Dollar unter Druck

05.03.2005

Zur Verteidigung der Zahlungsfähigkeit der USA ist Kontrolle über das Öl im Nahen Osten wichtig, aber es geht eigentlich um eine Weltwährungsschlacht Dollar gegen Euro

Ende Februar erlitt der Dollar den stärksten Absturz gegenüber dem Euro seit einem halben Jahr: In zwei Tagen verlor er 1,5 Cent. Vorausgegangen war die Ankündigung eines südkoreanischen Zentralbankers, der eine Diversifizierung der Devisenreserven des Landes ankündigte, also eine schrittweise und teilweise Abkehr von der US-Währung. Bereits einen Tag später dementierte die Zentralbank ganz offiziell, der Dollar erholte sich wieder. Doch wie war es möglich, dass eine halboffizielle Äußerung die Börsen auf der ganzen Welt einige Stunden in Panik versetzen konnte? Ist der Dollar nicht das Geld der mächtigsten Nationalwirtschaft des Planeten, der Schmierstoff der globalen Ökonomie seit 1945?

Der Traum eines jeden Konsumenten: Man bezahlt seine Einkäufe mit Schecks, die von den Geschäftsleuten niemals eingelöst werden. Man begleicht die Rechnungen mit fantasievollen Papierschnipseln und seiner guten Unterschrift, ohne dass das eigene Konto jemals belastet wird. Eine Geschichte aus dem kapitalistischen Schlaraffenland? Nein und doch ja. Was für den einzelnen unvorstellbar ist, ist seit Jahrzehnten Realität für die US-Nationalökonomie. Sie kauft Waren bei anderen Volkswirtschaften und bezahlt die Importe mit grünen Scheinchen, die von der Federal Reserve nach Belieben nachgedruckt werden (Operettenimperialismus).

Doch seit immer offensichtlicher wird, dass die Dollarflut durch die Wirtschaftsleistung der USA nicht mehr gedeckt ist, hat der Absturz des Dollar begonnen. In den letzten drei Jahren hat die US-Währung 35 Prozent Wert gegenüber dem Euro und 24 Prozent gegenüber dem japanischen Yen verloren; allein seit Oktober beläuft sich die Wertverlust auf insgesamt sieben Prozent. Zieht man den historischen Vergleich etwas weiter und nimmt statt des Euros die Deutsche Mark, so wurde das Geld der Yankees gegenüber dem Geld der Krauts seit 1960 um zwei Drittel abgewertet. Damals musste man für den Greenback vier DM zahlen, zur Zeit wären es nur noch etwa 1,30 DM.

Hauptgrund dieser Entwicklung ist die Schwäche der amerikanischen Wirtschaft. Manche der von ihr hergestellten Produkte sind so schlecht oder so teuer, dass sie sich auf dem Weltmarkt nicht mehr behaupten können. Da die US-Exporte sich im Ausland weniger absetzen lassen und selbst auf dem Binnenmarkt zunehmend ausländische Produkte bevorzugt werden, klafft ein immer größeres Loch in der US-Außenhandelsbilanz. Dessen Wachstum ist exponentiell: 1992 betrug es 50 Milliarden US-Dollar, 1998 245 Milliarden, 2000 435 Milliarden Dollar, für das Jahr 2004 werden 630 Milliarden Dollar, für 2006 gar 825 Milliarden Dollar prognostiziert - über acht Prozent der jährlichen Wirtschaftsleistung (BIP). Zum Vergleich: In Deutschland würden acht Prozent des BIP einem Handelsminus von umgerechnet 130 Milliarden US-Dollar entsprechen; statt dessen wies der deutsche Außenhandel aber im Jahre 2004 ein Plus von knapp 156 Milliarden Euro aus (Armes Deutschland, reiches Deutschland).

Zur Finanzierung der Importe druckte die US-Notenbank zusätzliches Geld, und die öffentliche Hand wie Privatunternehmen legten gutverzinste Schuldtitel und andere Wertpapiere auf, die vom Ausland aufgekauft wurden. Dies ließ parallel zum Leistungsbilanzdefizit auch die Außenverschuldung der USA explodieren.

Ende der siebziger Jahre waren die USA Netto-Gläubiger mit Forderungen an das Ausland in Höhe von 20 Milliarden US-Dollar, im Jahre 1982 erreichten diese Forderungen mit 231 Milliarden US-Dollar ihr Maximum. Doch kurz darauf kam die Wende in die roten Zahlen: Seit 1985 sind die USA - Staat, Wirtschaft, Privathaushalte - an das Ausland verschuldet. Im September 2001 betrug die Brutto-Schuld 7.815 Milliarden US-Dollar, verrechnet mit eigenen Forderungen an das Ausland bleibt immer noch eine Netto-Verschuldung in Höhe von 3.493 Milliarden Dollar übrig. Bei einem BIP der USA von etwa 10.000 Milliarden Dollar beträgt die Auslandsverschuldung damit knapp 35 Prozent. Zum Vergleich: Die DDR wurde im Oktober 1989 von einer Arbeitsgruppe des Politbüros für bankrott erklärt, weil sie eine Westverschuldung von 49 Milliarden Valutamark hatte. Das waren lediglich 16 Prozent des BIP der DDR.

Bushs globaler Keynesianismus

Die USA finanzieren die Weltwirtschaft, aber sie finanzieren sie nicht mit ihrer eigenen Wirtschaftsleistung, sondern auf Pump. Die Amerikaner verwandeln das vom Ausland geliehene Kapital in Nachfrage nach Produkten anderer Nationalökonomien und kurbeln so die weltweite Konjunktur an.

Auch die NS-Wirtschaftspolitik fußte auf Staatsverschuldung und darüber finanzierten Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen. Dazu wurden fiktive Firmen wie die Deutsche Gesellschaft für öffentliche Arbeiten (Öffa) und Metallurgische Forschungsgemeinschaft (MeFo) gegründet, auf deren Namen Wechsel ausgegeben wurden. Seit 1936 wurden überhaupt keine Haushaltspläne und keine Bilanzen über die Reichsschuld mehr veröffentlicht. Die Gesamtsumme der Mefo-Wechsel war bereits auf über 40 Milliarden Reichsmark gestiegen.

Der Zusammenhang zwischen Arbeitsplatzbeschaffung und Kriegsvorbereitung in Nazi-Deutschland ist bekannt: Die Autobahnen waren ein ABM-Programm für Millionen und ließen später die Panzer schneller an die Ostfront rollen. Der Krieg stopfte dann die Löcher im Budget: Der Raub von konstantem und variablem Kapital (d.h. Rohstoffen und Arbeitssklaven) sorgte für die Wertdeckung der aufgeblähten Geldmenge in Nazi-Deutschland. Als am 8. Mai 1945 der grausige Spuk zu Ende war, explodierte die vorher politisch-militärisch zurückgestaute Inflation.

Ölmarkt auf Eurobasis?

Bush und Fed-Chef Alan Greenspan müssen das selbe fürchten wie Hitler und Reichsbanker Hjalmar Schacht: Dass die inflationäre Geldblase nur solange nicht platzt, wie ihre Armeen von Sieg zu Sieg eilen. Für den Dollar (und dollarnominierte Wertpapiere) gilt heute, was für die Reichsmark im Zweiten Weltkrieg galt: Die Anleger glauben den aufgedruckten Wert nur, solange jedermann jederzeit und an jedem Ort mit militärischer Gewalt gezwungen werden kann, die Papierschnipsel in Waren einzutauschen. Je tiefer die US-Ökonomie in die roten Zahlen rutscht, um so aggressiver muss die US-Außenpolitik auftreten.

Gälte das Gesetz von Angebot und Nachfrage, wäre der Dollar längst schon viel tiefer gestützt. Reiche Ausländer und internationale Privatfonds ziehen seit zwei Jahren Kapital aus Dollaranlagen ab. Nur der ständig wachsende Aufkauf der US-Währung durch die Nationalbanken in Tokio und Peking stützt den Greenback noch, sie haben mittlerweile Dollarreserven in Höhe von 800 bzw. 600 Milliarden Dollar aufgehäuft. Japaner und Chinesen wollen durch diese Politik die US-Währung hoch und ihre eigene niedrig - und damit ihre Exporte in den Dollarraum konkurrenzfähig - halten. Doch wie lange werden sie es sich noch leisten können, ihr gutes Geld dem schlechten amerikanischen nachzuwerfen? Das anfänglich erwähnte Verkaufssignal aus Südkorea, das Reserven in Höhe von 200 Milliarden Dollar hält, war von den internationalen Finanzmärkten als Anzeichen gewertet worden, dass in Fernost etwas ins Rutschen kommen könnte - daher die Panik.

Das Ende des Dollars als Weltwährung wäre erreicht, wenn der internationale Ölhandel nicht mehr auf Dollarbasis abgewickelt würde. Vorreiter dieser Entwicklung war der Irak. Ende des Jahres 2000 stellte Saddam Hussein die Fakturierung der irakischen Ölexporte auf Euro um. Dies wurde nach der Eroberung des Iraks durch die USA wieder rückgängig gemacht, und die OPEC insgesamt hat unter dem Eindruck der US-Truppen in Bagdad im Mai 2003 förmlich beschlossen, am US-Dollar als Rechnungseinheit festzuhalten.

Doch weiterhin liebäugeln Staaten, die von den USA bedroht werden, mit einer Umstellung der Öl-Exporte auf Eurobasis. Entsprechende Überlegungen gibt es etwa in Venezuela, woher ein Viertel der US-Öleinfuhren kommen, und in Russland (das übrigens der OPEC nicht angehört). So veröffentlichte die Moscow Times im Oktober 2003 einen Artikel unter der Überschrift: Putin Bereits Ende 2002 wechselte Nordkorea vom US-Dollar zum Euro - das Land exportiert allerdings kein Öl.

Iran fordert seit dem Jahr 2003 begonnen die Bezahlung von - in US-Dollar ausgestellten - Rechnungen für Öllieferungen in Euro. Zuvor hatte Teheran bereits das Gros seiner Devisenreserven auf Euro umgestellt - eine Entwicklung, die auch in Russland begonnen hat.

Sowohl im Irak wie bei den möglichen Kriegen gegen die eben genannten Staaten geht es also nicht in erster Linie um "Blut für Öl", sondern um die Verteidigung der Zahlungsfähigkeit der USA, wofür die Kontrolle über das Öl allerdings nicht unwichtig ist. In letzter Konsequenz wird jedoch kein Rohstoffkrieg geführt, sondern eine Weltwährungsschlacht - Dollar gegen Euro (siehe auch Der Euro als Wunderwaffe).

Von Jürgen Elsässer ist gerade das Buch "Wie der Dschihad nach Europa kam. Gotteskrieger und Geheimdienste auf dem Balkan (NP-Verlag) erschienen.

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