Hitler ohne Hakenkreuz

09.04.2005

Die "Verwendung nationalsozialistischer Kennzeichen" steht unter Strafe - aber nicht immer, wie man am Film und der DVD-Verpackung von "Der Untergang" bemerken kann

Im letzten Jahr kam der viel beachtete Film "Der Untergang" in die Kinos. In ihm wurden die letzten Tage Hitlers im Bunker unter der Reichskanzlei geradezu detailversessen nachgezeichnet. Das Porträt von Bruno Ganz in der Maske des Adolf Hitler wurde immer wieder reproduziert, sogar als SPIEGEL-Titel. Nun ist die Film-DVD erschienen. Auf ihrer Umverpackung prangt erneut das inzwischen bekannte Porträt - allerdings ist das Hakenkreuz von Hitlers Schirmmütze verschwunden.

Bruno Ganz als Adolf Hitler - ohne Hakenkreuz; DVD-Verpackung

Paragraf 86a des Strafgesetzbuches stellt die "Verwendung nationalsozialistischer Kennzeichen" eindeutig unter Strafe. Auch die Verwendung von Zeichen ist verboten, die aus Verzerrungen oder Spiegelungen von Nazisymbolen hervorgehen. Die von Rechtsradikalen auch heute noch scheinheilig ins Feld geführten Ausreden, das Hakenkreuz sei doch viel älter als die Nazis oder es würde (in gespiegelter Version) in Asien als Sonnensymbol verwendet, schützen natürlich nicht vor juristischen Folgen.

Cover des Begleitbuchs zu "Der Untergang"

Das Gesetz erlaubt nur unter bestimmten Umständen die Benutzung von Nazisymbolen. Nämlich dann, wenn es um Darstellungen im historischen Kontext oder um die künstlerische Auseinandersetzung geht. Sonst müssten Filme wie "Der Untergang" und "Sophie Scholl - Die letzten Tage" ohne Hakenkreuzflaggen und SS-Runen gedreht werden. Sie müssten den Nazistaat demnach ohne die damals allgegenwärtige, gehirnwaschende Ikonografie des Regimes zeigen. Das würde jedoch genau das Gegenteil von dem bewirken, wozu Vergangenheitsbewältigung mit einem klaren, unverstellten Blick beitragen soll. Ausländische TV- und Filmproduktionen, von "Holocaust" über "Privat Ryan" bis "Band of Brothers", müssten aufwändig retuschiert, sinnverstellend geschnitten oder gleich ganz verboten werden.

Keine Entschuldigung für Nazis - Hakenkreuze auf einem privaten Schrein in Kyoto, Japan. Bild

Die Möglichkeit, nationalsozialistische Symbole im historischen Kontext zu verwenden, schafft allerdings ein weiteres Einfallstor für Rechtsradikale, denen es diesmal besonders leicht fällt, naive Mitläufer für ihre Zwecke einzuspannen. Darunter fallen insbesondere technikverliebte Militaria-Modellbauer, die endlose Stunden damit zubringen, Plastikbausätze von zumeist deutschen Weltkrieg-II-Modellen detailgetreu nachzubauen. Dies ist keine vernachlässigbare Gruppe, denn viele Jugendliche, vorzugsweise Jungen, durchlaufen eine Entwicklungsphase, in der alles Militärische vor allem rein technologisch von Interesse ist. Daraus erwachsen dann schnell wie von selbst scheinbar harmlose Frage. War Rommel in Nordafrika nicht ein Gentlemansoldat? Hat er sich nicht letztendlich gegen Hitler gewandt und musste sich, um seine Familie zu schützen, selbst erschießen? Warum darf dann ein Modell seines "Greif"-Schützenpanzers nicht das Hakenkreuz im Stamm der Palme zeigen, dem historisch korrekten Symbol des Afrika-Corps?

Ein heikles Feld tut sich hier auf. Der Logik des Paragrafen 86a folgend, erscheint es einerseits unmittelbar einsichtig, dass Hakenkreuze auf Spielzeugen - und das sind Modellbausätze nun einmal - nichts zu suchen haben. Andererseits ist es jedoch nicht unproblematisch, wenn das Hakenkreuz etwa auf dem Leitwerk eines Focke-Wulf-190-Modells fehlt, während es auf dem Originaljäger deutlich sichtbar angebracht war. Denn das erleichtert, weil die Nazisymbole von den Wehrmachtsflugzeugen und -panzern ja absichtlich fern gehalten werden, die beständige Neuverankerung der Lüge von der "unschuldigen Wehrmacht", deren Soldaten zwar ihren Eid auf Hitler persönlich schworen, aber ansonsten eine Armee bildeten "wie jede andere auch". Eine edle, ritterliche Rommel-Streitmacht, die innerlich mit dem Naziterror und seinen Symbolen nichts zu schaffen hatte.

Zeitgenössische Filme wie "Private Ryan" und "Der Untergang" gehen bewusst den Weg, Vergangenes fast schon über-realistisch zu rekonstruieren. Es ist für ihre Produzenten und Regisseure offensichtlich von eminenter Bedeutung, dass die Darsteller deutsche Soldaten in Nachbauten deutscher "Tiger"-Panzer sitzen, und nicht nur, wie noch im Filmklassiker "Patton", in völlig anders aussehenden amerikanischen Nachkriegsfahrzeugen, auf die einfach das Balkenkreuz gepinselt wurde. Wie bei den Modellbauern gefährdet jede Kleinigkeit, die nicht authentisch ist, den Wahrheitsgehalt des Dargestellten. Je weiter weg das Ende des Dritten Reiches ist, desto mehr Energie wird in seine detailgetreue Rekonstruktion gesteckt. Digitale Techniken und horrende Budgets, die auch aufwändige Nachbauten erlauben, machen ein solches Vorgehen heute möglich. Bei Filmen wie "Private Ryan" bauten zur Filmcrew gehörende Waffenschmiede Weltkrieg-II-Waffen originalgetreu nach. Die Macher der Filme, die sich der Genauigkeit des Details bedienen, glauben wahrscheinlich daran, dass es reicht, den Menschen zu zeigen, wie die Vergangenheit genau aussah, um zu bewirken, dass sich das Vergangene nicht wiederholt. Aber ist das wirklich so?

Bei einer Aufführung des "Sophie-Scholl"-Films habe ich erlebt, wie eine Frau spontan lachen musste, als der Nazi-Richter Roland Freisler dargestellt wurde. Sie empfand es als völlig überzeichnet, dass ein Richter, selbst wenn er ein 200prozentiger Nazi war, sich so geifernd und spuckend verhalten konnte, wie es im Film gezeigt wird. Dabei wird er von André Hennicke so gespielt, wie er sich in Prozessen nachweislich verhalten hat. Auf Nachfrage stellte sich heraus, dass die gerade Vierzigjährige die Filmaufnahmen nicht kannte, die Freisler beim Prozess gegen die Verschwörer des 20. Juni zeigen, auf denen er genau so zu sehen und zu hören ist wie im Scholl-Film. Auch die Hassreden Hitlers und die überspannte Gestik Mussolinis erscheinen vielen Menschen heute weder als bedrohlich, noch als eindrucksvoll. Um Wahrheit zu erzeugen, muss man die ursprüngliche Wirklichkeit vielleicht eher verändern, weil detailgetreue Rekonstruktionen gar nicht so wirken, wie die zeitgenössische Realität in der Vergangenheit gewirkt hat. Diese These vertritt der Fotokünstler Martin Blume mit seinen Bildern über das elsässische KZ Struthof.

XII, aus der Serie "Die Veränderung der Wirklichkeit schafft Wahrheit" (Tor des KZ Struthof). Bild

Wenn jemand jedoch wirklich der Meinung ist, dass die Vergangenheit zu uns Heutigen am besten durch detailgetreue Wiedergabe spricht, dann darf nicht subtil retuschiert werden, denn sonst glaubt er offensichtlich an den eigenen Kommunikationsansatz selbst nicht. Erst recht darf Adolf Hitler nicht seines Hakenkreuzes beraubt werden, das zu ihm gehört wie das Pentagramm zum Teufel.

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