Junger Mensch oder alter Affe?

Kleine Atombombe in der Evolutionstheorie des Menschen

Nachdem im Sommer 2002 Paläoanthropologen im Norden des Tschad einen Schädel aus dem Sand gezogen hatten, brach ein wissenschaftlicher Streit darüber aus, ob es sich wirklich um den frühesten Vertreter eines menschlichen Vorfahrens handelt oder doch eher um einen uralten Affen.

  • mobil
  • drucken
  • versenden

In Nature präsentieren zwei internationale Wissenschaftlerteams neue Erkenntnisse über den Toumaï (bedeutet aus der lokalen Sprache Goran übersetzt: Hoffnung auf Leben), wie seine Entdecker ihn liebevoll nannten. Wissenschaftlich wird er als Sahelanthropus tchadensis bezeichnet. Und wie es aussieht, war er ein Hominid, sozusagen der älteste Mensch. Er ging aufrecht, aber sein Gehirn war nicht größer als das eines Schimpansen.

Sehr menschenähnlich hat unser ältester Vorfahre nicht ausgesehen. Dieser Adam hatte starke Augenwülste, eine flache Stirn und sehr wenig Hirn, kurz: ein Hominiden-Gesicht mit Menschenaffen-Hirnschädel, wie die Wissenschaftler es damals ausdrückten (Toumai und Lucy). Allerdings war der gefundene versteinerte Schädel gequetscht, deformiert und von Bruchlinien durchzogen, die Rekonstruktion des Originalaussehens war aufwändig und strittig.

Toumaï (Sahelanthropus tchadensis) vor und nach der Rekonstruktion (Bild

Die Entdecker feierten Toumaï als unseren Urahn. Er stellte die bisherige Linie der Hominiden in Frage und wurde von einigen Kommentatoren als echte Revolution gefeiert. So meinte der Anthropologe Daniel Liebermann von der Harvard University: Eine kleine Atombombe in der Evolutionstheorie der Menschwerdung."

Andere Paläoanthropologen vertraten vehement die Ansicht, bei Sahelanthropus tchadensis handle sich überhaupt nicht um einen frühen Menschen, sondern um einen Affen. Wie so oft in diesem Wissenschaftszweig wurde der Streit mit einem Austausch deftiger Beleidigungen geführt (Ein Gorillaweibchen oder der älteste Verwandte des Menschen).

In den vergangenen Jahren entdeckten die Forscher mehrere sehr frühe Hominiden wie den 6 Millionen Jahre alte "Millenium-Mensch" namens Orrorin tugenensis, den mehr als 5 Millionen alten Ardipithecus ramidus kadabba (Die Rückkehr zum Planet der Affen) oder den ungefähr 3,5 Millionen alten Kenyanthropus platyops (Das Flachgesicht aus Kenia) und in praktisch allen Fällen wurde und wird intensiv über die genaue Einordnung der neuen Vormenschen diskutiert.

Hominiden

Die Klassifizierung der Hominiden ist bei einigen Experten inzwischen umstritten (genau wie die Einteilung der großen Menschenaffen), aber allgemein ist die Bezeichnung Hominid noch gebräuchlich.

Hominiden sind Mitglieder der Familie Hominidae (Menschenartige), die alle lebenden oder ausgestorbenen Lebewesen umfasst, die dem Homo sapiens (dem modernen Menschen) näher verwandt sind als dem Schimpansen. Der Schimpanse ist der nächste Verwandte des Menschen, wir teilen über 99% unserer Gene (Affen sind auch nur Menschen).

Bis vor wenigen Jahren wurde die evolutionäre Trennung zwischen menschlichen Vorfahren und diesem Menschenaffen vor höchstens 5 Millionen Jahre datiert. Nach den neuen Erkenntnissen muss diese Datierung geändert werden, möglicherweise um zwei Millionen Jahre.

Zudem gingen die Paläoanthropologen bislang davon aus, dass die Wiege der Menschheit in Ostafrika stand.

Computer-Toumaï

In der aktuellen Ausgabe des Wissenschaftsmagazins Nature berichten zwei internationale Paläoanthropologen-Teams um Michel Brunet von der Université de Poitiers und Christoph Zollikofer von der Universität Zürich über ihre neuen und intensiven Untersuchungen des teilweise auch neu entdeckten Knochenmaterials des Toumaï. Die Analysen ergaben ganz klar, dass der Sahelanthropus tchadensis kein Affe, sondern ein ganz früher Mensch ist möglicherweise der erste nach der Trennung der Stammlinie.

Die Verformung des fossilen Schädels machte es zunächst unmöglich, die genauen Ursprungsformen zu rekonstruieren, denn hätte man ihn in seine Bruchstücke entlang der Linien zerlegt, wäre durch diesen physischen Eingriff das Original unwiederbringlich beschädigt worden.

Also nutzen die Paläoanthropologen die in Zürich entwickelte Methodik der computerunterstützten Fossilrekonstruktion. Für die digitale Repräsentation nutzten die Forscher hochauflösende Bilder von computertomografischen Scans und rekonstruierten damit wie in einem dreidimensionalen Puzzle die Form des Schädels. Sie legten dabei sowohl biologische wie geometrische Daten zu Grunde. Christoph Zollikofer und Marcia S. Ponce de León von der Universität Zürich erklären ihre Vorgehensweise wie folgt:

Beim ersten Rekonstruktionsverfahren ging es darum, räumliche Beziehungen zwischen benachbarten Teilen wieder herzustellen (ähnlich dem Zusammenfügen von Scherben), beim zweiten ging es darum, anatomische Grundeigenschaften als Rahmenbedingungen der Rekonstruktion zu berücksichtigen, wie z.B. die spiegelsymmetrische Organisation des Schädels und die fixen Lagebeziehungen zwischen einzelnen Schädelteilen. Diese Arbeiten wurden von uns beiden unabhängig voneinander ausgeführt, so dass insgesamt vier personell und methodisch eigenständige virtuelle Rekonstruktionen für die weitere Analyse zur Verfügung standen.

Kleines Hirn und aufrechter Gang

Die anatomische Analyse zeigte, dass der Toumaï in allen vier Rekonstruktionsansätzen am Ende sehr ähnlich aussah und er gehört aufgrund seiner Merkmale zu den Hominiden, nicht den Menschenaffen. Um sicher zu gehen, starteten die Wissenschaftler auch einen Versuch, die Bruchstücke des Schädels nach den Merkmalen eines Affenkopfes zusammen zu setzen, aber die Teile kamen dann entweder übereinander zu liegen oder es ergaben sich Risse. Zollikofer und Ponce de León sind überzeugt, dass

es sich bei Toumaï um einen Hominiden und nicht um einen Menschenaffen handelt. Heute sind wir die einzigen noch lebenden Vertreter der Hominiden, und unsere nächsten lebenden Verwandten aus der Gruppe der Menschenaffen sind die Schimpansen. Charakteristisch für Hominiden ist der aufrechte Gang und damit in Zusammenhang ein relativ kurzes und steilgestelltes Gesicht und ein tief liegendes Hinterhauptsloch, an dem die steilgestellte Wirbelsäule ansetzt. Ein weiteres Merkmal der Hominiden ist ein großer Hirnschädel. Toumaïs Schädel weist alle Merkmale des aufrechten Ganges auf. Damit hatte er den Rubikon überschritten, der die Hominiden von ihren Menschenaffenvorfahren unterscheidet. Sein Gehirn allerdings war nicht größer als das eines Schimpansen, also noch diesseits des Rubikon.

http://www.heise.de/tp/artikel/19/19845/1.html
>
<

Darstellungsbreite ändern

Da bei großen Monitoren im Fullscreen-Modus die Zeilen teils unleserlich lang werden, können Sie hier die Breite auf das Minimum zurücksetzen. Die einmal gewählte Einstellung wird durch ein Cookie fortgesetzt, sofern Sie dieses akzeptieren.

Die kleine Frau aus Flores

Wissenschaftsmagazine im Streit

Neue Spuren von einem entfernten Verwandten

Paläontologen haben in Äthiopien weitere Fossilien des ältesten bekannten Hominiden gefunden

Artenvielfalt oder Kunstprodukte?

Jeder Schädel, den Paläoanthropologen zu Tage bringen, verbreitert die Wurzel der Hominiden. Möglicherweise fälschlich, weil physiologische Varianten und der Abrieb in Millionen von Jahren Unterschiede künstlich vortäuschen

Cover

Mensch+

Upgrade-Revolution für Homo sapiens
Das neue Telepolis-Special

Ein neuer Bundespräsident?

Wulff will aussitzen, aber die Geduld ist am Ende. Soll er endlich, aber schnell seinen Hut nehmen?

abstimmen

Humanitäre Intervention als propagandistischer Normalfall

Peter Mühlbauer 20.10.2009

Interview mit Christoph Kampmann zur Geschichte eines Phänomens

In den letzten zwanzig Jahren begannen militärische Auseinandersetzungen mehrfach als "Humanitäre Interventionen". Der Historiker Christoph Kampmann hat entdeckt, dass die für solche Eingriffe eingesetzten Argumentationen nicht erst in der Ära nach dem Kalten Krieg entstanden, sondern weitaus früher zum Einsatz kamen.

weiterlesen
FOTOBLOG

Der schöne Schein

Firewall mit Windows

bilder

seen.by


TELEPOLIS