Neue Verschwörungstheorie für den Anschlag auf Hariri

Nachdem weiterhin unbekannt ist, wer hinter dem Anschlag auf den Politiker und Multimilliardär im Libanon steckt, gedeihen Gerüchte und Vermutungen

Die Ermordung eines der reichsten und mächtigsten Männer der Welt ist immer ein Anlass für unzählige Spekulationen und Verschwörungstheorien. Wenige Stunden nach der Ermordung Rafik Hariris, dem Multimilliardär und Ex-Premierminister des Libanon, standen die Täter schon fest. Jedenfalls für die US-Regierung und für die libanesische Opposition. Der Bombenanschlag vom 14. Februar sei ein Kooperationsprodukt libanesischer und syrischer Geheimdienste gewesen. Obwohl es dafür noch immer keine Beweise gibt, wie auch der unlängst veröffentlichte UN-Bericht zeigte, werden alle anderen möglichen Szenarios ausgeschlossen. Nun kursiert eine neue Theorie, die ebenso auf Gerüchten basiert, ebenfalls den syrischen Geheimdienst dafür als Täter verantwortlich macht, aber neue Hintermänner vermutet.

Nach seiner Ermordung wurde Hariri zum Nationalsymbol der Opposition im Libanon. Bild

Vor wenigen Tagen berichtet der Hisbollah nahe Sender "Al-Manar" in den Nachrichten von angeblich neuen Erkenntnissen, die allerdings wie eine der in der Region beliebten Verschwörungstheorien klingen und schon zuvor auch in US-Medien und arabischen Medien verbreitet wurden. Das Pentagon habe, so der der Hisbollah nahestehende Sender, über Mittelsmänner im Norden des Libanons, nahe der Stadt Tripoli, große Flächen von Land gekauft, um darauf in naher Zukunft eine US-Militärbasis zu errichten. Rafik Hariri sei gegen einen solchen amerikanischen Stützpunkt gewesen und habe sich kurz vor seiner Ermordung noch mit der Hisbollah getroffen. Es sei daher im Interesse von amerikanischen und israelischen Geheimdiensten gewesen, Hariri zu eliminieren, zudem wollte man damit die Syrer aus dem Land vertreiben, bevor man an den Bau des Flughafens gehe.

Um ihrer Theorie mehr Glaubwürdigkeit zu verleihen, verwiesen sie auf einen Artikel des amerikanischen Journalisten Wayne Madsen, der mehr oder weniger die UPI-Meldung wiedergibt. Er schreibt zwar nichts über den Landkauf in Tripoli, berichtet aber über die Pläne des Pentagon, die soweit gediehen seien, dass angeblich bereits Verträge mit verschiednen US-amerikanischen Firmen unterzeichnet worden sind. Darunter die in Kalifornien beheimatete Jacobs Engineering Group, die zur Zeit in Saudi-Arabien für "Aramaco" arbeitet.

Ein Vertrag mit Jacobs würde nicht verwundern, kommt der Gründer und Besitzer der Firma, Joseph Jacobs, doch aus dem Libanon und ist seine Heimatstadt auch Tripoli. Die US-Behörden könnten einen Libanesen beim Landkauf auch gut gebraucht haben, denn Ausländern ist nur gestattet, nach einer bestimmten Quote Grundbesitz zu erwerben.

Die zukünftige US-Basis soll als logistischer Stützpunkt für das US-Militär im Irak sowie als Erholungsort für die Soldaten dienen. Daneben könnten die Ölpipelines aus dem Irak ins türkische Adana besser überwacht werden. Nicht zu vergessen die Wirkung auf das nur wenige Kilometer entfernte Syrien.

Für den wirtschaftlich angeschlagenen Libanon wäre die Anwesenheit von mehreren Tausend Soldaten auf einer Militärbasis, die so groß wie Al Udeid in Katar geplant sei, ein wichtiger ökonomischer Faktor. In den letzen Wochen unternahm Walid Jumblatt, der Führer der Opposition, keinen Schritt, ohne sich mit dem US-Gesandten David Satterfield abzusprechen. Auch am vergangenen Sonntag, als Jumblatt zu Hassan Nasrallah fuhr, dem Hisbollah-Generalsekretär, konsultierte er zuerst den Mann vom State Departement. Noch letztes Jahr war Walid Jumblatt von der US-Botschaft in Beirut sein Visa aberkannt worden, weil er bedauert hatte, dass ein Attentat auf Paul Wolfowitz, dem gerade neu ernannten Präsidenten der Weltbank, im Irak fehlgeschlagen war.

Die Hisbollah wäre noch das einzige Hindernis für eine mögliche Militärbasis. Aber alle Zeichen stehen dafür, dass die libanesische Widerstandsbewegung in Laufe der nächsten Monate oder des nächsten Jahres entwaffnet wird. Ein Sieg der Oppositionsparteien bei den im Mai anstehenden Parlamentswahlen gilt als gesichert und dann wird sich der "bewaffnete Arm" der Hisbollah erst einmal dem Oberbefehl der libanesischen Armee unterstellen müssen.

Der Bombenanschlag auf Rafik Hariri ist kein Ausnahmefall. In den letzten Jahren fanden mehrfach Attentate in Beirut statt, bei denen Hisbollah-Funktionäre und andere Menschen getötet wurden ("Manche Menschen leben gefährlich"). Im Jahr 2002 traf es auch Elie Hobeika. Der Christenführer wurde Opfer einer Bombe, wenige Tage vor seiner Aussage vor einem Gericht in Brüssel über die Rolle des israelischen Premierministers Ariel Scharon bei den Massakern von Sabra und Shatila. 3000 Menschen waren 1982 unter Scharons Leitung getötet worden.

Laut den auch von Wayne Madsen übernommenen Informationen soll der Bombenanschlag die selbe Handschrift wie bei Rafik Hariri haben. In beiden Fällen wurde keine Fernbedienung benutzt, sondern die Autobomben mittels Kabel gezündet, während die Fahrzeuge der Opfer, die mit Signalstoppern ausgerüstet waren, vorbei fuhren. Unter Berufung auf eine "Vielzahl von Geheimdienstquellen" sollen syrische Agenten im Auftrag des CIA sowohl Hobeika als auch Hariri getötet haben. Tatsächlich sind amerikanisch-syrische Geheimdienstkontakte nicht außergewöhnlich. Wie Amnesty International mehrfach berichtet hat, parken die US-Behörden immer wieder Al-Qaida-Angehörige und andere Terrorverdächtige in Syrien, um sie hier ungestört "vernehmen" zu können. Verantwortlich für derartige Bomben-Operationen, heißt es nach den kursierenden Gerüchten, seien zwei Beamte im Weißen Haus in Washington: Karl Rove, der Deputy Chief of Staff, und Elliot Abrams, der Deputy National Security Advisor. Elliot Abrams sei auch der Kontaktmann nach Israel zum Büro von Ariel Scharon.

Man wird abwarten müssen, ob doch noch eine unabhängige Untersuchungskommission nachprüfbare Ergebnisse über die Täter und Hintermänner des Anschlags auf Hariri liefern wird. Bis dahin werden Gerüchte von interessierten Kreisen und Verschwörungstheorien weiter gedeihen.

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