Das Schweigen des Dan Rather

11.03.2005

Zum unrühmlichen Abgang einer journalistischen Koryphäe

Wie macht man als Journalist Karriere? Lernen Sie, den Mund zu halten; und dass es nicht darauf ankommt, die richtigen Fragen zu haben, sondern auf den Zeitpunkt, wann man sie stellt: "Irgendwann sagt man sich: Ich weiß zwar die richtige Frage, aber jetzt ist wohl nicht der richtige Zeitpunkt, sie zu stellen..... Und das ist extrem gefährlich und sollte niemals akzeptiert werden, aber, ich bedauere das sagen zu müssen, die überwältigende Mehrheit der amerikanischen Bürger akzeptiert es. Und die gegenwärtige Regierung freut sich darüber, genießt es und lehnt sich zurück." So erklärt es Dan Rather, der Anchorman des US-Senders CBS, der am Mittwochabend seine letzte Sendung moderierte, der britischen BBC.

Seinen US-Zuschauern wollte er seinen Auftritt als zorniger alter Mann und desillusionierter Journalist lieber nicht zumuten, sowenig wie seine Erkenntnis, dass es Karrieregründe sind, die Journalisten auf Linie halten:

Es ist Angst, die Journalisten davon abhält, die härtesten der harten Fragen zu stellen.

Rather selbst, seit 24 Jahren CBS-Nachrichtenchef und Moderator der renommierten Sendung "60Minutes", bewies freilich alles andere als Mut, als er nach dem 11. 9. erklärte:

George Bush ist der Präsident. Er trifft die Entscheidungen. Wo immer er mich haben will, ich reihe mich ein, sagt mir nur wo.

Dass ein Statement wie dieses eher von einem auf Linie getrimmten "Schriftleiter" aus dem Deutschland der 30er Jahre zu erwarten wäre als von einem "liberalen" Chefredakteur im Amerika des Jahres 2001 zeigt, dass es sich auch bei einem der letzten großen "Liberalen" der US-Medien, als welcher der 72-jährige Unbeugsame gefeiert wird, nur noch um eine Attrappe handelte. So wie auch die von Bloggern schnell als Fälschung entlarvten Dokumente, mit denen er auf dem Höhepunkt des Präsidentenwahlkampfs nachweisen wollte, wie Bush jun. sich vor dem Militäreinsatz in Vietnam gedrückt hatte.

Dass freilich die Nachrichten-Legende Dan Rather und die gesamte Dokumentationsabteilung von CBS völlig blauäugig auf schlecht gefälschte Memos hereingefallen sein sollen, was Rather letztlich den Job kostete, scheint nicht gerade glaubwürdig. Schon im Herbst 2003 hatte der US-Journalist Greg Palast in der BBC-Sendung "Newsnight" den Nachweis über George W. Bushs Drückebergerei erbracht und dies mit Dokumenten aus dem US-Justizministerium belegt. Behauptungen, die nie bezweifelt oder von der BBC gar zurückgezogen wurden. Dazu Greg Palast:

Ein Jahr nach der BBC-Sendung entschied sich "Jetzt-bin-ich-mal-ein-wirklicher-Journalist" Rather diese Geschichte in "60 Minutes" zu bringen. Und wie er vorhergesagt hatte, wurde er von der Pressepolizei des Senders und des Weißen Hauses gepackt... Was war Dans Fehler? Ja, er hätte die Geschichte nicht mit einem Dokument belegen sollen, dessen Quelle unsicher war. Aber dieses Dokument (nicht dasselbe wie im BBC-Report) behandelte einen Nebenaspekt und nicht die Hauptanklage, dass Bush senior dem Junior die Einberufung ersparte. Obwohl an der Hauptgeschichte von Georges Drückebergerei kein Jota falsch war (und auch die BBC sie nie widerrief), nahm CBS Rathers' Beharren auf die Glaubwürdigkeit dieses Dokuments als Grund, seine Reputation und seine Karriere zu zerstören.

Kann ein mit allen Wassern gewaschener Profi so dämlich sein? Greg Palast vergleicht das Schweigen des Dan Rather mit dem der alten Kommunisten in Stalins Säuberungsprozessen, wie Arthur Koestler sie in "Sonnenfinsternis" beschrieb: Noch kurz vor ihrer Verurteilung sangen sie den Lobpreis des Systems. Alles andere hätte ja auch nur Zweifel an der Sache geweckt, der sie ihr Leben gewidmet haben. Und so geht auch Dan Rather nicht mit einer flammenden Anklage gegen einen durch und durch korrumpierten Journalismus ab, sondern schweigend und nur mit einer Träne im Knopfloch....

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