"Wir sind Surrealisten und manipulieren das Unterbewußte"

Reinhard Jellen 10.04.2005

Manchmal hallt der Synthesizer wie der Beton in den Strassen, nachdem man das Arbeitsamt besucht hat: "Der Plan". Hören und Lesen, Teil 2

1983 gab es im deutschen Fernsehen die erste Dokumentation über die "Neue deutsche Welle"zu sehen: Der Zweiteiler "Dreiklangsdimensionen" machte seinerzeit ein breiteres Publikum mit bislang nur aus Spezialistenmagazinen wie "Sounds", "Scritti" und "Spex" bekannten Bands wie Palais Schaumburg, Andreas Dorau und DAF bekannt und fing die Situation der "Neue Deutsche Welle" vor ihren kommerziellen Eisprung einigermaßen originalgetreu ein.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Mit dabei war auch eine Band aus Düsseldorf, "Der Plan", bestehend aus, Frank Fenstermacher (auch Mitglied der "Fehlfarben"), Kurt Dahlke (ebenfalls bekannt als der "Pyrolator") und dem Maler Moritz Reichelt (bekannter unter seinem alter ego "Moritz R"). Diese verlasen ein reizendes Manifest und gaben anhand eines Korg MS-20-Synthesizers seltsame, aber interessante, sperrige aber wohltönende Klänge von sich und sangen von einer Ampel.

Schlaue Position, die auf Kälte beharrt

Außerdem präsentierten sie sich zu jedem Lied mit einem anderen phantastischen, von Moritz R. selbstentworfenen und gemalten Bühnenbild. So gab es z. B. bei dem Lied "Zurück in die Atmosphäre"eine buntlackierten Plastikfolie als riesiges Kirchenfenster zu sehen, neben dem linkerhand niedersinkende Atombomben und rechterseits aufsteigende Englein zu bewundern waren (und staunenden Teenagern die Dialektik des katholischen Weltbilds vermittelten). Für kurze Zeit war es so, als hätte es Udo Lindenberg nie gegeben (und wer konnte schon ahnen, dass der "Sonderzug nach Pankow" und Nena kurz bevorstanden). In einem Deutschland, dass ausschließlich aus hirnlosen, aber durchtriebenen kalten Kriegern und der nicht minder geistesbescheidenen, aber komplett uncleveren Friedens- und Öko-Bewegung (sowie sämtlichen Grade an Dumpfbackigkeit dazwischen) zu bestehen schien, entdeckte man plötzlich noch andere Positionen, die sich aufgrund ihrer Schlauheit nicht in die von der Medienwelt vorgegebenen Meinungsparameter integrieren ließen. Für einen kurzen, glücklichen Moment der "Neuen Deutschen Welle" stand an deren Spitze die Avantgarde.

2004 hat sich "Der Plan" reformiert. Moritz R. konnte zwar seine anderweitig beschäftigten ehemaligen Kollegen Frank Fenstermacher und Kurt Dahlke nicht zur aktiven Mitarbeit für sein neues CD-Projekt "Die Verschwörung" mobilisieren, dafür sind die Künstler Achim Treu und JJ Jones eingesprungen. Das Ergebnis zeigt eine seltsame Kontinuität, denn damals wie heute liegt "Der Plan" quer zum Zeitgeist: Seinerzeit waren die Synthesizer-Klänge zwar eher komplementär zur düsteren Stimmung im Lande, deren Adepten den sauren Regen, Atomkraft und den Weltgang quasi als geistiges Deodorant stets im verbalen Handtäschchen trugen um gegenläufige Meinungen mit moralischen Kampfgas zu ersticken.

Dieses Grundgefühl wurde aber durch den skurillen Humor der Musik und Texte souverän gebrochen. Heute ist die Musik des "Plan" eine, die auf Kälte beharrt und ein Gefühl vertont, das sowohl omnipräsent ist, als auch in den offiziellen Fernsehverlautbarungen nicht mehr vorkommt: Das nach vorne gemischte Hintergrundsgeräusch einer schief gewordenen Zeit, in der die Maschinen stöhnen, während die Menschen noch fröhlich sind. Und wie damals ist surrealistischer Humor am Werke, wenn z.B. das Thema Copyright ironisch umkreist wird und man Volksweisheiten wie folgende vertont (die bekanntlich mündlich überliefert ist und keinen Urheber hat):

Dunkel wars, der Mond schien helle/Schnee lag auf der grünen Flur/ Als ein Wagen blitzeschnelle langsam um die Ecke fuhr/ Drinnen saßen stehend Leute, schweigend im Gespräch vertieft/ Als ein totgeschoss`ner Hase auf der Sandbank Schlittschuh lief

"Copyright Slavery"

Die meisten Deutschen kennen diese Zeilen und keinem gehören sie. Ist das nicht ein Fall für die Bertelsmann-Stiftung?

In dem Lied "Copyright Slavery"("Software kann man nicht stehlen/ Ideen sind frei/ Copyright Sklaverei") widmet sich ein Kinderchor direkt dem Thema und besingt die aktuelle Situation, in der einerseits die Technik die ökonomische Wertschöpfung überholt und anderseits durch Technologie (und politischen Willen) diese Entwicklung wieder zurückgenommen wird (vgl. Gesetzbuch zu ... und alle Fragen offen):

In Zukunft wird man Musik zusammen mit Video kostenpflichtig aus dem Netz laden. Die Files vernichten sich nach dreimaligem Abspielen von selbst und müssen dann erneut gekauft werden. Mobile Abspielgeräte werden verschwinden, statt dessen werden polnische Lohnsklavinnen einem die Songs leise ins Ohr singen.

"Politisch haben wir jedenfalls nie mehr gewusst als damals"

Manchmal klingt die Musik des Plan wie gutgelaunter Traum, bevor der Wecker klingelt, manchmal hallt der Synthesizer wie der Beton in den Strassen, nachdem man das Arbeitsamt besucht hat. Es ist die Gute-Morgen-Musik, die man im Walkman braucht, wenn man in der U-Bahn mit all den müden Gesichtern, den Frühmorgenbetrunkenen und den adretten Messebesuchern fährt und nicht gewillt ist, den Verstand zu verlieren. Das Jahr 2005 ist das bessere 1981 und zwar gerade deshalb, weil sich seitdem nicht viel zum Besseren verändert hat:

Was mich immer wieder umhaut

1978, als ich Punk wurde, da waren gerade mal 10 Jahre seit "Sgt. Pepper" vergangen. Und die Welt hatte sich total verändert. Ich denke mal zwischen 1958 und 1968 lief es ähnlich rasant. Seit 1978 bis heute sind aber bereits 27 Jahre vergangen. Wenn ich zu 1978 10 Jahre hinzurechne, bin ich bei 1988. Schon nicht mehr so dolle. Wenn ich von 1978 27 Jahre zurück rechne, dann lande ich im Jahre 1951. Vergleich mal die Relationen. Technologisch hat sich viel verändert, aber das Bewusstsein der Menschen hat sich eher zurückentwickelt. Man kann fast sagen, dass 1980 - oder so, da will ich mich nicht festlegen - der Höhepunkt einer rasanten Entwicklung des Bewusstseins war. Insofern, trotz verschiedener Aspekte, ein würdiger Zeitpunkt, um sich mal wieder drauf zu beziehen. Politisch haben wir jedenfalls nie mehr gewusst als damals.

Außerdem hat sich Moritz R. (der wie je an schönen, naiven Bildern im "Tiki-Stil" malt) nicht nur für das Buch "Verschwende deine Jugend"von Jürgen Teipel ausgiebig interviewen lassen, sondern etliche Jahre davor über Glanz und Elend der Neuen Deutschen Welle"selber eines (ein sehr gutes!) geschrieben: "DER PLAN. Geschichte einer deutschen Band".

Wesentliche Analysen über die achtziger Jahre in Deutschland

Hier sind wesentliche Analysen über die achtziger Jahre in Deutschland, schlaue Ausführungen über die Kunst und köstliche Anekdoten über den absurden Alltag einer Indie-Pop-Band versammelt. Moritz R. erzählt, wie "Der Plan" mit dem Überschwappen der "New Wave" im Umfeld des "Ratinger Hofes" in Düsseldorf als Kunst- und Musikprojekt entstand und prompt seine Nische fand, so dass es notgedrungen (wegen dem Desinteresse der Musikindustrie) zur Gründung des eigenen Labels ATA TAK reichte.

Mit "Fred vom Jupiter" von Andreas Dorau konnte man sogar einen Hit landen, daraufhin brach bei einigen Beteiligten der Größenwahn aus und mit dem Untergang des Vertriebsnetzes "Eigelstein" (durch den Wechsel von "BAP" in die Industrie) brach auch beinahe das Label zusammen. Die Unterzeichnung eines Plattenvertrages bei WEA verhalf der Gruppe mit "Gummitwist" zwar zu einem Auftritt bei "Formel Eins", aber aufgrund der zu niedrigen Plattenverkaufszahlen blieb der Avantgarde-Pop des "Plan" für die Majors uninteressant, was aber die Band nicht abhielt noch etliche andere reizende Platten auf ihrem eigenen Label zu veröffentlichen.

1992 löste sich das Projekt auf, um Ende letzten Jahres wieder aus der Asche zu steigen. Der Zeitpunkt ist gut gewählt, schließlich hat sich Deutschland seit 1980 in eine Richtung verändert, in der mit der 68er-Generation gewissermaßen die Hippies an der Macht sind und der Slogan "No Future" endlich wahr wird.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19789/1.html
Kommentare lesen (8 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Rocken und Hosen

Reinhard Jellen 06.01.2005

Schaumbad mit der Rasierklinge am Wannenrand Hören und Lesen, Teil 1

Wer das Paradoxe liebt, der kehre ein bei den Moulinettes. Die Moulinettes::www.moulinettes.de sind eine erwachsene Mädchenband, bei der auch ein Mann mitspielt. Von München aus bereist das Quartett den Kosmos klassisch guten Liedguts von Harry Nilsson::www.harrynilsson.com/null über NRBQ::www.nrbq.com/ und Richman::www.sjrp.org/ bis zu Wilson::www.brianwilson.com/ überwiegend in der darin weitgehend unbekannten Fremdsprache deutsch. Nachdem sie auf ihren ersten CD`s "20 Blumen" (1998) und "alfa bravo charlie" (2001) so charmant und bewegend an den Gestaden der Popmusik gelandet sind, wagten sie nun mit ihrer letzten Veröffentlichung "Serendipity Park"::www.triggerfish.de ein beschwingtes erstes Schrittchen auf dem Planeten Rock.

weiterlesen

Des Führers Arzt trifft des Satans nackte Sklavin

Subversive Arztfilme der 1950er - Teil 2

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen
Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Abgefahren

Auch der endgültige Stillstand gehört zur Dromologie

bilder

seen.by


TELEPOLIS