Der vorgeführte Lehrer

07.03.2005

Mit einem Kamerahandy hat ein Schüler in den USA einen Lehrer, der wegen fehlender Diszplin beim Abspielen der Nationalhymne ausflippte, gefilmt und das Video ins Web gestellt

Menschen können mit den neuen Technologien immer besser überwacht werden. Doch die Überwachung geht, zumindest in einigermaßen freien Gesellschaften, in beide Richtungen, so dass auch diejenigen, die an der Macht sind, sich manchmal mit einer unerwünschten und neuen Öffentlichkeit oder Transparenz konfrontiert sehen. So erging es erst kürzlich einem amerikanischen Lehrer, der, patriotisch gesinnt, zu Beginn der Schule wie üblich vor der Klasse die Nationalhymne "The Star-Spangled Banner" abspielte, wozu die Schüler aufstehen müssen. Darauf sollte dann, wie gewohnt, der "pledge of allegiance" folgen, der Treueschwur auf die Flagge und die Nation "under God".

Der Lehrer, der sich einer unerwünschten Prominenz ausgesetzt sieht

Macht preisen, die seine Leute zu einem Volk formt und dieses bewahrt.
Und weiterrücken müssen wir, da unsere Sache gerecht ist,
Und unser Wahlspruch sei

"Wir trauen auf Gott."
Und das Sternenbanner wird in Triumph wehen
Über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen!

Aber an diesem Tag verlief das Ritual ein wenig anders. Das sollte der Lehrer der Brick Township High School in New Jersey, der sich, ebenfalls wie üblich, ganz alleine als Autorität der Klasse gegenüber sah, allerdings erst später merken. Was er an diesem Tag machte, blieb nicht mehr der Öffentlichkeit entzogen und gelangte nicht mehr nur durch Erzählungen nach außen. Dieses Mal hatte ein Schüler ein Handy mit dabei und filmte den Zornausbruch des Lehrers - "Barking like an Army drill sergeant", wie eine Zeitung schrieb, weil sich beim Abspielen der Nationalhymne nicht die erforderte achtungsvolle Ruhe einstellte und gar ein leises Zischen ertönte:

I don't want to hear a sound! Not a sound! Morning exercises will come on, you will stand, you will stand quietly, you will pay attention! Any Questions!?...Now stand up and keep your mouths shut!

Als dann ein Schüler nicht aufstehen wollte ("Stand up!" - "I don't have to stand up".), zog der erzürnte, vielleicht auch hilflose Lehrer diesem kurzer Hand den Stuhl unter dem Hintern weg. Das reichlich verwackelte, unter der Jacke heraus gefilmte Video wurde im Dezember, kurz nach dem Vorfall, von dem Schüler auf seiner Homepage publiziert und verbreitete sich dann. Als Folge überlegt nun die Schulbehörde, das Mitführen von Handys in den Schulen ganz zu verbieten. Der Schüler, der das Video aufnahm, wurde für 15 Tage von der Schule suspendiert. Für den Lehrer gab es, abgesehen von der Blamage, schreiend ans Licht der Öffentlichkeit gezerrt worden zu sein, noch keine Folgen. Der Leiter des Schulbezirks, Thomas L. Seidenberger, erklärte, dass nicht alle Einzelheiten, die über diesen Vorfall im Internet verbreitet werden, zutreffen würden. Nun ja.

Der Lehrer scheint bekannt dafür gewesen zu sein, bei Missachtung der patriotischen Rituale, bei denen das Aufstehen allerdings nicht explizit vorgeschrieben ist, auszuflippen. Der Schüler, der das Video aufnahm, wollte das Verhalten des Lehrers dokumentieren und bekannt machen. Die Benutzung von Handys ist in den öffentlichen Schulen New Jerseys allerdings untersagt. Die Aufnahme habe, so die Schulleitung, die Verfassungsrechte des Lehrers verletzt.

Ein Kommentar der lokalen Zeitung versucht die Balance zu wahren, hält aber eifrig fest an den patriotischen Ritualen:

A teacher who demands respect for patriotism is an easy target of students who lack the maturity or intelligence to appreciate its importance. But teachers need to exercise self-control. And they need to understand how an inappropriate response to students' defiant behavior can further inflame things.

Update: Wie so oft, ist die Geschichte aber ein wenig komplizierter. Nach Bekanntwerden des Videos hat sich herausgestellt, dass der Schüler, der das Video aufgenommen hatte, mit anderen Klassenkameraden an weiteren Eskapaden beteiligt war. Dass dies aufkommen konnte, war freilich Schuld der Schüler selbst. Sie hatten das Video mit dem wütenden Lehrer zusammen mit anderen auf die Website gestellt. Als die Polizei nachforschte, entdeckte sie dort ein Video, das zeigt, wie die Jugendlichen die Weihnachtsdekoration von einigen Häusern zerstörten. Die Folge ist eine Strafanzeige.

Angeblich sollen sich Schüler der Klasse am Tag, bevor sich die Szene mit dem Lehrer ereignete, einen üblen Scherz geleistet haben. Das sagen zumindest die Verteidiger des Lehrers:

"Turns out there was more to that video than was posted on the internet. The day before Mantel's angry outburst, his electronics students had a substitute teacher, and they spent part of the class saran-wrapping a younger student to a desk. The students who taped the video knew that when Mantel returned he would be furious."

Der Lehrer selbst will aufgrund des Videos einen Kurs über das Führen einer Klasse besuchen.

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