US-Rüstungshaushalt erneut in Rekordhöhe

Florian Rötzer 09.02.2005

Das Pentagon will insgesamt eine halbe Billion US-Dollar - das Raketenabwehrsystem wird erstmals weniger Geld erhalten, aber der Weltraum bleibt entscheidend für die Sicherung der militärischen Überlegenheit

Auch ohne die Kriegskosten will das Pentagon sein Budget für das Haushaltsjahr 2006 wieder kräftig anheben. Beantragt wurden 419,3 Milliarden US-Dollar. Trotz mancher Kürzungen sind das fast 20 Milliarden US-Dollar oder 4,8 Prozent mehr als im vorherigen Jahr. Jeder Monat in Afghanistan und im Irak verschlingt zusätzliche 5 Milliarden US-Dollar. Die Bush-Regierung wird dafür ein zusätzliches Kriegsbudget von 81 Milliarden vorlegen. Insgesamt eine halbe Billion will damit die Bush-Regierung für das Militär im Haushaltsjahr 2006 aufwenden, um weiter Supermacht bleiben zu können, die - vorwiegend technische - Modernisierung voranzutreiben und den "Krieg gegen den Terrorismus" weiter zu führen.

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Boeings Evolved Expendable Launch Vehicle

Wie die New York Times ausgerechnet hat, liegt das Budget für 2006 41 Prozent über dem vom Jahr 2001, wobei die Kriegskosten und das Geld für Atomwaffen, für die das Energieministerium zuständig ist, nicht eingerechnet sind. Nach dem ersten Golfkrieg und während der ersten Jahre der Präsidentschaft von Clinton sind die Rüstungskosten zunächst zurück gefahren worden, aber seit Ende der 90er Jahre stiegen sie wieder kontinuierlich an.

Ein Großteil des erhöhten Budgets verdankt sich erhöhten Personalkosten und sonstigen Unterhaltskosten. Aber es gibt einige interessante Verschiebungen. Wenig erstaunlich ist, dass die Ausgaben für Informationstechnologien um 1,4 Milliarden Dollar auf 30,1 Milliarden steigen sollen. Die Army fährt bei Forschung, Entwicklung und Testen neuer Techniken eher schlecht, die Luftwaffe erhält mehr Geld als zuvor. 80 Millionen beispielsweise zusätzlich für die Entwicklung von bewaffneten Drohnen und auch mehr für Raumfahrzeuge, das Advanced EHF Milsatcom und das Navstar-Satellitensystem. Auch für die Entwicklung von Raketensystemen, die Satelliten in den Weltraum befördern (Evolved Expendable Launch Vehicle), will das Pentagon nächstes Jahr fast eine Milliarde, die nächsten fünf Jahre insgesamt 6 Milliarden Dollar ausgeben. Der Weltraum, davon später, ist also eine entscheidende militärisch Komponente.

So ist man bislang davon ausgegangen, dass das ehrgeizige und teure Programm Future Combat Systems, mit dem die Army sich für den Hightech-Krieg rüsten will, Federn lassen müsste. Doch das auf 120 Milliarden US-Dollar angelegte Programm soll nicht weniger, sondern 800 Millionen Dollar mehr erhalten, unter anderem, um ein Geschütz zu entwickeln, das 30 Kilometer weit schießen kann. Dagegen nimmt sich der Posten, der für das Verfolgen von Deserteuren gedacht ist, mit 1,4 Millionen winzig aus, auch wenn er verdoppelt wurde.

Das Raketenabwehrsystem muss Federn lassen

Besonders bemerkenswert ist der Posten für die Entwicklung neuer Atomwaffen, die von der Bush-Regierung schon lange gewünscht werden. Mindestens ebenso bedeutsam ist aber, dass erstmals die Gelder für das militärische Projekt zurückgefahren werden, das für die Bush-Regierung bei Amtsantritt wohl am wichtigsten war: das Ballistic Missile Defense-System oder das teilweise letztes Jahr schon installierte Raketenabwehrsystem ("Sie starten eine Rakete, wir schießen sie ab"). Es hat nach dem 11.9. offenbar drei Jahre gedauert, bis man realisiert hat, dass das gigantisch teure Projekt aus der Zeit des Kalten Kriegs gegen Terrorangriffe nicht viel nutzt. Mitgeholfen hat aber sicherlich auch, dass, wie viele Kritiker schon lange sagten, die technische Entwicklung selbst nicht vorankommt und der letzte Test im Dezember wieder einmal ein Desaster war (Test für Raketenabwehrsystem gescheitert, Nur ein kleiner, unbedeutender Fehler).

Überdies kommt dazu, dass der Sturz Husseins demonstriert hat, dass von diesem Regime keine Bedrohung durch Atomwaffen und Langstreckenraketen ausgegangen ist. Nordkorea und Iran, die beiden verbleibenden "Schurkenstaaten" können zumindest jetzt der USA noch nicht gefährlich werden, allerdings bleiben China, Bedrohung Nummer 1 vor dem 11.9., und möglicherweise Russland. Angeblich testet beispielsweise Russland, das dem Iran mit Nukleartechnologie oder dem Befördern von Satelliten ins All behilflich ist, die mobile Langstreckenrakete SS-27. Sie ist zu schnell, um sie gleich nach dem Start abzuschießen, wenn die Abwehr nicht räumlich sehr nahe ist, zudem ist der Mantel der Raketen so gehärtet, dass Laserstrahlen nichts bewirken würden. Das wäre aber nur für zukünftig projektierte Abwehrtechnik fatal. Doch die SS-27 unterliefe auch die bereits vorhandene Technik, wenn sie denn funktionierte: Sie lässt sich im Flug noch steuern und kann drei Sprengköpfe und vier Attrappen freisetzen.

Allerdings hatte das Pentagon schon angekündigt, dass man möglicherweise das Raketenabwehrsystem, das "evolutionär" entwickelt und installiert werden soll, nie für voll einsatzfähig erklären werde. Man scheint mittlerweile eher auf den psychologischen Effekt bei Feind, Alliierten, die sich an den Kosten beteiligen sollen, und Bevölkerung zu setzen. Allerdings könnten womöglich nicht einmal Nordkorea und Iran abgeschreckt werden, die sich eine SS-27 ja durchaus auch besorgen könnten. Die Kürzung um weit über eine Milliarde auf jährlich 7,8 Milliarden könnte also der Anfang vom Ende des Raketenabwehrsystems sein. Am Airborne Laser (ABL), der von einer 747er abgefeuert wird, scheint man jedoch noch festzuhalten.

Militärische Dominanz im Weltraum sichern

Der Weltraum aber bleibt auch künftig strategisch wichtig, schließlich ist Hightech-Kriegsführung ohne Satelliten für Navigation, Überwachung, Kommunikation und Information gar nicht mehr denkbar. Die Bedeutung des Weltraums zeigen auch die gegenwärtig zum dritten Mal stattfindenden War Games der Air Force, die für den Weltraum zuständig ist. Allerdings geht es hier, will man den Verlautbarungen glauben, um den Kampf gegen Terroristen und darum, wie die auf Satelliten basierenden Möglichkeiten eingesetzt werden können oder was man tun könne, wenn Bodenstationen zerstört werden oder Satelliten ausfallen. Das klingt noch ganz traditionell, von einer Militarisierung des Weltraums durch Laserwaffen, Antisatelliten-System oder bewaffnete Satelliten will man nicht sprechen.

Die offizielle Weltraumdoktrin der Luftwaffe, die im letzten Sommer verfassten Counterspace Operations (AFDD 2-2.1), machen jedoch klar, dass die militärische Überlegenheit im Weltraum auch mit defensiven und offensiven militärischen Mitteln verteidigt werden soll (Sicherung der militärischen Überlegenheit im Weltraum). General E. Eberhart vom Space Command wies überdies in einem Vortrag über Space Operations darauf hin, dass ein Schwerpunkt der Strategie auf "Counterspace Operations" liegt, mit denen feindliche Ziele im Weltraum ge- oder zerstört und eigene Systeme gegen Angriffe geschützt werden sollen. Zum geplanten Arsenal soll neben Ground Based Laser (GBL) und Airborne Laser (ABL), mit denen sich Satelliten außer Funktion setzen lassen, auch Microsats gehören. Hier wird etwa an Microsat Kinetic Kill Payload (MKKP) gedacht, um nach dem Start automatisch Ziele wie Raketen zu verfolgen und zu zerstören. Mit "Blocker" soll ein Satellit so abgeschirmt werden, dass er keine Signale mehr empfangen oder senden kann. "Jammer" sollen ebenfalls den Funkverkehr stören. "Dockers" sollen nach dem Start autonom Satelliten ansteuern, sich an diesen befestigen und sie dann aus der Bahn schieben.

"SBR will support three key missions areas

Zum Einsatz kommen in der Simulation auch Techniken, die es noch gar nicht gibt, beispielsweise ein "near space"-Flugzeug, das in einer Höhe bis zu 19.800 Metern fliegen und für bessere Überwachung eingesetzt werden kann. Simulationsmäßig gestetet werden auch der Space-Based Radar und das Transformational Satellite Communications System, das nicht Radiowellen, sondern Laser zum Senden von Daten einsetzt. Für letzteres wurden vom Pentagon die Forschungs- und Entwicklungskosten mit 835 Millionen gegenüber dem Vorjahr fast verdoppelt, auch wenn hier insbesondere die Frage der Verschlüsselung unklar ist, für das Space-Based Radar (SBR) mit 225 Millionen verdreifacht. Bis 2011 sollen hier 4,2 Milliarden investiert werden.

10 bis 24 Satelliten sollen für das SBR bis 2015 in die Umlaufbahn gebracht werden, die mit Sythetic Aperture Radar (SAR) die Fähigkeit besitzen sollen, unabhängig vom Wetter (Wolken) oder Licht alles ohne Unterbrechung zu beobachten, da hier nicht nur Bilder wie bisher gemacht werden, wenn der Satellit einen Ort passiert, sondern die vorgesehene Konstellation von Satelliten jeder Zeit nahezu die gesamte Erde abdecken könnte. Lokalisiert und verfolgt werden könnten dann auch einzelne Flugzeuge, Panzer, Fahrzeuge oder sogar Menschen.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19416/1.html
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