Erster Fall von Super-AIDS?

Hat sich der AIDS-Virus zu einer noch gefährlicheren Variante weiterentwickelt?

Aus New York kommt die Meldung, dass ein Mann, der sich mit HIV (Human Immunodeficiency Virus) infizierte, in kürzester Zeit alle Symptome einer vollen AIDS-Erkrankung zeigte und zwar in einer Form, die bisher auf keine Behandlung anspricht. Die Experten diskutieren jetzt lebhaft darüber, ob er ein seltener individueller Ausnahmefall ist oder der erste Träger eines neuen Form des Virus, der erste mit Super-AIDS (Acquired Immuno Deficiency Syndrome).

Es handelt sich um einen Mann Mitte 40, der sich immer wieder mit negativem Resultat auf HIV hatte testen lassen, zuletzt im Mai 2003. Im Dezember 2004 war er positiv. Wahrscheinlich hat er sich die Infektion im Oktober geholt, als er Sex-Partys besuchte und mit sehr vielen Sexualpartnern ungeschützten Verkehr hatte. In kürzester Zeit -- maximal zwanzig Monate, wahrscheinlich aber sehr viel weniger -- begannen sich bei ihm heftige Krankheitssymptome zu zeigen, darunter rapider Gewichtsverlust, eine hohe Anzahl von Viren im Blut und eine starke Schwächung des Immunsystems. Zudem erwies sich seine Form des Virus als resistent gegen drei von vier Medikamenten-Typen, die eingesetzt werden, um AIDS im Zaum zu halten. Der vierte Behandlungsansatz wird gerade getestet.

Die rote AIDS-Schleife leuchtet hier am Gebäude der Vereinten Nationen in New York (Bild

Vergangenen Freitag veröffentlichte das städtischen Gesundheitsamt von New York (New York City Department of Health and Mental Hygiene) eine offizielle Warnung vor dem neuen HIV-Strang mit der Bezeichnung 3-DCR HIV.

Der Mann konsumierte Methamphetamine und hatte mit sehr vielen Sexualpartnern ungeschützten Analverkehr. Wahrscheinlich hatte er sexuellen Verkehr mit hunderten von Männern.

Das Ende des falschen Gefühls von Sicherheit

Bürgermeisters Michael Bloomberg schloss sich der Warnung an: "Der Virus ist sehr Besorgnis erregend." In New York gibt es mehr als 88.000 HIV-Positive, geschätzt wird offiziell, dass zusätzlich mindestens 20.000 infiziert sind und nichts davon wissen. Seit Jahren gibt es in den westlichen Staat eine zunehmende Tendenz, AIDS zu verharmlosen und Safer Sex zu vernachlässigen.

Auch in Deutschland stieg die Zahl der Neuinfektionen, der Umsatz der Kondomhersteller ging dagegen stetig zurück (Übrig bleiben nur die Massengräber der Betrogenen). Betroffen sind viele, obwohl die meisten glauben, nicht zu einer Risikogruppe zu gehören und damit auf der sicheren Seite zu leben. Der Welt-Aidstag 2004 rückte Mädchen und Frauen in den Fokus der Aufmerksamkeit (Women, Girls, HIV and AIDS). UNAIDS, die Aids-Organisation der Vereinten Nationen, stellte klar, dass heute weltweit rund die Hälfte aller HIV-Infizierten weiblich sind, Tendenz steigend.

In Deutschland wurde jede fünfte neue HIV-Diagnose in jüngster Zeit bei einer Frau gestellt. Rund 43.000 Menschen leben hierzulande mit dem HI-Virus oder sind an Aids erkrankt. Mehr als 22.000 AIDS-Tote hat die Bundesrepublik bisher zu beklagen. Die größte Gruppe der Neuinfizierten sind immer noch homosexuelle Männer, aber immerhin 13 Prozent infizierten sich durch heterosexuelle Kontakte. Insgesamt kann festgestellt werden, dass sich 75 Prozent aller HIV-Infektionen auf ungeschützten Sex zurückführen lassen (Deutsche AIDS-Hilfe, HIV und Aids in Deutschland: Zahlen und Fakten).

Starke Mädchen setzen Zeichen, Kampagnenmotiv zur Aidsaufklärung (Bild

AIDS ist ein globaler Killer, der sich schnell und stetig ausbreitet (Eine rote Schleife für die Welt). Für die HIV-Infizierten der Industrienationen war die Entwicklung der Medikamenten-Cocktails zur Eindämmung der Krankheit wirklich ein Wunder. Viele überleben mithilfe der Arzneien, die sie ständig einnehmen müssen. Ihre Lebensqualität ist zwar durch die starken Mittel eingeschränkt, aber in den meisten Fällen dennoch erstaunlich gut.

Allerdings ist AIDS nach wie vor eine unheilbare Krankheit und wenn die Präparate nicht mehr vertragen werden, z.B. durch eine zusätzliche Erkrankung wie chronische Leberentzündung, dann kommt der Tod unweigerlich und rasch. Es gibt also keinen Grund zur Sorglosigkeit. Das vergessen zu viele Leute und geben sich der Illusion hin, sie könnten das Risiko von ungeschütztem Sex eingehen. Die Meldungen vom möglichen Super-AIDS werden hoffentlich zumindest die positive Signalwirkung haben, viele dieser Träumer aufzuwecken.

Die Alarmglocke schrillt

Möglicherweise ist der in New York mit 3-DCR HIV-Infizierte tatsächlich ein rarer Einzelfall, wie einige Experten vermuten. Einer der Entdecker des HI-Virus, Robert Gallo, kommentierte gegenüber der New York Times:

Ich vermute, das ist viel Lärm um nichts. Auch wenn es umsichtig ist, diesen Fall zu verfolgen, denke ich nicht, dass es nötig war, eine Warnung oder einen Alarm in der Presse zu veröffentlichen.

Eine der Nebenwirkungen von Methamphetaminen könnte eine Schwächung des Immunsystems sein, die Experten streiten noch darüber. Vielleicht ist deshalb in seinem Fall AIDS so schnell ausgebrochen -- außerdem kam die Krankheit in Einzelfällen immer mal wieder extrem rasch, auch ohne Drogenkonsum. Und es kommt auch ab und zu vor, dass einzelne Personen mit HIV auf mehrere Behandlungsansätze nicht reagieren. Unbekannt war allerdings bisher die Kombination dieser beiden Probleme.

Möglicherweise ist 3-DCR HIV besonders virulent und aggressiv. Der Direktor der Gesundheitsbehörde in New York, Thomas Frieden, vermutet das und gab deswegen die offizielle Warnung heraus:

Dieser Fall ist ein Weckruf. Erstens ist er eine Warnung für Männer, die Sex mit Männern haben, besonders für jene, die Crystal-Methamphetamine einnehmen. (...) Zweitens müssen Ärzte in New York die HIV-Präventions-Beratung verstärken, mehr HIV-Tests durchführen, die Arzneimittelverträglichkeit bei bisher unbehandelten HIV-positiven Patienten überprüfen, die Stetigkeit der Therapie gegen Retroviren verbessern und Partner von HIV-infizierten Patienten miteinbeziehen. Drittens müssen die Gesundheitsbehörden ihr Monitoring sowohl des HIV-Behandlung und der Resistenz gegen HIV-Medikamente verstärken und wirkungsvolle Präventionsstrategien durchsetzen.

Die Behörde wehrt sich gegen den Vorwurf, übereilt oder leichtfertig gehandelt zu haben. Der Nachrichtenagentur Reuters sagte eine Sprecherin des Gesundheitsamtes, zuvor seien viele Runden von Diskussionen und Untersuchungen von Experten gelaufen:

Wir haben viele Fragen gestellt, wir haben viele Labortests gemacht, wir haben viele Dinge überprüft.

In jedem Fall hat eine Alarmglocke geschrillt und die breite Mehrheit der Menschen in den westlichen Nationen, die sich zurzeit in falscher Sicherheit wiegt, sollte aufschrecken und sich bewusst darüber werden, dass AIDS nicht nur in Afrika nach wie vor eine tödliche Bedrohung darstellt. Dr. Jay Dobkin, Direktor des AIDS- Programms am Columbia University Medical Center, kommentierte:

Dieser Fall ist eine eindrucksvolle Erinnerung daran, dass das Risiko sich mit HIV zu infizieren, nicht verschwunden ist. Tatsächlich könnte ein riskantes Verhalten jetzt noch gefährlicher sein, wenn es die Möglichkeit einer Infektion mit einem Virus gibt, den wir nicht behandeln können.

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