Wir zeigen uns die Welt

flickr.com und die Ekstase des Visuellen

Im Lauf des Booms, der seit einigen Jahren die Welt mit einer enormen Anzahl und Artenvielfalt von Kameras überschwemmt, hat man oft die Frage gehört, was denn eigentlich mit all den unzähligen Fotos geschehen soll, die mit diesen Kameras geschossen werden. Das erzeugte Material, so die implizite Unterstellung, sei bloße Redundanz, nicht einmal die Hobbyfotografen selbst würden sich das Zeug auch nur anschauen, was sie da mit ihrem High-Tech-Spielzeug zusammenknipsen. Weit gefehlt, wie der Erfolg von flickr.com und anderen Photo-Sharing-Diensten im Internet belegt.

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Man kennt das. Beim Anschauen von Fotozeitschriften entwickelt sich schnell Langeweile. Ein Bild und noch eins und noch eins - irgendwann ist es auch einmal gut mit all den Bildern, und gähnend wendet man sich wieder der Realität außerhalb der Kamera zu. Und nun stelle man sich einmal eine dynamische, digitale Fotozeitschrift vor, die gleichzeitig von einer beliebigen Anzahl von Fotografen beliefert wird, rund um die Uhr; die Millionen von Fotos für den Echtzeitzugriff bereit hält, wachsend in jeder Sekunde. Der Alptraum einer chaotischen Bilderhölle ohne Sinn und Verstand, in dem man sich vorkommt, als sei man in eine Konfetti-Lawine geraten? Nicht unbedingt.

Flickr ist zunächst einmal nur ein Photo-Sharing-Dienst, also nichts als ein öffentliches Anschlagbrett im Internet, an dem man seine Digitalfotos aufhängen und von anderen bewundern lassen kann. Bliebe es dabei, wäre das Ganze ungefähr so interessant wie die große Schautafel am Vereinsbüro eines Fotoclubs (inklusive Jahrespräsentation beim Markt der Möglichkeiten in der lokalen Mehrzweckhalle). Auch, dass die ganze Sache im Internet stattfindet, macht sie an sich noch nicht viel spannender; Hintertupfingen bliebe halt auch im Internet Hintertupfingen, genau so wie der Hintertupfinger Fotoclub.

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Das Besondere an flickr ist eine Softwarebasis, die eine unglaubliche soziale und inhaltliche Vernetzungsdichte bietet. Es ist zwar grundsätzlich möglich, auf flickr allein und ungesehen zu bleiben, vor allem, wenn man sich aktiv gegen diese Vernetzungsdichte wehrt, aber wirklich praktikabel ist es nicht (und sinnvoll natürlich auch nicht). Ein Overkill an Verknüpfungs-, Such-, und Kommunikationsmöglichkeiten erschließt dem Nutzer immer neue Seiten in diesem Fotoalbum. Es ist möglich, die eigenen Fotos anderen Sammlungen ("group pools") zuzuordnen, man kann flickr nach Schlüssel- und Schlagworten ("tags") durchforsten, unter denen Bilder rubriziert worden sind, man kann Teilnehmer, deren Bilder gefallen, als "contacts" subskribieren und sie in geschlossene oder offene "groups" einladen, und so weiter und so fort. Neben der öffentlichen Kommentarfunktion, die zu jedem einzelnen Bild zur Verfügung steht, gibt es auch noch einen internen privaten Kanal, der dem Kontakt zwischen einzelnen Mitgliedern dient ("Flickr Mail").

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Bilder kann man nicht nur über das Web-Interface hochladen, sondern auch per E-Mail, per Fotohandy oder über einen externen Uploader, der natürlich schon jetzt, in der Betaphase, nicht nur für Windows bereitsteht, sondern auch für Mac OS. Eines der schönsten Features von flickr ist die Möglichkeit, ganze Photostreams (also die Komplettsammlungen einzelner Mitglieder) oder thematisch eingegrenzte Alben ("sets") als Diashow anzusehen - einige Mitglieder machen davon Gebrauch, dass professionellen Diashow-Anbietern Angst und Bange werden könnte, und mit einem guten Soundtrack vom eigenen Rechner kann so etwas durchaus für fünf, zehn, fünfzehn Minuten zu einer genussvollen Erholungspause werden. Natürlich wird gezählt, wie oft andere die eigenen Fotos oder Diashows anschauen, auch dies ein nicht unwichtiges Feedback-Element, das darüber aufklärt, welche Aufnahmen gefallen und welche nicht.

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All diese Funktionen, und das ist das wirklich Bemerkenswerte an flickr, sind in einem Web-Interface untergebracht, das erstaunlich schlicht wirkt und nahezu selbsterklärend ist. Die Eröffnung eines kostenlosen Accounts dürfte selbst unerfahrene Internet-Nutzer weniger als fünfzehn Minuten kosten (englische Sprachkenntnisse vorausgesetzt) und selbst die anspruchsvolleren Features (wie das Erstellen von Sets) erschließen sich im Handumdrehen.

Die Programmierer von ludicorp, jener Firma, die hinter flickr steht, haben zwei Dinge begriffen: Wenn sie geschäftlich erfolgreich sein wollen, wenn sie der Welt ein Fotoalbum anbieten wollen (was offensichtlich ihr Ehrgeiz ist), dann muss man seine Bilder dort einfach unterbringen, verwalten und veröffentlichen können. Und zweitens wissen sie genau, wie die wachsende Zahl an Breitband-Internetzugängen und die Flash-Technologie ihnen bei der Erreichung dieses Ziels helfen. Ergebnis: Was die Geschwindigkeit des Informationsumschlags betrifft, so verhält sich flickr zu Weblogs, wie Weblogs sich zu Homepages verhalten. flickr ist noch einmal näher dran, als die hauptsächlich textbasierten Weblogs.

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Und wen interessiert das alles? Wer braucht das, wer will sich das anschauen? Im Firmen-Weblog von flickr behauptet man, nach einem Jahr Betatest Hunderttausende von Nutzern zu haben, der Guardian sprach Anfang Februar von 254.000.

Das fotografische Potenzial, das bei flickr akkumuliert wird, ist phänomenal. Sie sind alle da: die Lomoknipser und die Schwarz-Weiß-Experten, sechzigjährige Berufsfotografen, die erst seit einem halben Jahr eine Digitalkamera besitzen und zwanzigjährige Naturtalente, die gar nichts anderes kennen, Ästheten, Propagandisten, Aktliebhaber, Katzenfreunde, fotografierende Strickblogger und Stammtische von Übergewichtigen, alle. Manche bekämpfen bloß ihre Langeweile, andere diskutieren die ausgefeiltesten Kamera- und Beleuchtungstricks; es gibt welche, die zeigen nur die unglaublichen Fotos her, die sie auf Flohmärkten und bei Haushaltsauflösungen finden; Designstudentinnen experimentieren mit Foto-Collagen, und wieder andere migrieren mit ihrem Familienalbum endgültig ins Netz. Und das fotografierte Material umspannt wirklich den Planeten.

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Die "flickrworkr" von ludicorp stellen die Infrastruktur zur Verfügung, überprüfen, ob die Spielregeln eingehalten werden, und hoffen natürlich, dass möglichst viele Betatester von den kostenlosen Basisdiensten auf die "Pro-Accounts" mit vollem Funktionsumfang umsteigen; schließlich wollen sie letztere verkaufen, indem sie erstere verschenken. Zu gönnen wäre ihnen der Erfolg schon. Sie setzen ein gute Idee auf brillante Art um, und wenn die bezahlten Accounts die kostenlosen auch weiterhin querfinanzieren, dann kann sich die Welt auch weiterhin in ihrem eigenen Fotoalbum selber anschauen.

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