Auf Augenhöhe mit Selbstmordattentätern

Helmut Merschmann 17.02.2005

"Paradise Now" sorgt auf der Berlinale für Wirbel

"Paradise Now" handelt von den letzten 48 Stunden im Leben zweier palästinensischer Selbstmordattentäter. Der Wettbewerbsbeitrag von Hany Abu-Assad sorgte auf der Berlinale für Wirbel und gilt bereits als Bären-Favorit. Ausgewogen, unparteiisch oder diplomatisch ist der Berlinale-Wettbewerbsbeitrag "Paradise Now" gewiss nicht.

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Regisseur Hany Abu-Assad macht gar nicht erst den Versuch, ein salomonisches Urteil über den ewig währenden Nahost-Konflikt zu fällen. Im Gegenteil: Aus seiner Parteilnahme für das eigene Volk, die Palästinenser, und ihre menschenunwürdige Situation in den Flüchtlingslagern der Westbank macht der Film keinen Hehl. Er zeigt die letzten zwei Tage und Nächte im Leben zweier Selbstmordattentäter und schildert ihre persönliche Motivation, ohne sie zu glorifizieren. Sensibel und klug reflektiert die niederländisch-französisch-deutsche Koproduktion über den komplizierten Alltag in den besetzten Gebieten.

Eben noch sogen die beiden Automechaniker Said (Kaus Nashef) und Khaled (Alo Suliman) nach getaner Arbeit gemütlich an der Wasserpfeife, um sich die Langeweile zu vertreiben. Nun hat mit einem Mal ihr Leben einen neuen Sinn, eine Mission erhalten. Sie sind zwei Auserwählte, die von einem Rekrutierungsoffizier für eine lange vorbereitete Operation in Israel bestimmt wurden. Auch wenn sich ihre Begeisterung in Grenzen hält und Said kürzlich erst mit Suha (Labna Azabal) angebändelt hat, wissen sie, was jetzt zu tun ist: die endlosen Demütigungen ihre Volkes zu rächen. Den beiden werden die Haare geschoren und ihnen zwei schwarze, glatt gebügelte Anzüge verpasst. Anführer Jamal (Amer Hlehel) gibt sich die Ehre, sie persönlich in den Plan einzuweihen. "Du wirst viel verändern", lauten seine an Said gerichteten Worte.

Unter dem Anzug tragen beide dicht an den Körper geschnallte Bomben, die sie selbst nicht mehr entfernen können, ohne sie zu zünden. Ihre Mission sieht vor, sich in Tel Aviv in die Luft zu sprengen und möglichst viele Israelis mit in den Tod zu nehmen. Am folgenden Morgen schlüpfen sie durch den Grenzzaun und werden umgehend von Soldaten entdeckt und zurückgetrieben. Während Khaled in die Kommandozentrale der ungenannt bleibenden Organisation flüchtet und dort für helle Aufregung sorgt, beginnt für Said eine Odyssee, die ihn am Ende wieder nach Tel Aviv treibt, wo er in einem voll besetzten Bus sitzt und vor sich hin starrt. Die Kamera zoomt auf seine müden Augen, bevor der Film weiß abblendet.

Warum Menschen zu Selbstmordattentätern werden, beantwortet "Paradise Now" sehr differenziert, aber auch sehr distanziert. Die erbärmlichen Lebensumstände in den kargen Gassen von Nablus stehen der glitzernden Metropole Tel Aviv gegenüber, wo fußballfeldgroße Werbeplakate an Hochhäusern hängen und Frauen im Bikini auf der Strandpromenade flanieren. Eingebunden in die familiären Lebensgeschichten - Saids Vater wurde als Kollaborateur hingerichtet, Khaled ist eher von den beiden versprochenen Engeln begeistert - erklärt sich auch die Rhetorik von Rache und Demütigung, die vom leicht schmierigen Rekrutierungsoffizier bemüht wird, um Said und Khaled auf Linie zu bringen: "Uns sind nur unserer Körper geblieben, um gegen die immerwährende Besetzung zu kämpfen." Dass alles, was geschieht, auch Gottes Wille ist, setzt der Film voraus, ohne sich davon allzu überzeugt zu zeigen.

Die Distanz des in den Niederlanden lebenden Regisseurs wird in einer Szene besonders deutlich. Purer Revolutionskitsch: Mit Palästinensertuch um die Schultern und hoch erhobenem Maschinengewehr posieren Said und Khaled für die Videokamera, die die letzten Worte der beiden künftigen Helden für die Ewigkeit und die Öffentlichkeit festhält. Dummerweise funktioniert die Kamera nicht und die Szene muss wiederholt werden. Ironisch, ironisch: Khaled verhaspelt sich dabei und beschließt, anstatt der Revolutionsworthülsen seiner Mutter lieber zu verraten, in welchem Geschäft er billige Wasserfilter gesehen hat. Die Kassetten können, wie später zu erfahren ist, in Gemischtwarenläden für drei Schekel ausgeliehen und für zehn gekauft werden. Bänder von Kollaborateuren laufen allerdings besser als die von Märtyern.

In der Berlinale-Berichterstattung gilt "Paradise Now" bereits als preiswürdig. Das mag mit der aufrüttelnden Authentizität des Films zusammen hängen, aber auch mit seiner deutlichen Position: "Für mich ist es völlig klar", sagte Regisseur Hany Abu-Assad auf der Pressekonferenz, "die Besetzung durch Israel ist es, was die Palästinenser zwingt, das zu tun, was sie tun."

Abu-Assad wünscht sich, dass der Film auch in Israel läuft, wo Palästinenser mehrheitlich ignoriert würden oder als Terroristen gelten. Auch wenn sein Film die israelische Perspektive nicht beleuchtet, wird dennoch deutlich, dass die fatale Verstrickung, derer alle nur müde sind, keinerlei Lösung bereithält.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19477/1.html
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