Sterben lernen

Rüdiger Suchsland 01.04.2005

Der Mensch als Pflanze, ein Tod und das Recht

Im antiken Griechenland war "eu-thanatos" noch der gute Tod. Von einem guten Tod im Zusammenhang mit dem erbarmungswürdigen Sterben der seit 15 Jahren komatösen Terri Schiavo zu sprechen, wäre mehr als Schönfärberei, und tatsächlich handelt es sich bei dem, was in den vergangenen 13 Tagen in Florida geschehen ist (Showdown vor dem Krankenhaus?), auch nicht um Euthanasie.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

Treffender ist da schon die bizarre Formulierung vom "vegetative state", vom "pflanzlichen Zustand", in dem sich die schwer hirngeschädigte Schiavo zuletzt befand. Wie eine Pflanze ließ man sie vertrocknen durch Entzug von flüssiger und fester Nahrung. Ein wenig Morphium erhielt sie zwar, doch peinlich genau wurde darauf geachtet, dass es keinesfalls genug war, um sie auch nur eine Sekunde früher als "gottgewollt", aktiv gar, ins Jenseits zu befördern. So diente das Morphium wohl vor allem zur Beruhigung der zugegeben hysterischen Öffentlichkeit - spüren könne sie, so versicherten Ärzte, ja tatsächlich nichts.

Warum es - für sie, wie für ihre zerstrittenen Familienangehörigen - "inhumaner" gewesen wäre, sie nach der letztinstanzlichen Gerichtsentscheidung einfach in wenigen Stunden aktiv, zum Beispiel durch Medikamente, zu Tode zu bringen, bleibt hingegen für den "gesunden Menschenverstand" oder sagen wir besser: für den juristisch uninformierten, in solchen Fragen alltagspragmatisch denkenden Menschen unplausibel. Aber um den in anderen Fragen hierzulande wie in den USA betroffenen Common Sense geht es in diesem Fall schon lange nicht mehr. Denn es geht um Euthanasie.

Weil es im Dritten Reich zur Massentötung von Behinderten kam, die als "Euthanasie" bezeichnet und mit der schaurigen Formel vom "lebensunwerten Leben" begründet wurde, dürfe, so sagen manche, heute aktive Sterbehilfe, also die derzeit in Deutschland verbotene "Tötung auf Verlangen", unter keinen Umständen und auch nicht unter noch so strikten Einschränkungen und Auflagen zugelassen werden. Das ist zwar ungefähr das gleiche Argumentationsniveau, als würde man anführen, dass im Dritten Reich viele Autobahnen gebaut wurden, wobei man auch Zwangsarbeiter einsetzte. Deswegen sei eine Autobahnmaut unmoralisch und sollten wir in Zukunft nur noch auf der Landstraße fahren. Doch in keiner Debatte, die in den letzten Jahren - zum Beispiel aus Anlass des niederländischen Euthanasiegesetzes vom April 2001 - über Sterbehilfe geführt wurde, fehlten die mahnenden Hinweise auf das Dritte Reich. In den USA fehlt solch ein belastender historischer Hintergrund, doch auch hier taucht er regelmäßig in der Argumentation der Lebens-Fundamentalisten auf. Im Fall Schiavo wurde der Vergleich bemüht, als man Zitate der Verwandtschaft kolportierte, Schiavo sehe aus "wie ein KZ-Häftling". Sterbehilfe, auch nur die in diesem Fall passive gilt als Tabu.

Herrschaftsansprüche in der Stunde des Todes

"Eu-thanatos", wie gesagt, heißt guter Tod. Zu fast allen philosophischen Schulen der Antike gehört die Vorstellung vom "richtigen Sterben", also dem würdevollen, selbst bestimmten Ende des Lebens. Was allen diesen Lehren - von Platons berühmter Beschreibung der letzten Stunden des Sokrates bis hin zu Senecas Programmatik des Freitods - gemeinsam ist, ist die Überzeugung, dass das nackte Leben nicht der Güter letztes darstellt. Gerade Seneca, der selbst im Jahr 65 n. Chr. aus politischen Gründen den Freitod wählte, entwickelte in den Jahrzehnten zuvor eine sorgsam differenzierte Todeslehre. Deren Kern ist die Rechtfertigung des Freitodes zur "Leidensvermeidung", mit der Betonung, physischer Schmerz sei allein durch persönliche Entscheidung des Leidenden zu rechtfertigen. Die Art, wie man sterbe, so Seneca, mache den Menschen aus.

Ähnlich argumentiert später Senecas Erbe im Geiste, Michel de Montaigne. "Philosophieren heißt sterben lernen", lautete sein berühmtes Credo. Erheblich schärfer erinnerte erst vor zweieinhalb Jahrzehnten Jean Améry in seinem Diskurs über den Freitod "Hand an sich legen" daran, dass eine Gesellschaft, die "sich wenig gekümmert um sein Dasein und Sosein" habe, in der Stunde des Todes auf einmal ihre Herrschaftsanspruche in ein Verbot des Freitods kleide.

An Améry sowie an die Vermutung der Stoiker, es könne ein innerer Zusammenhang zwischen einem erfüllten Leben und einem gelassen in Kauf genommenen, jedenfalls bewusst erlebten und unter Umständen selbst gewählten Tod bestehen, sollte man sich heute erinnern, wenn über Sterbehilfe debattiert wird.

Märtyrerin der Sterbehilfe

Die Passion der Terri Schiavo war dabei aus vielen Gründen ein besonderer Einzelfall, der für das eigentliche Problem kaum repräsentativ ist. Eine Frau liegt mit schwerem Gehirnschaden im Wachkoma - ohne Chance auf Besserung ihres Zustandes. Ihr Mann behauptet, er erfülle einen Wunsch, den seine Frau zu Lebzeiten mündlich geäußert habe - sie hätte in einem solchen Zustand nicht weiterleben wollen. Ihre Eltern bestreiten dies und verweisen auf das Fehlen schriftlicher Beweise für den Wunsch Schiavos. Die US-Gerichte schenken der Position des Ehemannes mehr Glauben, folgen seinem Antrag auf Einstellung der künstlichen Ernährung - und treten damit für passive Sterbehilfe ein.

Was den Fall prekär macht, auch für Befürworter der Sterbehilfe, ist natürlich die Tatsache, dass es für die entscheidende Willensbezeugung der Betroffenen nur einen Zeugen gibt. Es steht faktisch Aussage gegen Aussage, und viel spricht dafür, dass beide Seiten ihre eigenen, persönlichen Interessen haben.

Der Fall Schiavo erscheint zudem aus Sicht einer aufgeklärten, europäischen Rechtstradition als Rückfall ins juristische Mittelalter, weil hier gerade zuletzt noch eigene Einzelfallgesetze von der US-Regierung geschaffen wurden. Aus der Sicht unserer römisch geprägten Rechtstradition ist dies ein Verstoß gegen den ersten Grundgedanken des modernen Rechts, den der Gleichheit aller vor dem Gesetz.

Wer entscheidet?

Nun ist - menschlich zu Recht, sachlich zu Unrecht - Terri Schiavo zur Märtyrerin der Sterbehilfe geworden. Dabei führen die meisten Aspekte der geschmacklosen öffentlichen Auseinandersetzung um ihren Fall nur weg von dem, worum es ganz prinzipiell früher oder später gehen muss: Einer gesellschaftlichen Klärung, wer entscheiden darf, ob ein Mensch, der selbst nicht mehr entscheiden kann, weiterleben muss oder kann, oder ob er sterben darf oder muss.

Heute gilt: Der Tod per se ist kein Naturereignis und schon gar kein Gottesbeweis. Er kann ein Medikament sein, eine Pille, ein Cocktail. Er kann das einzig Gebotene sein, die letzte Wahl. Er kann ein freier Entschluss eines freien Bürgers sein.

Genau diese Ansicht lassen Gegner der Sterbehilfe in Deutschland und den USA - unter den westlichen Staaten in dieser Frage einmal mehr die reaktionärsten - nicht zu. Geführt wird diese Auseinandersetzung auch von nichtkatholischer oder christlich-fundamentalistischer Seite mit überaus polemischen Argumenten, bei denen auf einmal auch bei Linksliberalen von der Liberalität nicht viel übrig bleibt und die sonst gern beschworene Freiheit kein Maßstab mehr sein darf. So spricht etwa der sonst sehr differenziert argumentierende Rechts-Journalist Oliver Tolmein - Autor immerhin von "konkret", aber auch von der FAZ - polemisch von der "Deregulierung der Sterbehilfe", als ob in dieser Frage einmal mehr der Neoliberalismus und das böse Kapital zu bekämpfen seien.

Eine andere Argumentationslinie der Sterbehilfe-Gegner versucht das Thema zu verlagern und mit den bekannten Instrumenten der Sozialhilfe zu lösen - die nebenbei gesagt ja in anderen Bereichen gerade massiv versagen. Die Bundesjustizministerin begründet ihre Ablehnung der Euthanasie mit der Forderung nach "Menschlichkeit auch beim Sterben": eine wohlfeile und folgenlose Formel, ebenso wie der immer damit verbundene Verweis auf Sterbebegleitung und Schmerztherapie. Schließlich dreht sich die ganze Debatte genau darum, was geschehen soll, wenn der Patient einen anderen Weg gehen möchte, oder wenn, wie im Fall Schiavo, nichts mehr zu begleiten und zu therapieren ist.

Furcht vor der Freiheit

Was auf dem Spiel steht, ist unser Menschenbild. Das sagen nicht nur die Gegner der Sterbehilfe. Hier haben beide Seiten recht, denn dieses Argument geht in beide Richtungen. Was ist der Mensch, wann fängt er an und vor allem wann hört er auf, ein Mensch zu sein? Ist er noch Mensch, wenn er nichts ist als ein Fleischklumpen, der durchblutet wird, an den mehrere Schläuche gehängt sind, die ihn mit Flüssigkeit und Nahrung versorgen, seine Ausscheidungen aufnehmen? Ist er jene "Hirnaktivität", die durch keinerlei äußere Zeichen mehr erkennbar, aber durch technische Instrumente messbar ist? Oder haben nicht vielleicht die Aufklärungsphilosophie und die ihr nachfolgenden Theorien recht, die das Menschsein an Selbstbestimmung und bewusste Entscheidungen knüpfen - was selbstverständlich, das nur um beliebten Argumenten vorzubeugen, auch die Emotionen mit einschließt, also zum Beispiel die Emotion, einen bestimmten Körperzustand als würdelos zu empfinden und abzulehnen?

Vielleicht ist der Tod gar nicht so kompliziert. Vielleicht lässt er sich im Prinzip auf den freien Entschluss freier Bürger reduzieren und auf den Zugang zu den Mitteln, diesen Entschluss gegebenenfalls auszuführen. Der Todeswunsch ist keine moralische oder religiöse Frage, es geht um die Frage nach der Entscheidungsinstanz. Und gerade die Tabuisierung der Sterbehilfe war schuld, dass ein Fall Schiavo überhaupt möglich wurde.

Bei der Tabuisierung der Sterbehilfe geht es in Wahrheit um die Furcht vor der Freiheit, um die Angst vieler, auch linker Konservativer, dass der Demokratisierung weiter Lebensbereiche nun auch die des Todes folgen könnte. Sichtbarer als in den meisten anderen Fällen wird hier eine antiliberale Abneigung gegen den Hedonismus der Selbstbestimmung, der sich dem Fundamentalansatz mancher Gesellschaftsplaner entzieht. Man verweigert Selbstverantwortung und hält fest an einer Tragik der vermeintlichen "Unverfügbarkeit des Sterbens", die - da von der Realität überholt - längst Ideologie geworden ist. Das Bedenklichste ist der Ton, mit dem über diese Fragen diskutiert wird. Anstatt der Würde des Problems angemessen in Ruhe einen Konsens zu suchen, wabern apokalyptische Szenarien von der "Giftspritze gegen die Einsamkeit" und der "Kostensenkung im Gesundheitssystem" durch Sterbehilfe im Raum. Manche sprechen jetzt schon wieder von einem Dammbruch. Aber welcher Damm ist hier gebrochen? Ein Damm aus ganz konkreten Schmerzen und ganz persönlichem Leid, gestützt von Paragraphen, die dieses Leid zugunsten der Schlüssigkeit ihrer Kasuistik ignorieren.

Terri Schiavo müsste bei uns weiter vegetieren. Sie dürfte noch nicht einmal vertrocknen. Bischof Wolfgang Huber spricht von einem "bewegenden Einzelfall" - und tut einmal mehr nichts. Was ist barbarischer? Eine Gesellschaft, die einen solchen Zustand - unter der Voraussetzung, dass der Betroffene ihn selbst nicht hätte leben wollen - auch aktiv beendet, oder eine, die ihn zwingt, auch gegen seinen erklärten Willen, über Jahrzehnte zu vegetieren?

Das schlechte Erbe des Christentums

Worum also geht es wirklich? Um mordlüsterne Ärzte, eine todesbesessene Gesellschaft oder um einen sanften Tod für einzelne Menschen? Denn "Gott spielen" tut auch der, der andere Menschen wider Willen zum Leben zwingen möchte. Der Dammbruch ist die Tatsache, dass den Menschen mehr und mehr die Möglichkeit in die Hand gegeben ist, auch in dieser Hinsicht über sich selbst zu bestimmen.

Eigentlich ist aber genau das ein Grund zur Freude. Schon heute hat jeder das Recht, auf Apparatemedizin und auf bestimmte Therapien aus Gründen eigener Ethik oder des persönlichen Lebensglücks zu verzichten. Auch Selbsttötung kann eine solche ethische Wahl sein. Der Wunsch nach einem selbst gewählten Tod hat die gleiche Würde und verdient den selben Respekt, wie jeder andere "letzte Wunsch" eines Sterbenden. "Sterben ist kein Unglück," schrieb Heinrich Heine einmal, während er in seiner Pariser "Matratzengruft" dahinvegetierte, "aber jahrelanges Leiden, ehe man es dahin bringt zu sterben." Manche verlangen Demut vor der Unverfügbarkeit des Lebens. Aber was ist diese Forderung wert, wenn doch diesen Kritikern selbst alle Demut fehlt? Die Demut beispielsweise vor dem Leid des Einzelnen, und seiner Entscheidung, wenn er seinen Tod herbeiwünscht. Denn welchen absoluten Sinn hätte Schmerz wo er vermeidbar ist?

Vielleicht passt der Zeitpunkt kurz nach dem Osterfest ganz gut, um es klar auszusprechen: Es geht um - auch christliches - Erbarmen gegenüber allen Todkranken, es geht aber auch darum, dass jenes Erbe des Christentums, dass uns zwingen soll, Leiden um seiner selbst willen auf uns zu nehmen, weil sie nach unserem Tod tausendfach ja vergolten werden, nicht mehr der herrschenden Meinung entspricht. Wer daran glauben kann, soll es tun. Die Mehrheit der Gesellschaft aber hat sich davon längst verabschiedet. Rechtsprechung und Politik sollten das berücksichtigen.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19800/1.html
Kommentare lesen (357 Beiträge) mehr...
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Schwierigkeiten der Medien mit der Philosophie

Wie die Fälle Peter Singer und Ted Hondrich zeigen, steht es schlecht um die öffentliche Diskussion heikler moralischer Probleme

Peanut Pill oder Patientenverfügung?

In Australien hat der Arzt Philip Nitschke mit seinen Todesmaschinen die Diskussion über das Thema Sterbehilfe wieder angeheizt. In Deutschland beschäftigt sich das Kabinett ab dem Frühjahr damit

Fetisch Lebensverlängerung?

Eine agile 80-jährige britische Philosophin und Medizinethikerin meint, pflegebedürftige Alte sollten sich umbringen, um nicht der Gesellschaft zur Last zu fallen

Das Recht auf Tod

Der britische High Court entschied, dass eine gelähmte Frau eigenverantwortlich über ihr Leben bestimmen kann

Zeit zu sterben

Zur legalen Sterbehilfe in den Niederlanden

Zur Diskussion über die Tötung von "lebensunwertem" Leben

Soll man sich mit den Vorschlägen des australischen Bioethikers Peter Singer auseinandersetzen oder sie tabuisieren?

Tötung "lebensunwerten" Lebens?

Einspruch gegen die Grundlagen der Ethik von Peter Singer

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS