Zerschlagung einer Frauenkundgebung

07.03.2005

Türkische Polizei ging massiv gegen eine Kundgebung zum Internationalen Frauentag in Istanbul vor

Frauen kauern auf der Straße und halten sich die blutende Köpfe, Polizisten schlagen mit Knüppeln weiterhin auf die Verletzten ein. Diese Szenen spielten sich am Sonntagnachmittag in der Innenstadt der türkischen Metropole Istanbul ab. Mehrere Stadtteile waren hermetisch abgeriegelt worden, weil linke Frauenorganisationen im Vorfeld des Internationalen Frauentages eine Kundgebung abhalten wollten. Sie haben damit auf die Benachteiligung der Frauen in der türkischen Gesellschaft und auf den hohen Anteil von Frauen in türkischen Gefängnissen aufmerksam machen wollen. Die Polizeikräfte gingen nach Angaben von Augenzeugen mit unverhältnismäßiger Härte gegen die völlig friedlichen Kundgebungsteilnehmerinnen vor. Im Fernsehen wurden Bilder von am Boden liegenden Frauen gezeigt, die mit Polizeistiefeln getreten werden. Über 60 Menschen sind nach Angaben der Medien festgenommen werden. Die Zahl der Verletzten wurde nicht bekannt gegeben.

Am Samstag verlief eine Frauendemonstration in Ankara ohne Zwischenfälle. Die war allerdings von der Frauenorganisation der Regierungspartei organisiert und beschränkte sich auf Zustimmung zur Regierungspolitik.

In aller Welt begehen Feministinnen und linke Frauenorganisationen den 8.März als Internationalen Kampftag für die Rechte der Frauen. Die Ursprünge dieser Tradition stammen aus den Anfängen des letzten Jahrhunderts. Damals wurde der Internationale Frauentag von der 2. Internationale ins Leben gerufen. Seitdem gingen Frauen an und um diesen Tag für soziale Rechte, gegen gesellschaftliche Benachteiligung und gegen Männergewalt auf die Straße. Immer wieder kam es dabei in verschiedenen, vor allem autoritär regierten Ländern zu Auseinandersetzungen mit der Staatsmacht.

Auch in der Türkei gab es vor allem in den 80er Jahren Übergriffe auf demonstrierenden Frauen. Trotzdem passen die Ereignisse vom vergangenen Sonntag nicht zu dem Bild, das sich die Türkei nach außen hin gerne geben will. Vor allem der türkische Ministerpräsident Erdogan wird nicht müde zu beteuern, dass sein Land bei der Einhaltung der Menschenrechte auf dem besten Wege ist. Menschenrechtsorganisationen haben diesen auch von vielen europäischen Regierungen übernommenen Behauptungen immer vehement widersprochen und daran erinnert, dass vor allem im Ostteil der Türkei weiterhin auf den Polizeiwachen gefoltert wird, dass immer noch politische Aktivisten verschwinden.

Dass jetzt nicht nur in der fernen Osttürkei, sondern mitten in Istanbul die Menschenrechte demonstrierender Frauen so massiv verletzt werden, könnte als bewusster Affront der Sicherheitskräfte gegen die Politik des Ministerpräsidenten gedeutet werden. Hardliner bei den Militärs und Polizei gingen die in den letzten Monaten beschlossenen Reformen schon zu weit. Allerdings gibt es auch politische Beobachter, die den Reformeifer von Erdogan bezweifeln. Mittlerweile machen sich auch EU-Gremien über den Anpassung der Türkei an die EU-Normen Sorgen und haben Erdogan aufgefordert, beim Reformeifer nicht nachzulassen.

Vor allzu starker Kritik der westlichen Regierungen braucht sich die Türkei aber kaum zu fürchten. Selbst die Anfang Februar erfolgte Festnahme der Wiener Menschenrechtsaktivistin Sandra Bakutz wurde in den EU-Ländern schweigend zur Kenntnis genommen. Bakutz setzt sich seit Jahren für Einhaltung der Menschenrechte auch in türkischen Gefängnissen ein. Sie war in die Türkei gereist, weil sie einen Prozess gegen türkische Linke beobachten und darüber für verschiedene Radios berichten wollte. Noch am Flughafen wurde Bakutz festgenommen Sie wird von der türkischen Justiz beschuldigt, mit ihrer Menschenrechtsarbeit eine in der Türkei verbotene linke Organisation zu unterstützen. In einem Brief aus dem Gefängnis schreibt Bakutz: "Ich möchte hier nun aufrufen, dass sich die Augen der internationalen Öffentlichkeit weiter auf die Türkei und auf die Umstände hier richten, damit das Schweigen endlich ein Ende nimmt."

x
Fehler melden
Telepolis zitieren
Vielen Dank!
Kommentare lesen (204 Beiträge) mehr...
Anzeige
Weit weg mit Telepolis
Anzeige
Auf nach Brasilien
Leben im Regenwald, Nationalpark Iguacu, Rio de Janeiro
Cover

Leben im Gehäuse

Wohnen als Prozess der Zivilisation

Anzeige
Cover

Medienkritik

Zu den Verwerfungen im journalistischen Feld

Anzeige
Hellwach mit Telepolis
Anzeige
Cafe
Telepolis-Cafe

Angebot des Monats:
Kaffee und Espresso aus Guatemala in der Telepolis-Edition für unsere Leser

Cover

Aufbruch ins Ungewisse

Auf der Suche nach Alternativen zur kapitalistischen Dauerkrise

bilder

seen.by

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

Tastenkürzel:

ctrl-Taste:
Zum Wechseln zwischen Heise- und Google-Suche

esc-Taste:
Verlassen und Zurücksetzen des Eingabe-Felds

Buchstaben-Taste F
Direkt zur Suche springen

SUCHEN

Mit dem Schalter am linken Rand des Suchfelds lässt sich zwischen der klassischen Suche mit der Heise-Suchmaschine und einer voreingestellten Suche bei Google wählen.

SUCHEN

.
.