Die präzisen Vergnügen

20.03.2005

Kreativität mit Großrechenanlagen: Zur Wiederentdeckung der "Stuttgarter Schule" um Max Bense

"Nicht jeder Blick ist nah, und kein Dorf ist spät." Solche dunklen Worte brachte im Jahr 1959 nicht ein spätromantischer Dichter hervor, sondern ein Z 22. Der von dem deutschen Computerpionier Konrad Zuse entwickelte Rechner war Mitte der 50er Jahre an der TU Stuttgart von einem Professor namens Knödel angeschafft worden. Und von einigen Studenten schnell als Spielplatz entdeckt worden.

Einer von ihnen hieß Theo Lutz, und er schrieb ein Programm, dass den Rechner nach einem Zufallsprinzip Worte zu Sätzen kombinieren und so "dichten" ließ. Einer seiner Professoren fand die Idee faszinierend und schlug vor, Lutz solle 100 Worte aus Franz Kafkas Roman "Das Schloss" als Material für diese Operationen nutzen. Das Ergebnis waren bilderreiche Zeilen, die es ihrem Leser frei stellten, ob er sie für schlichten Unsinn oder an Hölderlin gemahnenden Poesie halten mag: "Kein Blick ist neu. Jeder Weg ist nah."

Der Professor, der Lutz zu diesem Experiment angeregt hat, war Max Bense. In den einschlägigen Nachschlagwerken firmiert er gelegentlich als "Physiker und Kunsttheoretiker", eine Beschreibung, die die Bandbreite von Benses Aktivität nur ansatzweise beschreiben. Heute ist er vor allem als einer der wichtigsten Propagandisten der "Konkreten Poesie" in Erinnerung. Als Physikprofessor in Stuttgart gab er Bücher heraus, schrieb Gedichte und Romane, organisierte Ausstellungen und war ein wichtiger Mentor junger Autoren und Künstler, die in den 60er Jahren als "Stuttgarter Schule" firmierte.

Diese Periode wird nun als eine frühes Kapitel der digitalen Kunst in Deutschland wieder entdeckt: Nach einem Symposium im Schloss Solitude, das einige der Stuttgarter Veteranen zusammen brachte, ist nun eine Gedenkschrift für den mit der Stuttgarter Schule verbundenen, kürzlich verstorbenen Autoren Reinhard Döhl erschienen. Und in der medienwissenschaftlichen Zeitschrift Kaleidoskopien ist eine Reihe von Texten zur Person von Max Bense und seiner Rolle im Stuttgart der 50er und 60er Jahre erschienen.

Dort war Bense jahrzehntelang ein wichtiger Anreger von literarischen und künstlerischen Experimenten. In seinem umfangreichen Werk - allein seine Ende der 90er Jahren erschienenen "Ausgewählten Werke" umfassen knapp 2.000 Seiten - plädiert Bense für eine Ästhetik, die sich von Philosophie und Metaphysik abkoppelt. Ihr Ziel war nicht mehr die Interpretation von Kunst, sondern deren informationstheoretische Fundierung. "Die präzisen Vergnügen" heißt eine seiner wichtigsten Veröffentlichungen, deren Titel dieses Programm zusammen fasst.

Heute erscheint seine "Reinraum-Ästhetik" freilich als Symptom einer genuin bundesrepublikanischen Gestimmtheit in der Nachkriegszeit. Nach der Barbarei des Nationalsozialismus sollte eine progressive, neue Kunst und Kultur auf "absoluten" Prinzipien fundierten werden. Einerseits sollte damit an die europäische Vorkriegs-Avantgarde angeschlossen werden, aus der sich das faschistische Deutschland 1933 selbst freiwillig verabschiedet hatte. Andererseits sollte diese Kunst und Kultur so "objektiv" begründet sein, dass jede politische Instrumentalisierung unmöglich war. Die Herausgeber von "Kaleidoskopien" sprechen von einem "von aller Geschichte gereinigtes Formkonzept auf der technologischen Basis der neuen elektronischen Rechenanlagen". Ein vergleichbares Beispiel einer ähnlich gelagerten "Labor-Kunst", ist die Musik von Karlheinz Stockhausen, die etwa zur gleichen Zeit im Studio für elektronische Musik des WDR mit Hilfe von Tonbändern entsteht.

In Stuttgart regte Max Bense vor allem junge Mathematiker und Elektrotechniker wie Rul Gunzenhäuser, Frieder Nake oder Siegfried Maser an, sich mit Computern als künstlerischen Medien zu beschäftigen - "ein von Informatikern und Ingenieuren unternommener Versuch, der kulturellen Dimension der eigenen Praxis gewahr zu werden", wie es in "Kaleidoskopien" heißt. Besonders Frieder Nake sollte in den 60er und 70er Jahren zu einem international ausgestellten Schöpfer von Computergrafiken werden. In der fünften Ausgabe des Magazins wird der spezifische Kontext beleuchtet, in dem in einem naturwissenschaftlich geprägten Milieu Studenten der Mathematik oder Ingenieurswissenschaftlern - Informatik gab es damals noch nicht einmal als universitäres Lehrfach! - plötzlich Künstler werden wollten.

Das Buch "$wurm = ($apfel>0) ? 1 : 0" ist weniger historische Darstellung, sondern eher Hommage an den Schriftsteller Reinhard Döhl von seinem Freund und zeitweiligen Kollaborateur Johannes Auer. Ursprünglich als Festschrift zu Döhls 70 Geburtstag geplant, erscheint das Buch nach seinem Tod im Mai 2004 nun als eine Art literarischer Nachruf. Herausgeber Johannes Auer hat mit der von ihm mit-initiierten Website bereits einen wichtigen Beitrag zur Wiederentdeckung der Stuttgarter Schule geleistet. Das "Memoskript" enthält neben einer Reihe von Texten zur Netzliteratur vor allen Dingen literarische Widmungen an Döhl von anderen Schriftstellern.

Die künstlerischen Hervorbringungen der Stuttgarter Schule wirken heute wie eine technisch implementierte Version des Kubismus und der abstrakten Kunst der Vorkriegszeit. In einer Zeit, in der Computer noch als "elektronische Großrechenanlage" oder als "Elektronengehirn" firmierten, sind sie ein faszinierendes Dokument des Versuchs, diesen Rechenmaschinen Kreativität abzuringen. Ob sie wirklich die direkte Vorgänger der digitalen Netz- und Software-Kunst sind, zu denen sie gerne umstandslos erklärt werden, sei allerdings einmal dahin gestellt. Für die Diskussion dieser Fragen bieten diese beiden Neuveröffentlichungen reichlich Material.

Kaleidoskopien Nr. 5/2005. "Ästhetik als Programm: Max Bense. Daten und Streuungen, 15 Euro

Johannes Auer (Hrsg.): $wurm = ($apfel>0) ? 1 : 0; experimentelle literatur und internet, memoscript für reinhard döhl, zürich und stuttgart 2004. edition cyberfiction: update verlag, 26 Euro

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