Neues Lizenzierungssystem für preiswerteren Musik- und Filmgenuss

Wolf-Dieter Roth 01.04.2005

PPP sorgt für mehr Gerechtigkeit bei der Vergütung von Künstlern

Bisher zahlt man für CDs und DVDs pro gekauften Datenträger. Dieses System ist hoffnungslos veraltet, denn man kann schamlos die ganze Verwandtschaft einladen oder die Aufnahmen an Freunde verleihen. Dementsprechend teuer sind die Silberscheiben. Singles müssen dagegen für die hemmungslosen sozialen Kontakte von Großfamilien mitzahlen. Nun ist mehr Fairness angesagt.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Bei einem Live-Konzert würde es niemand in Frage stellen: Der Eintritt ist pro Nase fällig und man kann den Künstler auch nur genau einmal mit einem Ticket ansehen. Wer dagegen eine CD oder DVD kauft, kann anschließend all seine Freunde einladen und diese kostenlos mithören oder -gucken lassen. Wer so einen Film bereits auf einem großen Plasmabildschirm mit einer Surroundanlage gesehen hat, wird ihn kaum selbst kaufen, um ihn sich auf dem eigenen kleinen Röhrenfernseher in Mono anzusehen. Empfindliche Umsatzeinbußen der Musik- und Filmbranche sind die Folge.

Ja, CDs kann man sogar in tragbare Wiedergabegeräte stecken und an den Baggersee mitnehmen. Damit ist zwar auch heute schon der Rahmen des rechtlich Zulässigen überschritten, denn es heißt stets ffentliche Vorführung ist untersagt, doch etwaige auf Seepartys zufällig anwesende Vertreter von Plattenfirmen wurden meist mit ebenfalls kostenlos verteilten alkoholischen Getränken bestochen und mundtot gemacht, weshalb solche Vergehen in der Vergangenheit meist ungesühnt blieben.

Wer dagegen bei offenem Fenster den Nachbarn mitbeschallte, wurde schon einmal polizeilich aktenkundig, jedoch nicht wegen unerlaubter Vervielfältigung, sondern wegen Lärmbelästigung. All die Fälle, in denen dem Nachbarn die Musik gefiel und er deshalb nicht die Polizei rief, blieben ebenfalls unerfasst.

Zuviele Leute können eine einzelne Aufnahme nutzen teils auch noch gleichzeitig!

Was der Unterhaltungsbranche schon lange ein Dorn im Auge ist, ist außerdem die Möglichkeit, das Abspielen beliebig oft zu wiederholen: Die Dinner for one-DVD kann jedes Jahr erneut benutzt werden, statt die zum jeweiligen Sylvesterfest bestimmte Version zu erwerben. Und Casablanca kann jeden Abend erneut gesehen werden, 50 oder 100 mal, ohne dafür 100 mal zu bezahlen, wie es die Künstler bzw. ihre hart arbeitenden Rechtemanager verdient hätten!

Mit DIVX haben die amerikanischen DVD-Hersteller diesen Wildwuchs bereits zweimal versucht einzudämmen: Diese Scheiben verlangten entweder über ein im Abspielgerät integriertes Modem eine kostenpflichtige Freischaltung für jedes Abspielen oder zerstörten sich beim Kontakt mit dem Sauerstoff der Luft nach kurzer Zeit die nur für ein einmaliges Abspielen reichte selbst. Doch für diese innovative Technik gab es nur Beschwerden von Umweltschützern und heute kennzeichnet das Kürzel DIVX ausgerechnet ein Raubkopierer-Format.

Ebenso ist der wilde CD- und DVD-Tausch auf Schulhöfen nicht in den Griff zu bekommen: Statt sich die Filme und Platten gefälligst selbst zu kaufen, tauschen die Schüler sie mit ihren Freunden und kommen so mit einem wesentlich geringeren Eigenbestand aus.

Unkontrolliertes Zuschauen und Zuhören bestraft ehrliche Kunden

All dies schlägt sich natürlich auf die notwendige Kalkulation durch und der, der seine ordentlich gekaufte Ware vorschriftsgemäß nur alleine genießt, zahlt drauf. Ja, selbst bei den nun wirklich nur zur privaten Betrachtung alleine gedachten erotischen Filmen gibt es schamlose Mitmenschen, die ihre Skatrunde oder damit zu verführende fremde Personen zum Betrachten einladen. Doch auch, wer seine Verführungskünste im Bett mit entsprechender Musik untermalt und so Leute mithören lässt, die für die Musik nicht selbst bezahlt haben, begeht eine lizenztechnische Schweinerei.

Diese Raubgucker und Raubhörer sind ein echtes Problem für die Unterhaltungsbranche und der Grund für die teils unverständlich hohen Preise der Ware, die wiederum viele ehrliche Alleinhörer und -seher vom Erwerb abhalten. Mit Gesetzen und Verboten ist das unerträgliche Verhalten der Konsumenten jedoch nicht in den Griff zu kriegen. Moderne Technik hilft weiter.

Diese läuft unter dem Kürzel PPP pay per person. Die Abspielgeräte haben dazu wesentlich kontrollierte Interfaces als heutige Geräte. So ist der Anschluss von Lautsprechern an CD-Abspielgeräte nicht mehr gestattet, die ja theoretisch beliebig viele Nutzer erlauben. Stattdessen ist nur ein Kopfhörer fest mit dem Gerät verbunden, das sich nicht öffnen lässt. Erste Tests mit dieser Technik wurden bereits bei der Bemusterung von Musikkritikern gemacht. Bei DVD-Playern werden ebenso Datenbrillen fest mit dem verplombten Gerät verbunden und zwar nur eine pro Abspieleinheit.

Mit PPP endlich faire Preise

Nur auf diesen Geräten laufen dann die entsprechend preisgünstigeren Scheiben. Auf jedem anderen Gerät sind sie nicht abspielbar, da sie mit einem sehr starken Kopierschutz ausgerüstet werden. Kompatibilitätsprobleme sind bei PPP jedoch ausgeschlossen, da jede Plattenfirma und jedes Filmstudio speziell auf seine Ware ausgelegte Abspielgeräte anbietet wer also einen DVD-Spieler von Universal sein Eigen nennt, kann und soll mit diesem keine MGM-Filme ansehen und wer einen Sony-CD-Spieler besitzt, kann in diesem auch keine Universal-CDs anhören. Damit steigt die Marken- und Kundenbindung an die großen Labels und kleine Splittergruppen Independent-Labels können nicht mehr den Markt durcheinanderbringen.

Die Datenträger sind technisch CD-Rs bzw. DVD+Rs ist ein Musiktitel komplett durchgelaufen oder eine Filmszene komplett gesehen, so wird diese während der Abspielvorgang weiter läuft mit einem zweiten, stärkeren Laser überschrieben und ist anschließend auch aus dem Inhaltsverzeichnis verschwunden, um keine Fehlermeldungen hervorzurufen. Wird der Kunde beispielsweise durch einen Anruf im Genuss der Aufnahme unterbrochen, kann er diese dagegen ohne Probleme anhalten und noch einmal an den Beginn der Szene oder des Musiktitels zurückspringen. Um Tricksereien zu vermeiden (kurz vor Ablauf des Tracks zurückspringen...), ist dies allerdings nur zweimal möglich; insgesamt können Teile eines Tracks also maximal dreimal gesehen bzw. gehört werden.

Dafür, dass der Kunde bereit ist, sich den neuen, verschärften Nutzungsbedingungen zu unterwerfen, werden die PPP-Aufnahmen deutlich preiswerter angeboten. Die ersten PPP-Scheiben, die heute in den Handel kommen, sollen 40% unter dem momentan üblichen Marktpreis liegen. Wer sich zu 250 Käufen verpflichtet und diese im Voraus bezahlt (prepaid), bekommt außerdem das zugehörige Abspielgerät kostenlos zur Verfügung gestellt. Die Käufer nehmen das neue System nach ersten Berichten begeistert an und es besteht die Gefahr, dass diese ersten neuen Aufnahmen bereits sehr schnell ausverkauft sind, bis die Fertigungskapazitäten der Nachfrage entsprechend hochgefahren werden.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19778/1.html
Kommentare lesen (43 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS