Das befreite Opfer wird zum Opfer der Befreier

05.03.2005

US-Soldaten beschießen das Fahrzeug, in dem die von ihren Entführern eben frei gelassene italienische Journalistin Sgrena zum Flugplatz gebracht werden soll - ein PR-Desaster für die US-Regierung

Es ist ungewöhnlich, dass der mit der Bush-Regierung und ihrer Irak-Intervention eng liierte italienische Ministerpräsident Kritik äußert. Nachdem nun aber US-Soldaten das Feuer auf das Fahrzeug eröffnet hatten, in dem die eben von den Terroristen frei gelassene Journalistin Giuliana Sgrena zum Flugplatz von Bagdad gebracht wurde, blieb Berlusconi wohl nichts anderes übrig, als harsch Aufklärung über den Vorfall zu fordern.

Aus dem Video, das kurz vor der Freilassung von Giuliana Sgrena gemacht wurde. Vor der Geisel, die sich bei ihren Entführern bedankt und den Abzug der italienischen Truppen fordert, ein Teller mit Früchten

Noch ist nicht bekannt - wenn dies in nächster Zeit jemals bekannt werden sollte -, unter welchen Bedingungen die Journalistin, die für die linke Zeitschrift Il Manifesto arbeitet, freigelassen wurde. Am 4. Februar hatte sie eine Gruppe von Aufständischen nach dem Besuch einer Moschee entführt, wo sie mit Flüchtlingen aus Falludscha gesprochen hatte. Die Entführer forderten den Abzug der italienischen Truppen und drohten mit Enthauptung (Die italienische Journalistin Giuliana Sgrena wurde im Irak verschleppt)

Ob die Geiselnehmer von der "Organisation des islamischen Dschihad" es dann vielleicht nicht politisch opportun fanden oder möglicherweise doch nur auf ein hohes Lösegeld aus waren, zumal die italienische Regierung auf die Erpressung nicht einging, ist unbekannt. Jedenfalls wurde zunächst das Ultimatum verlängert. Dann wurde al-Dschasira ein Video zugespielt, in dem Sgrena verzweifelt um ihr Leben flehte und die italienische Regierung aufforderte, die Truppen aus dem Land abzuziehen und die Besatzung zu beenden, die großes Unheil anrichte. In einem zweiten Video kurz vor ihrer Freilassung dankte die nun ganz gelassene Journalistin ihren Entführern für die gute Behandlung und forderte noch einmal den Abzug der Soldaten.

In Italien gab es eine Welle der Solidarität mit der Journalistin, am 20. Februar trugen auch viele Fußballspieler ein Hemd mit ihrem Bild und der Forderung nach ihrer Befreiung. Es kam zu großen Kundgebungen, die immer auch vermischt waren mit einer Kritik an der Unterstützung der amerikanischen Irak-Politik durch Berlusconi. Vermutlich hatten die Entführer das Video kurz vor der anstehenden Entscheidung über eine Verlängerung der italienischen Truppenpräsenz im Irak veröffentlicht. Trotz des Videos konnte sich die Regierung damit durchsetzen.

Gestern meldete ihre Zeitung, dass sie in guter Gesundheit befreit worden war. Und erklärt wurde, dass das Fahrzeug, in dem sie zum Flughafen gebracht wurde, von US-Soldaten an einem Kontrollpunkt beschossen wurde. Sie selbst wurde dabei leicht verletzt, doch Nicola Calipari vom italienischen Geheimdienst Sismi, der mit den Geiselnehmern verhandelt hatte, wurde getötet, zwei weitere Italiener verletzt. Angeblich hatte Calipari mit seinem Körper die Schüsse abgefangen, die sonst Sgrena hätten töten können. Das wäre noch ein weitaus größeres Disaster für die USA und die italienische Regierung geworden. Auch so bestellte Berlusconi den US-Botschafter zu sich und forderte Aufklärung über den Vorfall, da "beunruhigende Fragen" erklärt werden müssten. Jemand müsse die Verantwortung dafür übernehmen. Gabriele Polo, der Herausgeber von Il Manifesto, kommentierte, dass eine solche Entwicklung niemand wollte, was nur zeige, dass alles, was im Irak geschieht, "sinnlos und verrückt" ist.

Das Pentagon bestätigte schließlich den Vorfall in der üblichen knappen Sprache und ohne jedes Bedauern. Nach der Meldung wird dem Fahrer des Autos die Schuld gegeben, der sich dem Kontrollpunkt in hoher Geschwindigkeit genähert habe. Ob der Fahrer gewarnt wurde, ist nicht bekannt. An den Kontrollpunkten feuern die Soldaten öfter sicherheitshalber und haben deswegen schon zahlreiche Zivilisten getötet, weil es sich um einen Selbstmordattentäter handeln könnte. Besonders die Straße von Bagdad zum Flughafen ist eine der unsichersten im ganzen Land.

ONE KILLED AND TWO WOUNDED AT BAGHDAD CHECK POINT

BAGHDAD, Iraq -- At approximately 8

55 p.m. on March 4, Coalition Forces assigned to the Multi-National Force-Iraq fired on a vehicle that was approaching a Coalition checkpoint in Baghdad at a high rate of speed. The recently freed Italian journalist Giuliana Sgrena was an occupant in the vehicle and was apparently injured. It appears a second person in the automobile was killed. Ms. Sgrena is being treated by Coalition Forces medical personnel. The incident is under investigation and additional details will be provided when they become available.

Vermutlich werden Fragen gestellt werden, ob nicht doch eine gezielte Tötung des Geheimdienstmitarbeiters oder der Journalistin beabsichtigt gewesen sein könnten. Verdeckte Operationen ziehen Gerüchte an, weil die Wahrheit nicht ans Licht soll. Vermutlich handelt es sich aber nur um ein unglückliches Zusammenspiel. Der Fahrer mag eventuell gegebene Stoppzeichen des Wachpostens nicht bemerkt haben, die Soldaten dürften aus Angst um ihr Leben sicherheitshalber einfach mal drauf los geschossen haben, was sie oft machen, ohne dass es große Probleme gibt, wenn es sich "nur" um Iraker handelt (Der Preis des Kriegs und die Macht der Bilder). Aber jetzt wurde ausgerechnet eine von den Aufständischen freigelassene Geisel eines alliierten Landes beschossen und ein Geheimdienstmitarbeiter des befreundeten Landes erschossen, dessen Bürger noch dazu die Regierung nicht in ihrer Irak-Politik unterstützt haben. An Aufklärung wird man nicht viel vom Pentagon erwarten dürfen, wo man Meister im Vertuschen im Sinne der strategischen Kommunikation ist. Ein PR-Desaster aber ist es allemal.

Update: Nach einer mittlerweile von der Third Infantry Division der U.S. Army veröffentlichten Erklärung schossen die US-Soldaten auf den Wagen, der mit hoher Geschwindigkeit auf den Kontrollposten zugefahren und nicht auf Signale reagiert haben soll. Die Soldaten hätten Zeichen mit Hand und Armen gegeben sowie mit Lichtsignalen und Schüssen in die Luft gewarnt: "Als der Fahrer nicht anhielt, schossen die Soldaten auf den Motorblock, wodurch das Auto gestoppt, ein Mann getötet und zwei andere Insassen verletzt wurden". Wie dann doch offenbar meherer Kugeln in den Wagen eingedrungen sind, bleibt unklar.

Über die Umstände der Freilassung von Sgrena ist weiterhin noch nichts bekannt. Die Italiener hätten, so sagte ein Mitarbeiter des US-Außenministeriums, weder der US-Botschaft in Bagdad noch dem Militär eine Mitteilung über die Freilassung gemacht. Wie Scott McClellan, der Sprecher des Wießen Hauses mitteilte, hat US-Präsident Bush Berlusconi angerufen, den Vorfall bedauert und schnelle Aufklärung versprochen.

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