"Du Papa - wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!"

04.03.2005

Anmerkungen zur Wandlung eines alten Kampfbegriffs

"Du Papa - wenn ich groß bin, will ich auch mal Spießer werden!" Während nach dem erfolgreichen Werbespot nun auch die Spießer-Wochen der Landesbausparkassen voll im Trend liegen, machte sich Gerhard Matzig in der "Süddeutschen Zeitung" (28.02.05) über die biedermeierlichen Kinder und jugendlichen Neo-Konservativen der ewig progressiven "68-er"-Eltern-Generation Gedanken.

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Dass die altersgemäßen Zuschreibungen als natürliche Bio-Sphären in einer entgrenzten All-Age-Gesellschaft, in der Kinder immer früher erwachsen werden und Erwachsene immer später alt werden, scheinbar beliebig zur Disposition stehen, erklärt das Phänomen der jugendlichen Neocons also auch abseits ökonomischer Zusammenhänge. Neocons sind folglich - zum einen - die Antwort auf unsichere Verhältnisse und einen, wenn nicht geistig-kulturellen, so doch allerorten ästhetisch auffindbaren Neo-Biedermeierstil der Gesellschaft; zum anderen verdankt sich ihre Existenz jenen Erwachsenen und Alten, die beides nicht sind

erwachsen beziehungsweise zurechnungsfähig.

Dass die Alten den Jungen weder als erwachsen noch als zurechnungsfähig gelten ist indessen keine neuartige Einstellung, sondern vermutlich so alt wie der Generationskonflikt selbst. Insofern scheinen die ökonomisch unsicheren Verhältnisse wohl doch ganz entscheidend für den Druck, unter dem Jugendliche und junge Erwachsene heute stehen - anders als ihre Eltern in den Aufbruchsjahren der 70er, als "Arbeitslosigkeit" ein Fremdwort war, "Rentenversicherung" kein Thema und "Leistung und Erfolg" nicht als Leitbild, sondern allenfalls als Mantra für verschwitzte Autoverkäufer in Nyltesthemden taugte.

"Anything goes" hieß die Parole und die radikalsten Hausbesetzer, Autonomen und Freaks kamen aus den größten Spießerhochburgen Deutschlands. Für das Biotop der Westberliner Alternativkultur etwa, das in verrotteten Randbezirken wie Kreuzberg entstand, war niemand anders verantwortlich als entlaufene Spießersöhne und -töchter; in der Hausbesetzerszene in SO 36 Anfang der 80er: Schwaben nichts als Schwaben. Insofern müssen selbst die Neo-LBS-Spießer nicht das Ende aller Fortschrittshoffnung sein - Warten wir auf die Enkel.

Nach den Hippies und "Anything goes" ahnten Punk und "No Future" kulturell die große Pleitewelle voraus, die spätestens dann auch 1989 einsetzte und bis heute auf Konjunktur und Stimmung drückt. Dem utopischen "Wir wollen alles & zwar sofort" folgte der Pendelausschlag ins andere Extrem: Trash, "Scheißegal" und Stinkefinger - wonach die heutigen Jung-Neocons dann jetzt letztlich nichts anderes darstellen würden als eine ausgeglichene, vernünftige Mittellage zwischen diesen Extremen. Aber wie konservativ sind sie wirklich?

Beim letzten Sonntagskaffee mit unseren Zwillingen (22), die nach ihrer Kinderladen- und Schulzeit in Kreuzberg als Multi-Kulti-Experten gelten können, standen sie in Fragen der Ausländer- und Zuzugsgesetze jedenfalls nicht auf reaktionären Positionen. Vielmehr mussten ihre Mutter und ich nach unserem Plädoyer für Deutschkurs-Pflicht und Kopftuchverbot anhören, das klänge ja alles "ziemlich stammtischmäßig". Und wir sollten doch darauf achten, dass wir nicht auf plumpe anti-islamische Propaganda hereinfallen.

Dass der Jubel von 12-jährigen Türken, die den Mord zweier Brüder an ihrer "unehrenhaften" Schwester begrüßten, durch die ganzen Medien gegangen wäre, sei ja wohl kein Zufall. "Das ist Hetze gegen Moslems - nichts anderes als damals bei Hitler der Antisemitismus."

"Aber es sind nun mal immer Gruppen von Türken und Arabern, die oben im 129er Bus rauchen, rumstänkern und dich als Frau blöd anmachen, wenn du einen kurzen Rock anhast", fällt unsere Tochter ihrem Bruder ins Wort. "Das muss ich mir doch nicht bieten lassen, und wenn ich es kritisiere, hat es nichts mit Hetze zu tun."

"Die haben keinen Job, keine Perspektive, keine Aussichten und stänkern deshalb nur rum."

"Sie haben keinen Job, weil sie kaum deutsch sprechen und sich nicht benehmen können. Und das einzige, was ihnen dagegen einfällt, ist, den ganzen Tag zu kiffen."

Mein Zwischenruf..."Na, immer noch besser als Saufen" ... wird von beiden mit Augenrollen quittiert. Was die Hanfleidenschaft betrifft, halten sie ihren Vater für einen zurückgebliebenen Althippie. Der allerdings in der Ausländerfrage mittlerweile auf einem Grundkurs teutonischer Landessprache und einem Bekenntnis zur demokratischen Verfassung besteht, damit es mit der Multikultur funktionieren kann. Monokulturen wie in Berlin-Kreuzberg oder Neukölln, wohin man die meist türkischstämmigen AusländerInnen jahrzehntelang abschob, anstatt sie über die Stadt zu verteilen, sind zu vermeiden, sie führen nicht zur Integration, sondern zur Ghettobildung. Und zu Fällen wie Ahmeds Mutter, die seit drei Jahrzehnten um die Ecke wohnt und kaum ein Wort deutsch kann.

"Die wollt ihr also jetzt in einen Kurs zwingen, dass sie das Deutschlandlied lernt?" Äh- Nein. Aber im Prinzip ja. "Jahrzehnte verfehlter Ausländerpolitik können jedenfalls nicht im Hauruck-Verfahren gelöst werden." Da stimmen die Eltern dann zu. Zumindest in unserer "All-Age-Familie" scheinen neo-konservative Spießerelemente und alt-progressive Liberalität auf beide Generationen verteilt.

Schon 1997 hatte der aufmerksame Schweizer Kolumnist Linus Reichlin bemerkt, dass der alte Kampfbegriff "Spießer" langsam aber sicher einer Neu-Defintion unterzogen wird:

Man sieht nur selten eine Möbelwerbung, in der das Drama einer ganzen Generation so schonungslos geschildert wird wie in den Inseraten von Ligne Roset. Hier steht ein Mann um die Fünfzig, Typus Werber in italienischen Lederpantoffeln, vor einem Sofa und sagt

"Mein Sohn hat schon alles zu mir gesagt außer Spießer."

Wir wissen nicht, ob sich der Sohn mittlerweile auf dem Edelsofa lümmelt und über die Sparkassen-Reklame kichert, während der Vater outdoor den dritten Frühling und irgendeine neue Einfachheit sucht - dass aber da, wo Geiz geil geredet wird auch der Spießiegkeit wieder Hipness angedichtet werden kann, ist kein Wunder. Im Mittelalter wurden die niederen Stände, die sich um das Bürgerrecht beworben hatten, aber nichts anderes zu bieten hatten als einen Spieß zur Stadtverteidigung "Spießbürger" genannt. In seiner heutigen Konnotation als "Spießer" und Schimpfwort tauchte er erst im 19. Jahrhundert auf. Die "Persönlichkeitsanalyse" eines Wehrmachtspsychologen der Nazi-Zeit definiert ihn so:

Ein selbstzufriedener und satter Mensch mit einem engen Horizont und von kleinem Persönlichkeitsformat, der zu Verständnislosigkeit und Engherzigkeit neigt, der um seine ruhige, auskömmliche Existenz besorgt ist und der uneingestanden und problemlos mitunter eine gewisse Sehnsucht hat, etwas vorzustellen, anerkannt zu werden, das ist, zusammengefaßt gesehen, etwa das Bild dessen, was die Vulgärpsychologie mit "Spießbürger" meint.

Diese Art Spießer meint die Sparkasse in ihrem Spot aber wohl nicht - er taugt auch kaum zur Identifikationsfigur, wie auch die regelmäßige Marketingstudie der Jugendzeitschrift "Bravo" (BRAVO Faktor Jugend , 2002) schon festgestellt hat:

Jugendliche sind weder "konservative Spießer" noch "spaßorientierte und oberflächliche Hedonisten" -sie sind beides, jedes zu seiner Zeit...

Insofern scheint auch für sie die unausgesprochene Wahrheit der Spießigkeit zu gelten: Spießer sind immer die anderen.

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