Das gefrorene Herz
Mit "Full Spectrum Warrior" gegen psychische Kriegsschäden
Die Liste der Symptome ist lang: erhöhte Reizbarkeit, häufiges Urinieren, Diarrhöe, Depressionen, Prickeln in den Extremitäten, plötzliche Reaktionen auf laute Geräusche, Schlaflosigkeit, Gewichtsverlust, Haarausfall und fiese Flashbacks. Der Name für die Krankheit hat sich im Laufe der Kriege geändert, derzeit lautet die bevorzugte Bezeichung dafür in den USA allgemein "Combat-Stress", in besonders schlimmen Fällen "Post-Traumatic Stress Disorder "PTSD". Jeder sechste im Irak eingesetzte Soldat leidet nach neueren Studien unter mehreren dieser Symptome. Eine neue Therapie via Virtuelle Realität, angelehnt an ein Computerspiel, soll den Traumatisierten nun helfen.
Trinken und Drogen sind die gängigsten Selbstherapiemittel für die schwer zu fassenden, schwer zu heilenden psychischen Kriegsschäden, unter denen selbst die Härtesten leiden, wie es in vielen Berichten über PTSD heißt. Nur dass die Hartgesottenen oft am längsten brauchen, bis sie sich über ihre Störung im Klaren sind und noch länger, bis sie darüber sprechen wollen. Wer gegenüber therapeutischen Helfern einer der so genannten "Combat Stress Units", die die amerikanische Armee in den Irak entsandt hat, zugibt, dass er Probleme hat, hat oft auch Angst, dass ihn die anderen in der Einheit als "Weichei" sehen. Die Erfahrungen, welche die Soldaten im Irak machen, sind grauenvoll, ebenso gruslig die spät erkannten Warnsignale, die eine psychische Störung nicht mehr verleugnen lassen:
Capt. Glenn Palmer's schlimmster Moment kam, als er einem verwundeten Offizier, der von einem Sniper getroffen wurde, eine Mund-zu-Mund-Beatmung gab...Palmer,..., versuchte weiterzumachen, selbst dann als er spürte, dass sein Atem aus dem Loch im Kopf des Opfers pfiff. "Ich kann den Geschmack noch immer nicht aus meinem Mund bekommen."
Ich wußte, dass ich ein Problem im Irak hatte, als ich begann, ganze Städte mit dem Maschinengewehr bearbeiten zu wollen
Jetzt also der Joystick als State of the Art-Therapie für schwer zu fassende, schwer zu heilende psychische Kriegsschäden. Ganz sicher ein Fortschritt, wenn man sich vor Augen hält, was General George Patton 1942 noch als Intuitivtherapie in den Sinn kam: Er beschimpfte einen Patienten auf dem Krankenbett, der unter "Shell Shock" - die damalige Bezeichnung für Kriegsneurosen - litt, als Feigling und Drückeberger und schlug ihn ins Gesicht. Eisenhower zwang seinen General später zu einer öffentlichen Entschuldigung.
Der Mythos, dass harte Männer am besten mit archaischen, rigiden Maßnahmen zu heilen sind, währt lange. Bis heute halten einige am Rezept fest, dass "Three Hots and a cot in the field", drei warme Mahlzeiten und ein Bett im Feld, also zurück in der Kampfzone, das beste Gegenmittel sei. Seit dem Vietnamkrieg, als die Diagnose "PTSD" von Psychologen ins Spiel gebracht wurde, setzt man auf Gesprächstherapie und Medikamente. Mißbrauch gibt es jedoch auch hier: Von Überdosierung, fragwürdiger psychische Behandlung, die es wegen eventueller Forderungen, die an die Armee gestellt werden könnten, vermeidet, die Ursache im Kriegseinsatz zu sehen und eher auf psychische Dispositionen vor dem Einsatz rekurriert, wurde von Salon kürzlich berichtet.
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Ein neues Projekt finanziert von der US-Regierung, basiert darauf, dass die Gesprächsbereitschaft auch bei den Hartgesottenen am besten in Gang gesetzt wird, wenn sie erneut mit dem Kampfgeschehen im Irak konfrontiert werden und anders als etwa beim TV-Sehen nicht einfach abschalten oder weggehen können. Die kranken Soldaten sollen sich mit ihren Flasbacks in einer virtuellen Rekonstruktion der Schlachtfelder im Irak auseinandersetzen: "Relive the experience!" Und die Miltärärzte geben sich überrascht über die Erfolge, welche die Therapie mit Joystick und Spezialbrillen bislang erzielt. Die Patienten könnten damit ihre Erinnerungen besser kontrollieren, die Albträume würden verschwinden und Aggressionsanfälle weniger werden, so die ersten Success Stories, die die Washington Post meldet.
Die High-Tech-Therapie würde sich besser mit der nach wie vor verbreiteten "Macho-Kultur" der Soldaten vereinbaren lassen als die herkömmliche Gesprächstherapie, die natürlich auch hier begleitend angewendet wird. Geschätzte 4 Millionen Dollar kostet eine Studie des "Office of Naval Research" in Arlington, welche die langfristigen Auswirkungen der neuen Therapie untersucht. Bislang wird sie in zwei medizinischen Zentren in Kalifornien und einem in Hawai angeboten, insgesamt für 255 Patienten, einem Bruchteil der Geschädigten.
In Kalifornien benutzt man ein System, das an das Videospiel "Full Spectrum Warrior" angelehnt ist, die Patienten werden nach und nach "radikaleren Szenarios" ausgesetzt. Zuerst eine leere Straße, dann betreten andere Soldaten oder Zivilsten die Szene. Am Ende der Behandlung, die Wochen oder gar Monate dauern kann, wird der Patient dann einer "full scale"-Attacke ausgesetzt. Lärm, Gerüche und die große Hitze, die im Irak während vieler Monate herrscht, werden im Behandlungszimmer imitiert.
Um zu verhindern, dass die Erinnerungsarbeit als bloße Zerstreuung missverstanden wird, sollen die Patienten mit Biosensoren auf ihre Reaktionen getestet werden. Herzschlag, Atemfrequenz, Körpertemperatur und Hautfeuchtigkeit sollen den Ärzten indizieren, inwieweit der Patient involviert oder ob er bereits an seine Grenzen gekommen ist.
http://www.heise.de/tp/artikel/19/19737/1.html- Nachtrag (25.3.2005 0:28)
- Vorschlag (25.3.2005 0:21)
- Wer beschützt uns und unser Volk vor den durchgeknallten GI's? (24.3.2005 20:04)
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