Radikaler Nachwuchs

06.02.2005

"Das Problem der Beziehungen zwischen den Arabern und den Vereinigten Staaten ist politisch, nicht kulturell oder religiös."

Wenn man von der Öffentlichkeit in arabischen Ländern spricht, ist meist von der "arabischen Straße (arab street)" die Rede. Ein diffuser Begriff, gut dazu geeignet, um ihn polemisch einzusetzen, meist, um Furcht zu beschwören. Entweder sind es die autoritären arabischen Regimes, die sich in Acht nehmen sollten vor dem Unmut der "arabischen Straße". Oder es sind die aggressiven, "kolonialistischen", westlichen Nationen, allen voran die USA, die auf die stete Gefahr eines unkontrollierbaren Ausbruchs der "arab street" hingewiesen werden, der die ganze Region "in Brand stecken" könnte, wie man es etwa im Vorfeld der amerikanischen Invasion des Irak befürchtete.

Beide "Dominotheorien", die an katalytische Effekte der arabischen Straße gebunden sind, sind bislang nicht Wirklichkeit geworden. Zwar mehren sich die Anzeichen, dass demokratische Reformen im Nahen und Mittleren Osten im Schwange sind; an den Herrschaftsverhältnissen in Syrien, dem Libanon, Jordanien, Ägypten, Saudi-Arabien und in den Golfstaaten hat sich aber nichts geändert. Auch zu einem "Großflächenbrand" in der Region als Folge des Irakkriegs ist es zum Glück nicht gekommen.

Feststeht allerdings, dass der Ruf der USA seit diesem Krieg in der Region sehr gelitten hat. Kaum eine Umfrage, die nicht neue Spitzenwerte des antiamerikanischen Ressentiments auf der "arabischen Straße" präsentiert. Den Reisenden in die so genannte Maschrek-Region (Ägypten, Jordanien, Libanon, Syrien sowie Westbank und Gazastreifen) mag vielleicht auffallen, dass westliche Moden und Kultur auch im arabischen Straßenbild gegenwärtig sind und die Faszination für den Westen in vielen persönlichen Gesprächen deutlich herauszuhören ist. In den meisten Untersuchungen scheint der Widerspruch zwischen der Anziehungskraft der westlichen Kultur und der politischen Ablehnung des Westens nicht auf.

Eine Studie, die Mitte des letzten Jahres in den Maschrek-Ländern vom Center for Strategic Studies (CSS) der University of Jordan durchgeführt wurde und dieser Tage veröffentlicht wird, kommt nun, wie die libanesische Zeitung "Daily Star" vorab berichtet, zu "wichtigen neuen und differenzierteren Einsichten".

"The Arab Street Revisited: Research from Within" ist der Titel der Umfrage, für die in jedem der Länder des Maschrek vier "Samples" angelegt wurden, ein landesweites mit 1.200 Befragten, eines unter Universitätsstudenten, für das 500 Studenten befragt wurden, ein "business sample" (120) und ein "media sample" (120). Als einer der beiden großen Trends, welche die Augenbrauen des Daily-Times-Redakteurs in die Höhe zogen, stellte sich heraus, dass die Araber sehr wohl zwischen den politischen und kulturellen Werten des Westens differenzierten und in politischer Hinsicht genau zwischen den verschiedenen "führenden Staaten" der westlichen Welt unterscheiden würden. Zwar würde man generell die Außenpolitik der westlichen Länder im Middle East ablehnen und kritisieren, aber andrerseits politische Werte des Westens wie Demokratie, Gerechtigkeit und Rechtsstaatlichkeit "begehrenswert" finden.

Das Ergebnis der arabischen Umfrage dürfte einmal mehr dem französischen Präsidenten gefallen: Wurden nämlich die Fragen nach Einstellungen zum "Westen", auf einzelne Länder spezifiziert, dann kamen erwartungsgemäß die USA und Großbritannien schlecht weg, die französische Außenpolitik wurde aber für "gut" befunden. Allerdings fanden die Befragten in allen westlichen Ländern erstrebenswerte, positive kulturelle Werte: "Freiheit", "harte Arbeit", der "Drang zum Wissen" und die "Schaffung von Wohlstand". Als eigene kulturelle Werte wurden vor allem "Familie", "Religion" und "Toleranz" genannt.

Was schon andere Untersuchungen zeigten, so der Leiter der Studie, Dr. Fares Breizat, würde hier entscheidend bestätigt: "Das Problem der Beziehungen zwischen den Arabern und den Vereinigten Staaten ist politisch, nicht kulturell oder religiös."

Die Ergebnisse zeigen, dass die Bevölkerung dieser Region wütend ist über die amerikanische und britische Politik vor Ort, aber sie respektiert westliche Werte und will mehr mit dem Westen zusammenarbeiten – aber in einem Kontext, der würde- und respektvolle Behandlung beherzigt. Die Bewohner der Maschrek-Region wollen sowohl vom Westen besser behandelt werden wie von ihren eigenen arabischen Regierungen. Das ist einer der Schlüsse, die wir aus der starken Unterstützung für Demokratie in den arabischen Gesellschaften ziehen. Der durchschnittliche Araber fühlt, dass er oder sie von ihrer eigenen Regierung schlecht behandelt wird – von ihrer eigenen Regierung, die unter westlichen Druck steht und von westlichen Mächten direkt.

Für Breizat zeigt die Umfrage auch, dass bei einer Öffnung der politischen Systeme in der Region nicht, wie so oft heraufbeschworen, notwendigerweise ein Problem mit Islamisten entstehen würde, welche die Wahlen beherrschen und gewinnen würden, stattdessen würde vielmehr ein "selbst regulierender Mechanismus" greifen, demzufolge eher "Mäßigung" die Oberhand gewänne - wenn die Bevölkerung würdevoll von ihren Staaten wie von ausländischen Mächten behandelt würde.

Helle Perspektiven also einerseits, doch es gibt auch Schattenseiten, wie der zweite große Trend der Untersuchung demonstriert: In bestimmten Gebieten der Region dominieren extremistische Anschauungen. Nach Meinung von 2/3 der Befragten in Jordanien und in den palästinensischen Gebieten ist Al-Qaida eine "legitime Widerstandsgruppe", in Ägypten waren immerhin 41 % dieser Meinung, währenddessen in Syrien nur 8% und im Libanon 18% dieser Ansicht waren. Die Hisbollah schnitt noch besser ab: 74% der libanesischen Christen begreifen sie als "legitime Widerstandsgruppe". 56% sagten dies auch über die Hamas, den Islamischen Dschihad und die Al-Aksa-Brigaden. Der Trend ist vor allem unter den Jugendlichen, die in dieser Region in der Mehrheit sind, sehr verbreitet.

Die jungen Araber sind der Studie zufolge "radikaler als ihre Eltern". 84 Prozent der Bevölkerung zwischen 16 und 24 haben eine schlechte Meinung von den USA, von denen, die älter als 45 sind, sind es "nur" 73%. Auch sollen die Jüngeren das Wort "Terrorismus" für die Anschläge auf das World Trade Center, auf die UN-Botschaft im Irak im Jahr 2003, und auf jüdische Ziele in der Türkei und Tunesien weitaus weniger oft verwenden. Dies habe ernsthafte politische Implikationen, so der Leiter der Studie, für arabische Regierungen, welche die US-Politik im Irak und in den palästinensischen Gebieten unterstützen würden. Hier würde sich die öffentlichen Meinung immer deutlicher von der offiziellen Politik unterscheiden.

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