Kinder im Visier von Amazon

Alfred Krüger 19.03.2005

Wie der Internetbuchhändler Kunden und solche, die es werden könnten, ausforschen will

Internetbuchhändler Amazon ist für seine Neugier wohl bekannt (Amazon mit eigener Suchmaschine). Bisher erstreckte sich sein Datenheißhunger nur auf den eigenen Kundenstamm. Das reicht dem wissbegierigen Online-Buchhändler jetzt offenbar nicht mehr aus. Amazon möchte künftig auch die Daten derjenigen analysieren und speichern, die von seinen Kunden beschenkt wurden. Auch diejenigen Informationen, die Kunden in Amazon-Buch- oder CD-Besprechungen von sich preisgeben, möchte das Unternehmen künftig genauer unter die Lupe nehmen und den sowieso schon gespeicherten Profildaten seiner Kunden hinzufügen. Ein Patent auf entsprechende Analysemethoden wurde Amazon.com kürzlich verliehen. Datenschützer halten solche Schnüffelmethoden für äußerst bedenklich.

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Schenken bringt Freude, sagt man - und das findet Internetbuchhändler Amazon auch. Deshalb bietet der Online-Buch- und Sammelsurium-Versender seinen Kunden einen äußerst praktischen Geschenkeservice an. Wer ein Buch, eine CD oder ein Computerspiel bei Amazon bestellt, kann alles als Geschenk verpacken und direkt an den Beschenkten liefern lassen. Auch einen netten Grußtext kann man dem Beschenkten über Amazon schicken - ein rundum praktischer Service, den Kunden gerne nutzen. Amazon in Zukunft auch - allerdings für eigene Zwecke.

Der weltweit agierende Internetbuchhändler hat kürzlich ein Patent auf eine Methode verliehen bekommen, mit der er nicht mehr nur wie bisher das Kaufverhalten seiner Kunden, sondern auch die von Kunden beschenkten Personen analysieren will - egal, ob sie bereits bei Amazon registriert sind oder nicht. Auch die Grußtexte, die ein Kunde dem Beschenkten übermittelt, sollen künftig eingehend unter die Lupe genommen werden. Denn sie enthalten wertvolle Anhaltspunkte über die beschenkte Person: Alter, Geschlecht, Hobbys, Vorlieben.

Amazon kennt seine Kunden - und solche, die es werden wollen

Zwei "Fliegen" will Amazon künftig mit dieser Klappe schlagen: Erstens möchte der Buchversender das Schenkverhalten seiner Kunden besser verstehen, um ihnen anschließend genauere Geschenkvorschläge unterbreiten zu können. Gleichzeitig speichert das System das jeweilige Geschenkdatum und versucht, den Anlass zu ermitteln. Auf diese Weise können Kunden beispielsweise an Geburtstage von Verwandten, Freunden und Bekannten erinnert und zum erneuten Kauf eines Geschenks bei Amazon animiert werden. Zweitens erhält der neugierige Online-Händler wertvolle Daten über Personen, die noch nicht zu seinem Kundenstamm gehören. Da Amazon die Lieferadressen kennt, können konkrete, personenbezogene Daten gesammelt und gespeichert werden. Sollte die beschenkte Person sich irgendwann einmal beim Online-Buchhändler anmelden, weiß Amazon über ihn schon mehr, als sich der neue Kunde träumen lassen kann.

Mit der gerade patentierten Methode sollen vor allem Amazon-Kunden beobachtet und analysiert werden, die Geschenke für Kinder kaufen. Sie soll sich besonders dafür eignen, altersgerechte und geschlechtsspezifische Geschenke aus dem Angebot von Amazon vorzuschlagen.

In der Praxis sähe das dann künftig so aus: Ein Kunde, der beispielsweise seinem Patenkind namens Martin Mustermann zum ersten Geburtstag via Amazons Geschenkeservice ein Spielzeug hat zukommen lassen, würde ein Jahr später mit folgendem netten Sprüchlein an seine Patenpflichten erinnert: "Spielzeug und Bücher, die ein Lächeln auf das Gesicht von Martin Mustermann (Alter 2) zaubern werden...", gefolgt von einer automatisch erstellten Liste altersgerechter Geschenke. So jedenfalls steht es in der Patentschrift, in der Amazon seine neueste Schnüffelmethode eingehend beschreibt.

Amazon möchte noch einen Schritt weiter gehen und künftig auch die Buch- und CD-Rezensionen, die freundliche Kunden geschrieben haben, exakt analysieren. Ziel ist es, relevante persönliche Informationen aus diesen Kritiken herauszufiltern und sie den sowieso schon gespeicherten Kundendaten hinzuzufügen. Damit versetzt sich der Online-Buchhändler in die Lage, seine Kunden noch umfassender zu analysieren und aus den gesammelten Daten künftige Kaufwünsche noch exakter und treffsicherer hochrechnen zu können.

Die Grenze des Zulässigen weit überschritten

US-amerikanische Datenschützer werfen Amazon vor, mit diesen Spionagemethoden die Grenzen des Zulässigen und Zumutbaren weit überschritten zu haben. "Amazon hat die Messlatte für den Datenschutz erneut sehr niedrig angesetzt", meint etwa Chris Hoofnagle vom Electronic Privacy Information Center (EPIC).

Das könne eigentlich gar nicht mehr überraschen, sei Amazon doch für seine rigiden Schnüffelmethoden seinen Kunden gegenüber bekannt. Neu sei allerdings, dass jetzt vornehmlich Kinder ins Visier der Amazon-Strategen geraten würden. Verbraucherschützer verweisen in diesem Zusammenhang auf ein US-Gesetz, das es Internetfirmen verbietet, Daten über Kinder unter dreizehn Jahren ohne Zustimmung der Eltern zu sammeln. Dieses Gesetz würde durch Amazons Datensammelwut verletzt.

Amazon versucht zu beschwichtigen und abzuwiegeln. Als man die Patentschrift eingereicht habe, sei es nur darum gegangen, sich die dort beschriebene Methode als geistiges Eigentum sichern zu lassen - unabhängig davon, ob man sie auch irgendwann einmal einsetzen könne oder wolle. Derzeit jedenfalls würde diese Analysemethode bei Amazon (noch) nicht eingesetzt. Die Bedenken und die Kritik der Daten- und Verbraucherschützer seien deshalb allenfalls hypothetischer Natur.

Wie sicher sind Amazons Daten?

US-Daten- und Verbraucherschützer wollen sich mit dieser Auskunft nicht zufrieden geben. Sie weisen erstens darauf hin, dass es sich bei den Daten, die mit der patentierten Methode ermittelt werden können, um spekulative Daten handele, die Amazon aus dem Schenkverhalten von Kunden hochgerechnet habe. Daraus entwickele das Unternehmen anschließend spekulative Profile, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben müssen. Zweitens wird die Frage nach der Datensicherheit gestellt. Es gäbe keine Garantie dafür, dass nicht auch Amazon ebenso wie die Firmen ChoicePoint (Vertuschen statt informieren) oder Lexis Nexis (Erneut Datenklau bei den neuen Big Brothers der Privatwirtschaft) von Datendieben heimgesucht werden könnte.

Wie schützt sich der Online-Versender gegen kriminelle Datendiebe? Wie sicher sind die Datenbanken von Amazon & Co.? Möglicherweise stellt sich Amazon mit seinen neuen Schnüffelmethoden jedoch auch selbst ein Bein. Denn wer wird noch eine Buchbesprechung schreiben, wenn er befürchten muss, dass alles, was er darin sagt, eingehend analysiert und akribisch seinem Kundenprofil hinzugefügt wird?

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19712/1.html
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