bekanntlich völlig ohne Dialer und Computer aus. Auch die Warnung vor Trojanern, Würmern und verstellten Startseiten gleich am Buchbeginn ist sinnvoll – und die Tipps sind brauchbar, wenn auch nicht vollständig. Auch der Hinweis, für Sextouren im Netz nicht die Firmen-E-Mail – oder andere mit dem richtigen Namen darin – zu benutzen, muss manchem wohl gesagt werden. Es fehlt allerdings der Hinweis, generell nicht im Büro sexzusurfen. Zugegeben wird einem dieser Tipp von um das Wohl ihrer Angestellten besorgten Arbeitgebern heutzutage auch so bei der Einstellung gegeben: "Gehen Sie mit Ihrem Computer nicht auf Erotikseiten, wir haben erst neulich wieder einen Kollegen intensiv beobachtet und abgemahnt, der über sechs Stunden nonstop auf Beate Uhse.com unterwegs war" (vermutlich hatte die ganze Führungsriege die sechs Stunden kuschligen Online-Sex im Großraumbüro mitbeobachtet…). Computerredakteure auf Recherche sind natürlich ausgenommen, auch wenn diese Recherche die ganze Nacht dauert.

Ein ganzes Kapitel handelt vom schwierigen Thema "Microsoft und der Sex". Ob "Internet Explorer sicher machen" (ja geht das denn?), "Mach mit: Service-Packs nutzen" oder "Das Outlook-Express-Gummi einsetzen" (huch, wie pervers!) bis zu "dem Media-Player das Quatschen abgewöhnen" scheinen die hier versammelten Tipps nicht nur für erotische Surftouren von Nutzen zu sein, doch anscheinend diesen Aufhänger zu brauchen, um dem nicht technikinteressierten Computernutzer nahe gebracht zu werden. Insofern ein echtes Aufklärungsbuch, zumal zwei Kapitel weiter auch Mozilla und Firefox sowie Opera als Alternative zum Microsoft Internet Explorer und Xenorate als Alternative zum Windows Media Player vorgestellt werden.

"Deutsche, kauft Online-Sex bloß nicht beim Deutschen"

Ausgesprochen schlecht für Herrn Eichel sind allerdings die nun folgenden Tipps. Von deutschen Sex-Websites rät das Buch nämlich komplett ab. Denn bei denen verlangen Jugendschutz.net und die KJM eine aufwendige Altersüberprüfung, während der Rest der Welt zum Schutz der Kinder mit einem Button "Sie sind volljährig? Ja/Nein" auskommt. Data Becker sagt hier ganz klar: "Hände weg von solchen Altersverifizierungen!". Ob X-Check, Über 18 oder gar das neue mit dem Chip der Geldkarte arbeitende System: Alle diese Systeme verlangen nicht nur Geld, sondern treiben mit den Daten Schindluder, vermutet Autor Andreas Petrausch. Dabei wären diese längst vom Markt gefegt, wenn sie das Vertrauen ihrer Kunden so missbrauchen würden.

Man sollte also zukünftig auch keine Zigaretten am Automaten mehr kaufen, wenn diese erst mit dem Geldkartenchip das Alter überprüfen, doch diese durchaus gesunde Schlussfolgerung zieht Petrausch nicht. Stattdessen rät er zu "Englisch lernen" oder gar der Benutzung von Google und Babelfish, um spanische Sexsites in der Originalsprache zu besuchen. Als ob die Zahlung dort nun irgendwie sicherer wäre als auf deutschen Seiten, bei denen man bei Betrug zumindest klagen könnte – auch wenn sich das natürlich zugegeben kaum jemand trauen wird. Dafür allerdings geht das Geld dann ins Ausland und am deutschen Fiskus vorbei. Auch der Erregungswert Babelfisch-übersetzter spanischer Erotiktexte dürfte unweigerlich auf Geschlechtsnocken-Niveau fallen – und für die Bilder braucht man keinen Übersetzer.

Klauen ist anonymer als Kaufen – aber wirklich sicherer?

Es dürfte zudem schwierig werden mit dem Bezahlen, wenn man den Tipp "Hände weg von der Kreditkarte" beherzigt. Wenige Seiten weiter steht dann nämlich die Weisheit "Umsonst macht’s keiner!". Dafür wird dem notleidenden User später gezeigt, wie man an von den Sexseiten geklaute Bilder über Google und Newsgroups umsonst herankommt. Was ein Glück, dass die böse Pornomafia nicht so drauf ist wie die selbstredend wesentlich anständigere Musikindustrie – sonst würden diese Tipps unweigerlich zu Abmahnungen führen!

Die Empfehlung von IP-Anonymizern ist allerdings eher verwirrend – wer legale Erotik-Angebote und nicht Kinderporno besichtigen will, sollte das eigentlich nicht nötig haben. Andere Tipps sind dagegen durchaus sinnvoll, wie jener, keine private Homepage des Stils "das bin ich, das ist mein Porsche, das ist meine Frau und das sind meine Kinder" aufzumachen und schon gar nicht die Bilder in Kontaktanzeigen von dort zu laden, da man damit nicht nur jede Anonymität aufgibt, sondern die Bilder der Kinder auch noch an Stellen im Netz auftauchen könnten, wo man sie ganz bestimmt nicht sehen will.

"Uschi braucht einen eigenen Account"

Nun beschäftigt sich ein ganzes Kapitel damit, wie man die Online-Streifzüge vor dem Partner verbirgt. Eigentlich hat man dann zwar den falschen Partner, wenn dies nötig ist, aber hier will Data Becker nicht abhelfen: im Buch geht es nur darum, heiße Bildchen zu verstecken, nicht etwa Hotchats. Ein ziemlich kurioser Tipp ist es, alle gesammelten Sexvideos zu einem großen Video zusammenzuschneiden, weil dieses nicht so auffalle. Ein anderer, unter XP Professional der Frau ein eigenes Konto zu geben – und zwar mit Administratorrechten, damit sie nicht misstrauisch wird – und dann die Bilderordner zu verschlüsseln. Eine etwas fragliche Sicherheit, zumal ein Ordner mit unlesbaren Dateien auch "Uschi" komisch vorkommen wird. Das Buch endet mit Brutallösungen: Das Rückspielen eines Image-Backups nach dem Sexsurfexzess oder gar das Einrichten eines Microsoft Virtual PC.

Ob die angebotenen Lösungen zum sexuell orientierten Onlinegenuß nun wirklich immer die optimalen sind, ist fraglich, doch wenn man vom bildzeitungsreißerischen Umschlag ausgeht und das Schlimmste befürchtet, ist der Inhalt eine positive Überraschung und mit knapp 10 Euro immer noch billiger als ein falscher Dialerclick. C’t-Leser dürften hier allerdings nichts mehr dazulernen.

Andreas Petrausch, "Scharf und sicher im Internet", Data Becker Düsseldorf 2005, 9,95 Euro, ISBN 3-8158-2722-1

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