Fidel Castro – Der Weg zur Macht

04.04.2005

Ein kritisches Portrait des revolutionären Diktators

Fidel Castro – Revolutionär, unkonventioneller Chaot oder skrupelloser Machthaber? Darüber sind sich viele bis heute nicht so ganz im Klaren, besonders wenn sie weit weg von Kuba sind. Ein französischer Dokumentarfilm zeigt die nicht so netten Seiten des kubanischen Machthabers

So viele schlimmere Dinge sind mittlerweile von anderen Diktatoren geschehen, dass der Mann mit dem Bart heute als gütiger Herrscher gilt, zumal er in den letzten Jahren ruhiger geworden ist. Zudem hat er wegen seines Mitkämpfers Che Guevara bei vielen Alt-68ern einen Sympathiebonus. Doch er brachte die Welt 1962 nahe an den Abgrund und war auch zuvor nicht wirklich nur der nette Befreier der Armen und Geknechteten, sondern ein die Instrumente der PR nutzender Machtmensch, der viele seiner ursprünglichen Mitstreiter aus dem Weg schaffen ließ. Castro wollte zuerst Jura studieren, begann sich jedoch für Politik zu interessieren. Dabei wechselt er ständig die Parteien, die er unterstützt. Später muss er öfters fluchtartig das Land verlassen.

Zuckerrohrbahn aus der Kolonialzeit

Wenn er heute abtritt, wäre das entstehende Chaos zugegeben noch größer, weshalb man ihn lieber gewähren lässt. Am eigenen Mythos ist dem Commandante offenbar einiges gelegen. Auch noch heute, fast fünfzig Jahre nach seiner Machtergreifung, umgibt ihn eine geheimnisvolle Aura. Schon früh förderte Castro den Mythos um seine eigene Person und hat sein Privatleben stets rigoros von der Öffentlichkeit abgeschirmt. Woher sein abgrundtiefer Hass auf die USA? Warum hat er sein Land in eine "latifunda communiste" umgewandelt?

Gewiss, man kennt die vorgegebenen Antworten, aus denen sich der Mythos lange Zeit genährt hat: Kuba, die kleine Kolonialenklave, ausgebeutet von Batista, dem korrupten, proamerikanischen Diktator. In dessen Familie Fidel aber einst geheiratet hatte. Der junge Fidel träumt von der Revolution und einem gerechteren Kuba. Er sucht Kontakt zum bewaffneten Widerstand, geht in den Untergrund.

Der Rest ist Legende: Mit 26 Jahren wird er Guerilla-Kämpfer in der Sierra Maestra, dann das Zusammentreffen mit Che, die Verehrung der einfachen Bevölkerung, der gescheiterte Putsch, die Inhaftierung, 1959 schließlich die Machtergreifung und über allem: die Utopie eines besseren Morgen.

So kann man es sehen und so soll man es wohl auch sehen: Castros Lebensweg als Neuauflage der biblischen Geschichte von David (Kuba) gegen Goliath (USA). Kuba als Eldorado der Revolution, als Leitstern für so viele andere Staaten: Für Bolivien, für Peru, auch für Angola und Mosambik. Wenn auf der Welt von Freiheit und Emanzipation geträumt wurde, waren Castro und sein Cheftheoretiker Che Guevara nie ganz fern.

Wer zum Glück in der Welt beitragen möchte, darf keine Rücksicht auf seine nähere Umgebung nehmen.

Bis schließlich mit dem Fall der Berliner Mauer auch das oft propagierte kubanische Modell eines menschlicheren und gerechteren Kommunismus ins Wanken geriet. Heute fällt die Bilanz der Castro- Herrschaft nüchterner aus denn je: ein Land, das wirtschaftlich am Boden liegt; ein "Lider maximo", der mit Willkür über ein ausgeblutetes Volk regiert…

Um die Zusammenhänge zu verstehen, muss man weit zurückgehen. Ausbeutung und Unterdrückung stehen am Anfang von Fidel Castros Geschichte. Sie beginnt 1926 auf einer Zuckerrohrplantage nahe der Ortschaft Biran. Seine Mutter, eine einfache Arbeiterin, erwartet ein uneheliches Kind von dem Plantagenbesitzer. Man vertreibt sie vom Landsitz. Erst mit 18 Jahren erfährt Fidel den Namen seines Vaters Castro und darf ihn nun anstelle des Namens seiner Mutter Ruz führen. Vieles in Castros Kindheit und Jugend liegt im Dunkeln, vieles wurde bewusst verklärt.

Für eine Revolution ist es besser, einen bösen Führer zu haben als viele gute

Und doch liegt vielleicht gerade in der Kindheit so etwas wie der Schlüssel zum Verständnis von Castros Werdegang und Persönlichkeit. Und wohl auch zum Verständnis seiner politischen Überzeugungen. Er ist Jesuitenschüler, besucht renommierte Schulen, beginnt ein Jurastudium in Havanna. Er trifft auf Gleichgesinnte. Sein politisches Interesse ist geweckt.

Der junge Fidel Castro (Bild

Der französische Filmemacher Daniel Leconte hat sich aufgemacht, mehr über die Kindheit Fidel Castros zu erfahren als die offiziellen Legenden preisgeben. Sein Film zeichnet mit Hilfe von unveröffentlichtem Archivmaterial und exklusiven Interviews mit ehemaligen Wegbegleitern Castros ein ganz neues Porträt des kubanischen Staatschefs. Jenseits aller Castro-Klischees entsteht so das Bild eines machtbewussten, oft skrupellosen Politikers, der früh gelernt hat, jeden Kritiker und Zweifler zum Schweigen zu bringen. Die Rekonstruktion seiner Kindheit und Jugend enttarnt einen Mann, der nicht der ist, der er vorgibt zu sein.

Der Lebenslauf eines Machtmenschen

Dr. Fidel Alejandro Castro Ruz wurde am 13. August 1926 in Mayari in der damaligen kubanischen Provinz Oriente geboren. Er studierte Jura an der Universität von Havanna und promovierte 1950 zum Doktor der Rechtswissenschaften. Seit 1959 führt er Kuba als Regierungschef und seit 1976 als Staatspräsident.

Castro gilt als schillernde und charismatische Figur. Für seine Anhänger und Verteidiger ist er mit seinem Programm einer sozial gerechteren Umverteilung des gesellschaftlichen Reichtums zugunsten der ärmeren Schichten der Bevölkerung ein uneigennütziger Held der sozialen Revolution, nicht nur in Kuba. Seine Gegner werfen ihm ein auf seine Person ausgerichtetes diktatorisches Regime und Menschenrechtsverletzungen vor.

Schon Mitte der 1940er Jahre während seiner Studienzeit an der Universität Havanna trat Fidel Castro als Studentenführer hervor. Von ihrer Gründung 1947 an war er Mitglied der Revolutionären Jugend (Juventud Revolucionaria) der Kubanischen Volkspartei (Partido del Pueblo Cubano).

Später wurde aus dieser Partei die "Orthodoxe Partei", für die Fidel bei den für 1952 geplanten Parlamentswahlen kandidierte. Die Wahlen fanden aber nicht statt, Batista putschte zuvor. Frustriert und verärgert darüber, arbeitete Fidel einen Plan aus, um Batista zu stürzen. Am 26. Juli 1953 greift er mit einigen Mitstreitern zwei Kasernen an und versucht, Batista zu entmachten.

Der Versuch scheiterte, machte ihn aber bekannt. Fidel wurde angeklagt. In seiner Verteidigungsrede sprach er den berühmt gewordenen Satz: "Die Geschichte wird mich freisprechen!" ("La historia me absolverá!"). Die Strafe: 15 Jahre Zuchthaus. Nach nur zwei Jahren Haft kam er jedoch im Rahmen einer Generalamnestie wieder frei.

Sofort nach seiner Freilassung organisierten sich die Anhänger der revolutionären Bewegung um Fidel Castro und wollten durch den bewaffneten Kampf kleiner geheimer Zellen im Untergrund, die über das ganze Land verstreut waren, das Regime Batistas stürzen. Doch Castro wurde ein paar Wochen nach seiner Haftentlassung aus Kuba ausgewiesen und ging nach Mexiko ins Exil. Dort traf er auf Che Guevara und plante und bereitete zusammen mit einer Gruppe von Exil-Kubanern die bewaffnete Expedition zurück nach Kuba vor.

1956 brach Fidel zusammen mit Che Guevara und weiteren rund 80 Revolutionären von Tuxpan (Mexiko) auf dem Seeweg nach Kuba auf. Dort angekommen begann ein zweijähriger Guerilla-Kampf. Die zahlenmäßig weit überlegene und von den USA unterstützte Batista-Armee und der Diktator selbst flüchteten schließlich zu Beginn des Jahres 1959 aus Kuba.

In einem Kampf der neuen Revolutionären und der Altkommunisten setzte sich Fidel Castro nach einem Machtkampf im Frühjahr 1962 durch. Doch der Abzug der sowjetischen Raketen im Oktober 1962 zur Beendigung der Kuba-Krise führte nun auch zu angespannten Beziehungen zur UdSSR, die sich nach dem Sturz Chruschtschows 1964 und der Unterstützung durch die UdSSR beim Versuch, Castro zu stürzen, noch verschärften. Von nun an verfolgte Kuba, von Castro persönlich garantiert, eine Politik des Internationalismus.

Böse Unterstellungen…

Die Regierung unterstützte beispielsweise die Sandinisten in Nicaragua, die sich gegen von den USA unterstützten Contrabanden wehrten. Darüber hinaus verfolgte Kuba ein kontinuierliches Engagement in Zentralafrika, besonders in Angola, wo kubanische Truppen die marxistische Volksbewegung zur Befreiung Angolas (MPLA) aktiv unterstützten.

Das politische System Kubas wurde bis heute nicht reformiert. Insbesondere aufgrund von Unterdrückung von politischer Opposition und freier Meinungsäußerung wird die kubanische Regierung von verschiedenen Gremien und Organisationen, darunter die UN-Kommission für Menschenrechte, das Europäische Parlament sowie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International, regelmäßig ermahnt, sich an die UN-Menschenrechtskonventionen zu halten, die sie unterzeichnet hat.

Castro ist spätestens seit der Kubakrise 1962 der Lieblingsfeind der USA. Diese haben seit seiner Machtübernahme ein Handelsembargo gegen Kuba verhängt mit dem erklärten Ziel, Castros Regime zu stürzen. Auch wenn sich die Versorgungslage in den letzten Jahren ein wenig verbessert hat, gibt es viele Engpässe und Land und Wirtschaft sind ausgeblutet. Castros Gesundheitszustand wird von der Weltöffentlichkeit argwöhnisch beobachtet. Ein freiwilliger Rücktritt ist unwahrscheinlich. Mit dem Tod Castros wird es jedoch zu dramatischen Veränderungen in Kuba kommen.

Revolutionäre gehen nie in Pension

Fidel Castro – Der Weg zur Macht, Dokumentarfilm von Daniel Leconte, Arte France, Frankreich 2004, 52 Min, Erstausstrahlung Arte TV, Mittwoch, den 6. April 2005 um 20.45 Uhr

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